24.10.1956

ROBERT LEHR

Nur das Neandertal lag zwischen ihnen, zwischen den Oberbürgermeistern von Düsseldorf und Köln. Im Norden, in Düsseldorf, regierte Robert Lehr, im Süden, in Köln, regierte Adenauer, im Norden der deutsch-nationale Protestant, im Süden der Katholik vom Zentrum. Im Jahre 1933 verloren sie beide ihre Posten, im Jahre 1945 gründeten sie zusammen die Christlich-Demokratische Union. 1949 wurde Adenauer Bundeskanzler, 1950 wurde Lehr Innenminister. "Das Schicksal hat uns immer wieder zusammengeführt, Herr Bundeskanzler", sagte Lehr bei seiner Ernennung.
Aber auch wieder auseinander. Robert Lehr hielt seinen Ministerplatz von 1950 bis 1953 besetzt: Für die Wahlen in jenem Jahr wurde er von seiner Partei nicht wieder aufgestellt. Er war damals siebzig Jahre alt. Als er abtrat, bekam er das Großkreuz des Bundesverdienstordens: offizielle Höflichkeit. Die Leute, die ewig Inoffiziellen, nannten ihn "Kanonen - Lehr". Popularität ist nicht immer auch Beliebtheit, und zuweilen kann man eine Sache besser vorantreiben, wenn man sich von dem Mann trennt, den die Leute mit dieser Sache identifizieren. Lehr ging, und die Kanonen kamen.
Den Kanonen zuliebe mußte er gehen, den Kanonen zuliebe war er gerufen worden. Sein Vorgänger, Gustav Heinemann, war aus Protest gegen die Aufrüstung der Bundesrepublik zurückgetreten. Lehr begrüßte noch im Monat seiner Ernennung zum Minister die Chance, wieder deutsche Divisionen aufzustellen, als "frohe Botschaft". Vor seinem Büro im ersten Stock der Rheindorfer Kaserne zogen Grenzschutzposten unter Gewehr auf.
Denn am Reeducation-Rausch, am "Ohne mich"- Geist, am Pazifismus - sagen wir es nur: an allzuviel Demokratie hat dieser preußische Generalssohn die rechte Freude nie gehabt. Was heißt schon Gewaltenteilung? Begütigend erläuterte der Minister den Abgeordneten, was Sache der Regierung und was Sache des Parlaments ist: "Meine Herren, wir haben die Materie gründlich durchdacht. Wir bitten Sie zu glauben, daß wir den richtigen Weg einschlagen. Sie können uns deshalb ruhig ihre Zustimmung geben." Dagegen Kommersabende der Alten Herren, Lodenrock, Zeissglas, die Lektüre von "Wild und Hund", gestreiftes Beinkleid zum Sektfrühstück - für solche Lebensform mußte 1950 der Boden erst wieder bereitet werden.
In drei Jahren kann vieles und muß nicht alles gelingen. Das Schmutz- und Schundgesetz, ein kaum sehr freiheitlicher Wahlgesetzentwurf, ein strenges Pressegesetz - unter den schrillen Geräuschen der öffentlichen Alarmglocken mußten sie zurückgezogen werden. Aber anderes kam besser voran. "Herr Minister! Zweitausend begeisterte alte Waffenstudenten und Korporationstudenten danken Ihnen in alter akademischer Sitte: Wir reiben auf Ihr Wohl einen urkräftigen Salamander", so hieß es 1952. Dazu "der Aufbau des Bundesgrenzschutzes als einer mustergültigen Polizeitruppe des Bundes" (Adenauer): Robert Lehr hatte der Bundesrepublik sein Erbe noch zu seinen Lebzeiten vermacht. Das Verbot der Kommunistischen Partei, verfassungsrechtlich unantastbar, politisch im ungeeignetsten Augenblick vollzogen, geht auf die Klage zurück, die Lehr zu seiner Amtszeit erstattete.
"Meine Vorfahren", sagte Robert Lehr, "waren entweder Soldaten oder Priester, und das ist meiner Ansicht nach eine gute Mischung." Vielleicht auch ein Programm? Der Urahne war ein Vetter Goethes, auch davon sprach Lehr zuweilen, aber ohne Hinweis auf Mischungen.
Denn Lehr fühlte sich
als der letzte Preuße in Bonn, korrekt angezogen, pünktlich: Getreu seinen Vorbildern war sein dienstlicher, sein persönlicher Aufwand sparsam wie sein Humor. Ein Leben im Dienste des Staates, das war wohl sein Ideal. Am 30. März 1933, zwei Monate nach Hitlers Machtübernahme und noch als Düsseldorfer Oberbürgermeister im Amt, hat Lehr Verordnungen unterzeichnet, die ihm nach 1945 niemand verzeihen wollte. Sein Eisernes Kreuz zweiter Klasse - am weiß-schwarzen Band, für Heimatverdienste - erwarb er, im ersten Weltkrieg, -als Düsseldorfer Polizeichef auf der Jagd nach deutschen Republikanern. Nie hat er ein Hehl daraus gemacht, daß ihm das Herz höher schlug, wenn er mit weißen Handschuhen und gezogenem Homburg zu den Klängen des Marsches "Alte Kameraden" eine Front abschreiten durfte. Niemals im Dienste einer Partei, zuweilen im Dienste des Volkes, stets im Dienste des Staates - so hat er gelebt. Als er siebzig geworden war und aus dem Amt genommen, schrieb er seinen Freunden: "Ich blicke auf 46 Jahre Dienst am Staate zurück. Die Aufgaben in meinem Leben haben vielfach gewechselt, die Geisteshaltung und der Staatsgedanke sind dieselben geblieben."
So war es.

DER SPIEGEL 43/1956
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