23.03.1960

DER TOD KOMMT MIT DER POST

Der Kampf von Frankreichs Terroristen gegen die Preisgabe des nordafrikanischen Kolonialreichs begann vor 10 Jahren. Im damaligen Protektorat Tunesien wurde die Geheimorganisation "Rote Hand" gegründet, deren Aktionen sich zunächst ausschließlich gegen Eingeborene richteten Erst im damaligen Protektorat Marokko, wo die Unruhen 1953 ausbrachen, wurden auch Attentate gegen französische Verzichtpolitiker organisiert Nachdem beide Protektorate 1956 die Unabhängigkeit erhalten hatten und der Inzwischen aufgeflammte Krieg in Algerien auf seinem Höhepunkt stand, sprang der Terror-Tod schließlich nach Europa über.
Schluß
Die deutsche Kriminalpolizei hat bis heute keinen einzigen Attentäter jener-sechs "Rote Hand"-Mordfälle gefaßt, die sich in den vergangenen drei Jahren in der Bonner Republik ereigneten.
Unfähig, dem französischen Terror selbst ein Ende zu setzen, hat sich die Bundesregierung daher einen verheißungsvollen Umweg einfallen lassen: Statt die Mörder zu fangen, versucht sie deren potentielle Opfer zu vertreiben.
Drei Wochen nach Anlaufen der SPIEGEL-Serie über Frankreichs "Rote
Hand" und deren braune Todfeinde - die algerischen FLN-Rebellen - forderte das Auswärtige Amt den tunesischen Botschafter in Bonn, Mondher Ben Ammar, in einer Note auf, das in seiner Botschaft untergebrachte Büro der inoffiziellen algerischen FLN-Delegation zu schließen.
Tunesiens Botschafter Mondher Ben Ammar, vor dessen Bonner Haustür bereits im November 1958 der algerische Rebellen-Funktionär Ait Ahcene mit einer Maschinenpistole aus einem Mercedes-Leihwagen heraus niedergeschossen wurde, zweifelt nicht daran, daß diese Bonner AA-Art, wieder Pappritzsche Wohlanständigkeit in die plötzlich bleihaltig gewordene rheinische Luft einziehen zu lassen, vornehmlich dem nimmermüden Bonner Buhlen um Frankreichs Gunst entspringt.
Allein, es scheint, als hinke die flinke Bonner Diplomatie auf einem Raucherbein wieder einmal in ansehnlicher Entfernung hinter der geschichtlichen Entwicklung her: Frankreichs "Rote Hand" genießt nicht mehr die Protektion des Regimes de Gaulle. Mit dem erfolgreichen Mai-Putsch von Algier 1958 aus der Illegalität in die Legalität eingerückt, haben Frankreichs Terroristen spätestens nach dem mißglückten zweiten Staatsstreich von Algier im Januar dieses Jahres den Rückmarsch in die Illegalität angetreten. Aus den Steigbügelhaltern de Gaulles sind Staatsfeinde der V. Republik geworden.
Die Zangengeburt der V. Republik durch den Staatsstreich von Algier am 13. Mai 1958 - führende Terroristen
waren daran entscheidend beteiligt - war zugleich ein Wendepunkt im unterirdischen Krieg der Attentäter und Verschwörer für ein französisches Algerien. Aus den Liquidations-Kommandos, die einst Anschläge gegen Kabinettsmitglieder und Generäle der IV. Republik inszeniert hatten, wurden über Nacht staatstragende Organisationen.
Der Senator. Michel Debré, der nach Angaben des ehemaligen Justizministers Francois Mitterand in das Panzerfaust -Attentat gegen den schlappen Oberbefehlshaber Frankreichs in Algerien, General Raoul Salan, verstrickt war, wurde Premierminister der neuen Regierung des General-Staatschefs de Gaulle.
Geheimdienst-Experte Jacques Soustelle, politischer Kommissar des Mai -Putsches und laut Aussage des Salan -Attentäters René Kovacs gleichfalls in den Anschlag eingeweiht, übernahm das Informationsministerium.
Der korsische Verschwörer-Clan in Mafia-Format, angeführt von dem Abgeordneten Arrighi und dem Attentäter -Verteidiger Biaggi - beide am Staatsstreich beteiligt und stolz auf ihre Terroristen-Freunde -, rückte geschlossen in die Parlaments-Fraktion der gaullistischen Staatspartei UNR ein.
Die derart hoffähig gewordenen Terroristen, deren Schutzpatrone die Schlüsselstellungen der V. Republik besetzt hielten, sahen sich mit der Inthronisierung de Gaulles von der lästigen Aufgabe befreit, länger Defätisten und Verzichtpolitiker in der eigenen Armee und Regierung umbringen zu müssen. Sie
konnten ihre Energien wieder jenem Endziel zuwenden, das sich die "Rote Hand" in Tunesien ursprünglich gestellt hatte: Tod den Rebellen!
Da sich der Kampf in Algerien, anders als die voraufgegangenen Aufstände in Tunesien und Marokko, zu einem regulären Krieg ausgeweitet hatte, in dem die französische Armee unter ihrem neuen Obersten Befehlshaber Charles de Gaulle der Terror-Hilfe nicht mehr bedurfte, konzentrierten Frankreichs Attentäter ihre Tätigkeit auf ein Gebiet, das von den algerischen FLN-Rebellen
inzwischen mit einem Netz halbdiplomatischer Vertretungen und Waffeneinkaufsstellen überzogen worden war und sich dem Zugriff der französischen Streitkräfte entzog: auf Westeuropa.
Schiffe wurden versenkt, Autos flogen in die Luft, FLN-Delegierte und Waffenhändler mußten sterben. 16 Anschläge, 12 Tote beträgt bis heute Frankreichs Terror-Strecke in sechs europäischen Ländern.
Genau die Hälfte dieser Attentate und Toten wurden in der Bundesrepublik registriert, denn sowohl algerische Rebellen als auch französische Terroristen fanden hier besonders günstige Arbeitsbedingungen vor:
- Die Algerier hatten sich in Westdeutschland eingenistet, weil das Fehlen eines Kriegswaffengesetzes den Rüstungseinkauf in der Bundesrepublik erleichterte und weil sowohl die SPD-Opposition als auch nationale Politiker geneigt waren, den arabischen Nationalismus zu unterstützen - sei es aus sozialistischer Tradition, aus Zorn gegen den Frankreich ergebenen Kanzler oder aus anti-französischem Erbfeind-Ressentiment.
- Frankreichs Scharfschützen schätzten das westdeutsche Revier, weil sich hier das algerische Großwild versammelt hatte und bundesrepublikanische Behörden aus außenpolitischer Rücksicht auf Paris die Attentate so nachsichtig verfolgten wie ein Jagdaufseher das Wildern von des Jagdherrn Lieblingssohn in seinem Revier.
Der von der Frankfurter Kriminalpolizei im Zusammenhang mit dem Tod des Waffenhändlers Georg Puchert am 3. März 1959 gesuchte "Pedro", der sich in der Bonner Igel-Bar selbst rühmte, im November 1958 den algerischen FLN-Funktionär Ait Ahcene vor der Tunesischen Botschaft in Bonn über den Haufen geschossen zu haben, trieb sich zusammen mit dem ebenfalls gesuchten ehemaligen Polizei-Inspektor Jean Viari ("Der Killer") mindestens bis Mitte März 1959 im Raum Köln-Bonn direkt unter der Nase der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts herum, ohne festgenommen zu werden.
Der legendäre Oberst im französischen Geheimdienst, Marcel Mercier, den Frankfurts Oberstaatsanwalt Wolf ebenfalls gern zum Puchert-Mord hören möchte, besuchte noch ein halbes Jahr nach dem Attentat im letzten November den Chef des Bundesnachrichtendienstes, General Reinhard Gehlen, in dessen Münchner Hauptquartier Pullach, ohne daß es bisher einer Polizeidienststelle möglich gewesen wäre, ihn zu vernehmen.
Alles, was der AA-Staatssekretär van Scherpenberg im Namen der Bundesregierung dem westdeutschen Parlament im Dezember 1959 auf eine Anfrage über Maßnahmen gegen die französischen Terroristen mitteilen konnte, war dies: "Die Bundesregierung ist in dieser Frage laufend in Fühlung mit den französischen Stellen."
So geartete Zurückhaltung der Bundesbehörden wird durch jene sich um die verschiedenen Anschläge rankenden Indizien verständlich, die überzeugend beweisen, daß Morde und Attentate in
der Bonner Republik und anderen europäischen Ländern damals von hohen Pariser Regierungsstellen gedeckt, verschleiert oder gar gefördert wurden:
- Bei der Verfolgungsjagd auf zwei
Terroristen, die im belgischen Charleroi den örtlichen Führer der algerischen FLN-Rebellen niedergeschossen hatten, verlor einer der Täter ein Stück Papier, eine Art Passierschein, mit folgendem Text: "Alle Polizei- und Gendarmerie-Einheiten werden gebeten, gegen den Inhaber dieses Papiers, ZITOUNI JABEA, nichts zu unternehmen, ohne vorher mit dem Capitaine Serrano bei der Gendarmerie in Lille, Telefon 53 93 91 oder 55 22 0 23, in Verbindung zu treten." - Der erwähnte Capitaine Serrano war Hauptmann der französischen Abwehr.
- Vier Tage vor seinem Tod kritzelte
der Waffenaufkäufer Georg Puchert für seinen engsten Mitarbeiter eine Drei-Zeilen-Botschaft nieder, die
einen weiteren hohen Abwehr-Offizier Frankreichs belastet, den Oberst Marcel Mercier: "Bin sehr beunruhigt, werde verfolgt. Hatte eine böse Überraschung (Mercier). Muß Dich unbedingt sprechen."
- Auf eine Anfrage deutscher Ermittlungsbehörden nach dem im Zusammenhang mit dem Puchert-Mord gesuchten Christian Durieux, der inzwischen von drei Zeitungskorrespondenten interviewt wurde, teilte das französische Innenministerium mit: "Christian Durieux existiert nicht."
- Entgegen allen internationalen Gepflogenheiten verweigerte die französischei "Sûreté Nationale" dem stellvertretenden Leiter des Bundeskriminalamts, Regierungskriminaldirektor Dickopf, ein Bild jenes Ben Ali Mahdani, dessen Namen der deutsche Kriminalist in den Sûreté - Akten gefunden hatte und der sich
jenen Mercedes entliehen hatte, aus dem heraus im November 1958 der FLN-Delegierte Ait Ahcene vor der Tunesischen Botschaft bei Bonn niedergeschossen wurde.
Wie einst die französischen Kolonial -Streitkräfte und -Regierungen in Tunesien, Marokko und Algerien die Terroristen gegen alle Verfolgungen durch Pariser Justizbehörden der IV. Republik abschirmten und beschützten, so übernahm nach Gründung der V. Republik nun zunächst Paris selbst das Patronat über die im Ausland arbeitenden Mordkommandos. Jede Verfolgung der "Roten Hand" bekam den Charakter eines unfreundlichen Akts gegenüber der französischen Regierung.
Als Konrad Adenauer bei seiner letzten Begegnung mit dem neuen Staatschef Frankreichs in Paris am 2. Dezember 1959 das Thema "Rote Hand" anschlug, versteinerten sich die Züge des Generals. "Der Herr de Gaulle fand das sehr ungehörig von mir", gestand der Bundeskanzler später vertrauten Mitarbeitern.
Nun hatten dem General de Gaulle in der Tat jene Kräfte in den Sattel geholfen, die direkt oder mittelbar mit Frankreichs Terroristen in Verbindung standen und in Algerien bis zum französischen Endsieg kämpfen wollten - die rechtsradikalen "Ultras"-Politiker von Paris, das Offizierkorps der Fallschirmjäger und die Führer der 800 000 französischen Siedler in Algerien.
Der General selbst war dennoch ohne Zweifel der einzige Protagonist des neuen Regimes, der sich - im Gegensatz zu seinen mächtigsten Ministern und Generälen - in der Einsamkeit seines Landsitzes Colombey niemals mit diesem letzten Aufgebot von Patrioten und Lumpen der französischen Kolonialmacht eingelassen hatte oder von ihnen korrumpiert worden war.
Der Staatschef verkörperte die moralische Sauberkeit der V. Republik - aber er auch allein. Das neue Regime, dessen Würdenträger jahrelang mit den Geheimbündlern, Verschwörern und Attentätern paktiert hatten, besaß nicht die moralische Kraft, die Terroristen einer rechtsstaatlichen Justiz zuzuführen; denn dann hätte es im Frankreich de Gaulles wolkenbruchähnlich Staats-Skandale geregnet. So war es denn der General de Gaulle selbst, der im vergangenen Jahr, wenige Monate nach seiner Machtergreifung, allein den Kampf mit seinen ehemaligen Steigbügelhaltern aufnahm.
Er verkündete im September das Selbstbestimmungsrecht für Algerien und warf im Oktober die korsischen "Ultras"-Verschwörer Biaggi, Arrighi, "Ledernase" Thomazo, Cathala und fünf Genossen aus der gaullistischen Parlamentsfraktion. Er befahl dem letzten lebenden Marschall Frankreichs und Terroristen-Freund Alphonse Juin, der das Selbstbestimmungsrecht "eine Ermutigung für die Rebellen" genannt hatte, in politischen Dingen den Mund zu halten, und pensionierte den Generalstabschef der Landstreitkräfte, André Zeller, der seinen Staatschef kurz zuvor im Elysee-Palast aufgesucht hatte, um im Namen mehrerer Generäle die Ernennung des "Ultras"-Führers Georges Bidault zum Premierminister zu fordern. Wie der geglückte Mai-Putsch von Algier 1958 den Gipfel der politischen Macht von Frankreichs Terroristen versinnbildlicht, so stellt der mißlungene zweite Algier-Putsch vom Januar dieses Jahres den Höhepunkt von General de Gaulles Kampf gegen jene extremen Kräfte dar, die ihm auf seinen Thron geholfen hatten.
Die Breschen, die er durch die Niederschlagung des Aufstands in die Front der Terroristen geschlagen hat, klaffen weit offen: Der politische Schutzpatron der Terroristen, Sonderminister Jacques Soustelle, wurde aus dem Kabinett entlassen. Der juristische Schutzengel der Attentäter und "Ultras"-Verschwörer Sean-Baptiste Biaggi hat nach 18tägiger Untersuchungshaft als Staatsfeind seinen Entschluß mitgeteilt, dem Franziskaner -Orden beizutreten; sein Bruder, ein hoher Würdenträger der katholischen Kirche Frankreichs, hatte seinen Einfluß geltend gemacht, um dem Anwalt
diesen Weg aus dem Kerker zu ebnen. Der Algier-Putschist und Cafehausbesitzer Ortiz floh ins Ausland, wobei er vorübergehend im Hotel der Frau des ebenfalls flüchtigen Salan-Attentäters Rene Kovacs auf Mallorca Station machte.
Der Honigmond der Terroristen aus den Gründungsmonaten der V. Republik war damit zu Ende, die Kehrtwendung in die Illegalität vollzogen.
Gleichzeitig mit den politischen Aktionen des Generals de Gaulle in Paris und Algier spielte die französische Polizei ihren ausländischen Kollegen Informationen über die "Rote Hand" in die Finger.
Im letzten Viertel des Jahres 1959
- erhielt die Frankfurter Polizei von
französischer Seite eine Abschußliste der "Roten Hand" (Es handelte sich um zwölf Personen, die im Fremdenlegions-Abwerbungsdienst des deutschen Ex-Kommunisten Gerd Müller, genannt Si Mustapha, tätig waren.)
- wurde von französischer Seite ein
Bombentransport der "Roten Hand"
über die französisch-belgische Grenze verraten.
- informierten französische Agenten
die FLN-Algerier über eine beabsichtigte Reise des Salan-Attentäters Rene Kovacs, offenbar, um den Terroristen, den die französische Justiz nicht anzupacken wagte, von Algeriern aus dem Weg räumen zu lassen.
- gab der gaullistische Abgeordnete
Neuwirth, selbst ein Mai-Putschist, aber nach wie vor Gefolgsmann des Generals, im französischen Parlament eine Aufstellung über bevorstehende Anschläge der "Roten Hand" in Frankreich bekannt.
Sogar deutsche Polizeibehörden wußten im Gegensatz zur Bonner Diplomatie diese Signale einer Kursänderung richtig zu deuten. Die Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts, die im Gegensatz zum Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolf lange Zeit aus Rücksicht auf Frankreichs Regierung ihre Untersuchungen ohne besonderen Nachdruck geführt hatte und weitaus rigoroser mit den algerischen FLN-Funktionären umsprang als mit französischen Verdächtigen, wurde plötzlich aktiv.
So wurde auf Anweisung der Sicherungsgruppe im Januar dieses Jahres in Frankfurt der Bulgare Kanio Tontscheff-Loseff verhaftet, der etwa dreißig mit den Algeriern Geschäfte machende Waffenhändler photographiert hatte und die Bilder-Sammlung zum Kauf anbot. Durch diese Verhaftung kam die Sicherungsgruppe der "Roten Hand" zuvor, die Tontscheffs Porträtalbum liebend gern erstanden hätte. Der mit den Algeriern sympathisierende SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Wischnewski, den die Sicherungsgruppe am Neujahrsmorgen dieses Jahres nach dem Sprengstoff-Attentat auf den algerischen Waffenaufkäufer Abd el-Kader Noassri telephonisch vor der "Roten Hand" gewarnt hatte, steht seit kurzem unter Polizeischutz, ohne daß er darum gebeten hätte.
Nun sind die deutschen Polizeimaßnahmen kaum dazu angetan, Frankreichs Terroristen zu erschrecken. Sie sind nur ein westdeutscher Reflex auf den von General de Gaulle vom Zaun gebrochenen Machtkampf mit seinen einstigen Schildträgern. Und von diesem Machtkampf allein wird es abhängen, ob die bereits geschwächte "Rote Hand" langsam verdorrt oder die Maschinenpistolen wieder in Anschlag bringt. Denn die "Rote Hand" ist zugleich mehr und weniger als eine politisch-terroristische Geheimorganisation: Sie ist das Symbol des untergehenden französischen Imperiums und einer - drüben auch - "unbewältigten Vergangenheit".
Wie einst in der Résistance gegen die deutsche Besatzung haben sich auch in der "Roten Hand" Idealisten und Ganoven zusammengefunden, um mit Gewalt das talwärts rollende Rad der französischen Geschichte aufzuhalten. Die einen bedienen sich - dem ihnen heilig erscheinenden Ziel zuliebe - verbrecherischer Methoden; den anderen dient der Mantel nationaler Pflicht zur Tarnung ihrer kriminellen Instinkte.
Als in den Unabhängigkeitskämpfen um Marokko und Tunesien geheime französische Terror-Organisationen vergebens versuchten, den Aufstand der
Farbigen, den Politik und Diplomatie nicht zu unterdrücken vermochten, im Blut zu ertränken, da wandten Ehrenmänner und Abenteurer, Offiziere und Verbrecher erstmals Methoden an, die bis dahin nur im europäischen KZ Hitlers und Stalins und unter ihren halbzivilisierten farbigen Feinden in Nordafrika üblich waren: blinder, blutiger, bombenwerfender Terror gegen die Feinde und Defätisten im eigenen Lager, Folter für die Verschwiegenen, Genickschüsse für die Geschwätzigen.
Im Kampf um Frankreichs letzte Bastion in Nordafrika, um Algerien hat dieses Prinzip, Terror mit Terror zu bekämpfen, sich nun wie ein Krebsgeschwür weitergefressen, das Mutterland angefallen und ganz Europa - vorallem Deutschland - zu einem Neben -Schlachtfeld des Krieges in Algerien werden lassen.
Im Schatten der unheiligen Dreieinigkeit von Politik, Geschäft und Verbrechen, der schon über der französischen Resistance und anschließenden Säuberung lag, haben sich in diesem Kampf Antibolschewismus und Geldgier, Machtkämpfe algerischer Freiheitskämpfer und internationaler Waffenhändler, Träume von Frankreichs Größe, persönliche Revanchegelüste aus der Vichy-Zeit und die Verzweiflung verratener Kolonialfranzosen zu einem blutigen Knäuel verfilzt.
Die zwei Staatsstreiche von Algier gehören zur Geschichte der "Roten Hand" wie die Bombenattentate in Hamburg und Frankfurt oder die Ermordung des Waffenhändlers Marcel Leopold in Genf durch einen vergifteten Pfeil.
Die "Rote Hand", mit Korsen durchsetzt, gleicht nach dem sachverständigen Urteil des korsischen "Ultras"-Abgeordneten, Terroristen-Verteidigers und zukünftigen Franziskaner-Mönches Jean -Baptiste Biaggi der einst mächtigen, ursprünglich politischen und heute noch in Amerikas Unterwelt tonangebenden sizilianischen Verbrecherorganisation Mafia. Polypengleich wuchert ihr einer
Arm in höchste Staatsstellungen, während ein anderer den Abzug einer Maschinenpistole bedient; ein Arm versenkt im Auftrage des französischen Geheimdienstes ein Munitionsschiff, ein anderer begleicht auf tödliche Weise eine private Rechnung mit einem Waffenhändler.
Dies sind die Mächte, deren sich überschneidende, oftmals gemeinsame Terror-Aktionen im Namen Frankreichs zu dem Sammelbegriff "Rote Hand" führten; dies sind die fünf Finger der "Roten Hand":
- die französischen Geheimdienste: das "Deuxième Bureau" (Nachrichtendienst des Generalstabs), der "Service de documentation extérieure et de contre-espionnage" (Politischer Nachrichtendienst) und die "Direction de la Surveillance du Territoire" (Abwehr),
- der Geheimbund "Catena",
- Teile der algerischen Konkurrenz -Organisation der FLN-Rebellen, MNA,
- die rechtsextremistischen "Ultras" -Verschwörer in Paris und Algier,
- verschiedene nationalistische Gruppen in Frankreich, deren Anhänger mehrere Morde an Algeriern in Frankreich und Belgien begingen (zuletzt wurde in der vorletzten Woche der FLN-Student Akli Aissiou in Brüssel erschossen), in Deutschland indes bisher ihre Tätigkeit auf einige Drohbriefe beschränkten und einen Journalisten zusammenschlugen.
Alle Drohbriefe dieses letzten, kleinen Fingers der "Roten Hand" wurden im Februar in Mainz aufgegeben. Absender war angeblich "eine führende Gruppe patriotischer ... und nationalgesinnter Franzosen". Die Schreiben begannen mit der konventionellen Anrede "Werter Herr" und schlossen mit der weniger gebräuchlichen Formulierung: "Sie nehmen keine Rücksicht auf das Ansehen Frankreichs. Wir nehmen keine Rücksicht auf Ihr Leben. Es lebe Frankreich. Es lebe unser französisches Algerien."
Empfänger der ähnlich lautenden Briefe waren unter anderem der SPD -Bundestagsabgeordnete und Algerier -Freund unter Polizeischutz Hans-Jürgen Wischnewski, der Aachener Pressephotograph Karl Breyer, der auf Einladung der FLN-Rebellen mehrmals Reportagen über die aufständische Armee gemacht hatte, und der Frankfurter Journalist Hans-Jürgen Hoffmann.
Journalist Hoffmann wurde am 22. Februar nachts um 3.15 Uhr vor seiner Wohnung von mehreren Männern überfallen, bewußtlos geschlagen und schließlich von einer Funkstreife in das Marien-Krankenhaus geschafft. Befund: Mehrere Messerstiche, Gehirnerschütterung und schwere Prellung des linken Schlüsselbeins.
Der nächste Kader der "Roten Hand" - die "Ultras"-Verschwörer in Paris und Algier, von denen die Terroristen politisch abgeschirmt und finanziell unterstützt wurden - ist seit dem zweiten mißglückten Algier-Putsch nicht voll aktionsfähig.
Nach dem Zusammenbruch des offenen Aufstands der "Ultras" von Algier gegen die Regierung in Paris war ein Teil der früheren Geld- und Auftragsempfänger verhaftet worden, andere
mußten fliehen oder sind angesichts der unklaren Machtverteilung in Paris zum abwartenden Nichtstun verdammt.
Die dritte Organisation der "Roten Hand" setzt ihren Kampf gegen die FLN-Todfeinde allerdings unverdrossen fort und wird auch weiter finanziell von Paris unterstützt: die Organisation "Mouvement National Algérien" (MNA), die algerische Rivalengruppe der FLN.
Der MNA, dessen graubärtiger Führer Messali Hadsch in Paris unter Polizeiaufsicht lebt, ist wenigstens für drei der zwölf sogenannten "Rote Hand"-Morde verantwortlich: Seine Liquidations-Kommandos erschossen 1957 den örtlichen FLN-Führer im belgischen Charleroi und 1959 die beiden zur FLN übergelaufenen ehemaligen MNA-Funktionäre Soualem und Nesbah in Saarbrücken und Köln.
Bei einem vierten Attentat - dem Anschlag auf den algerischen FLN -Delegierten Ait Ahcene vor der Tunesischen Botschaft bei Bonn - war der MNA zumindest beteiligt: Ein MNA -Mann mit Namen Ben Ali Mahdani hatte sich den Mercedes, aus dem die Schüsse abgegeben wurden, in Frankfurt entliehen.
Ein zweiter an dem Ait-Ahcene -Attentat beteiligter Wagen, ein VW, trug ein Nummernschild des deutsch französischen Nachbarstaates Belgien - wohin auch die Mörder Soualems und Nesbahs entwichen waren.
In der Tat ist das belgische Lüttich ein Knotenpunkt der "Roten Hand", in dem der zum Teil selbständig operierende MNA seine Aktionen mit einem Weiteren Glied der "Roten Hand" abstimmen kann, von dem der MNA nach Aussagen des Überläufers Nesbah ebenfalls finanziell unterstützt wird und auch Aufträge erhält: die französische Abwehr.
Als Verbindungs-Offizier zwischen dem MNA und der französischen Abwehr diente lange Zeit der korsische Capitaine Serrano von der Nordafrika-Abteilung des französischen Geheimdienstes.
Capitaine Serrano war bis vor kurzem das belgische Gegenstück zu dem in Deutschland tätigen Abwehr-Obersten Marcel Mereier. Während Colonel Mercier sich vornehmlich um die Unterbindung des Waffenhandels aus Deutschland zu kümmern hatte, lag in den Händen des Hauptmanns Serrano die Koordinierung von Abwehr-Maßnahmen und MNA-Aktionen.
Serranos Amtssitz war Lille; sein offizieller Titel "Hauptmann der Gendarmerie". Aber schon die Tatsache allein, daß dieser Gendarmerie-Hauptmann eine der wenigen französischen Feldpostnummern (Secteur Postal 539391) außerhalb des algerischen Operationsgebiets besaß, weist auf die Eigenarten seiner wahren Tätigkeit hin: Er war sowohl über den Waffentransport des Ex-Deputierten Berthommier über die belgisch-französische Grenze als auch über die Ermordung des FLN-Funktionärs Nesbah in Köln informiert.
Bei der Ermordung des örtlichen FLN -Führers im belgischen Charleroi durch zwei MNA-Algerier ist seine Mitwirkung durch den verlorenen Passierschein des einen Täters belegt.
Zu den wichtigsten Aufgaben des Capitaine Serrano gehörte die Infiltration
der FLN in Nordfrankreich und Belgien mit Agenten, meist MNA-Angehörigen.
Zuletzt bereitete Serrano den Plan für einen fingierten Attentats-Versuch auf Nikita Chruschtschow vor, der in diesem Monat bei dem Staatsbesuch des sowjetischen Ministerpräsidenten in Frankreich unternommen und der FLN in die Schuhe geschoben werden sollte.
Sei es, daß dem Sowjet-Geheimdienst dieser Plan zu Ohren gekommen war, sei es, daß Capitaine Serrano sich allzusehr mit den Putschisten vom jüngsten gescheiterten Staatsstreich in Algier eingelassen hatte - er wurde im letzten Monat von der Abwehr seines Amtes enthoben und ist seither flüchtig.
Wie die Tätigkeit von Oberst Mercier und Hauptmann Serrano zeigt, erstreckte
sich die "Rote Hand"-Aktivität von Frankreichs Abwehr vornehmlich auf Planung und Koordinierung der Aktionen gegen die FLN-Rebellen und ihre Waffenlieferanten. Für zwei der insgesamt 16 sogenannten "Rote Hand"-Anschläge allerdings ist der französische Geheimdienst direkt verantwortlich: die Versenkung der von der FLN zum Waffentransport nach Algerien auserwählten Schiffe "Atlas" und "Alkahira" im Hafen von Hamburg und auf der Reede von Ostende.
Herzstück der "Roten Hand" aber sind dennoch weder Frankreichs Geheimdienste noch der MNA, weder die "Ultras"-Verschwörer von Paris noch die patriotischen Drohbrief-Absender - es ist der Geheimbund "Catena" (lateinisch: "Kette").
Diese Geheimorganisation ist für die meisten sogenannten "Rote Hand" -Attentate - darunter die Sprengstoff-Anschläge gegen die Waffenhändler Georg Puchert, Otto Schlüter und Abd el-Kader Noassri in Deutschland - verantwortlich und gibt sie auch zu.
Die "Catena" wurde vor 14 Jahren auf deutschem Boden gegründet: um die Jahreswende 1945/46 in Wiesbaden. Damals, im Morgengrauen des Sieges, erlebte eine Handvoll französischer Offiziere ein peinvolles Erwachen. Sie hatten gegen Hitlers Deutschland gekämpft. Nun mußten sie erleben, wie sich das alte demokratische System in Paris etablierte, dessen Schwäche sie die Schuld an Frankreichs Niederlage 1940 gaben und das sich anschickte, jetzt auch Frankreichs koloniales Erbe zu vertun, während im Osten das Sowjetreich seine Grenzen bis in die Mitte Europas vorgeschoben hatte.
Gleichermaßen anti-demokratisch und anti-bolschewistisch, schlossen sich die Offiziere zu einer Verschwörung zusammen, ehe sie von militärischen Marschbefehlen in alle Ecken des französischen Imperiums verstreut wurden oder - als Reservisten entlassen - neue Stellungen in Frankreichs Industrie, Verwaltung und Diplomatie übernahmen. Ziel ihrer Verschwörung war ein autoritäres Frankreich, dessen Anti-Bolschewismus sich vor allem in der Verteidigung aller kolonialen Positionen entfalten sollte.
Diese Geheimverschwörung "Catena" besteht noch heute. Ihre Zentrale ist eine in einem parkähnlichen Garten liegende Villa in Versailles, zweihundertfünfzig Meter von einer katholischen Kirche entfernt.
Generalstabschef der "Catena" ist ein ehemaliger Oberst. Er braucht zum Lesen eine Brille, ist etwa 1,80 Meter groß und trägt kurzgeschorenes, eisgraues Haar, das seinen Schädel wie eine Kappe umschließt; der linke Ärmel seines Rocks hängt leer und schlaff an seinem Körper herab.
Dieser Colonel, der einen Bruder in Indochina, den anderen in Algerien verlor, war als Besatzungsoffizier bei der Gründung der "Catena" in Wiesbaden zugegen und geriet am 8. Mai 1954 in der Hölle von Dien-bien-fu in Gefangenschaft; er hatte eine Kommando -Einheit im Rücken der roten Vietminh befehligt. Nach einem Jahr wurde er entlassen und mußte Ende 1956, inzwischen in Algerien schwerverwundet und anschließend zum Dienst in das Fünfte Büro des Generalstabs für psychologische Kriegführung abkommandiert, den Dienst wegen "Rechtsabweichung" quittieren.
Der SPIEGEL ist im Besitz eines Tonbands, auf dem ein Gespräch festgehalten wurde, das im Arbeitszimmer des einarmigen Obristen in Versailles stattfand.
Gesprächspartner sind der Colonel und ein ehemaliger Kriegskamerad, der - damals selbst Offizier der französischen Armee - den heutigen Generalstabschef der "Catena" 1953 in Haiphong (Indochina) kennenlernte und später gemeinsam mit ihm in Algerien kämpfte. Sein Name ist dem SPIEGEL bekannt.
Die Unterredung fand bei mehreren Gläsern Champagner unter den an den Wänden hängenden Fahnen jener vier französischen Kommando - Einheiten statt, die einst in Indochina im Rücken des Feindes operierten; aus dem Garten drang zuweilen das Gebell eines Schäferhundes in den Raum und auf das Tonband.
Die Authentizität der Unterredung ist belegt: Sie fand im vergangenen Jahr statt, und in ihr kündigt der "Catena" -Oberst ein Attentat gegen den algerischen Waffenaufkäufer und Puchert -Nachfolger Abd el-Kader Noassri an, der bald darauf - am letzten Tag des letzten Jahres - tatsächlich in Frankfurt das Opfer eines Anschlages wurde. Beim Öffnen eines ihm von der "Catena" zugesandten- Sprengstoff -Päckchens wurden ihm beide Hände abgerissen.
Sinn des nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Gesprächs
war es, interessierte deutsche Stellen über Motive und Ziele der "Catena" zu informieren - die Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts erhielt denn auch auf anderem Wege als der SPIEGEL eine Kopie des Tonbands. Die "Catena" sei gegründet worden, so erzählt der Colonel, um mitzuhelfen, "die Überflutung des christlichen Abendlands durch die Barbarei" zu verhindern. Der Terror der algerischen FLN -Rebellen, die einen Vortrupp des Bolschewismus bildeten, sei genauso Teil dieser Barbarei wie der "Einzug der Kosaken in Weimar, der Stadt Goethes".
Wörtlich: "1923, als die junge Weimarer Republik von der Auflösung bedroht war, als man versuchte, die besten Teile Deutschlands abzutrennen, Schlesien, Ostpreußen, das Rheinland, als es die Separatisten und die Autonomisten gab, damals gab es parallel zu den offiziellen Institutionen, neben dem Reichsheer des Generals von Seeckt, Geheimorganisationen, die (Fememord-)Organisation 'Konsul', die 'Brigade Ehrhardt' wir sind so etwas wie die französischen Nachfolger dieses wahrhaft patriotischen Geistes, dieses Opfermutes."
"Wir sind überall und nirgends", sagt der Oberst: "Hochgestellte Persönlichkeiten sind unsere Freunde, im Conseil du Gouvernement, im Generalstab und in der Führung der Armee, in der
Diplomatie, in verschiedenen Parteien und in Industrie-Kreisen ... Seit 1957, als wir zur Aktion übergingen, sind unsere Verbindungen geheim. Wir wenden die Regeln der Untergrundbewegungen an. Wir haben einen 'Service d'Information' aufgebaut, der die Opfer unserer Aktionen 'avec rigueur' auswählt, wir haben einen Einsatz-Dienst, der so dicht wie möglich an den Feind herangeht."
Nach Angaben des einarmigen Generalstabschefs der "Catena" gehören aktive Offiziere in Algerien zu der Organisation. Der Kriegsschatz, über den die "Catena" verfüge, sei heute so groß, daß alle Operationen gründlich vorbereitet und sogar "Witwen und Waisen unserer gefallenen Kameraden versorgt werden" könnten.
*Der Oberst fährt fort: "Wir haben uns nicht leichten Herzens entschlossen, Leute umbringen zu lassen, aber es gibt keinen gemeinsamen Maßstab zwischen der Haut eines Waffenhändlers - und ich kann Ihnen sagen, daß unter den Opfern nicht ein guter Deutscher guter Rasse ist - und dem Blut eines Franzosen, der von hinten erdrosselt wurde, einem Franzosen, der entmannt worden ist, den vergewaltigten Frauen, den kleinen Mädchen, denen man den Bauch aufgeschnitten hat. Es gibt keinen gemeinsamen Maßstab für das Leben eines Franzosen und den Tod eines Waffenhändlers ... Ihre Leichen gehören schon uns ... Es sind Tote auf Urlaub ... An dem Tage, als Terroristen in Casablanca eine Bombe warfen, die 25 Frauen und Kinder tötete, an dem Tage hatte Puchert, der sowjetische Agent, der Waffen nach Marokko geliefert hatte, sein Todesurteil unterzeichnet."
Die FLN-Funktionäre, die sich in Europa niedergelassen haben, um politische Unterstützung zu suchen und Waffen zu kaufen, erwartet nach Ansicht des einarmigen Obristen kein besseres Los als die Waffenlieferanten. Der FLN-Delegierte Ait Ahcene, der am hellichten Tag in Bonn niedergeschossen wurde, habe seine Bestrafung "durch seine Verbrechen hundertfach verdient".
"Der Deutsche ist ein naiver Mensch. Er glaubt, daß die Ausländer dieselben guten Eigenschaften wie er selbst besitzen. Die FLN versucht, die Naivität der Deutschen auszunutzen ... Sie werden zugeben, daß ich mit Recht sehr skeptisch bin, wenn die deutsche Presse die FLN zu entlasten sucht, wenn diese deutsche Presse nicht daran denkt oder nicht weiß, daß die FLN von Pankow dauernd Hilfe bekommt, in Form von Geld, Propaganda und Waffen."
Alle Namen, die im Zusammenhang mit der "Roten Hand" genannt wurden, seien frei erfunden. Staatsanwalt Wolf habe sich nur auf den SPIEGEL gestützt. Lachend fügt der Oberst hinzu: "Kann ich deshalb gerichtlich verfolgt werden, weil ich den SPIEGEL nenne?"
Damit kommt der Oberst auf ein Thema, bei dem seine Gesprächigkeit merklich nachläßt: Die personelle Zusammensetzung der "Catena"-Führung. Er ist der Generalstabschef; über ihm gibt es nur "ein Direktionskomitee von sieben Mitgliedern"; Namen aber nennt er nicht.
Nun haben sowohl der Marokko-Terrorist Louis Damiani, der seine Teilnahme an über einem halben Dutzend Morden zugegeben hat, als auch der Chef des französischen Gegenterrors in Algerien, Rene Kovacs, der das Panzerfaust-Attentat gegen General Salan inszenierte, als Hintermänner ihrer Aktionen ähnlich geheimnisvolle Gremien genannt.
Laut Louis Damiani handelte es sich 1955 um Marschall Juin, Polizei-Kommissar Dides, den "Ultras"-Abgeordneten Biaggi, den Terroristen-Anwalt Tixier-Vignancour und den Millionär Mattei, Direktor der "Grandes Garages de Paris".
Bei Rene Kovacs waren es: Minister Jacques Soustelle, der damalige Senator und heutige Premierminister Michel Debré, der Biaggi-Freund Arrighi, der
General Cogny, der Prinz Napoleon und ein gewisser Griscard-Monsservin.
Der hohe französische Offizier, der in jeder der beiden Namenslisten enthalten ist - einmal Marschall Juin, das andere Mal General Cogny -, taucht nun auch, allerdings ohne Namensnennung, bei der "Catena" auf.
Sagt der Oberst: "Wir haben die Ehre (im Kreis des Komitees der Sieben), einen Kriegshelden ohne Tadel an unserer Spitze zu sehen, der zu den höchsten militärischen Ehren aufgestiegen ist. Er hat sich aber geweigert, durch seine Zugehörigkeit zum Heer eine französische Politik zu billigen, die er verurteilt. Er hat lieber die Armee verlassen, als den Ausverkauf im Fernen Osten, in Tunesien und Marokko mitzumachen. Wenn diese Persönlichkeit stürbe, so ginge unsere Aktion doch weiter, denn das 'principe collegien' würde weiter funktionieren."
Ob es sich nun bei diesem Militär um den Marschall Juin aus der Damiani -Liste, um den General Cogny aus der Kovacs-Liste oder um den gleichfalls in "Ultras"-Kreisen renommierten General Navarre handelt, der einst den Oberbefehl in Indochina führte und später seinen Abschied nahm, ist unbekannt. Als sicher gilt hingegen, daß sowohl aus der Damiani-Liste über die Drahtzieher des Marokko-Terrors als auch aus der Kovacs-Liste über die Auftraggeber des Algerien-Terrors je ein Mann zu dem Siebener-Rat der "Catena" gehört: Jean-Baptiste Biaggi und Jacques Soustelle, der eine inzwischen auf dem Weg ins Kloster, der andere aus dem Kabinett ausgestoßen.
In ihren Personen verkörpert sich die Krise, in die Herz und Hirn der sogenannten "Roten Hand" - der Geheimbund "Catena" - durch die innenpolitische Machtkrise in Paris geraten ist. Obwohl das Tonband-Interview mit dem einarmigen Oberst noch vor der Niederschlagung des zweiten Algier -Putsches aufgenommen wurde, sah der Generalstabschef der "Catena" diese Entwicklung schon damals voraus:
"Wir haben den 13. Mai (1958) als 'Morgenröte einer französischen Wiedergeburt' begrüßt. Aber bald harmonierte de Gaulles Politik nicht mehr mit unseren Zielen ... Früher waren wir die Exekutive (des französischen Geheimdienstes), gewissermaßen der weltliche Arm der Inquisition. Jetzt werden wir als Konkurrenz angesehen ... Wir wissen, daß wir heute nur geduldet sind. Wenn wir nicht von fremden Staaten ausgehoben werden, so müssen wir befürchten, von Franzosen entdeckt zu werden. Das ist für uns beinahe eine Ehre."
Dieser verbitterte Trotz des Generalstabschefs der "Roten Hand" ist inzwischen einer Flucht nach vorn in eine neue, verzweifelte Frontstellung gewichen.
Aus den Totengräbern der IV. Republik, die vor zwei Jahren den General de Gaulle auf ihren Schild hoben, sind die gefährlichsten Staatsfeinde der V. Republik geworden.
Das tödliche Terror-Karussell hat seinen Kreislauf beendet: Die "Sûreté Nationale" hat im letzten Monat den General-Staatschef Charles de Gaulle über einen Plan der "Roten Hand" informiert, den Präsidenten der V. Republik durch ein Attentat zu beseitigen.
"L'Express", Paris
Algerisches Preisrätsel: Wer sind die Feinde des Generals?
AA-Staatssekretär van Scherpenberg
Opfer vertreiben statt Mörder fangen
Putschist Ortiz
Die Verschwörer marschieren ..
"Ledernase" Thomazo
... zurück in den Untergrund
Opfer Hoffmann
In der Nacht ...
Ex-Minister Soustelle
... Schläge und Stiche
Debré
Marschall Juin
Von der "Catena" ...
Verschwörer Biaggi
... ins Kloster der Franziskaner

DER SPIEGEL 13/1960
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