26.09.1956

STAATSBESUCHDie treibenden Kräfte

Zurücktreten", dröhnte es aus den Lautsprechern des Bonner Backsteinbahnhofs. Es war am Montag vergangener Woche um 10.11 Uhr. Auf Bahnsteig 1 hatte sich die Bonner Prominenz zum Empfang des griechischen Herrscherpaares versammelt. Und während sich langsam die Stromlinienschnauze der schwarzroten Diesellok des Sonderzuges aus Basel um die letzte Kurve vor der Station schob, senkte sich über die bis dahin nervös schwatzende und tuschelnde Schar der Träger von Bundeswürde und -wichtigkeit feierliches Schweigen.
Bundeskanzler Konrad Adenauer ließ den rechten Zeigefinger sinken, mit dem er - eindringlich redend - eben noch Bundespräsident Theodor Heuss und Parlamentspräsident Eugen Gerstenmaier zu bedrohen schien. Die Sorgenfalten auf der Stirn des Bundespräsidenten glätteten sich. Eugen Gerstenmaier trat als dienender Christdemokrat einen Schritt zurück, um seinem Kanzler für die bevorstehende Begrüßungszeremonie protokollwidrig den zweiten Platz nach dem Staatsoberhaupt zu überlassen, der in einer Demokratie eigentlich ihm, dem Repräsentanten der Volksvertretung, zusteht.
Und noch einmal tönte in die erwartungsvolle Stille die anonyme Stimme der Bundesbahn: "Zurücktreten". Da sah sich Verteidigungsminister Theodor Blank, der sich von den in Cut und Zylinder auf dem roten Kokosteppich angetretenen Bundesministern am weitesten an die Bahnsteigkante vorgewagt hatte, von einem Kabinetts-Kollegen unversehens angefrozzelt: "Gilt das dir, Theo?" Ein leises Gekicher flog durch die Reihen der festlich gekleideten Bundesprominenz und mischte sich in die Bremsgeräusche des einlaufenden Sonderzuges.
Genau an dem auf den Bahnsteig gemalten Kreidekreuz hielt der Expreß. Nach dem Schah von Persien und dem Negus von Abessinien erwies zum drittenmal in der Geschichte der Bundesrepublik ein Monarch der kleinen Residenz am Rhein die Ehre seines Besuchs.
Die Vorbereitungen für diesen Besuch in Bonn hatten allen bis dahin üblichen Staats-Putz in den Schatten gestellt. 200 Fahnenmasten waren zwischen Bahnhof und Rheinbrücke aufgerichtet, fünf Kilometer Girlanden über Straßen gespannt und um Pfeiler gewunden. Eine zwölfhundert Mann starke Polizeitruppe bildete Spalier und übernahm die Sicherungsaufgaben. Der Bahnsteig 1 war zur Dekoration und zum Schutz gegen seine tröpfelnde Decke mit 2000 Quadratmetern Mull und Nesselstoff bespannt. Ein in den blauweißen Nationalfarben Griechenlands gehaltener monströser Baldachin über der Plattform vervollständigte den Eindruck eines Bierzeltes auf der Münchner Oktoberwiese. Der 55jährige Hellenenkönig Paul I. mit Gardemaß (1,88 m) kletterte als erster auf Bonner Boden. Die Begrüßungszeremonie rollte ab.
Als erste Staatsbesucher brauchten Paul und Friederike den Bonner Bahnhof nicht mehr durch einen Nebenausgang zu verlassen. Durch Bahnsteigsperre und Vorhalle war ein roter Läufer ausgelegt. Auf den Stufen der Freitreppe blieben Gäste und Gastgeber stehen. 5000 Bonner schrien "Hurra", die Nationalhymnen klangen auf.
Theodor Heuss tastete sich an einem eigens zu diesem Zweck errichteten Geländer treppab, als er den Monarchen Paul auf den Bahnhofsvorplatz begleitete. Seit der Professor vor kurzem in seinem Palais Villa Hammerschmidt auf einer Treppe so unglücklich stürzte, daß er sich ärztlicher Behandlung unterziehen mußte, geht er wenn möglich jeder Stufe aus dem Wege.
Hinter dem Bundespräsidenten und seinem königlichen Gast marschierte der dienstälteste General der Bundeswehr, Hans Speidel. Denn zum erstenmal seit Gründung der Bundesrepublik sollte ein Staatsbesuch mit militärischen Ehren empfangen werden.
Ausgerichtet nach den Schienen der Bonner Straßenbahn war auf dem Bahnhofsvorplatz mit militärischer Pünktlichkeit eine Stunde vor der Zeit eine Ehrenkompanie der deutschen Bundeswehr angetreten: vier Offiziere und 99 Mann mit weißem Koppel, Stahlhelm, amerikanischem Kurz-Karabiner und - als Neuheit - traditionellem Wehrmachtkragenspiegel mit den Waffenfarben.
Während ein Musikzug mit Schellenbaum unter dem Hauptmann der Musik Karl Fries auf erst vier Tage zuvor übermittelten Wunsch König Pauls den preußischen Präsentiermarsch intonierte, präsentierte die Bundesgarde.
Zwei Protagonisten auf dem Bahnhofsvorplatz vermochten indessen dem imposanten militärischen Schauspiel bundesdeutscher Präzision und Stärke keinen rechten Geschmack abzugewinnen: Bundespräsident Theodor Heuss und Bundesverteidigungsminister Theo Blank.
Die Weste paßte nicht
Theo Blank war verärgert über seine Weste. Der ehemalige Gewerkschaftssekretär hatte am Morgen zum Cut vorschriftswidrig eine weiß-graue Weste angelegt und damit im Bonner Bahnhof den kaum verhohlenen Spott seiner im Salon geübteren Kollegen geerntet. Ein in letzter Minute besorgtes schwarzes Ersatzstück schaffte zwar gerade noch vor Eintreffen der königlichen Griechen Abhilfe. Allein, der mangelnde Sitz dieses Lückenbüßers war nicht zu übersehen. Selbst der schneidige Präsentiergriff seiner Grenadiere konnte den Verteidigungsminister nicht darüber hinwegtrösten.
Bundespräsident Professor Theodor Heuss war aus anderen Gründen verstimmt. Zunächst einmal mußte er auf dem holprigen Bonner Kopfsteinpflaster beim Abschreiten der Front achtgeben, daß er nicht noch einmal stürzte. So kam es denn, daß er die meiste Zeit den Blick sorgfältig zu Boden gerichtet hatte, während der griechische König den Bundessoldaten protokollgerecht ins Auge schaute.
Darüber hinaus hatte das betont zur Schau getragene Desinteresse des Bundespräsidenten, das schon bei seiner Ankunft deutlich geworden war, als er auf die ihm zustehende militärische Meldung verzichtete und in den Bahnhof verschwand, ohne die Ehrenkompanie eines Blickes zu würdigen, offenbar noch andere Ursachen.
Um sich für die herzliche Aufnahme während seines Staatsbesuchs in Griechenland gebührend zu revanchieren, hatte Theodor Heuss sich um mehrere Einzelheiten im Protokoll der griechischen Gegenvisite selbst gekümmert. Die Idee, den Staatsbesuch mit einer militärischen Einlage zu beginnen, stammte jedoch nicht von ihm, dem eingefleischten Zivilisten, sondern von Bundeskanzler Konrad Adenauer.
Dem Kanzler war der Gedanke an eine militärische Ehrenkompanie vor einiger Zeit auf dem Bonner Flughafen Wahn gekommen, als er einen anderen Staatsbesucher erwartete, den indonesischen Staatspräsidenten Sukarno. Die Maschine des Asiaten hatte damals Verspätung, und in dieser Zeit unnötigen Wartens auf dem Flugplatz war die Laune des großen alten Mannes aus Rhöndorf, der keine Zeit zu verschwenden hat, ständig schlechter geworden. Er kritisierte dieses, mäkelte an jenem herum und endlich fiel sein Blick auch auf die zu Ehren Sukarnos angetretenen Bundesgrenzschutzbeamten.
Da ließ er sich den Protokollchef der Bundesregierung, den Gesandten Ernst-Günther Mohr, kommen, fragte ihn bissig, ob er noch nichts von der Existenz der Bundeswehr gehört habe, und befahl für den nächsten Staatsbesuch statt einer polizeilichen eine militärische Ehrengarde.
Der Dr. Mohr hatte diese Lektion nicht vergessen. Als er mit den protokollarischen Vorbereitungen für den griechischen Königsbesuch anfing, begannen daher die Ausbilder der Unteroffizier-Lehrkompanie in Andernach zugleich mit eisernem Präsentier-Drill. Die schneidigsten Unteroffizier-Aspiranten aus dem ganzen Bundesgebiet wurden für diese militärische Bewährungsprobe der Bundeswehr am Rhein zusammengezogen.
Ursprünglich war vorgesehen, daß auch das Spalier durch die Innenstadt von Soldaten des Heeres, der Luftwaffe und der Marine gebildet werden sollte. Da die Unteroffizier-Bewerber-Garnisonen, die dafür in Frage gekommen wären, aber allzu weit von der Bundeshauptstadt entfernt liegen, mußte der Plan fallengelassen werden. Erst wenn in Bonn ein Wachbataillon steht, wird es für ausländische Besucher militärisches Spalier geben.
Bei der Visite des Hellenenkönigs und seiner Königin mußte der stellvertretende Standortkommandant Hauptmann Lehmkämper genau wie der jüngste Kanzlersohn Georg Adenauer einstweilen noch als gedrängter und geschubster Zuschauer mit einem Platz im dritten Glied der Bonner Schaulustigen hinter dem Polizeispalier vorliebnehmen.
Die Front war abgeschritten, der Präsentiermarsch brach jäh ab, siebzehn "weiße Mäuse" auf BMW-Krafträdern ließen ihre Maschinen anspringen, um die Königskavalkade im Sechskilometer-Tempo durch die Stadt zum Hotel Petersberg auf der anderen Seite des Rheins zu geleiten.
König Paul stieg mit Theodor Heuss in einen offenen Mercedes 300. Königin Friederike folgte mit Konrad Adenauer in einem Wagen gleichen Typs. Wollene Dekken lagen bereit, um die bejubelten Ehrengäste vor der Unbill des Bonner Klimas zu bewahren.
Die Beschaffung dieser repräsentativen Kabrioletts war für das Bonner Protokoll ein Problem besonderer Art gewesen. Die Bonner Prominenz fährt zwar 300, aber angefangen vom Bundespräsidenten über den Parlamentspräsidenten und den Bundeskanzler bis zum Außenminister benutzen alle Prominenten Dienst-Limousinen. Staatssekretär Walter Hallstein bevorzugt in seinem Drang nach äußerem Glanz zwar als einziger Bundespolitiker ein 300-Kabriolett, aber dessen auffallende Creme-Farbe läßt es wenig geeignet erscheinen, bei seriösen Staatsbesuchen Verwendung zu finden.
Für Theodor Heuss und den Herrscher der Griechen konnte in dieser Not ein schwarzes 300-Kabriolett der Bonner Polizei aufgetrieben werden. Damit waren die dienstlichen Luxusbestände aber auch restlos erschöpft. So geschah es denn, daß Königin Friederike und der deutsche Bundeskanzler, um sich dem Volk zu zeigen, nichtsahnend in einem geliehenen Privat-300 er Platz nehmen mußten, den die Kölner Firma Klosterfrau-Melissengeist dem verzweifelten Protokoll für diesen festlichen Akt zur Verfügung gestellt hatte.
Die Wagenkolonne fuhr an, und, der Staatsbesuch nahm Kurs auf wohl ausprobierte, ausgefahrene Geleise. Das Protokoll spulte ab: Frühstück in der Villa Hammerschmidt, Rheinpartie auf der mit Teppichen im Wert von 120 000 Mark ausgelegten "Köln" - wozu der König Marineuniform angelegt hatte - und Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Bonn. Oberbürgermeister Busen überreichte zwei silberne Armleuchter. Das Monarchenpaar machte - genau wie der Negus - die unvermeidliche Visite bei der Stütze der neugemachten deutschen Gesellschaft, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach auf Villa Hügel.
Bundespräsident Theodor, Heuss gab einen Abendempfang im Barock-Schlößchen Brühl, woselbst Königin Friederike sich über die Enge des Mercedes-300 beklagte, durch die ihre Staatsrobe zerknittert sei.
Zwei militärische Arabesken der aufrüstenden Bundesrepublik rankten sich um dieses Programm: Erstmalig gehörte in der Person des Flottillenadmirals Heinrich Gerlach ein Militär zur Ehrendienstgruppe eines ausländischen Monarchen; denn König Paul, der einst als Kadett der kaiserlichen Marine in Mürwik Dienst tat, war selbst Seeoffizier. Ausgerechnet gegen diesen Ehrenadjutanten laufen zur Zeit Ermittlungen des Verteidigungsausschusses im Bundestag.
Kündete dies vom neuen deutschen Militär, so wies eine andere Episode auf die Tatsache hin, daß deutsche Soldaten dem griechischen König auch schon einmal anders gegenübertraten: Bundesbürger Wilfried Maier aus dem Hunsrück bat König Paul um einen Orden, der ihn "fürchterlich stolz machen" würde, und schrieb dazu: "Ich bin besonders traurig darüber, daß ich im Krieg mit meiner Einheit nicht bis zu Ihnen vordringen konnte. Wir wurden aber stets weiter nördlich eingesetzt."
Einiger Glanz wurde der Staatsvisite nicht nur durch derart unangebrachte Reminiszenzen, sondern auch durch den Umstand geraubt, daß der würdevollste und zugleich geistreichste Charmeur auf Bonns diplomatischem Parkett bei sämtlichen Empfängen fehlte, der Vizepräsident des Deutschen Bundestages und sozialdemokratische Troubadour Professor Carlo Schmid. Er hat gerade erst eine Abmagerungskur im Hessen-Sanatorium hinter sich, bei der ei 35 Pfund verlor. Zwanzig weitere Pfund muß er noch abhungern, um das von seinen Ärzten vorgeschriebene Gewicht von zwei Zentnern zu erreichen. Das ist nur durch strenge Diät und Enthaltsamkeit im Trinken zu erzielen. Auf Staatsempfängen aber wäre die Versuchung für ihn allzu groß gewesen.
Nicht nur aus dem gesellschaftlichen, auch aus dem politischen Raume fiel leichter Schatten auf die sonst so prachtvolle Szene: In einer nach ausgedehnten internen Kämpfen erst drei Tage später im amtlichen deutschen Regierungsbulletin veröffentlichten Tischrede, verwob der griechische Monarch geschickt das Schicksal des
geteilten Deutschlands mit dein Schicksal der von den Engländern besetzten Insel Zypern:
"Wir sollten, so glaube ich, unsere Kräfte vereinigen zu einem Versuch, Frieden und Einigkeit zwischen den Völkern der Erde zu befestigen ... Ich hoffe, daß der erste Schritt in dieser Richtung dem gesamten deutschen Volk die Erfüllung seines Ideales bringt und unseren Brüdern in Zypern die Selbstbestimmung."
Peinliche Verwicklungen familiärer Art blieben dem Königspaar in Bonn erspart: Königin-Mutter Viktoria Luise erschien weder zum "Welfen-Frühstück" mit Ernst August, dem Chef des Welfenhauses, in der Villa Hammerschmidt noch zu irgendeiner anderen gesellschaftlichen Veranstaltung. König Paul hatte es sich so ausgebeten.
Dabei sind der König der Hellenen und Viktoria Luise, die Kaisertochter, einmal in Freundschaft verbunden gewesen. Diese Freundschaft war noch vertieft worden, als Paul die Tochter seiner Base Viktoria Luise heiratete. König Paul war es auch gewesen, der der Herzogin-witwe nach dem Tode des Herzogs Ernst August zunächst tatkräftig zur Seite gestanden hatte. Heute aber ist jeder Kontakt Viktoria Luises zum König abgerissen.
Dabei war jedoch nicht Paul die treibende Kraft, sondern seine Gattin Friederike. Erste Symptome wurden bemerkbar, als bei einer Kindtaufe auf der Marienburg, dem Sitz der Welfen, Friederike sämtliche Familienangehörigen, sogar die Dienstboten, reichlich mit Geschenken bedachte: Nur eine ging leer aus - Viktoria Luise, ihre Mutter.
Dieses offensichtliche Einschwenken Friederikes auf die Seite ihres Bruders Ernst August, des Chefs des Hauses, der mit seiner Mutter zerstritten ist, wird nicht nur mit den Spannungen zwischen den Generationen erklärt, die stets auftreten, wenn Schwiegermutter und Schwiegertochter zusammenwohnen, wie es in diesem Falle Viktoria Luise und Ernst Augusts Gemahlin Ortrud tun. Man führt auch eine recht materielle Erwägung an.
Ernst August als Chef des Welfenhauses hat allein zu entscheiden, wer Apanagen in welcher Höhe bekommt, auch für entferntere Verwandte, wie zum Beispiel Konstantin und Sophie, die Kinder Pauls und Friederikes. Hinzu kommt, daß die finanzielle Lage des Welfenhauses auch heute noch besser sein soll als die des griechischen Königshauses mit seinen Privatfinanzen.
Man war deshalb nicht sehr erstaunt, daß die schroffe Haltung der Griechen gegenüber Viktoria Luise ausgerechnet beim Staatsbesuch einen Höhepunkt erreichte: Friederike habe bewußt diesen Weg gewählt, um sich in aller Deutlichkeit auf die Seite ihres Bruders zu stellen.
Ernst Augusts Haltung gegenüber seiner Mutter ist in weiten Kreisen der niedersächsischen Monarchisten nicht ohne Kritik geblieben, und die Kritik hat sich vor allem in den letzten Monaten erheblich verschärft. Nicht zuletzt sind es eine Anzahl sonst sehr getreue DP-Abgeordnete, denen der Streit im angestammten Herrscherhause mißfällt.
In dieser Situation dem Bruder den Rücken zu stärken, war die Absicht Friederikes. Damit soll den abtrünnigen Getreuen gezeigt werden, auf welcher Seite das Königspaar steht. Vor allem aber wollte Friederike mit ihrem Charme versuchen, die Anhängerschaft des Prinzen im Hannoverlande wieder aufzufüllen.
Wieweit ihr das gelang, muß die Zukunft lehren. Als das griechische Königspaar am Donnerstag letzter Woche von Bonn aus in Hannover ankam, sah es zunächst nicht so aus, als ob Friederike Erfolg hätte.
Dem niedersächsischen Protokoll war es nicht gelungen, was das Bonner Protokoll geschafft hatte, nämlich offene Kraftwagen bereitzustellen, so daß der Monarch in geschlossenem Wagen durch Hannover zur Marienburg fahren mußte und die Zuschauer kaum auf ihre Kosten kamen.
Entgegen allen Meldungen, daß der Präsident des Niedersächsischen Landtags, Dr. Hofmeister, an dem Empfang auf dem hannoverschen Hauptbahnhof teilgenommen habe, ist es so, daß Hofmeister nach einer offiziellen Erklärung der Landesregierung aus dienstlichen Gründen verhindert war, das Königspaar zu empfangen. Inoffiziell ist dazu jedoch bekanntgeworden, daß Hofmeister bereits vor dem Besuch des griechischen Königspaares in Hannover erklärt hatte, er werde zu dem Empfang nicht erscheinen. Dazu muß man wissen, daß der Landtagspräsident seit Jahren der Rechtsanwalt der Herzogin Viktoria Luise ist.
Auf der gesamten Strecke von Hannover bis zur Marienburg durch die sonst so welfentreuen Dörfer war keinerlei Schmuck festzustellen. Eine einzige gelb-weiße Welfenfahne wehte an der ganzen langen Strecke, nur wenige Leute standen an der Straße. Der Ortsverein Schulenburg des Viktoria-Luise-Bundes, der anläßlich des Königsbesuches zu einem Konzert auf die Marienburg eingeladen worden war, hatte aus Protest gegen die Mißachtung der Königinmutter Viktoria Luise diese Einladung schon vorher abgelehnt.
Auf der Marienburg zeigte sich dann noch einmal, wie unsicher beide Welfenseiten hinsichtlich ihrer Resonanz beim Volke sind. Während die königlichen Gäste mit ihrer Begleitung und den Gastgebern auf der Terrasse der Burg standen - es war ein strahlender Spätsommertag -, sonnte sich auf einem Balkon über der Terrasse Viktoria Luise.
Im Walde vor der Terrasse hatten sich Menschen versammelt, die sich den Anblick der hohen Herrschaften nicht entgehen lassen wollten. Sie begannen zu klatschen. Der Erfolg war doppelt. Auf dein Balkon erhob sich die Herzogin zu voller Größe und winkte dem Volke mit beiden Händen huldvoll zu. Zugleich aber wandten sich auch Ernst August und seine Gäste unten auf der Terrasse zum Walde und winkten hinüber.
Beide verfeindeten Parteien glaubten, das Volk auf ihrer Seite zu haben.
Königin Friederike, König Paul auf dem Bonner Bahnhof: Erinnerungen ans Oktoberfest
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Geschwister Friederike, Ernst August, König Paul: Wem galt der Beifall?

DER SPIEGEL 39/1956
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