04.05.1960

MONUMENTAL-FILMEUfa-Kintopp, 1. Teil

Zeiten kommen und Zeiten gehen", verlautbarte die Ufa, "aber der Film... wird immer gewisse Standard-Themen haben, die sich heute so zugkräftig erweisen wie vor dreißig Jahren."
Mit dieser tiefschürfenden Überlegung gedachten die Konzern-Propagandisten plausibel zu machen, warum die Ufa den Berliner Filmfabrikanten Artur Brauner beauftragt hatte, das Bildermonstrum "Herrin der Welt" aus der Frühzeit des Stummfilms neu zu produzieren. Mitte des vergangenen Monats hatte des Werkes erster Teil Premiere - die Fortsetzung folgte in der vergangenen Woche.
Das Spektakulum war bereits vor Jahresfrist in das Produktionsprogramm von Brauners CCC-Filmgesellschaft aufgenommen worden. Damals hatte der Produzent gerade vier Millionen Mark in das ungeschlachte zweiteilige Pappmaché-Opus "Der Tiger von Eschnapur" und "Das Indische Grabmal" investiert. "Murks macht Brauner nicht mehr", teilte seine Pressestube mit. "Für ihn gibt es nur noch Aufwandstoffe und heiße Eisen."
Brauners naive Indienposse behagte nicht nur dem deutschen, sondern auch dem europäischen Kinopublikum so sehr, daß das sich abzeichnende Geschäft ihn ermutigte, weitere "Aufwandstoffe" anzuvisieren. Neues freilich gedachte er nicht zu bieten: "Nibelungen" und "Herrin der Welt", Stummfilm-Bilderbogen der zwanziger Jahre, sollten neu aufpoliert werden. Brauner suchte damit offensichtlich Anschluß an eine Entwicklung zu gewinnen, die auch in Hollywood zur Neuverfilmung abgedroschener Monumentalstoffe geführt hat ("Die zehn Gebote", "Ben Hur").
Der Monumentalfilm-Spezialist Fritz Lang freilich, der 1924 einen denkwürdigen Nibelungenfilm und 1958 für Brauner die Neufassung des Indienstücks verfertigt hatte, war nicht willens, seinen Ruf noch einmal zu strapazieren. Die "Welt" hatte dem Regisseur nach der Hamburger Premiere des Films statt einer Besprechung einen Nachruf gewidmet: ",Das Indische Grabmal'. Hier ruht Fritz Lang, einst Schöpfer so gewichtiger Filme wie ,Metropolis' und ,M' ... Er stellte jetzt das Indische Grabmal' her. Es ist sein eigenes."
Brauner konzentrierte deshalb seine Anstrengungen vorerst darauf, die "Herrin der Welt" zeitgemäß zu drapieren. Der Ufa-Konzern, der in den vergangenen beiden Jahren ohne Fortune operiert hatte und durch eklatante Fehlleistungen wie "Totenschiff" und "Labyrinth" gründlich verschreckt war, übernahm angesichts des Braunerschen Indien-Erfolgs dankbar die Patenschaft. Konzernchef Arno Hauke: "Auch die Ufa muß Geschäfte machen." Eine Umfrage bei den Theaterbesitzern, die Hauke nach Branchengepflogenheit hatte veranstalten lassen, ergab eindeutig, daß die Kino-Inhaber sich "viel Bildwirkung und viele Schauwerte" von dem Neuaufguß des Monsterfilms aus dem Jahre 1919 versprachen.
Damals hatte der Wiener Industriellensohn und Rennstallbesitzer Joseph Mandel, der sich Joe May nannte, in Berlin die längste Zelluloidschlange gefertigt, die bis dahin in Europa entstanden war. Für acht Millionen Mark hatte er ein kinematographisches Ungeheuer geboren: eine Abenteuermär in acht abendfüllenden Fortsetzungen.
Im Auftrage Mays ersann der Reiseschriftsteller Karl Figdor eine Story, "die sich schön auswalzen läßt" - die "Geschichte einer schönen Frau, die von Rachegelüsten um die Welt getrieben" und dabei von einem Kraftmeier beschützt wird. In seiner Frau Mia hatte Joe May zwar schnell die "schöne Frau" gefunden, aber es ermangelte noch des muskelbepackten Übermannes. Schließlich verfiel er auf den gefeierten Kammersänger Michael Bohnen: "Sein Wotanskostüm wiegt anderthalb Zentner." Ein Mann, "der so etwas einen -Abend lang mit sich rumschleppt und dabei sogar noch singt", schien der gesuchte Hauptdarsteller zu sein.
Unter dem Protestgeschrei der Berliner Musikkritiker ließ sich der Stimmband - Akrobat tatsächlich als Sensationsdarsteller dingen. Nachdem Joe May an der Woltersdorfer Schleuse ein geeignetes Gelände gemietet hatte, raufte Bohnen mit gelben und schwarzen Komparsen, riskierte wilde Ritte über Steilhänge und durch märkische Gewässer. Die Berliner pilgerten zu den Außenaufnahmen und begafften die Kraftakte ihres Opern-Idols.
Erst als Bohnen in Zeitnot geriet, ließ May ihn sterben und die letzten der acht abendfüllenden Teile ohne ihn drehen, die von Weihnachten 1919 an in Berlin uraufgeführt wurden.
Das Drehbuch dieser Räuberpistole überdauerte die Zeitläufe ebenso wie eine Kopie aller acht Filmteile, die im Archiv der sowjetdeutschen Defa in Ostberlin lagert. Mit dem Studium dieser konservierten Abenteuer beauftragte Brauner den Westberliner Filmdichter Harald Petersson-Giertz.
Petersson erkannte bei seinen Ausgrabungen jedoch alsbald, "daß es sich bei diesem Ding um Kintopp im Inflationsstil handelte, der heutzutage nicht mehr zu machen ist". Er ersann eine neue Geschichte, mit einem anderen Schauplatz, Angkor Vat in Kambodscha, der Welt größter Tempel-Anlage.
Nachdem Brauner den 66jährigen Hollywood - Rückkehrer William (Wilhelm) Dieterle ("Der Glöckner von Notre-Dame") als Regisseur verpflichtet hatte, ließ er Peterssons Filmdichtung von dem amerikanischen Drehbuchschreiber Jo Eisinger so gründlich renovieren, "daß die Toten in Scharen fallen und es mindestens fünfzig bis sechzig Leichen gibt" (Petersson).
Im Mittelpunkt der Handlung stand nun ein Forscher, dem es gelungen war, aus Experimenten mit der Lichtgeschwindigkeit ungeahnt große Energien zu gewinnen. Als die Filmleute jedoch das Drehbuch den Experten der Westberliner Technischen Universität vorlegten (Dieterle: "Studenten sollten später nicht sagen können, wir hätten keine Ahnung!"), stellte sich heraus, daß die Autoren tatsächlich keine Ahnung hatten. Die Wissenschaftler empfahlen: "Gebündelte Energie aus gelungener Kernverschmelzung - das ist glaubwürdige Utopie."
Die Filmleute korrigierten dankbar ihr Drehbuch, und mit Schauspielern aus Amerika (Martha Hyer), Argentinien (Carlos Thompson), Indien (Sabu), Frankreich (Micheline Presle, Lino Ventura) und Italien (Gino Cervi) kurbelte Brauners Filmtrupp in Südostasien und zwischen Pappmaché-Bauten in Berlin-Spandau. Dort drehte Regisseur Dieterle, auch im Atelier stets mit weißen Handschuhen, die Szenen seiner abstrusen Story, die Europas Fernseher zu schönen Stunden ins Lichtspielhaus locken soll.
Als "Herrin der Welt" Mitte des vergangenen Monats in Hamburg anlief, stand fest, daß sich das Projekt zu einem der aufwendigsten deutschen Filmunternehmen der Saison ausgeweitet hatte. Voraussichtliche Gesamtkosten: fast fünf Millionen Mark.
"Wenn der erste Tote gekonnt in die Abenddämmerung sinkt", stöhnte selbst das den Verfehlungen der Film-Industrie gegenüber äußerst milde gestimmte "Hamburger Abendblatt", "und die bildschöne, aber streng wissenschaftlich geschulte Tochter eines Atomforschers die Vernichtung ihres kernphysikalischen Labors übersteht, ohne auch nur eine einzige blonde Locke zerzaust zu
haben, dann weiß man, worauf Regisseur William Dieterle aus ist."
Auch erwies sich, daß die Schauwerte des Spektakulums keineswegs so viele Zuschauer anzulocken vermochten, wie die Kinobesitzer erhofft hatten. Die Uraufführungstheater meldeten der Ufa eine Kapazitätsausnutzung von nur 60 Prozent. Tröstete sich Konzernchef Hauke: "Das sind gute Zahlen. Wir sind ja heute nicht mehr verwöhnt."
Kammersänger Bohnen in "Herrin der Welt" (1919): Noch einmal ...
... mit 50 Toten: Hollywood-Star Martha Hyer in "Herrin der Welt" (1960)
Stummfilm-Star Mia May Monster der Urzeit ...
Monumentalfilm-Regisseur Dieterle ... für die Paläste der Ufa

DER SPIEGEL 19/1960
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