28.11.1956

UFI-VERKAUFSchulz, der Husar

Obwohl seit dem gesetzlich festgelegten Schluß-Termin bereits fünfzehn Monate verstrichen sind, konnten die Liquidatoren des ehemals reichseigenen Filmvermögens dem Bundesfinanzminister Fritz Schäffer noch immer keine Vollzugsmeldung erstatten. Noch immer sing nicht alle Teile der "Ufi", der ehemaligen Dachgesellschaft deutscher Filmgesellschaften, der auch die Ufa angehörte, in private Hand überführt worden, wie es das Gesetz bestimmt.
Zwar ist es den Liquidatoren in mühevollen Verhandlungen gelungen, die größeren Trümmer aus dem Goebbelsschen Film- und Kinoreich an den Mann zu bringen: die Berliner Atelieranlagen, die westdeutsche Ufa-Theaterkette und die Bavaria-Aufnahmehallen in Geiselgasteig. Welche Schwierigkeiten sich nun dem Verkauf einzelner Restposten entgegenstellen, zeigen die Verkaufsverhandlungen über die Atelier-Anlage in Wiesbaden. Diese Verhandlungen sind allmählich zu einer grotesken Affäre entartet und haben die filmbeflissene Münchener "Abendzeitung" zu der Feststellung veranlaßt, daß sich dahinter ein moderner Husarenstreich verberge, der die Ufi-Liquidatoren dem spöttischen Gelächter der ganzen Branche preisgebe.
Das Blatt schrieb: "Karl Schulz, Chef der Taunus-Film und der Produktionsfirma Bühne und Film, führte ihn aus. Als die Liquidatoren sein Kaufangebot mit der linken Hand abtaten, ersann Schulz dank der besonders gelagerten Verhältnisse der Wiesbadener Anlagen ... einen Plan, bei dem Fanfan der Husar und Till Eulenspiegel gleichzeitig Pate gestanden haben mußten."
Die Verhältnisse der Wiesbadener Anlagen waren in der Tat "besonders gelagert". Die frühere Ufa-Tochtergesellschaft "Afifa" hatte im Jahre 1948 von der Stadt Wiesbaden zunächst auf zehn Jahre ein Gelände gepachtet. Dieses Areal sollte, vor allem auch auf Wunsch der amerikanischen Filmoffiziere, in Krisenzeiten als Ausweichquartier für die Tempelhofer Ateliers der Ufa dienen.
Die Krisenzeiten kamen mit dem Beginn der Berliner Blockade. Damals wurden auf dem Pachtgelände, auf dem zunächst lediglich eine alte Reithalle stand, eine Kopieranstalt und drei Aufnahmehallen mit technischem Zubehör errichtet.
"Diese Investitionen erwiesen sich auch nach dem Ende der prekären Situation Berlins als vertretbar", berichtete im vergangenen Monat das "Handelsblatt". "Zwischen 1952 und 1956 sind in Wiesbaden viele gute und geschäftlich erfolgreiche Spielfilme entstanden; das Kopierwerk ist, auch durch die Herstellung einer Wochenschau, durchaus rentabel."
Die ungewöhnliche Situation dieser Miniatur-Atelierstadt war es nun, die Karl Schulz, den pfiffigen Chef der Taunus -Gesellschaft, zu seinem listenreichen Husarenstreich inspirierte: Das Gelände, auf dem die Filmgebäude errichtet worden waren, gehörte noch immer der Stadt Wiesbaden. Lediglich die Gebäude waren Bestandteil jener "Ufi"-Liquidationsmasse, die wieder in private Hand überführt werden sollte.
Hartnäckig hatte sich Karl Schulz bei den Liquidatoren als Kaufinteressent gemeldet. Allein, die Höhe der Summe, die Schulz im Namen der Taunus-Filmgesellschaft bot, schien den Liquidatoren zu niedrig. Sie lehnten zwei Angebote der Taunus-Filmgesellschaft über 500 000 und 800 000 Mark ab.
Schulz entschloß sich, sein Ziel auf anderen Wegen anzugehen: Er erstand von der Stadt Wiesbaden das 75 500 Quadratmeter große Grundstück, auf dem die Filmanlagen stehen, und trat damit in den Pachtvertrag mit den Atelierbesitzern ein. Mit der Eintragung ins Grundbuch wurde der Kauf des Grundstücks am 10. September 1956 rechtskräftig. Nun saß Schulz am längeren Hebel.
Zu der Zeit, da der Grundstücksverkauf rechtskräftig wurde, machte er den Liquidatoren ein letztes Angebot: Die Taunus -Gesellschaft erklärte sich bereit, für die Afifa-Anlagen eine Million Mark zu zahlen.
Als die Liquidatoren trotz dieser Sachlage keine Anstalten machten, über die Taunusfilm-Angebote zu diskutieren, und in Presse-Erklärungen bekanntgaben, es lägen keine diskutablen Offerten vor, schlug die Gesellschaft als Eigentümerin des Geländes eine keckere Tonart an. Sie rechnete den Liquidatoren vor, daß der von ihnen geforderte Preis von 2,2 Millionen Mark wirtschaftlich widersinnig sei.
Der Justitiar der Taunus-Film, Dr. Meier -Lenoir, zählte auf, was dem Miniatur -Hollywood alles fehlt: Trickfilm-Atelier, Rundhorizont, Wasserbecken, Verwaltungsgebäude, Werkstätten in ausreichender Zahl, Requisitenräume, Komparserie-Aufenthaltsräume, Vorführungsräume, asphaltierte Straßen, ein Farbkopierwerk. Justitiar Dr. Meier-Lenoir rechnete vor, daß ein Betrag von 1,5 Millionen Mark erforderlich sei, um das Filmstädtchen mit den fehlenden Einrichtungen auszustatten.
Als die Liquidatoren auch dann noch keine Lust zeigten, sich mit der Taunus -Film in ein Gespräch einzulassen, entschloß sich die Gesellschaft, ein Argument auszuspielen, das den Liquidatoren den Ernst der Sachlage vor Augen führen sollte:
- Die Gesellschaft vertrat die Auffassung, daß nach den Paragraphen 93 und 94 des Bürgerlichen Gesetzbuches der Inhaber eines Grundstücks auch Inhaber der darauf errichteten Gebäude sei, das Eigentum an den Anlagen also nicht ohne das Grundstück erworben werden könne.
Siegesgewiß hielt Karl Schulz den Liquidatoren vor: "Gestützt auf diese Rechtsauffassung halten die Gesellschafter der Taunus-Film eine Veräußerung der Anlagen an Dritte nicht für zulässig. Sie sind der Meinung, daß sie gemäß den zwingenden Vorschriften des Paragraphen 94 BGB mit dem Eigentum am Grund und Boden auch das Eigentum an den massiven Gebäuden erworben haben."
Die Liquidatoren unternahmen daraufhin einen Versuch, der Taunus-Filmgesellschaft jene Vorteile wieder abzujagen, die sie durch die List des Karl Schulz erworben hatte. Sie besuchten den Wiesbadener Oberbürgermeister Dr. Mix: Der Oberbürgermeister sollte den Geländeverkauf rückgängig machen. Im Fachblatt "Film -Echo" erschien eine Notiz, in der die Sachlage so dargestellt wurde: "Der Abwicklungsausschuß scheint berechtigte Hoffnung zu haben, daß die Stadt die Grundstücksfrage auf Grund der im Verkaufsvertrag mit der Taunus-Film befindlichen Rücktrittsklausel regeln wird, so daß ein Verkauf an eine zahlungskräftige Berliner Interessentengruppe in einigen Monaten möglich sein wird."
Eine solche Rücktrittsklausel enthält der Kaufvertrag jedoch keineswegs. Vielmehr besitzt die Stadt Wiesbaden nur ein Vorkaufsrecht für den Fall, daß die Taunus -Film das Gelände wieder veräußern will. Wiesbadens Wirtschaftsdezernent, Stadtrat Hammersen, äußerte sich zu den Versuchen der Liquidatoren, die Entscheidung der Stadtverwaltung rückgängig zu machen, mit den lapidaren Worten: "Wir haben das Gelände verkauft. Daran kommt niemand vorbei."
Trotzdem sind die Ufa-Liquidatoren fest entschlossen, die von der Taunus-Filmgesellschaft und dem Wiesbadener Magistrat gemeinsam vertretene Rechtsauffassung zu ignorieren, nämlich: daß die Wiesbadener Filmanlagen nicht mehr ohne Zustimmung der Taunus-Filmgesellschaft veräußert werden können. Die Liquidatoren haben sich schon unbekümmert auf die Suche nach neuen Interessenten gemacht.
Filmkaufmann Schulz
Eulenspiegelei im Ufa-Reich

DER SPIEGEL 48/1956
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Schulz, der Husar

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