16.03.1960

DER TOD KOMMT MIT DER POST

Ein Dutzend Tote in fünf Ländern beträgt die Strecke von Frankreichs Terroristen der "Roten Hand" auf dem europaischen Nebenkriegsschauplatz des Kampfes um Algerien. Schiffe wurden versenkt, Autos in die Luft gesprengt, Waffenhändler und algerische Rebellen mußten sterben. Dieser unterirdische Terrorkrieg begann vor zehn Jahren in Nordafrika mit den gleichen Methoden und - zum Teil - mit denselben Akteuren.
2. Fortsetzung
Das Todeskarussell von Mord, Foltern und Verstümmelung, von Eingeborenen-Terror und französischem Gegenterror, das sich nun auch in Deutschland dreht, wurde 1950 in dem damaligen französischen Protektorat Tunesien in Gang gesetzt.
Dort hub jene Entwicklung an, die schließlich zu den Attentaten in Hamburg und Rom, Genf und Frankfurt führte. Denn damals begannen die tunesischen Rebellen der nationalistischen "Néo-Destour" - Partei einen Guerilla -Krieg gegen die weißen Kolonialherren, dem Frankreichs Polizei und Armee mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht mehr gewachsen waren.
Felder gingen in Flammen auf, Fabrikanlagen wurden demoliert, Telegraphenmasten gefällt, Schienenstränge gesprengt, Europäer überfallen und ausgeraubt. Während sich im fernen Asien Frankreichs militärische Niederlage gegen die Roten Indochinas anbahnte, schlossen sich in Tunesien die Siedler, meist kleine Bauern, Handwerker und Beamte italienischer Herkunft, zu Selbstschutzorganisationen zusammen, deren mächtigste die rote Farbe der sizilianischen Mafia mit dem Namen des muselmanischen Glücksemblems "Die Hand von Fathme" verband und sich den Namen "Die Rote Hand" gab.
Chef der "Roten Hand" von Tunesien wurde ein aktiver Stabsoffizier der französischen Armee. Die "Rote Hand" unterhielt in allen Städten des Landes Rollkommandos, die meist unter Führung eines ehemaligen Soldaten standen und grundsätzlich nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit mit einem oder zwei Wagen stets in Orten operierten, in denen sie nicht ansässig waren.
Aufgabe der "Rote Hand"-Kommandos war es, die örtlichen Führer der "Néo-Destour"-Partei in Schach zu halten, sei es durch Drohung, Repressalien, Entführung oder - notfalls - durch Mord.
Je grausamer die braunen Todfeinde Frankreichs die Frauen und Kinder ihrer Gegner verstümmelten, desto rücksichtsloser arbeitete der rothändige Gegenterror. Mord- und Attentats-Praktiken wurden vervollkommnet. Das Zusammenspiel der französischen Terroristen mit Armee und Regierung, das heute auch in Europa zu beobachten ist, wurde eingefädelt. Der Geheimdienst schaltete sich ein. Die ersten Maschen des heute ganz Nordafrika und Europa überspannenden Netzes der "Roten Hand" wurden geknüpft.
Am 3. Dezember 1952 wird in Tunis auf einem Kriegsrat der Terroristen, an dem mindestens zwei französische Obristen und drei höhere Polizeibeamte teilnahmen, der Plan für einen Mord im Stil der "Roten Hand" entworfen.
Das ausersehene Opfer ist der tunesische Gewerkschaftsführer Ferhad Hached, ein einfacher Dockarbeiter, der Tunesiens Gewerkschaft sowohl von kommunistischen als auch französischen Einflüssen gesäubert und zum Sturmtrupp des tunesischen Nationalismus entwickelt hat.
Mit der Leitung des Attentats auf diesen Mann wird der französische Abwehr-Offizier Lucien Rouveure beauftragt, dessen Einfluß sogar der Kontrolleur der tunesischen Polizei, ein Elsässer namens Schwertz, und sein Kommissar Gillet fürchten.
Den folgenden Tag, den 4. Dezember 1952, braucht Lucien Rouveure, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Der Kriminalfilm, der unter seiner Regie dann abläuft, ist von historischem Interesse, weil er die später - auch in Deutschland - immer wieder praktizierte Gemeinschaftsarbeit von Terroristen und französischen Behörden in seltener Klarheit enthüllt.
Am Morgen des 5. Dezember 1952, einige Minuten nach 8 Uhr, verläßt der tunesische Gewerkschaftsführer Ferhad Hached sein Haus in Rades, etwa zehn Kilometer von Tunis entfernt, um in die Hauptstadt zu fahren.
Hinter ihm wird die Straße von Polizei abgesperrt, der Verkehr nach Tunis gestoppt. In dem nahegelegenen Hafen La Goulette ist bereits ein Motorboot aus Biserta eingetroffen, das sich dort für einen Geheimauftrag bereit hält - für den Abtransport der Leiche des Gewerkschaftlers.
Von alledem merkt Ferhad Hached nichts. Zwar hat er schon Ende November einen mit einer roten Hand signierten Drohbrief erhalten, den er an seinen zur Uno-Debatte über Tunesien in New York weilenden Freund Salah Ben Youssef weiterleitete, und auch der französische Generalresident in Tunesien hat dem damaligen französischen Ministerpräsidenten Antoine Pinay gesprächsweise mitgeteilt, daß Ferhad Hached in Lebensgefahr schwebe. Aber die einzige Vorsichtsmaßnahme Ferhad Hacheds war die Verschickung seiner Familie zu Verwandten in die tunesische Hafenstadt Sousse.
Ferhad Hached hat etwa zwei Kilometer zurückgelegt, sein Wagen rollt auf leicht abschüssiger Chaussee gerade an einer Friedhofsmauer vorüber, da peitscht von hinten aus einem zum überholen ansetzenden Citroen eine MP -Garbe über seinen Kopf.
Hached stoppt, springt aus dem Wagen und läuft querfeldein. Auch der Wagen seiner Verfolger bremst und hält. Einer der Insassen gibt einen Pistolenschuß auf den Fliehenden ab, trifft - Hached fällt zu Boden. Der Citroen fährt wieder an und biegt hundert Meter weiter in einen Seitenweg ab.
Mehrere Leute haben diesen Vorfall beobachtet: ein Feldarbeiter, der etwa 50 Meter entfernt steht, ein Hirtenjunge, ein Radfahrer und die Insassen eines kleinen Lastwagens, der sich aus entgegengesetzter Richtung näherte. Die Insassen sind drei Europäer.
Sie alle sehen, wie der angeschossene Ferhad Hached sich vom Boden erhebt. Er ist nur leicht verletzt und bittet den Lastwagenchauffeur, mit Namen Serre, ihn in ein Krankenhaus nach Tunis zu fahren. Der Fahrer zögert, denn er will nach Rades und fürchtet überdies, daß seine Polster Blutflecken bekommen könnten.
In diesem Augenblick braust ein Simca-Aronde heran mit ebenfalls drei europäischen Insassen. Sie fahren in Richtung
Tunis, halten und sind sofort bereit, den Verwundeten mitzunehmen. Um 8.25 Uhr steigt Ferhad Hached in ihren Wagen; es soll seine letzte Fahrt werden.
Zwanzig Minuten später, um 8.45 Uhr, wird sein lebloser Körper, von Kugeln durchsiebt, im Straßengraben der Chaussee nach Nassen aufgefunden, etwa fünf Kilometer vom Ort des ersten Überfalls entfernt.
Unter den Beamten, die ihn angeblich "auffindend" befinden sich Polizisten aus Tunis, die dort gegen 8.25 Uhr abfuhren, um die Leiche zu suchen - zu einer Zeit, als Hached noch lebte.
Die Tätigkeit, die von den französischen Hütern der Ordnung nun entfaltet wird, ist nicht weniger mysteriös. Sie laden die Leiche in ihren Wagen, beseitigen alle Spuren und begeben sich zum Tatort des ersten Überfalls. Dort verwischt ein Beamter mit eigens dazu mitgebrachtem Besen alle Reifenspuren, ein anderer sammelt die leeren Patronenhülsen auf. Der dritte fährt den Wagen des Ermordeten weg. Das Fahrzeug wird später auf dem Hof des Militärgerichts abgestellt. Die Leiche wird ins Militärhospital nach Tunis gebracht, die
Staatsanwaltschaft um 12.15 Uhr - fast vier Stunden nach dem Verbrechen - von dem Vorfall verständigt.
Inzwischen haben
Gewerkschaftsfreunde Hacheds von dem ersten Überfall erfahren. Ein tunesischer Autofahrer, der Hacheds Wagen, leer und von Kugeln durchlöchert, auf der Straße stehen sah, hatte die Gewerkschaftszentrale angerufen. Zwei Sekretäre fahren sofort in Richtung Rades. Unterwegs kommt ihnen der Wagen Hacheds entgegen, den ein Polizist in Zivil in Richtung Tunis steuert. Sie fahren weiter.
Am Ort des ersten Überfalls angekommen, finden sie noch einige Glassplitter und eine Patronenhülse, die der Polizei entgangen ist. Der Feldarbeiter und der Hirtenjunge berichten, was sie gesehen haben.
Daher glauben die beiden Gewerkschaftler, daß Hached zwar verwundet, aber noch am Leben sei. Sie machen sich auf die Suche - zuerst zum nächsten Polizeiposten, nach Mégrine. Der Postenführer sagt, er wisse von nichts, obwohl er von den Augenzeugen erkannt worden war: Er war dabei gewesen, als man den Wagen fortschaffte.
Die beiden Gewerkschaftler fahren
weiter zum Kommissariat von Hammam Lif. Der Kommissar behauptet, von nichts zu wissen. In Wahrheit war er Zeuge des Abtransports der Leiche durch die Polizisten aus Tunis gewesen.
Dritter Stopp der beiden tunesischen Gewerkschafts-Sekretäre: der Polizeiposten von Rades. Auf dem Schreibtisch des Postenführers sehen sie die Brieftasche des Ermordeten und mehrere Patronenhülsen. Der Postenführer läßt die Brieftasche verschwinden und erklärt, von nichts zu wissen.
Letzte Station der beiden Tunesier ist das Polizeipräsidium in Tunis. Dort finden sie den Kommissar und die Postenführer wieder, die ihnen eben noch ihre Ahnungslosigkeit beteuert hatten. Auf den Höfen des Polizeipräsidiums sind Uniformierte Polizisten angetreten und empfangen Stahlhelme und Maschinenpistolen. Es scheint, daß höchste Alarmbereitschaft verfügt worden ist.
In den folgenden Stunden werden sämtliche Freunde des Ermordeten verhaftet. Der tunesische Untersuchungsrichter wird durch einen französischen Kollegen ersetzt. Dieser Franzose, Buthaud mit Namen, scheint sich jedoch geweigert zu haben, die offizielle Vertuschung mitzumachen. Er wird noch am selben Tag durch den Richter Soulet abgelöst, einen Mitläufer der "Roten Hand".
Richter Soulet unternimmt nicht den geringsten Versuch einer Aufklärung. Obgleich es in ganz Tunesien keine 350 Wagen vom Typ Simca-Aronde gibt, in dem der noch lebende Hached fortgeschafft wurde, werden die Ermittlungen nach wenigen Monaten als "ergebnislos" eingestellt.
Inzwischen hat sich sogar die französische Presse in Paris empört. Am 8. Januar 1953 behauptet "France-Observateur": "Ein hoher französischer Beamter in Tunesien hat der Generalresidenz kurz nach dem Attentat die Liste der französischen Beteiligten an den Attentaten der sogenannten 'Roten Hand' übergeben. Unter den Namen dieser Liste befinden sich auch die von Polizeibeamten. Die Liste wurde zur Sicherheit auch nach Paris geschickt... Nichts ist darauf geschehen."
Ein anderer französischer Journalist, Daniel Guérin, bezeichnet in "Le Monde" zwei Polizeikommissare, Pietrangeli und Santonini, als mutmaßliche Täter.
Das nächste Mal hört man von den beiden ein halbes Jahr später in einer amtlichen Verlautbarung: Einige französische Polizisten sind befördert worden und haben Auszeichnungen erhalten, "darunter Santonini und Pietrangeli ..."
So geartete Führung, Planung und Organisation der "Roten Hand" lassen die Selbstschutzorganisation bald zur gefährlichsten Macht in Tunesien werden. Doch damals schon geschieht, was sich später - wenn auch nicht in gleichem Ausmaß - in Marokko, Algerien und schließlich in Europa wiederholt: Die gerufenen Geister wachsen ihren Meistern über den Kopf. Kriminelle Elemente der "Roten Hand" entwinden sich der Führung der französischen Patrioten, beginnen Araber zum Vergnügen abzuschießen und betreiben ein einträgliches Geschäft, indem sie wohlhabende Tunesier mit Mordandrohungen erpressen.
Einmal vom Pfad der Rechtsstaatlichkeit abgewichen, sehen sich Frankreichs Behörden und auch die Führer der "Roten Hand" selbst nicht mehr in der Lage, dieser Auswüchse Herr zu werden und das Racket zu brechen, ohne sich selbst zu gefährden.
Erst mit Gewährung der Autonomie an Tunesien, 1956, endet dort die Tätigkeit der "Roten Hand". Schon 1953 betrug nach Angaben der Pariser Zeitung "Franc-Tireur" ihre Strecke in Tunesien 72 Menschen - wie hoch sie drei Jahre später, bei Verleihung der Autonomie war, kann nur geschätzt werden. Die versiertesten Aktivisten der "Roten Hand" haben unterdessen Tunesien längst verlassen und in Marokko und Algerien neue lohnende Tätigkeitsfelder gefunden.
Im französischen Protektorat Marokko, von Tunesien durch die ganze Breite der französischen Provinz Algerien getrennt, begann der offene Aufstand gegen die Kolonialherren fast drei Jahre später als die Rebellion in Tunesien: Die Verhaftung, Absetzung und Deportation des damaligen Sultans und heutigen Königs Mohammed V. im August 1953 war das Fanal. Bannerträger der Unabhängigkeitsbewegung wurde die marokkanische Nationalisten-Partei "Istiqlal".
Auch in Marokko löste zunächst der Eingeborenen-Terror den französischen Gegenterror aus. Wieder griffen Siedler, Beamte und Soldaten zur Selbsthilfe, sie gründeten die "Présence Francaise". Aus der "Roten Hand" in Tunesien wurden in Marokko als Terror-Stoßtrupps dieser Selbsthilfe-Organisation: die Schwarze Hand" ("La Main Noire"), die ODAT und AGIR. Ihre Praktiken blieben die gleichen: ebenso wohlorganisierte wie skrupellose Anschläge einer seltsam gemischten Gesellschaft von Idealisten, Geschäftsleuten und Wegelagerern gegen alle Feinde Frankreichs.
Ein junger französischer Polizeioffizier, Inspektor Forestier, selbst ehemaliger Terrorist, legte seinen Vorgesetzten in Casablanca Ende 1953 Material über diese Terror-Organisationen vor. Darunter befand sich eine Aufstellung der nächsten Opfer. Die folgenden Attentate bestätigten mit Blut die Authentizität der Abschußliste. Inspektor Forestier konnte sich des beruflichen Triumphes nicht erfreuen. Er starb wenige Wochen nach seiner vorwitzigen Eingabe im Januar 1954 - bei einem "Verkehrsunfall".
Die zwei charakteristischen Elemente der "Rote Hand"-Tätigkeit in Tunesien, die später auch die Attentate in Algerien und Deutschland kennzeichnen werden - Unterstützung durch französische Behörden und Mißbrauch der politischen Aktion zu persönlichen Geschäftszwecken - wiederholen sich in Marokko.
Hinzu aber treten in Marokko zwei neue Wesenszüge des Terrors, die ebenfalls später in Algerien und Europa aufzuspüren sein werden:
- Attentate, die nicht nur gegen Moslems,
sondern auch gegen französische Verständigungspolitiker gerichtet sind, aber den farbigen Rebellen in die Schuhe geschoben werden, um so die französisehe Volkswut gegen Marokkaner und alle schwachen Regierungen in Paris anzustacheln;
- Attentate, deren Wurzeln bis in jenes
dunkle Kapitel französischer Geschichte zurückreichen, da die Nation im Zweiten Weltkrieg in Vichy-Anhänger und Resistance gespalten war.
In die erste Kategorie fallen zwei mißlungene Anschläge auf den damals gerade über den Verlust Indochinas gestürzten Ministerpräsidenten Mendés -France und die ebenfalls erfolglosen Anschläge auf den hochdekorierten Jagdflieger aus dem Zweiten Weltkrieg und Parlamentsabgeordneten Pierre Clostermann sowie den französischen Generalresidenten für Marokko und ehemaligen Saar-Kommissar Gilbert Grandval.
In die zweite Kategorie gehört die Ermordung des Industrie-Millionärs Jacques Lemaigre-Dubreuil am 11. Juni 1955 in Casablanca.
Durch ein unglückliches Versehen gerät - Jahre nach diesen Anschlägen - der französischen Justiz ein Individuum in die Fänge, das über nahezu alle diese Attentate lückenlose Angaben machen kann und will.
Dies ist der Mann: Am 24. April 1958 wird in Paris dem Untersuchungsrichter Martial Larocque in Gegenwart des Gerichtsschreibers Chatel und des Rechtsanwalts Dreyfus ein gewisser Louis Damiani vorgeführt, der 1957 auf frischer Tat bei einem Raubüberfall in der Nähe der Hauptstadt ertappt und festgenommen worden war.
Louis Damianis Aussagen beziehen sich indes nur beiläufig auf seinen Raubüberfall. Untersuchungsrichter Larocque macht ihn denn auch mehrfach darauf aufmerksam, daß seine Angaben nicht zur Sache gehörten, aber Louis Damiani besteht auf ihrer Protokollierung, weil sie - wie er sich ausdrückt - "für meine Verteidigung wichtig sind".
Was der Pariser Untersuchungsrichter so ungern mitstenographieren läßt und der Räuber Damiani zu seiner Verteidigung vorzubringen hat, ist seine Teilnahme an einem guten Dutzend Attentaten und Morden in Marokko im Namen Frankreichs.
"Ende 1954", so heißt es in dem Protokoll über die Aussagen Louis Damianis, "als ich in Casablanca war, wurde ich von Freunden in die Bewegung 'Présence Francaise' aufgenommen, die von einem Dr. Causse geleitet wurde und die den marokkanischen Terror und Nationalismus durch Gegenterror oder durch Anschläge auf hohe Persönlichkeiten der 'Istiqlal'-Partei oder gegen gewisse französische Persönlichkeiten, die für die Unabhängigkeit waren, bekämpfen sollte."
Der genannte Dr. Causse, ein Arzt aus Casablanca, hatte, als getreuer Befehlsempfänger des französischen Großkapitals in Marokko reichlich mit Finanzmitteln versehen, die Selbstschutzorganisation der Siedler, die "Présence Francaise", aufgebaut.
Er war der Drahtzieher eines viertägigen Blutbads in Casablanca, das am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli 1955, begann und sich - ganz ähnlich den Anfang dieses Jahres in Algier abgelaufenen Ereignissen - gleichermaßen gegen eingeborene Rebellen und eine schlappe französische Verwaltung richtete:
Während in Casablanca aufgeputschte Europäerinnen ihre Männer aufforderten, die "marokkanischen Ratten" totzuschlagen, fegten bei einem Trauergottesdienst in Rabat empörte Kolonisten dem Generalresidenten Gilbert Grandval die Mütze vom Kopf, bespuckten ihn und rissen seine Epauletten ab.
Der Initiator des Aufstands und Führer der "Présence Francaise", Dr. Causse, wurde von französischen Behörden aus Marokko ausgewiesen. Sein Gehilfe, Louis Damiani, gibt drei Jahre später in Paris vor dem Untersuchungsrichter zu Protokoll: "Ich ergänze noch, daß ich Dr. Causse, nachdem er des Landes verwiesen worden war, 24 Stunden lang in meiner Wohnung untergebracht habe."
Zwischen dem ersten Kontakt Louis Damianis mit der "Présence Francaise" Ende 1954 und der Unterschlupf-Gewährung für ihren Führer Dr. Causse Mitte 1955 liegt nun jenes Dreivierteljahr, in dem das Liquidations-Kommando der Selbstschutzorganisation die meisten und schwersten Attentate inszenierte.
Louis Damiani berichtete über diese Zeit und seine Rolle: "Ich muß sagen, daß ich selbst... mit dem Revolver auf Muselmanen geschossen habe...
"Ich gebe noch an, daß ich in meiner Wohnung ein Waffenlager hatte, das mir von der Bewegung anvertraut worden war, nämlich drei Maschinenpistolen, vier oder fünf Revolver, Sprengstoff, Handgranaten, Zünder..."
Und: "Übrigens habe ich damals und gegen Januar oder Februar 1955 an einer Reihe von Bombenattentaten auf Mohammedaner teilgenommen."
Über Vorbereitung und Ausführung der verschiedenen Anschläge in jener Zeit hat Louis Damiani zu Protokoll gegeben:
"Die Aktionen wurden bei Besprechungen beschlossen, die in der Villa eines gewissen Charles Luigi, Boulevard des Mutiles in Casablanca, stattfanden und an denen im allgemeinen Dr. Causse, Luigi, André Congos, Oberst Raymond, Avival, ein Polizist mit Vornamen Roger, ein gewisser (Polizeiwachtmeister) Antoine Mellero und hin und wieder ich selbst teilnahmen. Die Befehle wurden uns von Dr. Causse gegeben, meistens durch Vermittlung von Congos."
Mit allen Einzelheiten beschreibt Louis Damiani seine Teilnahme an fünf Mordanschlägen. Teils waren die Opfer braun, teils weiß; teils wurde mit Maschinenpistolen, teils mit Revolvern auf sie geschossen. Drei Opfer kamen davon, zwei blieben auf der Strecke. Alle fünf Attentate aber wurden von Louis Damiani gemeinsam mit seinen Berufskollegen Congos und Mellero von einem Wagen aus verübt.
Im Juli desselben Jahres nahm Damiani dann an zwei Anschlägen teil, die dem tristen Alltag eines Attentäters Glanz verleihen und Damiani einen Platz in der modernen Attentats-Geschichte sichern: gegen den Industriellen Jacques Lemaigre-Dubreuil und dessen Freund, den ehemaligen Ministerpräsidenten Mendès-France.
Jacques Lemaigre-Dubreuil war ein millionenschwerer Abenteurer. Von Haus aus wohlhabend - Hauptaktionär des Warenhauskonzerns Printemps und mit der Erbin der französischen Ölmühlen -Könige Lesieur verheiratet-, wurde er im Ersten Weltkrieg wegen Tapferkeit vor dem Feind mehrmals im Heeresbericht erwähnt, verbrachte die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg mit Expeditionen in das Innere Afrikas sowie mit der Mehrung seines Vermögens und erlebte den französischen Zusammenbruch 1940 als Ordonnanzoffizier des Generals Weygand.
Nach der französischen Kapitulation über die Generale Weygand und de Gaulle gleichermaßen enttäuscht, inszenierte Lemaigre-Dubreuil 1942 von Nordafrika aus in Zusammenarbeit mit dem Trouble-Shooter der US-Diplomatie, Robert Murphy, die Flucht des französischen Generals Giraud von der Feste Königstein im Taunus nach Algier.
Obgleich ihm trotz des Verdachts, Landesverrat begangen zu haben, im Zwielicht der Befreiung schließlich gerichtlich bescheinigt wurde, er habe "zum Ruhm des Vaterlandes beigetragen", kehrte Jacques Lemaigre-Dubreuil diesem Vaterland den Rücken und ließ sich nach Kriegsende in Marokko nieder.
Jacques Lemaigre-Dubreuil wurde zum Vorkämpfer einer liberalen Verständigungspolitik Frankreichs gegenüber den nordafrikanischen Kolonien.
Im April 1955 erwirbt der inzwischen 61jährige Millionär die Aktienmehrheit der großen marokkanischen Zeitung "Maroc-Presse". Er ist mit dem ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Mendès-France eng befreundet, der gleichfalls eine Verständigungspolitik gegenüber dem Selbständigkeitsdrang der afrikanischen Kolonien verficht.
Am 10. Juni 1955 hat Lemaigre-Dubreuil in Paris eine Unterredung mit Ministerpräsident Faure. Tags darauf kehrt er nach Casablanca zurück. Dort erwartet ihn das erprobte Terroristen -Trio Congos, Mellero und Damiani.
Das Trio hat - nach den Aussagen Damianis - durch ein an Dr. Causse gerichtetes Telegramm aus Frankreich von der Rückreise Lemaigre-Dubreuils erfahren.
Am späten Abend des 11. Juni 1955 parken die drei ihren Citroen 15 CV vor dem modernen Appartement-Haus "Liberté" in Casablanca, in dem der Millionär eine Wohnung unterhält, und löschen die Scheinwerfer.
Sie warten über eine Stunde, behalten den hellerleuchteten Ausgang ständig im Auge und beobachten die erleuchteten Fenster im zweiten Stock.
Endlich um 23.30 Uhr geht das Licht dort aus. Wenige Minuten später treten zwei Herren aus der Eingangstür und verabschieden sich voneinander. Lemaigre-Dubreuil geht zu seinem Wagen, der nahe dem Hauseingang geparkt ist.
In dieser Sekunde flammen die Scheinwerfer des Citroen auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf. Der Wagen fährt an, direkt auf Lemaigre - Dubreuil zu. Aus einem Seitenfenster knattert eine MP - Garbe. Congos ist kein schlechter Schütze. Von mehr als 20 Kugeln getroffen, sinkt sein Opfer tot zu Boden.
Die Nachricht von der Ermordung des Jacques Lemaigre -Dubreuil erschreckt Frankreich, verstört Paris. Diesmal hatte kein unbekannter, matthäutiger Muselmane ins Gras gebissen, sondern ein Franzose, der sich mit Ministerpräsidenten der IV. Republik duzte und dessen Beziehungen bis zum Weißen Haus in Washington reichten.
Der Chef der französischen Abwehr ("Direction de la Surveillance du Territoire"), Roger Wybot, 49, den General -Staatschef Charles de
Gaulle erst im vergangenen Jahr seines Postens enthob, nachdem der Schwiegersohn des Generals im Pariser Privatquartier des Präsidenten, dem "Hotel La Pérouse", durch Zufall eine von Wybot angebrachte Abhörvorrichtung entdeckt hatte, knurrte damals in seinem Büro an der Seine: "Ohne daß ich es nötig hätte, meinen Schreibtisch zu verlassen, könnte ich die Mörder und ihre Auftraggeber benennen."
Dennoch geschieht in dieser Sache nichts. Auch als Congos, Mellero und Damiani wegen krimineller Delikte Jahre später einzeln in die Hände der französischen Polizei fallen, werden sie wegen ihrer Morde in Marokko nicht verurteilt.
Mellero wird dabei von demselben Mann verteidigt, der den ausgewiesenen Führer der marokkanischen Terroristen, Dr. Causse, bei seiner Ankunft auf dem Pariser Flugplatz Orly begrüßte und der Jahre später auch den von der deutschen Kriminalpolizei gesuchten Christian Durieux berät: dem "Ultras"-Verschwörer, Anwalt und Abgeordneten Jean-Baptiste Biaggi.
Wie sicher sich das Terroristen-Trio damals gedeckt wußte, geht aus den Aussagen Damianis hervor:
"Einige Stunden nach diesem Ereignis (der Ermordung Lemaigre - Dubreuils) wurden wir durch ein anderes Telegramm davon benachrichtigt, daß in der Zwischenzeit auch Monsieur Mendès -France in Casablanca angekommen war. Wir wurden beauftragt, ihn zu erschießen, Congos, Mellero und ich.
"Wir wußten, daß er sich in die Wohnung Monsieur Lemaigre - Dubreuils, von dem ich gerade gesprochen habe, begeben würde, und wir sind in einem Chevrolet dorthin gefahren ...
"Wir haben ungefähr eine Stunde vor dem Eingang des Gebäudes gewartet, aber als Monsieur Mendès-France herauskam, haben wir gesehen, daß, er von zahlreichen Polizisten umgeben war, und wir haben nichts ausrichten können ...
"Ich will hierzu noch ergänzen, daß ich später erfahren habe, daß Congos nach Frankreich geschickt wurde, und zwar mit dem Auftrag, dort Kontakt zu gewissen politischen Kreisen aufzunehmen und noch einmal ein Attentat auf Ministerpräsident Mendès-France in Paris zu versuchen.
"Ich habe erfahren, daß er dort gewesen ist und daß er bestimmte Persönlichkeiten kontaktiert hat."
Damit kommt der Attentäter Damiani auf ein Thema zu sprechen, das dem vernehmenden Untersuchungsrichter in Paris naturgemäß unangenehm sein muß: Die Drähte der Terroristen von Marokko nach Paris.
Damiani: "Ich bin bereit, die Namen der Personen zu nennen, die Congos aufgesucht hat, wie er mir sagte, denn ich bin der Meinung, daß alles dieses für meine Verteidigung wichtig ist, und ich behalte mir vor, es zu benutzen.
"Es handelte sich also um Marschall Juin, um den Polizeikommissar Dides, um Maitre Biaggi, um Maître Tixier-Vignancour und um Monsieur Mattei, Direktor der Grandes Garages de Paris."
Und an einer anderen Stelle heißt es bei Damiani: "Wenn ich mitgemacht habe, dann wegen der sogenannten patriotischen Aufschneidereien des Dr. Causse, der mir gesagt hat, man müsse wie ein Soldat für Frankreich marschieren, und Marschall Juin, Tixier-Vignancour, Dides und Biaggi billigten unsere Tätigkeit."
Fast zur selben Zeit wie Louis Damiani berichtet, am 5. Mai 1958, auch die tunesische Zeitung "Action" über Marschall Juins angebliche Verwicklung in die Affäre Lemaigre-Dubreuil:
"Am Tage seiner Ermordung hatte Lemaigre-Dubreuil eine Aktentasche bei sich, die er niemals aus den Händen ließ und aus der zumindest ein Dokument verschwunden ist. Es handelt sich um einen Brief, den das besternte Képi (Marschall Juin) an (den französischen Faschistenführer) Marcel Déat während der deutschen Besetzung (Frankreichs) geschrieben hat und worin es hieß: 'Ich wäre sehr glücklich und stolz, unter dem Befehl von General Rommel zu dienen.' Admiral Darlan, der damals mit den Deutschen eng zusammenarbeitete, soll diesen Brief einmal in Händen gehabt und dazu bemerkt haben: 'So viel verlangt man ja gar nicht von ihm...'"
Diese Angaben über Vichy-Vergangenheit und Terror-Interesse des letzten lebenden Marschalls von Frankreich und ersten Befehlshabers der Nato-Streitkräfte in Mitteleuropa werden durch die Tatsache untermauert, daß ein vertrauter Mitarbeiter Juins im Zweiten Weltkrieg nach dem Sieg wegen Kollaboration zum Tode verurteilt wurde und der Marschall selbst später sowohl in den ersten, geglückten, als auch in den zweiten, erfolglosen, Putsch von Algier verwickelt war.
Tatsache ist ferner, daß eine Untersuchung der marokkanischen Anschläge erstmals Verbindungen zwischen den Attentaten in Nordafrika und späteren Terror-Akten in Europa bloßlegt. Von den Mitgliedern des Verschwörer -Kreises, die - laut Louis Damiani - zusammen mit Dr. Causse, Congos und Mellero in Casablanea die einzelnen Morde planten, ist der Oberst Raymond heute Führer der rechtsextremistischen "Ultras" in Lyon.
Der Damiani-Kollege Avival lebt zur Zeit unter dem Decknamen Havilland bei Montreux am Genfer See, wo die "Rote Hand" eine Art Heim gefallener junger Männer für die europäischen Attentats-Einsätze unterhält. Dieses Quartier befindet sich keinen Steinwurf weit von jener Villa entfernt, in der Frau Ferhat Abbas lebt, die Frau des Regierungschefs der algerischen FLNRebellen. Hier haben sich nacheinander aufgehalten
- der Terrorist Avival aus Marokko;
- der langjährige Führer der französischen Terroristen in Algerien, Kovacs;
- der geflohene Führer des letzten Putsches von Algier, Caféhausbesitzer Ortiz, und
- der von marokkanischer und deutscher Polizei gesuchte Attentäter Jean Viari, genannt "der Killer".
Wie die Verstrikkungen des Terroristen-Anwalts Biaggi, der sowohl in die marokkanischen Attentate als auch später in den Putsch von
Algier und die Tätigkeit der "Roten Hand" in Deutschland verwickelt war, wie das Leben und das Sterben des Waffenhändlers Georg Puchert, der schon 1954 von Tanger aus an die marokkanischen Aufständischen Waffen lieferte und 1959 als Nachschuborganisator der algerischen Revolution in Frankfurt ermordet wurde, so ist auch die Tätigkeit Viaris ein Beweis für die personellen Zusammenhänge zwischen den Attentaten in Nordafrika und in Deutschland.
Von der deutschen Kriminalpolizei wird der Ex-Polizei-Inspektor Viari heute im Zusammenhang mit dem Mord an Puchert gesucht. Vom französischen Geheimdienst in Marokko wurde Viari damals wegen seiner profunden Kenntnisse der Eingeborenen-Methoden und wegen der Dynamik seiner Aktionen geschätzt. Im Kabarett "Negresco", Casablanca, war er für seine Schwächen - Alkohol und leichte Mädchen - bekannt.
Dem Stammnachtlokal Viaris in Casablanca, "Negresco", lag das "Cafe Rex" direkt gegenüber, in dessen Keller sich die französischen Terroristen, meist junge Männer korsischer Abstammung, zu treffen pflegten. Dort und in seiner Wohnung in Casablanea, Rue Franchet-D'Esperay, konferierte Viari mehrmals mit dem Terroristen-Trio Congos, Mellero und Damiani.
Die Wagen des Waffenaufkäufers Georg Puchert in Frankfurt und des Jagdwaffenhändlers Otto Schlüter in Hamburg wurden - auch das ist ein Beweis für die Überschneidung der Aktionen in Marokko und in Deutschland - mit Haftladungen jenes Typs in die Luft gesprengt, mit dem in Rabat auch der stellvertretende Generalstaatsanwalt Marokkos, Auguste Thuveny, in seinem Auto getötet worden war; ein eingeborener Apotheker und Rebell im marokkanischen Meknès wurde von den Terroristen per Post ebenso durch ein Sprengstoff-Päckchen beseitigt wie in Europa Jahre später die Frau des Präfekten von Straßburg, Henriette Tremeaud; dem algerischen Waffenhändler Abd el-Kader Noassri wurden durch ein Todes-Postpäckchen beide Hände abgerissen.
Ist es so offenbar, daß gewisse Ursprünge der Täter, Methoden und Motive der "Rote Hand"-Attentate in Deutschland in die Jahre zwischen Deportation des Sultans von Marokko (1953) und der Unabhängigkeit des Staates (1956) zurückreichen, so läßt doch erst die Ende 1954 ausbrechende algerische Revolution Westeuropa endgültig zu einem Nebenkriegsschauplatz von Frankreichs Kolonialkrieg werden und den Terror auf die Alte Welt überspringen.
Das algerische Drama hebt in der Nacht zum Allerheiligen-Tag 1954, dem 1. November, an. Algerische Partisanen überfallen Europäersiedlungen bei Algier und Constantine. Die Zahl der Opfer jener Nacht ist gering: 28 Weiße. Und doch hat damit das blutigste und gefährlichste Schauspiel in Frankreichs Kolonialgeschichte begonnen. 500 000 Menschenleben hat es bisher gekostet; die IV. Republik ging dabei in Scherben; die V. Republik des Charles de Gaulle ist bis ins Mark vergiftet.
Der Kampf um Frankreichs letzte Kolonialbastion in Nordafrika wurde auf beiden Seiten grausamer, tückischer und verzweifelter geführt, als alle vorangegangenen Schlachten. Je unabwendbarer -nach dem Vorbild Indochinas - der Verlust der benachbarten Protektorate Tunesien und Marokko erschien (die 1956 ihre Unabhängigkeit erhielten), desto verbissener krallten sich Armee und Siedler in Algeriens Boden fest.
Der französische Konter-Terror wuchs zu jener staatsgefährdenden Macht heran, die er heute noch darstellt. Mit dem gleichen tödlichen Haß, mit dem die Terroristen jeden Führer der algerischen FLN-Rebellen umlegten, der ihnen in die Hände fiel, verfolgten sie von da an - von Generälen und Ministern in Paris und Algier unterstützt - auch jeden französischen Verständigungspolitiker.
Am Abend des 16. Januar 1957 ereignet sich in Algier eines der verwegensten Attentate der Geschichte, das der Welt damals schon mahnend vor Augen führte, welchem Abgrund Frankreich in Algerien entgegentreibt.
Es ist gegen sieben Uhr. Der französische Oberbefehlshaber in Algerien, General Raoul Salan, hat wie gewöhnlich in seinem Hauptquartier in der Altstadt die Post erledigt. Aber statt - wie sonst üblich - anschließend seine Mitarbeiter zur Lagebesprechung zu empfangen, ist er auf eine dringende Bitte des Algarien-Ministers Robert Lacoste in das in der Nähe liegende Generalgouvernement gegangen.
Der General, den die französischen Rechtsextremisten an dem Verlust Indochinas für mitschuldig erachten und von dem sie eine ähnliche Politik in Algerien erwarten, sitzt dem Minister gegenüber, als eine Doppel-Detonation die Scheiben erzittern läßt. "Welche Scheiße haben sie nun wieder gemacht?" fragt der Minister Lacoste ärgerlich. General Salan ist ans Fenster gestürzt. "Aber das ist ja mein Haus!" ruft er verstört, als er im orangefarbenen Feuerschein auf einem Dachstuhl die Standarte der 10. Region flattern sieht: "Ich laufe hinüber."
General Salans Büro gleicht einem Schlachtfeld. Zwei Panzerfäuste haben es verwüstet. Eine ist durch das Fenster eingedrungen, die andere hat die Mauer durchschlagen. Eine Geschoßspitze raucht noch auf dem Teppich vor dem durchlöcherten Schreibtisch des Oberbefehlshabers; daneben liegt Salans Adjutant Rodier tot am Boden. In der nächsthöheren Etage ist die kleine Tochter Salans, die gerade über ihren Schulaufgaben saß, von Fenstersplittern schwer verwundet. Sie wird drei Monate zur Genesung brauchen.
Was nun geschieht, haben die beiden französischen Militärexperten Serge und Merry Bromberger in ihrem Buch "Die 13 Komplotte des 13. Mai" beschrieben:
"Der General betrachtet das tiefe Loch in der Mauer. Es zeigt auf die Terrasse des Hauses, das der '10. Region' auf der anderen Seite des Bugeandplatzes gegenüberliegt. Vom Kommissar Poewin und dem Oberst Massignac gefolgt, überquert der General Salan den Platz und klettert auf die Terrasse. Zwei ,Bazookas', genauer: zwei von Amateuren gebastelte Röhren, die als Läufe für Abwehrgeschütze dienen können, liegen noch herum, eine auf der Treppe, die andere auf einem Schemel. Eine doppelte Zündschnur hängt an der Fassade zum Hof hinunter. Sie hat ein Fenster des Treppenhauses angesengt.
"Die Zündschnur wird von Laden zu Laden getragen. Der Händler, der sie verkauft hatte, erkennt sie wieder. Der Käufer, so sagt er aus, war kein Muselman, sondern Europäer.
"Dieses Mal wird Minister Robert Lacoste von Furcht ergriffen. Er will nicht länger den Terroristen die Herrschaft in Algier überlassen, auch wenn sie ihm oft genug als Hilfstruppen der Unterdrückung dienten. Er ruft die ,Sûreté Nationale' in Paris an."
Die "Sûreté Nationale" hat den Organisator des Mordanschlags auf Frankreichs Oberbefehlshaber in Algerien schnell gefunden. Er ist kein algerischer Rebell, sondern ein Todfeind der Aufständischen: der Chef des französischen Gegenterrors in Algerien, Rene Kovacs.
Rene Kovacs, als Sohn ungarischer Eltern 1924 in Algerien geboren, Arzt, französischer Schwimm - Meister und Abenteurer, ist mit einer Spanierin verheiratet, die ein Hotel auf Mallorca besitzt. Er fuhrt ein aufwendiges Leben in Algier, fährt einen amerikanischen Wagen und lebt in dem Algier-Vorort Bouzareah in einer luxuriösen Villa.
Seine Beziehungen reichen weit - bis hinauf zu den Armee-Generälen Faure und Cogny, die als erfolglose Vorgänger des Fallschirmjäger-Generals Massu Putschpläne gegen die IV. Republik schmiedeten, und bis hin zu den mächtigen Politikern Michel Debré (heute Premierminister de Gaulles), Jacques Soustelle (abgehalfterter Informationsminister de Gaulles) und Pascal Arrighi (einem der korsischen Abgeordneten und "Ultras"-Verschwörer im Mafia-Format à la Biaggi).
Die zügellose Wildheit seiner Gewalttaten gegen alle Gegner von "Algérie Francaise" erschreckte sogar enge Freunde des Kovacs.
- Er war Führer der Terroristen, die im März 1956 in der Eingeborenen-Stadt von Algier ein Haus in der Rue de Thèbes in die Luft sprengten - 28 Muselmanen wurden verschüttet.
- Er ließ von den Terroristen seiner
Geheimorganisation O.R.A.F. in der Silvesternacht 1957/58 die Beichtstühle der Kathedrale von Algier durch Plastikbomben in Feuerholz verwandeln, um den liberalen Bischof Monsignor Duval davon zu überzeugen, daß die algerischen Rebellen kirchenfeindlich seien - denn ihnen schiebt er das Attentat natürlich in die Schuhe.
- Er ist dabei, als der Tabakhändler Mohamed Chaoud, der im Verdacht steht, Kurierdienst für die Rebellen besorgt zu haben, in der Villa "Les Sources" in Algiers Vorort Birmandres von Terroristen und Fallschirmjägern gefoltert wird; Chaoud erstickt, als die Peiniger seinen Kopf versehentlich zu lange in einen Wasserkübel tauchen.
Die Villa "Les Sources" ist das Hauptquartier der Terroristen. Im ersten Stock liegen das Stabsbüro mit Generalstabskarten und ein "Gerichtssaal", in dem gefangene Feinde zum Tode verurteilt werden. Im Keller sind Lautsprecher, Lebensmittel und Proklamationen gestapelt, in denen es heißt: "Wir haben Algerien genommen, um Frankreich zu befreien." Im Souterrain ist die wichtigste Räumlichkeit untergebracht: ein Saal mit Kaltwasserbädern, elektrischgeladenen Fesseln, Folterbänken und anderen Folterwerkzeugen. Der Arzt Rene Kovacs beherrschte diese Geräte meisterhaft.
Fast drei Jahre lang ließen ihn Armee und Polizei in Algier gewähren, leisteten ihm Handlangerdienste und luden ihn sogar ein, an polizeilichen Untersuchungen und offiziellen Strafaktionen gegen die Rebellen teilzunehmen. Erst mit dem Attentat auf General Salan hatte Rene Kovacs den Bogen überspannt. Er wurde festgenommen und vor ein Gericht gestellt. Wer sind seine Anwälte? Der von dem Attentäter Louis Damiani als Förderer französischer Terroristen in Marokko genannte Maître Tixier-Vignancour, einst Unterstaatssekretär in der Vichy-Regierung des Marschalls Pétain und - wie könnte es anders sein - der erprobte Terroristen-Verteidiger Jean-Baptiste Biaggi.
Als im Sommer 1958 der Prozeß gegen Kovacs und seine Mittäter beginnt, wird die Öffentlichkeit schon bald ausgeschlossen, der Hauptangeklagte wenig später krankheitshalber aus der Untersuchungshaft entlassen. Am 6. Oktober 1958 tritt das Pariser Militärgericht wieder zusammen und verurteilt den Hauptangeklagten zum Tode - in Abwesenheit: Der "Kranke", René Kovacs, ist längst über die Pyrenäen-Grenze entwichen, in das Hotel seiner Frau auf Mallorca, in dem ein Jahr später auch der Führer des letzten mißglückten Putsches von Algier, Cafehaus-Besitzer Ortiz, auf seiner Flucht für ein paar Tage Unterschlupf findet.
Die Vorsorge, die Kovacs zur Verheimlichung seines Konterfeis während der ersten Prozeßtage getroffen hatte - er erschien wegen eines angeblichen Hautaussatzes auf einer Bahre liegend, Kopf und Hände bandagiert, im Gerichtssaal -, erwies sich als unbegründet: Die Behörden hatten dem Terroristen nicht einmal den Reisepaß entzogen. Denn zwischen seiner Verhaftung und seiner Vernehmung vor Gericht ist in Algerien jener Staatsstreich vollzogen, zu dem der Tod des Generals Salan eigentlich den Auftakt hatte geben sollen: Am 13. Mai 1958 übernahm die Armee in Algier die Macht, stürzte die IV. Republik und hob General de Gaulle auf ihren Schild.
Terrorchef Kovacs (auf der Bahre): Feuerholz aus Beichtstühlen
Hached
Tatort Appartementhaus "Liberté"
Kurz vor Mitternacht ...
Ermordeter Millionär Lemaigre-Dubreuil
... erlosch das Licht
Marschall Juin: Ein Telegramm aus Paris...
... bestellte das Mordkommando: Ex-Ministerpräsident Mendès-France
Thuveny
Oberbefehlshaber Salan
Tod vor dem Schreibtisch
Schwimm-Meister Kovacs
Der Gegner erstickte im Wasserkübel

DER SPIEGEL 12/1960
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