12.09.1956

ROWOHLT-ENZYKLOPÄDIEVerrat als Massenware

Am 30. Januar 1933 marschierte der
At 25jährige Kavallerie-Leutnant Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der spätere Attentäter, in Uniform an der Spitze eines Zuges von Begeisterten durch die Straßen Bambergs und äußerte seine Freude über die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Ulrich von Hassell, bis 1938 deutscher Botschafter in Rom und nach dein 20. Juli 1944 hingerichtet, war längst ein entschiedener Gegner des Regimes, als er, während des Krieges, durch Hitlers Erscheinen im Hotel "Kaiserhof" so gebannt wurde, "daß seine Aufmerksamkeit dem Teetisch, an dem er mit Freunden saß, verlorenging und er nur noch der Frage hingegeben war, ob Hitler ihn beim Fortgehen begrüßen würde". Admiral Canaris, der die Verschwörer deckte und unterstützte, verkehrte familiär mit dem SD-Chef Heydrich, sonntags spielte man gelegentlich im Garten Heydrichs mit den Frauen und Kindern Krocket. Als Oberbürgermeister von Leipzig arbeitete Goerdeler zeitweise vertrauensvoll mit der NSDAP zusammen.
Solche Angaben über prominente Verschwörer vom 20. Juli 1944 finden sich in zwei Bänden der Rotationsdruck-Reihe "Rowohlts deutsche Enzyklopädie", die von der Journalistin Dr. Margret Boveri unter dem gemeinsamen Titel "Der Verrat im XX. Jahrhundert"* dieser Tage veröffentlicht wurden.
Der heute 56jährigen Autorin geht es dabei nicht um eine nachträgliche Abwertung der Verschwörer gegen Hitler. Die Boveri will vielmehr ein Phänomen den "Verrat" - untersuchen, das der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts einen besonderen Aspekt verleiht. Die Autorin möchte die "Landschaft des Verrats" mit all ihren Dschungeln und Dickichten abbilden. Sie möchte einem Wort beikommen - "Verrat" -, dessen Inhalt scheinbar seine Verbindlichkeit verloren hat und das nicht nur nach Belieben ausgelegt werden kann, sondern mit drastischen Resultaten auch ausgelegt wird.
Zu ihrer Untersuchung über die Phänomenologie des Verrats sah sich die Boveri durch zwei Beobachtungen veranlaßt, nämlich durch
- "die Erfahrung, daß Personen, die ich
nicht als Verbrecher ansehen konnte, mit den verschiedensten Begründungen, aber in meist sehr gleichförmiger Weise verhaftet, mißhandelt und auch hingerichtet wurden ..." und durch
- "die Entdeckung, daß dem einen als
Hirngespinst oder Lüge erscheint, was für den anderen eine feststehende Tatsache ist ..."
Zu einer Zeit, in der die verbindlichen Werte, die sonst Jahrhunderte standhielten, schnell wechseln, gehört eine ebenso schnell wechselnde Form des Protestes. Der "Verrat", schreibt, Margret Boveri, "ist in unserem Leben zum Alltagsbegriff geworden ... Der Inhalt des Verrates wechselt, indem sich das Rad der Geschichte dreht. Heute werden als Helden oder Märtyrer die gefeiert, die gestern als Verräter gehenkt wurden, und umgekehrt. Aber der Verrat bleibt bei uns, als sei er der dauernd sich wandelnde Schatten, der ... unserer Epoche zugehört."
Dieser Verrat hat sich vom individuellen Protest-Akt längst zur kollektiven Tat gewandelt. Margret Boveri zählt auf: 1946 wurden in Frankreich mehr als eine halbe Million Menschen verhaftet, die mit einer Anklage wegen Verrats rechnen mußten, 100 000 Franzosen sind während und nach der Befreiung getötet worden. 600 000 Prozesse und Untersuchungen wurden nach Kriegsende in Belgien abgewickelt, 130 000 in Holland. Die amerikanische Sicherheitsjustiz hat unter Präsident Truman 570 Beamte von ihren Posten verbannt, 8000 Beamte waren es in den ersten beiden Jahren unter dem Präsidenten Eisenhower. 1954 gab es in England 10 000 Personen, über deren Zuverlässigkeit "legitime Zweifel" notiert waren.
Dabei bleiben die Instanzen, die den Verrat abwehren sollen oder die Verdächtigen registrieren, nicht bei dem einzelnen stehen, sondern beziehen dessen Angehörige in die Kontrolle ein: "Mütter, Gattinnen, Väter, Schwiegermütter, Tanten können zum Stein des Anstoßes werden, und Verwandte, die hinter dem europäischen Eisernen Vorhang zurückbleiben, haben schon manche hoffnungsvolle Laufbahn zerstört."
Margret Boveri faßt als Verrats-Forscherin die modernen Ächtungen recht verschiedener Grade auch da noch zu einem gemeinsamen Vorgang zusammen, wo dies aus historischer Sicht nicht mehr zulässig wäre: "Der Großgrundbesitzer, der auf Grund seines Landbesitzes östlich der Elbe die Existenzberechtigung verloren hat, der Jude, der unter Hitler ausgerottet werden mußte, der Beamte, der in Amerika seine Stelle verliert, weil sein Schwiegervater eine radikale Zeitung herausgegeben oder er selbst den Kampf der Linken in Spanien unterstützt hat, sie sind alle 'potentielle' Verräter eines verabsolutierten Wertes (der klassenlosen Gesellschaft, der Rassenreinheit, der Heiligkeit einer Verfassung), Teilnehmer an einer Weltbewegung, die noch kaum je einheitlich gesehen wurde, weil sie überall in verschiedenen Formen mit verschiedenen Inhalten auftritt."
Eine solche "Weltbewegung" aber - die
es etwa der "Süddeutschen Zeitung" ermöglicht, unser gesamtes Jahrhundert ein "Zeitalter des Verrats" zu nennen, - war in früheren- Staats- und Gesellschaftsformen noch nicht denkbar. Das ergibt sich bereits aus der Definition des Begriffs: "Verrat ist Vertrauensbruch", deklariert Margret Boveri. Nun war die Treue des Staatsbürgers - deren Verneinung, deren Gegenpol quasi der Verrat ist - in früheren Jahrhunderten auf das Verhältnis zwischen Fürst und Untertan beschränkt. Durch die Französische Revolution - mit der aus ihr resultierenden Volkssouveränität - veränderte sich das Verhältnis zu der Alternative: Treue des Bürgers zur oder Verbrechen an der Nation. Aber erst als sich entweder eine bestimmte Gesellschaftsklasse an die Stelle der Nation setzte oder sich ein Staat sogar mit einer bestimmten Ideologie identifizierte - erst von diesem Zeitpunkt an waren auch die Voraussetzungen für den Massenverrat gegeben, für den Widerstand also derjenigen Schichten, die sich mit der vom Staat postulierten Ideologie nicht zu identifizieren wünschten.
Die Ideologie, mit der sich ein Staat identifiziert, ist zudem einem schnelleren Wechsel unterworfen als etwa die Identifikation des Staates mit einem (erblichen) regierenden Fürstenhaus. Diese Entwicklung führte nicht nur dazu, daß die Verräter von heute die Helden von morgen sein können, sie vermehrt vor allem schon quantitativ die Gruppe derer, die zur "Weltverschwörung", zu den "potentiellen" Verrätern gerechnet werden müssen.
Durch ihre eigenen Schwenkungen und Drehungen erschweren obendrein auch demokratische Regierungen die Übersicht. Von 1936 bis 1945 galten zum Beispiel in Amerika die für eine Republik plädierenden Menschen aller Schattierungen, einschließlich der gegen den spanischen General Franco kämpfenden Kommunisten, als "Loyalisten". Nachdem die Bündnis- und Stützpunktverträge mit Franco abgeschlossen wurden, ist heute für den außenpolitisch orientierten Amerikaner ein "Spanish Loyalist" selbstverständlich ein Anhänger Francos.
In der unübersichtlichen, weltumfassenden "Landschaft des Verrats" hat Margret Boveri die ersten Grenzen einer systematischen Ordnung gezogen. Dieser erste Versuch der Schriftstellerin, eine Übersicht zu gewinnen, soll insgesamt vier Bände umfassen. Die ersten beiden Bände behandeln den Verrat "für und gegen die Nation": Band 1, dem "sichtbaren Geschehen" zugewendet, ist unterteilt in die Gruppen "Kollaboration" und "Propaganda"; Band 2 gliedert das "unsichtbare Geschehen" in die Gruppen "Widerstand" und "Geheimdienst" auf. Der dritte und der vierte Band, die der Verlag für einen späteren, noch unbestimmten Zeitpunkt ankündigt, werden sich mit der Analyse des Verrats "für und gegen die Ideologie" befassen.
Sie habe versucht, schreibt Margret Boveri, die Motive jener Handlungen zu verstehen, die als Verrat gebrandmarkt und bestraft wurden. Die gekauften Verräter, die nur aus finanziellen Gründen agierten, interessieren sie dabei nicht, sie sind auswechselbar und können zu allen Zeiten und unter allen Vorzeichen auftreten. Die Autorin erforscht vielmehr etwa "Das Rätsel Quisling"; sie beschreibt den Druck, unter dem der König Leopold von Belgien bei der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen zum Entsetzen der Alliierten im Lande und in der Reichweite Hitlers blieb, sie erläutert die Ziele, zu denen der Marschall Pétain Frankreich fuhren wollte, oder sie schildert den französischen Ministerpräsidenten Laval als den "Mann in der Zange".
Zuweilen aber wird aus ihrer Erläuterung auch ein unmißverständliches Plädoyer. Unter denjenigen, die nach dem vergangenen Kriege festgesetzt wurden, weil sie dem nun besiegten Feinde propagandistisch beigestanden hatten, sind drei, von denen die Verfasserin mit unverhohlener Verehrung oder mindestens doch Sympathie berichtet: Knut Hamsun, "der taube Dichter", der die Angelsachsen haßte und die Politik des Dritten Reiches in Zeitungsaufsätzen guthieß: Ezra Pound, der amerikanische Lyriker, der in Italien lebte und über Radio Rom gegen die "Kriegstreiber" in Amerika wetterte (er sitzt jetzt in einer amerikanischen Nervenheilanstalt); und William Joyce, der von Iren abstammende Engländer, der während des Krieges in England als "Lord Haw-Haw" bekannt wurde, als eine Stimme, die den Landsleuten über den "Großdeutschen Rundfunk" von Deutschland aus die Niederlage prophezeite.
Den Verrat dieser drei Männer - sie fallen alle unter das Stichwort "Propaganda" - erklärt Margret Boveri mit "Heimatverlust". Joyce habe sich nach einem Traum-England gesehnt, das den jungen Patrioten, der so gut reiten konnte, aber nicht als Gentleman akzeptiert wurde, endlich für voll nähme. Hamsun sei in Amerika von wütendem Heimweh überfallen worden. Unter den ihm unverständlichen Menschen, die nicht an der Heimaterde hingen, sei er zu dem fast archaischen Patrioten geworden, dem Hitlers Blut-und-Boden-Mystik nicht mißfiel. Pound hatte sein Vaterland Amerika früh verlassen, es aber vom faschistischen Italien aus auf seine Weise voller Hitze und Bitterkeit besungen.
"Joyce, Pound und Hamsun", erläutert Margret Boveri, "hatten auch ein anderes Heimweh, ein über die Grenzen der Länder und Völker hinauszielendes. Sie hatten die selbstzufriedene Welt des technisierten Bürgers unerträglich gefunden. Den klassenkämpferischen marxistischen Aufstand gegen diese Welt lehnten sie ab. Sie suchten nach einem neuen Bild des Menschen, in dem sie Uraltes, Verlorengegangenes wiederfinden wollten. Sie glaubten die ersten, neu erstehenden Spuren an Orten und bei Menschen zu entdecken, die die Sehnsucht der Zeit instinktiv erfaßt und alsbald für ihre Zwecke mißbraucht hatten."
Im zweiten Band, der dem unsichtbaren Geschehen mit den Unterabteilungen "Widerstand" und "Geheimdienst" gewidmet ist, sind die meisten Hauptrollen mit Deutschen besetzt. Es ist das Kapitel der Canaris, Beck und Stauffenberg, doch auch des Otto John und jener "Kampfgruppen", die - zwischen Menschheitsideologie und Machtpolitik - den Verrat im sowjetisch besetzten Deutschland von Westberlin aus anleiten und honorieren.
Es habe, meint in einem Vorspruch die Verlasserin, nicht allein sachlich-histoische Gründe, daß dieses Kapitel vom "unsichtbaren Geschehen" vor allem ein deutsches Kapitel ist. Margret Boveri respektiert durchaus die Verschwörer gegen Hitler, die ihren Protest mit ihrem Leben bezahlen mußten, sie erläutert auch die ursprünglich nationale Begeisterung des jungen Stauffenberg: Er habe - wie viele andere - den Nationalsozialismus quasi erst von innen heraus zu durchschauen vermocht.
"Bemerkenswert ist die Einsicht", applaudierte Karl Korn in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" seiner Mitarbeiterin Boveri, "daß diejenigen unter den Gegnern Hitlers, die es auf nichts weiter als auf Wiederherstellung alter politischer Ordnungen abgesehen hatten, nicht fähig waren, das Phänomen Hitler zu begreifen." Ebenso entschieden wendet sich die Boveri aber auch gegen die Kollektivverdammung, die heute noch offiziell gegenüber den Mitgliedern der kommunistischen Widerstandsorganisation "Rote Kapelle" aufrechterhalten wird.
Die Berliner Autorin, die nach eigenem Eingeständnis "ein gewisses Maß eigener Parteilichkeit nicht unterdrückt" hat, sieht zwar einen Weg, auf dem sich dieses Jahrhundert seines leidigen Stigmas, des Verrats, wieder entledigen könnte, aber sie hat keine Hoffnung, daß er beschritten wird. Erst eine von aller Welt als verbindlich akzeptierte "totale Ideologie" - Ideologie hier in dem Sinne, wie schon heute jeder "Buschneger, Saudiaraber, Sowjetrusse oder freie Amerikaner den Diebstahl bekämpft" - würde auch die kollektiven Gewissenskollisionen ausschließen, die den Verrat zur Massenware machen. Aber auch Margret Boveri weiß: "Die Hauptschwierigkeit beim Versuch, eine übernationale Menschheits-Loyalität zu schaffen, liegt eben vorläufig darin, daß bisher noch jede ideologische Organisation, ob Völkerbund oder UNO, 'Spanien-Komitee' oder 'Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit', zum Instrument einer Macht oder Machtgruppe gemacht worden ist und dadurch gerade zu einem fruchtbaren Gefilde für den Verrat wurde."
* Margret Boveri: "Der Verrat im XX. Jahrhundert. Das sichtbare Geschehen". rde-Band 23; 154 Seiten; "Der Verrat im XX. Jahrhundert. Das unsichtbare Geschehen". rde-Band 24; 71 Seiten; Rowohlt Verlag. Hamburg: je Band 1.90 Mark.
Norwegischer Kollaborateur Quisling
"Weltbewegung der Verräter"
Dichter Hamsun
Zeitungsartikel für das Dritte Reich
Lyriker Pound
Reden über Radio Rom
Radio-Kommentator Joyce
Stimme im Großdeutschen Rundfunk

DER SPIEGEL 37/1956
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