20.04.1960

ERNÄHRUNGDie Eiserne Kuh

Im 13. Stockwerk seines Pressepalastes, wo der Hamburger Verleger Axel Springer sonst vorzugsweise prominente Politiker, Industrielle und Filmstars bewirtet, löffelten drei Professoren mit betonter Zurückhaltung einen dunkelgrünen Brei von zäher Konsistenz.
Springers "Hamburger Abendblatt" hatte die drei Gelehrten - die Ernährungssachverständigen Professor Dr. Hans W. Bansi, Professor Dr. Joachim Kühnau und Professor Dr. Hans Werner - unlängst zu einem wissenschaftlichen Probierstündchen eingeladen. Der Imbiß, der ihnen serviert wurde, hat laut "Abendblatt", bisher "noch auf keinem deutschen Tisch gestanden": Er war aus Unkraut zubereitet. Ein britischer Biochemiker namens Pirie hatte das Eiweißprodukt eigens zu diesem Versuch nach Hamburg geschickt.
Pirie bekümmerte es, daß hauptsächlich nur 100 der etwa 330 000 Pflanzenarten, die es auf der Erde gibt, für die menschliche Ernährung genutzt werden, während eine Fülle von eiweißhaltigen Blättern alljährlich im Herbst ungenutzt verwelkt.
Um diesem Übelstand abzuhelfen, ließ der Eiweißforscher eine Maschine konstruieren, die in der englischen Presse als "Eiserne Kuh" gefeiert wurde. Berichtete der "Daily Herald": "Sie frißt Grünfutter und liefert dafür ein Produkt, das so leicht verdaulich ist wie Milcheiweiß."
In der Tat kann Piries Apparatur eine Aufgabe erfüllen, auf die zwar das umfangreiche Verdauungssystem der Wiederkäuer, nicht aber das des Menschen eingestellt ist: Die Anlage kann große Mengen Grünfutter verdauen.
Blätter enthalten viele unverwertbare Bestandteile wie Zellulose - nur drei bis fünf Prozent der Blattsubstanz bestehen aus Eiweiß. Um dieses Eiweiß zu konzentrieren, wendet Pirie ein umständliches Aufbereitungsverfahren an. Er mahlt die Blätter und quetscht sie in einer Art Fruchtpresse aus. Dann erhitzt er den grünen Preßsaft auf 80 Grad Celsius. Das Eiweiß gerinnt und kann abgefiltert werden. Täglich liefert Piries "Eiserne Kuh" 45 Kilogramm Blattextrakt mit 40 Prozent Eiweißgehalt.
Das Endprodukt ist laut Pirie "ein fast geschmackloser, dunkelgrüner Kuchen, der 60 Prozent Wasser enthält also die Konsistenz von Käse oder Hefe hat - und bei Zimmertemperatur etwa eine Woche lang genießbar bleibt".
Zu seinem absonderlich anmutenden Vorhaben, aus Unkraut eine konzentrierte Eiweißnahrung zu gewinnen, war Pirie während des Krieges angeregt worden, als es auf der von deutschen U-Booten belagerten Insel an Eiweiß in Form von Fleisch, Milch, Fisch und Hülsenfrüchten mangelte. In drei Fachzeitschriften sinnierte er 1942 darüber, wie das Eiweiß der Blätter nutzbar gemacht werden könnte.
Den Briten blieb es erspart, sich vom Eiweiß der wilden Flora ernähren zu müssen. Aber Pirie, Chef der Biochemischen Abteilung in der Forschungsstation Rothamsted am nordöstlichen Stadtrand von London, gab seinen Plan nicht auf. Beharrlich versucht er nun die Fachleute davon zu überzeugen, daß Blatteiweiß die Not der Unterernährten beseitigen könnte.
In der britischen Ärztezeitschrift "The Lancet" berief sich Pirie vor kurzem auf Mitteilungen der "Food and Agriculture Organisation" der Uno, nach denen gegenwärtig 1,8 der 2,7 Milliarden Menschen hungern; vor allem im Süden und Osten Asiens, in Afrika und in Südamerika haben die Uno-Abgesandten bei der Bevölkerung Eiweißmangelkrankheiten festgestellt.
Das Produkt, mit dem Pirie den Hunger bekämpfen will, wurde von den drei Ernährungswissenschaftlern beim Hamburger Probe-Essen allerdings mit gedämpften Kommentaren aufgenommen:
- Professor Bansi: "Lupineneiweiß, das nach dem Kriege in Deutschland entwickelt wurde, ist geschmacklich angenehmer."
- Professor Kühnau: "Vor allem die Bitterstoffe werden als unangenehm empfunden."
- Professor Werner: "Der Geschmack befriedigt nicht. Es sind noch zahlreiche störende Beimengungen darin."
Um den Eiweißbrei geschmacklich zu veredeln, läßt Pirie jetzt kleine "Cocktail-Snacks" backen: Er füllt die grüne Masse in Blätterteigpasteten.
Trotzdem bringen seine Gäste nach dem Essen oft Beschwerden vor, die mit der unverwüstlichen grünen Farbe der Pastetenfüllung zusammenhängen. Erläutert Pirie: "Wenn 20 Gramm oder mehr (des Eiweißprodukts) auf einmal gegessen werden, entzieht sich ein Teil des Chlorophylls der Zerstörung im Darm. Gegen die grüne Farbe ist nichts einzuwenden. Aber jeder, der (das Produkt) in größeren Mengen essen will, sollte sich vorwarnen lassen, damit er aus der grünen Farbe nicht folgert, das Eiweiß sei nicht verdaut worden."
Pirie hofft, daß sich die Bewohner der unterentwickelten Länder, in denen er seine Kost als Volksnahrungsmittel propagieren möchte, an derlei Äußerlichkeiten nicht stören werden. Er gedenkt die Rohstoffe sowohl in Asien als auch Amerika an Ort und Stelle zu gewinnen. Besonders in den großen Strömen hat sich eine Pflanze, die als Rohstoff in Frage kommt - die Wasserhyazinthe -, durch rasche Ausbreitung zu einer Plage entwickelt. In der britischen Fachzeitschrift "Nature" riet Pirie jetzt den Behörden, die das Unkraut seit langem (vergebens) auszurotten suchen, an den Ufern der Flüsse "Eiserne Kühe" aufzustellen.
Freilich: Die entscheidende Frage, ob sich die Eingeborenen auf Piries grüne Kost umstellen würden, wenn man ihnen dazu Gelegenheit gäbe, blieb offen. Meinte einer der drei Professoren nach dem unlukullischen Probe-Essen im Springer-Haus: "Vielleicht bleiben sie lieber unterernährt."
Biochemiker Pirie
Volksnahrung aus Unkraut

DER SPIEGEL 17/1960
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