19.12.1956

OLYMPISCHE SPIELEMuskelkater nach Melbourne

Gewaltig rumsten die Abschüsse von vier Feldhaubitzen über die Festversammlung der Hunderttausend hin. Bei der Schlußfeier der XVI. Olympischen Sommerspiele schickten die australischen Salutschützen dem Muskelkrieg von Melbourne ein martialisches Echo nach. Zum ersten Male in der Geschichte des "friedlichen Wettstreits der Völker und Nationen" hatte ein gastgebendes Land schweres Geschütz mitten im Olympia-Stadion aufgefahren.
Diese ungewöhnlich offenherzige Szenerie - bis dahin war die Salut-Batterie beim olympischen Abschluß-Zeremoniell immuner schamhaft außerhalb des Stadions versteckt worden - war wie ein Symbol: Die australischenArtilleristen Ihrer Majestät der englischen Königin lieferten den aktuellen kriegerischen Kulissendonner zu jenem olympischen Schauspiel, das inmitten einer sehr unfriedlichen Welt zum schlechten Stück geworden war. Sie kanonierten die wie einen Zylinderhut aufgestülpte Schlußfeier-Stimmung und alle preisenden Reden von der Gleichheit und Brüderlichkeit unter Sportsleuten zu eitel Schall und Rauch.
"Hier ist jeder der Teufel des anderen", hatte die Westberliner Sprinterin Inge Fuhrmann schon bald nach Beginn der Spiele von der Atmosphäre in der deutschen Olympia-Mannschaft vorlaut geäußert. Die Teufelei ging, nach Ende der olympischen Tage offenbar erst richtig los. Noch ehe die "Medaillen-Bomber" der Deutschen mit ihren 20 Gold-, Silber- und Bronzeplaketten sowie fast zehnmal so vielen Melbourne-Fahrern wieder auf deutschem Boden gelandet waren, wurde sozusagen das Fell des Sündenbocks unter den Enttäuschten geteilt.
"Wir sind durch zu hartes Training um unsere Staffel-Medaille gekommen", erläuterte die kleine Weitsprung-Vierte Erika Fisch das Versagen der chancenreichen 4 mal 100-Meter-Frauenstaffel, die kurz vor der verpatzten Entscheidung noch Weltrekord gelaufen hatte. Ihr Kollege von der 4 mal 100-Meter-Staffel der Männer, der Theologiestudent Walter Oberste, vergaß sich in seinem Unmut über die entgangene Medaille sogar so weit, daß er falsch Zeugnis gegen seinen nächsten Melbourne-Vorgesetzten, den Leichtathletik -Trainer Woldemar Gerschler, gab: "Als wir in Melbourne aus dem Flugzeug stiegen, waren wir in Hochform. Als wir nach dem Training durch Gerschler an den Start gingen, waren wir ausgepumpt oder verletzt."
Mit seinem Maulen offenbarte Oberste nicht nur den alten Charakterfehler der Deutschen, nach eigenem Versagen anklagend mit dem Finger auf andere zu zeigen. Er gab mit seiner Theorie von sportlicher Hochform nach einer 22 000-Kilometer -Reise auch all denen eine Vorstellung von der Selbsteinschätzung deutscher Olympia-Teilnehmer, die den Walter Oberste und seinen Staffelkameraden Pörschke beim Freiburger Abschlußtraining kurz vor dem Melbourne-Flug nicht hatten beobachten können.
Die Wirkung solcher Äußerungen aus dem deutschen Olympia-Team war durchschlagend. Sportlich nichtsahnende illustrierten-Redakteure stellten daraufhin Indizien gegen den "Favoriten-Toter" Gerschler zu Bildleisten zusammen, auf denen die vermeintlichen Opfer des deutschen Olympia-Trainers mehr nach den jeweiligen Beständen des Bild-Archivs als den Tatsachen entsprechend registriert waren.
Melbourne hat bewiesen, daß deutsche Olympia-Teilnehmer kein Verständnis für Trainingshärte haben - nicht immer aus Gründen, die außerhalb ihres Charakters liegen. Ein Fachmann und neutraler Augenzeuge der Melbourner Ereignisse, der Sportjournalist Horst Peets, prangerte gewisse Mitglieder der deutschen Olympia -Mannschaft an, "von denen man den untrüglichen Eindruck hat, sie machen blau. Sie haben eine Weltreise geschenkt bekommen, sie wurden belohnt, ehe sie gearbeitet hatten." Peets, der von "athletischen Snobs" schrieb, bemerkte ironisch im Hinblick auf das überraschend gute Abschneiden der Deutschen bei den Olympischen Reiter-Spielen von Stockholm: "Vielleicht wären hier in Melbourne ein paar Pferde nötig, um gewissen deutschen Laufern über die Aschenbahn zu helfen."
Der Sportwart des deutschen Teams, Pollmanns, erklärte: "Wir hatten zwei Trainingssysteme in unserer Mannschaft: die weiche' Methode der Westdeutschen und die 'harte' der Ostdeutschen." Pollmanns gab - allerdings unter dem deprimierenden Eindruck der ersten besonders stark enttäuschenden Tage - offen zu: "Beide Systeme haben versagt."
Immerhin bezeichnete Pollmanns - Experte und Beobachter vor Ort - die Trainingsmethoden des westdeutschen Olympia-Trainers Gerschler als "weich" und nicht, wie die Fisch und Oberste, als "zu hart". Der in Hamburg zurückgebliebene Leichtathletik-Trainer Seifart vom Sportverein "SuS Bergedorf" dagegen glaubte, aus den Ausplaudereien, mit denen sein Schützling Jürgen Kühl offenkundig den Ärger über sein und seiner Staffelkollegen unbefriedigendes Abschneiden brieflich abzureagieren versucht hatte, ein Urteil herleiten zu dürfen:
"Durch ein überhartes Training, das die Aktiven bei stetiger Steigerung erst in Monaten verarbeitet hätten, baute Gerschler ihre Kraftreserven ab statt auf." Inge Fuhrmanns Feststellung, daß im deutschen Olympia-Aufgebot "jeder der Teufel des anderen" sei, läßt sich also auf Gerschlers verärgert zu Hause gebliebene Trainer -Kollegen übertragen, die nach dem großen Sportfest das Porzellan zerschlugen.
Über das "teuflische" Klima in der deutschen Melbourne-Mannschaft ließ sich der Sportjournalist Wolfgang Pfundtner von einem Teilnehmer berichten: "Wir wohnen alle so eng aufeinander und werden nervös und gereizt. Viele von uns können nachts nicht schlafen und verlieren dementsprechend ihre Form."
Der deutsche Sprintermeister und Fünfte des 100-Meter-Finales von Melbourne, Manfred Germar, bestätigte: "Zwei Nächte habe ich nicht mehr geschlafen. Diese ewige Rennerei hier macht mich verrückt." Die treffendste Erklärung für die Situation der psychologisch schwer angeschlagenen deutschen Mannschaft gab der in unzähligen internationalen Wettkämpfen erfahrene und als. Turner auf Nervenkontrolle besonders trainierte Goldmedaillengewinner im Pferdsprung, Helmuth Bantz: "Nerven spielten eine größere Rolle als Muskeln."
Nur als Nervensache läßt sich erklären, daß die deutscheLeichtathletik-Mannschaft von zahlreichen Ausfällen heimgesucht wurde, deren Ursachen sich nicht immer ganz erklären ließen. "Erfolgreichster Teilnehmer der Deutschen muß Hiob sein", spöttelte die Tageszeitung "Die Welt" und stellte fest: "Die deutschen Athleten haben, bis auf wenige Ausnahmen, den Kampf vor dem Kampf Verloren. Der bloße Gedanke, sich zur Stunde X stellen zu müssen, hat einige entnervt, bei anderen hat er die seltsamsten Krankheiten und Verletzungen hervorgerufen, die kein Arzt zu heilen vermag."
Der deutsche Mannschaftsarzt Professor Dr. Reindell war schließlich genötigt, sich eines Rennrads aus den Reservebeständen der deutschen Radrennmannschaft zu bedienen, um all seine wirklich Blessierten oder nur eingebildet Kranken visitieren zu können. "Heute werden Olympiasiege durch Ärzte entschieden", scherzte ein früher aktiver Olympia-Zaungast über die verschiedenen Erscheinungsformen des Melbourner Muskelkaters.
Es lag jedoch nicht nur Spott in der Bemerkung dieses ehemaligen Sportsmannes, der mitansehen mußte, wie der amerikanische 800-Meter-Sieger Courtney noch eineinhalb Stunden nach seinem Lauf nur mit Hilfe einer aufpulvernden Spritze wenigstens zur Siegerehrung wieder auf die Beine gebracht werden konnte. Der amerikanische Ruderer Kelly, ein Bruder der Fürstin von Monaco, redete noch eine Viertelstunde, nachdem er die Bronzemedaille errungen hatte, irre auf seine Betreuer ein und wollte ihnen klarmachen, wie er seine Gegner in jenem Rennen, das er bereits hinter sich hatte, niederzurudern gedachte. Bei der Siegerehrung konnte er noch immer kaum ohne Hilfe stehen.
"Die Anforderungen an jeden Weltklasseläufer sind mörderisch", war die Meinung der deutschen Olympia-Trainer. "Das Kriterium sind nicht Herz und Lunge, es sind die Knochen und Sehnen."
Die Fachzeitschrift "Leichtathletik" versuchte sich bereits vor Rückkehr der deutschen Olympia-Teilnehmer aus Melbourne an einem Fazit: "Es genügt nicht mehr, die Herzen und den Kreislauf der hart Trainierenden zu studieren; es müssen nun auch die Orthopäden herangezogen und gehört werden." Diese versteckte Empfehlung an die Freiburger Trainingszentrale des Trios Reindell -Gerschler-Schildge (SPIEGEL 47/1956) war mit einer offiziösen Rüge gekoppelt, mit der das "Amtliche Organ des Deutschen Leichtathletik-Verbandes" das Räsonnieren zwar medaillenloser, aber durchaus redefreudiger Olympia-Teilnehmer, wie Erika Fisch, Oberste und Kühl, ernst nahm: "Es kann nicht zweifelhaft sein, daß eine solche Fülle von kranken Beinen nicht blindem Zufall zuzuschreiben ist, sondern aus einem Fehler im Trainingssystem herrühren muß."
Einen förmlich in die Augen springenden "Fehler im Trainingssystem" der deutschen Mannschaft in Melbourne verschwieg das Fachblatt: die säuberlich nach Ost und West getrennten Wettbewerbsvorbereitungen im angeblich "gesamtdeutschen" Lager. Zum Beispiel übte der ostzonale Staffel-Läufer Horst Mann abseits von seinen Staffelkameraden und ihrem Trainer Gerschler einsam unter dem "verdienten Meister des Sports" Ewald Mertens. Dessen ostzonaler Trainer-Kollege Birkemeyer hatte die Frauenstaffel über 4mal 100 Meter unter seiner Obhut - mit dem Erfolg, daß lange vor dem unrühmlichen Ende aller Hoffnungen auf eine Staffelmedaille der Frauen im gesamtdeutschen Lager das Gerücht umging, die Verletzungen der westdeutschen Staffelläuferinnen Fisch und Fuhrmann seien auf eine, böswillige Absicht Birkemeyers zurückzuführen.
Dieses unsinnige Gerücht war nur eines von vielen, die aus der politisch angesäuerten Atmosphäre im deutschen Teil des olympischen Dorfes aufstiegen. Traurige Tatsache dagegen war, daß die östliche und die westliche Hälfte dieser sogenannten gesamtdeutschen Mannschaft gegen alle Bemühungen des deutschen Equipe-Chefs Gerhard Stöck nicht nur zum großen Teil gesondert nach Melbourne flogen, sondern daß sie im olympischen Dorf auch getrennte Unterkünfte bezogen, getrennt speisten und trainierten und schließlich wohl auch nicht mehr gemeinsam kämpften.
"Westdeutsche Medaillengewinne lösten drüben scheelen Neid aus", wußte der nun allerdings nicht unverdächtige "Rheinische Merkur" aus Melbourne zu berichten, "und über Versager zeigte man sich befriedigt." Die westdeutschen Sportfunktionäre Dr. Danz und Pollmanns hätten schon nach wenigen Melbourne-Tagen verbittert bekannt: "Wir führen lieber heute als morgen nach Hause", und am Ende der leichtathletischen Wettbewerbe "war die Verstimmung so weit gediehen, daß die westdeutschen Rundfunkreporter ... die Unterkünfte der Ostzonen-Aktiven gar nicht mehr betraten ..."
Schon bei der Ankunft der deutschen Mannschaft in Melbourne hatten sich die ostdeutschei Funktionäre erfolgreich als Spalter betätigt. Sie blieben mit ihren Sportlern dem offiziellen Empfang durch den deutschen Botschafter der Bundesrepublik in Australien fern.
Der Abschluß war ähnlich. Als zum Ausklang des Olympia-Balls im Deutschen Club nach australischer Sitte neben der englischen Hymne auch das Deutschlandlied angestimmt wurde, verließen die ostdeutschen Olympia-Teilnehmer, die zuvor unbeschwert mit ihren australiendeutschen Gastgebern und den westdeutschen Sportlern getanzt hatten, auf Anweisung ihrer Funktionäre den Raum.
Olympia-Teilnehmerin Erika Fisch
Spaß am Porzellan-Zerschlagen
Funktionäre Dr. Danz, Michael*: Trauer über die Team-Spaltung
* Dr. Danz ist 1. Vorsitzender des (West-) Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Michael stellvertretender Präsident der ostdeutschen "Sektion Leichtathletik".

DER SPIEGEL 51/1956
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