15.08.1956

KONZERTSÄLEKeine Zigarrenkiste

Mit Mutterwitz ausgestattete Schwaben
hatten in letzter Zeit ausreichend Gelegenheit, ihr spezielles Talent an jenem Betongebilde in der Stuttgarter Innenstadt zu erproben, das mit der früheren, im Kriege zerstörten Stuttgarter "Liederhalle" äußerlich nur noch den Namen gemeinsam hat. "Kälbermagen" oder " Volksliedbunker" sind milde Beispiele für neue Wortprägungen, mit denen die schwäbische Volksseele ihren Schrecken vor moderner Architektur abreagierte.
Nach der Eröffnung des neuen StuttgarterKonzerthauses, dessen unsymmetrischer Grundriß auffällig von aller herkömmlichen Konzertraum-Architektur abweicht, betätigten sich allerdings auch die Musikkritiker und die Musikexperten In gewisser Weise sprachschöpferisch. Ihr einmütig superlativreiches Lob für Architektur plus Akustik war in dieser Verbindung ein Novum.
"Kein Nachhall!" konstatierte der Stuttgarter Kritiker Siegfried Melchinger nach dem Eröffnungskonzert in der Liederhalle: "Der Klang schien gesteigert."
Melchinger führte Zeugen für sein Urteil an. Der Komponist Carl Orff ("Carmina burana") sei vor diesem akustischen Wunder "fast gerührt" worden - "eine Überwältigung, die er sich dadurch erklärte, daß er zum ersten Male einen Saal betreten habe, der aus Musik geboren sei". Und Karl Münchinger, weltbefahrener Dirigent des Stuttgarter Kammerorchesters, setzte der Lobes-Pyramide gleichsam die Krone auf: "Kein Konzertsaal auf dem Kontinent hat so eine Akustik."
Nach diesen Urteilen wäre bei der Stuttgarter Liederhalle zum ersten Mal die Quadratur eines sehr speziellen Teufelskreises geglückt: der harmonische Ausgleich zwischen dem auf Festlichkeit oder moderne Schlichtheit zielenden Bauwillen der Architekten und den nicht weniger eigensinnig vertretenen Forderungen der Akustiker.
Bisher hatten beide Parteien bei ihrem Tauziehen um maßgebenden Einfluß bei Musikbauten das Ästhetik-Akustik-Problem oft eher verknotet als gelöst. Ein Beispiel dafür ist die 1951 erbaute Londoner Festival Hall mit ihren - in der neuen Hamburgischen Staatsoper frei nachgeahmten - vorspringenden Sitzbalkonen, die eine Hauptforderung der Akustiker erfüllen: Keine ungegliederten Parallelflächen im Raum! Diese aus vorwiegend akustischen Gesichtspunkten konzipierte Lösung hat die Engländer architektonisch so wenig befriedigt, daß sie schon wieder erwägen, die wegen ihrer guten Akustik einst berühmte Queens Hall in alter Pracht aus dem Bombenschutt auferstehen zu lassen.
Das Gegenbeispiel ist der zur Zeit repräsentativste Berliner Konzertsaal in der Hochschule für Musik, der von Architektur -Avantgardisten gelobt, von den Musikern wegen der heiklen Akustik aber ziemlich übereinstimmend abgelehnt wird. Furtwängler weigerte sich noch kurz vor seinem Tode, in diesem Saal zu konzertieren. Sergiu Celibidache, der die akustischen Verhältnisse des Hochschulsaals durch Umpostierung der Musiker auf dem Podium korrigieren wollte, verscherzte sich möglicherweise auch durch solche zusätzlichen Experimental-Sitzproben die Sympathien der Berliner Philharmoniker und damit seine reellen Chancen auf Furtwänglers Nachfolge. Schließlich wird der Berliner Hochschulsaal wegen seiner schwer zu bewältigenden Akustik auch von den Schallplattenfirmen bei ihren Aufnahmen gemieden.
Dieser architektonisch zumindest interessante, akustisch dagegen verunglückte Konzertsaal ist durch seine Baugeschichte ein Musterbeispiel für den bei Musikbauten offenbar obligaten Konflikt zwischen Architekten und Akustik-Experten. Der Berliner Akustiker Dr. Fritz Winckel schied einige Monate vor Fertigstellung des Hochschulsaals aus dem Bau-Team aus, weil er seine akustischen Mindestforderungen nicht durchzusetzen vermochte. Der durch den Schaden Inzwischen klug gewordene Westberliner Senat hat den Dr. Winckel nunmehr für den endlich beschlossenen Neubau der Berliner Philharmonie herangezogen.
Dirigenten lieben alte Säle
Dr. Winckel hat nach dem Kriege versucht, sich einen Überblick über die bis Kriegsende erbauten, akustisch besten Konzertsäle der Welt zu verschaffen. Er legte etwa fünfundzwanzig berühmten Dirigenten die Frage vor: "Wenn Sie eine bedeutende Uraufführung zu leiten hätten, von der Ihr Renommee entscheidend abhinge - welche Aufführungsstätte in der ganzen Welt würden Sie wählen?"
Wenn zwei der von den befragten Dirigenten gelobten, aber im Kriege zerstörten Konzertsäle - die alte Berliner Philharmonie und das, Leipziger Gewandhaus - unberücksichtigt bleiben, ergibt sich nach dieser Umfrage folgende Rangordnung:
- Musikvereinssaal in Wien;
- Teatro Colon in Buenos Aires;
- Concertgebouw in Amsterdam;
- Symphony Hall in Boston;
- Konzertsaal in Göteborg;
- Teatro San Carlo in Neapel.
Dieses Ergebnis bedeutete eine kleine Sensation: Unter den sechs akustisch weltbesten Konzertsälen befand sich nur ein einziger neuer Raum, der 1935 erbaute Konzertsaal in Göteborg. Auffallend war auch, daß viele der befragten Dirigenten Opernhäuser als akustisch ideal bezeichneten, und zwar typische Rangtheater nach barockem Muster.
Nach dieser Umfrage lassen sich die akustisch günstigsten Konzerträume in zwei Gruppen gliedern:
- Konzertsäle, wie sie vornehmlich in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurden, mit fast ausschließlich rechteckigem Grundriß und sparsamen, altertümlichen Ornamenten wie Skulpturen, Decken- und Wandschmuck;
- Opernhäuser mit großer Raumhöhe und großem Luftvolumen, reicher Gliederung des Zuschauerraums sowie reliefartig geschmückten Decken und Rangbrüstungen.
Das Urteil der Dirigenten konnte in allen Fällen von den Physikern nachgeprüft und bestätigt werden. Es zeigte sich, daß die Architekten von der Barockzeit bis zu den Gründerjahren die akustischen Klippen gewissermaßen in Blindfahrt umschifft hatten. In diesen Gebäuden kamen vor allem jene drei Faktoren zu ihrem Recht, welche die gute Akustik eines Saales bestimmen:
- die Nachhall-Zeit - also die Zeit, während der ein Ton im Raum "schwebt" -, die in den besten Konzertsälen zwischen 1,4 Sekunden (Göteborg) und 2,2 Sekunden (Concertgebouw) beträgt;
- die Schallstreuung: Der Schall soll das
Ohr nicht wie ein gezielter Wasserstrahl treffen, sondern auf dem Weg zu den Hörern mehrfach gebrochen, also gleichsam "zerstäubt" werden;
- die Deutlichkeit der vokalen oder instrumentalen Artikulation, also die Verstehbarkeit des gesungenen Textes und die Möglichkeit, ein bestimmtes Instrument auch aus dem vollen Orchesterklang herauszuhören.
Bei der Einweihung der Stuttgarter Liederhalle ergab sich zum Beispiel, daß die Festredner in dem etwa 2000 Menschen fassenden großen Saal des Konzerthauses ohne Mikrophon auskamen. Dieser Konzertsaal ist, angeblich als erster auf dem Kontinent, asymmetrisch angelegt, das heißt: der übliche rechteckige Grundriß - dessen akustische Untauglichkeit bei den alten Konzertsälen durch die zahlreichen Verzierungen aufgehoben worden war - wurde aufgegeben. Durch diese nur auf akustische Erfordernisse abgestimmte Asymmetrie wurde das Problem der Schallstreuung auf verblüffend einfache Art gelöst.
"Ein Konzertsaal muß keine Zigarrenkiste sein", verteidigte die "Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung" die Abkehr vom Rechteck beim Bau der Liederhalle. Das in Stuttgart erscheinende Blatt bezeichnete das neue Bauwerk stolz als "das modernste Konzertgebäude der Welt. Es ist nicht nur in Deutschland und in Europa, sondern in der ganzen Welt das erste Konzerthaus, das radikal mit allen Raumvorstellungen bricht".
Damit verband sich zugleich ein akustisch zwar belangloser, psychologisch aber durchaus bedeutsamer Effekt. Das Publikum sitzt nämlich, zumindest in Solisten-Konzerten, am liebsten auf der linken Saalseite: Die Konzertbesucher möchten das Mienenspiel und die Fingerbewegungen des Solisten sehen, der als Geiger, Cellist oder Bläser stets links vom Dirigenten postiert ist oder als Pianist immer so Vor dem Flügel sitzt, daß man die Klaviatur nur von links her sehen kann.
Die bisher symmetrische Platzanordnung beschränkte die Zahl solcher Favoritsitze. Die Stuttgarter Liederhalle löst auch dieses Problem. Das - übrigens variable - Podium des großen Konzertsaals steht in der Regel schräg zu den Sitzreihen, so daß wesentlich mehr Besucher den erwünschten Blick auf das Finger- und Mienenspiel der musikalisch Hauptmitwirkenden haben. Zum andern erlaubt die von links unten ansteigende Empore der Mehrzahl der Rangbenutzer einen Blick auf die linke Seite der Bühne.
Das in jeder Hinsicht günstige Stuttgarter Bauergebnis wird von den Akustikern für ihre Sache gründlich ausgenutzt. Ein Präzedenzfall scheint geschaffen: In Stuttgart wurde der alte Streit zwischen Architekten und Akustikern vermieden, weit einer der prominentesten deutschen Akustik-Experten, der Professor an der Berliner Technischen Universität Lothar Cremer, von Anfang an bei der Konzeption des Bauwerks seine Hand im Spiel gehabt hat.
Frohlockte sein Berliner Kollege, der Dozent Dr. Winckel: "Es beginnt eine ganz neue Etappe in der Errichtung von Musikhallen, indem nun nicht mehr der Stilgeschmack des Architekten Ausgangspunkt der Planung ist, sondern die vom Akustiker vorausberechenbare, musikalisch-akustische Wirkung."
Liederhalle in Stuttgart: Abkehr vom üblichen Rechteck
Festival Hall in London: Möglichst keine Parallelflächen
Konzertsaal der Musik-Hochschule Berlin: Von Architekten gelobt, von Musikern getadelt
Innenraum der Stuttgarter Liederhalle heute und früher: Konzertbesucher wollen links sitzen

DER SPIEGEL 33/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KONZERTSÄLE:
Keine Zigarrenkiste