24.10.1956

VEREINEDie Frei-Schützen

Der Pfarrer Wilhelm Leonards aus Siegburg bei Bonn hat in diesen Tagen die schmerzliche Erfahrung machen müssen, daß die Macht der römisch-katholischen Kirche im Bereich seiner Pfarre an der Schwelle des Lokals "Zum Faß" endet. Die besondere Art von Fröhlichkeit, die man die rheinische nennt, ist die Ursache, derentwegen der geistliche Herr mit sich, seiner Pfarrgemeinde und der oberen Geistlichkeit uneins geworden ist und daß außerdem die Kirche die katholische Schützenbruderschaft St. Anno zu Siegburg verloren hat.
Die Schützenbrüder der Pfarrgemeinde St. Anno waren zwar weit davon entfernt, mit ihrem Hirten über Fragen des Glaubens zu hadern. Sie hatten aber sehr bestimmte Vorstellungen, wie der Samstagabend zu gestalten sei - Vorstellungen, die das Gemüt des Pfarrers Leonards, der stärker als die Schützenbrüder der Ewigkeit zugewandt ist, zutiefst beunruhigten.
Bei den Schützenbrüdern hatte sich die Übung eingebürgert, des Samstagabends in einer Kneipe zu fröhlicher Geselligkeit zusammenzukommen, um bei Bier und Korn und einem "Hämmchen" - einem Eisbein - weltläufige Fragen zu erörtern.
Es behagte den Schützenbrüdern wenig, so willig sie sonst den Geboten der Kirche nachkamen, was der Pfarrer Leonards bald verlangte: daß sie solch harmloser irdischer Freude entraten sollten, um am Tage vor der Sonntagsmesse in sich zu gehen und Einkehr bei sich, nicht aber im Stammlokal "Zum Faß", zu halten.
Der Seelsorger Leonards mag bei seiner Anordnung, den Samstagabend nur im Hinblick auf die Sonntagsmorgenmesse zu betrachten, von der meritenbehafteten Tradition der Schützenbruderschaften ausgegangen sein. Die ehrbaren Gilden entstanden im Mittelalter, als sich die Bürger in Stadt und Land zum Schutz gegen dreiste Rittersleute unter dem Protektorat der Kirche im Umgang mit der Waffe übten. Im Laufe der Jahrhunderte verloren sie freilich an Wehrhaftigkeit. Seit der Reformation zieren die heimischen Schützen in malerischem Gewand die Prozessionen, und am Rhein begleiten sie zu Fronleichnam das Sakrament.
Die Schützenbruderschaften dienen heute aber nicht nur als farbenfrohe Kulisse kirchlicher Feste; sie sind der katholischen Kirche ein bedeutsames Instrument, um auf dem Wege über Kimme und Korn die Gemeinschaft der Gläubigen auch außerhalb des Gotteshauses zu festigen. Die Bruderschaften sind im Zentralverband "Historische Deutsche Schützenbruderschaften" zusammengefaßt, der zur Zeit an die 125 000 Mitglieder zählt.
So hat auch heute noch jede Bruderschaft neben ihrem gewählten Brudermeister einen von der Kirche eingesetzten geistlichen Präses und betont damit ihren Unterschied zu weltlichen Zusammenschlüssen ähnlicher Art, den sogenannten Schützenvereinen.
Präses der Bruderschaft St. Anno war nun der Pfarrer Wilhelm Leonards, der sich durch jene strengen Ansichten über die Heiligung des Feiertags unbeliebt machte, seit er die geistliche Obhut übel die Schützenbrüder übernahm.
Geistlicher Herr Leonards hatte, wie sich bald herausstellte, wenig gemein mit dem Bild, das sich die Schützen von einem zünftigen Präses machen. Selbst beim alljährlichen Ausschießen des Schützenkönigs kam er nur widerstrebend zur obligaten Siegerfeier in das Stammlokal "Zum Faß", und zwar ohne an diesem bedeutungsvollen Tage mit den Schützen zu essen oder gar zu trinken.
Da entsprechen die geistlichen Chefs der beiden anderen Bruderschaften im Ort mehr den Vorstellungen der Siegburger. So erinnert sich zum Beispiel ein Mitglied der Bruderschaft St. Anno nicht ohne Bewunderung immer noch einer gelegentlichen Visite des Kaplans Tönnies im Stammlokal der Schützenbrüder von St. Anno: Dieser Gottesmann kam, aß im Nu sein Hämmchen, hob das Glas und sagte nur: "Wo ich bin, ist auch der Herr."
Was Wunder, daß die Schützen von St. Anno alsbald von ihrem Pfarrer Leonards enttäuscht waren und ihn kurzerhand schnitten. Das ging natürlich nicht lange gut, und eines Tages ließ Leonards den Mitgliedern seiner Gilde einen Brief ins Haus schicken:
Durch die Verlegung des Winzerfestes auf den Samstag sind die Mitglieder sämtlich verhindert worden, an der gemeinschaftlichen Heiligen Kommunion der Männer am gestrigen Sonntag teilzunehmen. Ich nehme diese bedauerliche Tatsache zum Anlaß, darauf hinzuweisen, daß die Bruderschaft ... mich als den Präses und Pfarrer weithin aus dem Vereinsleben fernhält ... Ich muß deshalb den Vorstand der Bruderschaft eindringlich bitten, meine Einflußnahme auf das Leben der Bruderschaft in der früheren Art und Weise wiederherzustellen. Sollte dies nicht geschehen, so bleibt mir nur die Erklärung übrig, daß ich an der Bruderschaft kein Interesse mehr habe.
Der Pfarrer, der nicht gewahr wurde, daß die fehlende Eintracht mit den Schützenbrüdern letztlich seiner klösterlichen Vorstellungswelt zuzuschreiben war, glaubte schon zu Anbeginn des Konflikts, die vermeintlichen Störenfriede und Geselligkeitsbolde ausschließlich bei den wenigen Protestanten unter seinen Schäflein suchen zu müssen. Wiewohl die Satzungen der katholischen Schützenbruderschaften auch ausdrücklich evangelischen Gläubigen die Mitgliedschaft eröffnen, betrachtete der Geistliche Leonards die evangelischen Schützen als Fremdkörper in seiner Vereinigung.
Es währte denn auch nicht lange, und Leonards inszenierte in seiner Bruderschaft eine Protestantenverfolgung en miniature. Als zum Beispiel vor zwei Jahren der Zufall wollte, daß ein Evangelischer zum Schützenkönig der katholischen Bruderschaft St. Anno gekrönt wurde, nämlich der Siegburger Verlagsvertreter Herbert Köppen, verlas der Pastor anläßlich der Sankt-Sebastianus-Feier* ausgerechnet einen Hirtenbrief über die Untugend sogenannter Mischehen - der Heirat eines katholischen Christen mit einem evangelischen.
Der Schützenkönig hatte nämlich vor Jahren, als ihn der Krieg nach Siegburg verschlug, ein katholisches Mädchen aus dem Ort geheiratet. Elf Jahre nach der Trauung mußte er sich nun am Sankt -Sebastianus-Tag die von heiligem Eifer eingegebenen Anspielungen des katholischen Pfarrers und Schützenbruderschafts -Präses anhören. Schon vor der Kirche hatte Pfarrer Leonards seinem Unmut offen Ausdruck gegeben: "Es ist bei uns nicht üblich, daß ein Evangelischer Schützenkönig wird."
Dabei hatte Protestant Köppen keine Gelegenheit versäumt, sein bedingungsloses Zugehörigkeitsgefühl zur Glaubensgemeinschaft seiner Frau zu offenbaren: Er betrat kein evangelisches Gotteshaus mehr, ließ seine drei Kinder katholisch taufen und nahm alljährlich an der Prozession teil. Dazu Köppen selber: "Ich habe bewiesen, daß ich tolerant bin."
Derartige Beweise schienen jedoch den Pfarrer Leonards nicht von der christlichen Lauterkeit jenes Köppen zu überzeugen. Und was dem Köppen nicht gelang, vermochten andere Protestanten unter den Schützen viel weniger.
Als nun das erste Mahnschreiben des gestrengen Pfarrers nichts fruchtete und er im Gegenteil mehr und mehr an Einfluß als Schützenpräses verlor, tat Leonards schließlich vor kurzem etwas, was ihm nicht nur die helle Empörung seiner Gemeinde, sondern gleichermaßen das Kopfschütteln seiner Amtskollegen eintrug: Er befahl kurzerhand die Auflösung der Schützenbruderschaft St. Anno. "Mit freundlichem Gruß", aber wenig christlicher Sanftmut schrieb er seiner Gilde:
Da die Schützenbrüderschaft unserer Pfarrgemeinde nicht mehr den Idealen der alten Tradition der Schützenbruderschaften entspricht, wird sie hiermit im Einvernehmen mit dem hochwürdigen Herrn Generalpräses Dr. Louis aufgelöst Gemäß den Satzungen fällt das ganze Vermögen an Geld- und Sachwerten an die Pfarrgemeinde.
Ich werde zu gegebener Zeit zu einer Neugründung aufrufen. In dieser neuen Bruderschaft können nur diejenigen Mitglieder werden, die ihre religiösen Pflichten restlos erfüllen und ein in jeder Hinsicht vorbildliches christliches Leben führen.
Die Reaktion der Brüder in Christo und der Schützenschaft hatte der geistliche Herr freilich nicht einkalkuliert: Die Schützen von St. Anno warteten seinen Aufruf zur Neugründung nicht ab, sondern
schritten von sich aus zur Restauration,
indem sie einen konfessionell nicht gebundenen Schützenverein gründeten. In ihrem alten Stammlokal "Zum Faß" hoben sie bei zünftigem Umtrunk in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung den "Freien Schützenverein St. Anno" aus der Taufe, nicht ohne vorher beim Amtsgericht klarzustellen, daß Sach- und Geldwerte der Bruderschaft ihnen und nicht der Pfarrgemeinde gehören.
"Wir nehmen auch Evangelische"
Ihre Entscheidung, sich selbständig zu machen, erklärten die Frei-Schützen damit, daß sie sich, ganz gleich ob Katholik oder Protestant, durch das Schreiben ihres Geistlichen beleidigt gefühlt hätten. Bei Bier und Korn stellten sie klar, daß es für sie in konfessioneller Hinsicht künftig keine Unterschiede gebe.
Als erste Aufgabe setzte sich der "Freie Schützenverein St. Anno" die Einberufung einer ordentlichen Mitgliederversammlung. Auf ihr hoffen die emanzipierten Schützen zunächst einmal alle diejenigen ehemaligen Bruderschaftsangehörigen wiederzugewinnen, die schon vorher durch das eigenwillige Tun des Präses der Bruderschaft abspenstig geworden waren.
Pfarrer Leonards aber wird sich ob seiner Eigenmächtigkeit vor seinen Vorgesetzten verantworten müssen. Denn satzungsgemäß dürfen die Bruderschaften nur vom zuständigen Bischof aufgelöst werden.
Währenddessen versucht der unmittelbare Vorgesetzte des Pfarrers Leonards, der Siegburger Dechant Dr. Becker, den Schaden wiedergutzumachen, indem er den Gedanken einer neuen Schützenbruderschaft St. Anno vorsichtig ventiliert. Versichert der Dechant: "Wir nehmen auch evangelische Christen, sofern sie nicht aus der Reihe tanzen."
Die Ausgeschlossenen hingegen verspüren vorerst wenig Lust, in die Arme des verunglückten Schützenpräses Leonards zurückzukehren. Sie feierten erst einmal im Restaurant "Zur Eiche" ein zünftiges Winzerfest, und zwar an einem Sonnabend, der bislang nach dem Willen ihres Pfarrers - wie jeder Sonnabend - tabu sein sollte.
* St. Sebastianus, der Patron der Schützengilden, war unter Diocletian (um die Wende des 4. Jahrhunderts n. Chr.) Hauptmann der Prätorianergarde. Nach der Legende wurde er seines Glaubens wegen zu Tode gemartert.
Schützen-Präses Pfarrer Leonards
Aus dem Vereinsleben ferngehalten
Schützenkönig Köppen (sitzend), Gattin (r.), Vereinsfreunde: Die Untugend der Mischehen

DER SPIEGEL 43/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VEREINE:
Die Frei-Schützen

  • Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn
  • Amal Clooney vor der UN: "Dies ist Ihr Nürnberg-Moment"
  • Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter
  • Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool