10.10.1956

FRANK-TAGEBUCHIm Hinterhaus

Seit den ersten Oktobertagen wird an sieben deutschsprachigen Theatern - in Berlin, in der Bundesrepublik und in der Ostzone - ein Stück gespielt, das aller Voraussicht nach die deutscheTheatersaison im kommenden Winter beherrschen wird: "Das Tagebuch der Anne Frank". Bis jetzt haben mehr als fünfzehn Theater in Ost- und Westdeutschland dieses Stück auf ihren Spielplan gesetzt.
Serienerfolge solcher Art sind an den deutschsprachigen Bühnen, die seit Jahren an chronischem Schauspiel-Mangel leiden, nicht ungewöhnlich. Das Bemerkenswerte an der Erfolgsstatistik dieses Tagebuches ist aber, daß es sich, genau genommen, gar nicht um ein Bühnenstück, ja überhaupt nicht um ein Kunstwerk oder ein mit künstlerischen Mitteln konstruiertes Schauspiel handelt, sondern um ein in Szenen aufgegliedertes Dokument. Die Herausgeber des Tagebuches versichern jedenfalls, daß zwar einige Passagen des intimen Journals ausgelassen, aber keine Texte hinzugefügt worden seien.
Dieses Tagebuch, das die ehemaligen Vertragsautoren des Metro-Goldwyn-Mayer-Filmkonzerns, die Eheleute Frances Goodrich und Albert Hackett, für den Theatergebrauch zurechtgestutzt haben, ist unter recht dramatischen Umständen aufgefunden worden. Als am 4. August 1944 ein deutscher und vier holländische Polizisten einige Juden in ihrem Amsterdamer Versteck aufstöberten und verhafteten, wurde der Familienschmuck der Häftlinge von einer Kassette in eine Aktentasche umgeschüttet, der Inhalt der Aktentasche aber vorher auf den Boden geworfen. Unter den Papieren, die in dieser Aktentasche gelegen hatten, befand sich auch ein schulheftartiges Diarium, in das ein jüdisches Mädchen namens Anne Frank seit seinem dreizehnten Geburtstag Tagebuch-Eintragungen gemacht hatte. Holländer, die nach der Juden-Verhaftung das Haus aufräumten, fanden das Journal und bewahrten es bis über das Kriegsende auf.
Das Tagebuch der Anne Frank - nach Ansicht des "Heidelberger Tageblattes" ist es "einer der seltenen Fälle, daß die Aufzeichnungen eines Kindes zur Weltliteratur wurden" - berichtet von den Alltagskümmernissen und -freuden einiger Juden, die nahezu zwei Jahre lang in der Amsterdamer Prinsengracht untergetaucht waren. Es handelte sich um das Ehepaar Frank - Vater Otto Frank, Kaufmann aus Frankfurt am Main, leitete seit seiner Emigration nach Holland die Amsterdamer Filiale der Firma Opekta - mit den Töchtern Margot (16) und Anne, um einen Geschäftsfreund Franks mit Frau und Sohn Peter (17) und einen Zahnarzt. Um sich dem Abtransport in ein Lager zu entziehen, hatten sich die Franks das Hinterhaus hinter den Geschäftsräumen ihrer Firma als Zuflucht ausgesucht, einige vergessene Etagen über dem Speicher, die nur durch eine (von einem Aktenregal verstellte) Tür zu erreichen waren.
Verräter unbekannt
Diese Räume waren seit langem für einen solchen Fall präpariert worden: Man hatte sie provisorisch eingerichtet und zentnerweise Lebensmittel gestapelt. Einige der eingeweihten Angestellten der Firma versorgten die untergetauchten Familien mit Eßwaren, Zeitungen und Büchern und hielten die Kontakte mit der Außenwelt. Anne Frank über das Versteck: "Wenn es auch feucht ist und ein bißchen krumm und schief, wird man doch wahrscheinlich kaum nochmal so etwas Komfortables in Amsterdam finden, vielleicht in ganz Holland nicht."
Die Franks konnten sich mit ihren Freunden dort so komfortabel einrichten, weil das Haus in einer sehr unübersichtlichen, verfallenen Gegend Amsterdams steht, deren Gassen- und Häuserwirrwarr die Bewohner schon immer dem Zugriff der Polizei entzog: Im Nebenhaus hatte, einige hundert Jahre zuvor, der emigrierte französische Philosoph Descartes eine Zuflucht gefunden, einige Häuser weiter war der holländische Maler Rembrandt völlig verarmt gestorben.
Bis heute ist nicht geklärt, wer das Versteck der acht Juden nach zwei Jahren an die deutsche Polizei verriet. Als der deutsche Polizist mit seinen vier holländischen Helfern - alle vier wurden später gefangen und verurteilt - am 4. August 1944 in dem Hause an der Prinsengracht ankam, wurde er von den erschreckten holländischen Angestellten der Firma sofort zu dem Versteck der Franks und ihrer Freunde geführt.
Außer dem Vater Otto Frank - der im Jahre 1945 von den Russen in Auschwitz befreit und per Schiff über Odessa-Marseille nach Hause geschafft wurde - hat keiner der Verhafteten die deutschen Konzentrationslager überlebt: Tagebuchautorin Anne starb im Lager Bergen-Belsen an Unterernährung, nachdem ihre Mutter und ihre ältere Schwester bereits dem Typhus erlegen waren. Otto Frank - er hat sich inzwischen mit einer Nichte verheiratet und lebt in Basel - ließ sich von Verlegern überreden, das gerettete und von ihm redigierte Tagebuch seiner jüngsten Tochter Anne in Druck zu geben.
Dieses zunächst in Holland veröffentlichte Tagebuch - Originaltitel "Het Achterhuis", zu deutsch Hinterhaus - hatte ziemlich bald einen Bestseller-Erfolg: Es ist inzwischen
in vierzehn Sprachen übersetzt worden, seine Gesamtauflage nähert sich der Millionengrenze. In Deutschland erschien "Das Tagebuch der Anne Frank" zunächst beim Verlag Lambert Schneider in Heidelberg, später nahm es der Fischer-Verlag in seine Taschenbuch-Reihe auf, in der es in diesem Sommer die Auflage von 103 000 erreichte.
Zu dem Erfolg dieses Tagebuches beim Lesepublikum, dessen Interesse an politischer Anklageliteratur sonst recht begrenzt ist, hat zweifellos die ungewöhnliche Backfisch-Naivität viel beigetragen, in der sich dem jungen Mädchen die absurde und gefährliche Situation der Leidensgenossen spiegelt. Anne, die wegen ihrer Ungebärdigkeit und offenbar beträchtlichen Redseligkeit immer wieder mit ihrer Familie in Konflikt gerät, notiert zum Beispiel, daß für die Juden in Holland - denen die Benutzung der Straßenbahn verboten war - die "Gebrüder Beenekens" gut genug seien. Sie registriert kichernd, daß eine befreundete Dame ihren Nachttopf in einer Hutschachtel mitgebracht habe: "Ohne Nachttopf kann ich nicht leben." Die Dreizehnjährige deutet an, daß sie sich in den siebzehnjährigen Sohn der mitversteckten Familie verliebt hat, sie registriert Familienkrachs und Geburtstagsfeiern und ist sich nur zuweilen der üblen Lage bewußt, in die sie durch die Judenverfolgungen der Deutschen gebracht wurde: "Ich fühle mich wie ein Singvogel, dem man die Flügel beschnitten hat und der im Dunkeln gegen die Stangen seines engen Käfigs anfliegt."
Dieses Buch, in dem die verzweifelte Situation der Juden zum unbekümmerten Jungmädchengeplauder einen ebenso schaurigen wie eindrucksvollen Kontrast bietet, ist von dem Hollywood-erfahrenen Autorenehepaar Hackett - Goodrich in Drehbuchmanier zu einer auf Effekte berechneten Szenenfolge umgeschrieben worden, deren theatralische Wirkungen freilich von den Abgründen der Wirklichkeit nur einen begrenzten Eindruck geben: "Ein verwöhntes Weltstadtpublikum", so kommentierte die
Zeitschrift ,The New Yorker" den anhaltenden Broadway-Erfolg, "wird durch eine Talsperre von Tränen gerissen."
Vater Frank, heute 65jähriger Geschäftsmann in Basel, erlaubte zwar die Dramatisierung, konnte sich aber nicht entschließen, einer Aufführung des Stückes beizuwohnen: "Ich könnte es doch nicht über mich bringen, das Stück auf der Bühne zu sehen."
Nach mehr als 500 Broadway-Aufführungen - die Anne wird von dem 19jährigen Star Susan Strasberg, Mutter Frank von Gusti Huber gespielt - hat sich das dramatisierte Tagebuch in diesem Winter nicht nur die west- und ostdeutschen Bühnen erobert, sondern steht auch auf dem Programm mehrerer Schweizer und österreichischer Theater. Der Westberliner Aufführung (im Schloßpark-Theater) soll noch
in dieser Saison auch eine Inszenierung im Ostsektor folgen.
Schon bei der - gleichzeitigen - deutschen Erstaufführung des Stückes in mehreren Städten war ein Teil des Publikums von dem, was auf der Bühne gezeigt wurde, heftig bewegt. Die Realität dessen, was die Schauspieler nur reproduzieren, veranlaßte die meisten Kritiker, die etwas reißerische, dialogisierte Bühnenfassung des Tagebuches zu tolerieren.
Im nicht durch das Odium der Judenvernichtung belasteten Ausland haben sich allerdings zwei jüdische Autoren von der Methodik dieser Theaterfassung distanziert. Ohne Namen zu nennen, polemisierte der amerikanische Dramatiker Arthur Miller ("Der Tod des Handelsreisenden") kürzlich in einem Essay dagegen, daß ein zeitgenössisches Theaterstück - statt mit künstlerischen Mitteln zu arbeiten - die Zuschauer durch die Konfrontation mit Realitäten zu Tränen rühre. Der - ebenfalls jüdische - Literaturkritiker der maßgebenden sozialistischen Zeitung "Het Parool" in Amsterdam, Hans Gomperts, nannte die Bühnenfassung des Tagebuches schlicht: "Kitsch unter falscher Flagge."
* Szenenbild aus dem Schloßpark-Theater: Johanna von Koczian als Anne Frank, Klaus Kammer als der mitversteckte siebzehnjährige Peter.
Autorin Anne Frank
Zwei Jahre im Versteck
Schauspielerin Susan Strasberg
500 Vorstellungen am Broadway
"Tagebuch"-Premiere in Berlin*: Aufführungen in Ost und West

DER SPIEGEL 41/1956
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