11.05.1960

HEILSKÜNDER / SCHLAMMChuzpe

Kurzen Schritts hastet der kleine Mann ans Katheder, zum zwölften Male an diesem Abend. Empört reckt er sich, hebt sich auf die Zehen, stemmt den Oberkörper über den Pultrand nach vorn, die Lippen berühren beinahe das Mikrophon, und mit Tribunen-Gebärde, die das Opfer fixiert, schleudert er den Arm wie einen Speer am Mikrophon vorbei nach vorn, den Zeigefinger dorthin ausgestreckt, wo im Saal der letzte - elfte - Debattant eben Deckung sucht.
Das Publikum fiebert, in der Mehrzahl Studenten, durch den ideologischen Phrasenzauber des Kleinen - "Der Antichrist springt uns an, der Kommunismus will die Welt!" - längst neurotisiert.
Eben noch haben diese Bürger der universitas litterarum den Kommilitonen, der ihnen "Nüchternheit" zu empfehlen wagte, mit "Schluß"-, "Raus" - und "Runter"-Gebrüll niedergeschrien. Gierig warten sie nun, wie der wortstarke Mann am Katheder mit dem schwächlichen Zweifler im Parkett abfahren wird; ihre Gesichter sind verzerrt, starr hängen die Blicke an den Lippen des Heilsboten - ein akademisches Auditorium wie im Banne biblischer Verheißung: "Du hast Worte des ewigen Lebens."
Und der Redner, vollkommenes Medium seiner Zuhörer, weiß, was er ihnen bieten darf: "Was glauben Sie denn, mein junger Freund? Warum sollte der Mann in Chicago atomare Konsequenzen auf sich nehmen? Warum sollte er Ulbrichts wegen in Berlin zu kämpfen beginnen? Warum denn? Weil Berlin eine schöne Stadt ist? Weil Ihre Augen schön sind?"
Es ist ganz sicher, daß der Attackierte nichts dergleichen glaubt. Das Publikum jubelt desto wilder.
So anspruchslos geht es in den Hörsälen westdeutscher Universitäten und den Biersälen älterer Herren zu, in denen sich seit dem Herbst vergangenen Jahres mit wiedertäuferischem Ernst eine neue Erweckungsbewegung deutscher Nation formiert.
Der studentische und bürgerliche Pöbel rast rauschhaft begeistert. Wer sich mit ihm nicht identifiziert, wird um der bloßen Differenz willen ausgezischt, geschmäht, bedroht
Es triumphiert der bebrillte Tribun, der Austro-Amerikaner William S. - laut Amtsregister: Siegmund-Schlamm aus Przemysl in Galizien, zeit seines Lebens in selbstgewebte "Erlösungsvorstellungen" aller Art verstrickt, aggressiver Advokat jeweils der Ideologie oder politischen Tendenz, die sich seiner "Sehnsucht nach einer moralischen Aufforderung" gerade anbietet, durch vier Jahrzehnte in Wien, Prag, New York und Zürich nacheinander
- Stalinist,
- Sozialist,
- Pazifist,
- McCarthyist,
- Kriegspropagandist
und überdies seit neuestem in der Bundesrepublik eine Kaffeehaus-Version des nationalen Erlösers mit - nach eigenem Zeugnis - "kriegschürenden Äußerungen" gen Osten.
Auf einer Versammlungs-Kampagne quer durch Westdeutschland hat dieser Schlamm in bisher 35 Versammlungen sein Standard-Thema "Hat Deutschland noch eine Zukunft?" abgehandelt. Seine Antwort fiel positiv aus - sofern die Deutschen nicht "zu bequem" sein würden, "bei den Sowjets anzuecken" und sich mit ihnen zusammen für die Freiheit der Welt in die Luft zu sprengen.
Arrangiert wurden diese Götterdämmerungs-Aufführungen von den Allgemeinen Studenten-Ausschüssen der Universitäten, christ-demokratischen
Hochschulgruppen, christ-katholischen Jugendbünden, Evangelischen Akademien, der CDU-nahen Studiengesellschaft für staatspolitische Öffentlichkeitsarbeit e.V., dem Kuratorium Unteilbares Deutschland, dem Rhein-Ruhr -Klub e.V., der Europa-Union und den Kriegsdienstverweigerern.
Die stolze Zwischenbilanz dieser Tournee aber zieht der "Katheder-Recke Schlamm" ("Süddeutsche Zeitung") auf die Frage, warum er nicht eine Partei gründe, mit dem selbstbewußten Satz: "Die Fünf-Prozent-Klausel (des Wahlgesetzes) ist für mich jedenfalls kein Hindernis."
Sein - vorläufig - letztes Glaubensbekenntnis: "Aus der Entspannung kommen alle Kriege. Die blödsinnigen Abrüstungsvorstellungen führen in die Katastrophe. Denn es gibt keinen Status quo; wer nicht aufsteigt, geht unter." Sein Rezept für die Deutschen: "Nach
einem Jahrzehnt der selbstauferlegten Blindheit und der Würdelosesten Ausflüchte ... (mußte) eine deutsche Regierung endlich dieses Volk im Bündnis mit der mächtigsten Demokratie der Welt (Amerika) zu einem nationalen Auftrag der Entscheidung, aufrufen, dem Auftrag, die Rückgabe der vergewaltigten Gebiete Deutschlands zu erzwingen und damit das Gewissen der Nation zu erlösen."
Schlamm hat nicht immer so gesprochen. Aber nicht, daß er früher anderes gesagt hat, ist von Belang, sondern daß er in ebenso übersteigerter Hysterie das pure Gegenteil verkündete. Zu den ersten stalinistischen Prozessen schrieb der 24jährige: "Warum soll der proletarische Staat, den tausend Feinde umlauern, nicht das tun dürfen, was den augenblicklichen Interessen des Proletariats entspricht?" 1928 erklärte er "die Verschärfung des Kampfes gegen die internationale Sozialdemokratie aller Schattierungen zur unabweisbaren Notwendigkeit für alle kommunistischen Parteien".
1934, bach dem blutigen Putsch der Wiener Sozialdemokraten gegen das diktatorische Dollfuß-Regime: "Wenn es noch eine Zukunft, wenn es noch Sozialismus geben wird - aus dem Wiener Heldentum werden sie erwachsen, dessen würdig zu sein der einzige Sinn unseres Lebens bleibt" so schrieb der 30jährige. Dagegen der 55jährige: "Der Bundeskanzler (Adenauer) hat vollkommen recht, wenn er mit allen überhaupt nur möglichen Mitteln die Sozialdemokraten madig macht - und sie mit aller Gewalt von der Macht fernhält."
1934 proklamierte Schlamm: "Die
Deutsche Republik (nach Hitlers Sturz) verzichtet für alle Zeiten auf den Krieg als Instrument der Außenpolitik". Dagegen 1959: "Die Entscheidung einer Regierung, Kriege als undenkbar zu erklären, schließt die Entscheidung ein, auf jegliche Außenpolitik zu verzichten." Als Kriege noch denkbar waren, hielt Schlamm sie für undenkbar. Nun sie undenkbar geworden sind, fordert er den Krieg als unerläßliches Mittel der Politik: "Der Westen, wenn er am Leben bleiben will, muß glaubhaft entschlossen sein, Krieg zu führen. Denn auf den Krieg bloß vorbereitet zu sein, ist nicht genug."
Nach Hitlers Machtergreifung schrieb der 30jährige Schlamm:
"Parlamentarische Demokratie? Große Mehrheiten lassen sich durch große Vermögen erzeugen." Derselbe Mann, der von seinem Wiener Katapult aus dem Österreicher Hitler geholfen
hatte, die Republik Stresemanns und Brünings zu zermahlen, höhnt 1959 in ekligstem Pamphletdeutsch: "Die Weimarer Republik hatte den Stil des Masochisten - immer auf verstohlenen Rückzügen, immer auf den Knien, immer entblößt. Aber es besteht, und nicht nur in der Politik, eine absolut unwiderstehliche Anziehung zwischen Masochisten und Sadisten."
Aus dem "Sadisten" der Vorhitlerzeit wurde nach der Machtergreifung des Eroberers ein Pazifist - bis Hitler Europa zusammenschlug.
Schlamms bizarre Bocksprünge auf der Weide der Ideologien hatten schon immer einen in seiner Person begründeten Sinn. Voller Übereifer suchte er mit jeder seiner Verwandlungen zweierlei: Bewegungsfreiheit und Anschluß. Je und je übersteigerte er die Bewegung und blieb ausgeschlossen.
Fast wehmütig in der Erinnerung an das eigene revolutionäre Erlebnis schrieb er 1937 in seinem ersten Buch - "Diktatur der Lüge, eine Abrechnung" (mit Stalin) - den auf Stalins Geheiß hingerichteten Genossen Sinowjew und Kamenjew den Epilog: "Was in diesen gespenstischen Schauspielen der Menschenvernichtung geschehen ist, kann nur fassen, wer sehr legitim weiß, daß diesem Typus des Berufsrevolutionärs die Beziehung zur Partei schlechthin die Liebesbeziehung war, das ganze Leben lang. Mit allen Ekstasen, Leidenschaften, Perversionen, Hingaben, Vernichtungen, mit allem Taumel, allem Ekel und aller Unlösbarkeit."
Den hitzigen Liebhaber Schlamm verschmähten auch die Kommunisten. Wieder und immer aufs neue kompensierte er das Mißverhältnis zwischen seinem Ehrgeiz und der sozialen Wirklichkeit mit ideologischem Lustgewinn, mit der immer reineren, strengeren Lehre, derer die Arrivierten, ob links oder rechts, nicht teilhaftig waren.
Die Ursprünge dieser Entwicklung liegen im Knabenalter, als Schlamms Leben schon beschädigt, der Alp seiner Kindheit drückend wurde.
Der Kölner Domvikar Monsignore Hoster schrieb im Januar dieses Jahres: "Schlamm ist Dreck, und Dreck beschmutzt." Konterte Schlamm: "Dieser Monsignore ist unchristlicher als die kleinen Buben, die mich vor fast fünfzig Jahren, in der ersten Klasse der Dorfschule von Purkersdorf bei Wien, mit der Roheit von unwissenden Kindern wegen meines Namens quälten."
Am 10. Juni 1904 in der polnisch-galizischen Kreisstadt Przemysl geboren, neuntes Kind jüdischer Eltern, öffnete sich Schlamm bereits als Gymnasiast in Wien den Verlockungen der Weltrevolution. Der "blöde" Erste Weltkrieg hatte ihn enttäuscht, die soziale Deklassierung empört; von den Kommunisten erhoffte er Anerkennung und Geltung: "Die Antikriegs-Politik der russischen Revolutionäre zog mich an. Außerdem hatte auch ich das Verlangen nach einer gerechten Gesellschaftsordnung."
1919 - im benachbarten Ungarn wütete der Genosse Bela Kun - erwarb Schlamm mit fünfzehn Jahren das Mitgliedsbuch der Kommunistischen Jugend -Internationale (KJI). Seine Beziehungen zur Kaderspitze waren - wenn man Schlamm glauben darf - schon 1920 so intim, daß der Sechzehnjährige nach Moskau pilgern durfte. Dort, in der Funktionärs-Absteige "Lux", nahmen seine Ideale - so weiß Schlamm es heute - erstmals Schaden; der Hotel-Kommandant fragte den jugendlichen Wallfahrer abends: "Welches Mädchen willst du haben, Genosse?"
Den Wiener Genossen scheint Schlamm diese Geschichte nie erzählt zu haben. Die Überlebenden können sich ihrer jedenfalls nicht erinnern. Sicher ist aber, daß Schlamm seinen amtlich eingetragenen Vornamen Siegmund zu Beginn seiner politischen Karriere gegen Willi eintauschte.
Und ebenso sicher ist, daß Willi Schlamm 1922 zum Redakteur und 1925 zum Chefredakteur des Zentralorgans der Kommunistischen Partei Österreichs "Die Rote Fahne" avancierte. Schon vom ersten Tage an - erzählen die Altgenossen - habe er mit "wildem Ehrgeiz, exzentrischer Eitelkeit, Überheblichkeit und Rechthaberei" die Kollegen sämtlich verärgert.
Heute noch läuft in der Redaktion der Wiener KP-"Volksstimme" ein "Schlammismus" um. Redakteur Schlamm zum Redakteur Zucker-Schilling: "Wenn ich mich ins Bett gelegt habe, muß ich mir immer erst den Polster selbst zurechtrücken, sonst kann ich nicht schlafen." Zucker-Schilling: "Ja, ja, ich weiß, dir hat ja noch nie einer etwas recht gemacht."
Sein labiles, sprunghaft wechselndes politisches Urteil irritierte die Genossen. Von einem Jahr zum anderen verlangte er von seiner Partei, sie
möge sich mit den österreichischen Sozialisten zur Einheitsaktion gegen die Bourgeoisie zusammentun, dann wieder, sie müsse ihre Energien ausschließlich gegen den "internationalen Menschewismus" - sprich: Sozialdemokraten - richten.
Die Genossen murrten und verwarfen die von Schlamm für Parteitage formulierten Resolutions-Anträge fast einstimmig. Die Kaderspitze degradierte ihn vom Chefredakteur zum Redakteur; 1929 schloß sie ihn aus der Partei aus - wegen Linksabweichung, sagen die Genossen heute; wegen Rechtsabweichung, sagt Schlamm.
Urteilt der Redakteur Dr. Fritz Glaubauf, jetzt beim Wiener KP-Pressedienst, über seinen früheren Gesinnungsfreund: "Schlamm ist ein Mensch, dem man nie Qualitäten inneren Halts nachsagen konnte. Sicherlich hat er nie darunter gelitten, daß er selber nichts von sich halten konnte."
Ruth Fischer, einst in der Spitze der KPO tätig, seit ihrem Abfall vom Kommunismus renommierte Kreml-Astrologin: "Die KPO war in der Internationale das Letzte, und in der KPO war Schlamm das Letzte."
Und Schlamms Selbstkommentar heute: "Ich war damals der frechste, der unverschämteste junge Mann, den Sie sich vorstellen können. An Chuzpe* war ich von niemandem zu übertreffen."
Das ist die nahezu vollkommene Umschreibung des Entwicklungsstandes, über den Schlamm im Grunde genommen nicht hinausgekommen ist. Alles ist heute justament noch so, wie damals bereits ausgebildet: Dialektik, Schreibe, Methode der Kritik, Tricks, Bluffs, das Talent zur Chuzpe und nicht zuletzt eine Grobheit des Ausdrucks, bei der Verunglimpfungen die Norm sind.
Allerdings legte sich Schlamm auf seinem ideologischen Rutsch nach rechts Attitüden zu, die ihm vorher noch abgegangen waren,
so die des quasi-religiösen Heilskünders.
Selber durchaus glaubenslos, verwischte er die Qualitätsunterschiede zwischen Ideologie und Religion und gab ideologische Zweckwerte als den Inhalt religiösen Glaubens aus. Mit wohlfeiler Methode vollzog er sodann den Umschlag der abstrakten Ideologie in die konkrete Politik. Den ideologischen Wertbegriff Freiheit, mit "Erlösungs"-Qualität ausgestattet, münzte er in einen politischen Fetisch um, dem erforderlichenfalls einzelmenschliche Existenzen in beliebiger Zahl zu opfern seien.
Die Ideologie - keineswegs die Politik - ist denn auch das seit Hitlers Ende für unwirksam gehaltene Narkotikum, mit dem William Schlamm die westdeutschen Jungakademiker sicherrer, als ein Dompteur die Meute in seiner Gewalt hält, bis an die äußersten Grenzen des Herdenrausches treibt.
In einem Erfolgsrapport umschreibt er die von ihm entfesselten Affekte mit idealistischen Kategorien: "Ich habe im Verlauf der letzten vier oder fünf Monate - ich würde sagen - ungefähr 15 000 deutsche Studenten getroffen, und ich würde sagen, daß die Generation, die ich da traf, eine Generation ist, die darauf wartet, angesprochen zu werden, eine Generation, die darauf wartet, Ideen fassen zu dürfen und an Ideen glauben zu dürfen. Diese Sehnsucht nach der Idee, die merke ich in der deutschen Jugend."
In Wahrheit sieht der Befund - nach Schlamms Versammlungen zu urteilen - noch weit schlimmer aus. Der akademische Nachwuchs von heute, dem die Stipendien - Propagandisten gern bescheinigen, daß er mit dem Entschluß zu studieren das Wagnis der autonomen geistigen Entscheidung und Verantwortung auf sich genommen habe, ist noch leichter verführbar als die Generation von Oberlehrern, Pastoren und Staatsanwälten, die den Weimarer Staat ruiniert und das halbe Reich verloren hat. Und der emotionale Konsumbedarf der Studenten, denen es - wie je - an politischer Erziehung, nicht an politischer Leidenschaft, gebricht, ist heute zumindest nicht geringer als zur Zeit der Reichsgründungsfeiern und Führergeburtstage.
Allerdings, Schlamms politisierende Alchimie, der die Studenten widerstandslos erliegen, steht auch keineswegs den Künsten nach, denen einst die Vernunft der Väter zum Opfer fiel.
Niemand sonst vor Schlamm wußte in Deutschland seit Hitler und Goebbels so dreist und geschickt mit den Reizmitteln nationaler Massenhysterie zu hantieren. Die Rabauken der Sozialistischen und der Deutschen Reichspartei erreichten noch nicht einmal das Format biederer Gauredner. Die Agitprop-Sekretäre der Kommunisten drehten Ihre monotonen Dogmen-Mühlen ohne Resonanz.
Demagoge Schlamm hingegen versteht es mit der hypnotischen Wirkung dessen, der auch nicht den Schimmer eines Zweifels läßt, die Massenseele am Portepee zu fassen, verkümmerte Instinkte anzuregen und Gefühle zu bedienen, die für abgestorben galten.
Mal glatt, geleckt, mit einem Stich ins Oberkellnerhafte, mal giftig, rabiat, mit ordinärem Beiklang reduziert der Mann mit der Fliege die Urteilskraft der Teilnehmer an seinem "Seminar für Demagogie" ("Stuttgarter Zeitung") auf jenen neutestamentlichen Satz, mit dem früher vorwiegend lutherische Theologen das demokratische Institut des Kompromisses zu diffamieren suchten: "Wer nicht für mich ist, der ist wider mich."
Anfangs freilich tarnt er dieses Freund -Feind-Prinzip, um sich Zwischenrufer vom Halse zu halten: Wir werden nicht dulden, daß dies hier eine Versammlung wird. Ich werde einen Vortrag halten, und wir werden darüber sprechen, kritisch, sachlich." Der Trick glückt fast immer; die Zuhörer wähnen sich im akademischen Kolloquium, die Opponenten bleiben stumm, so daß Schlamm ungestört darangehen kann, das Publikum einzustimmen, die Distanz zwischen sich und dem Saal aufzuheben.
Zu diesem Zweck schlägt er Frömmler-Töne an. Einem Zeitungsmann hat er Monate vorher gesagt: "Spirituell tendiere ich ohne Frage zum Christentum", woraus geschlossen werden darf, daß sein Gott kaum mehr als ein Reflex seiner Ideologie ist. Aber in seinen Erweckungs-Versammlungen säuselt er sanft mit umflorter Stimme: Ich bete zu Gott." Ein Kleriker hat gegen ihn Partei genommen; Schlamm spreizt die Finger auf der Brust: "Ich verehre die Kirche, die große Kirche, aber ich schäme mich; meine Damen und Herren, schämen wir uns dieses geistlichen Herrn!" (Hinterher: "Der Kerl ist mir völlig schnuppe.")
Gefügig schämt sich das Publikum, und schon spürt Schlamm, daß er dröhnendere Register ziehen darf. Unentwegt: spricht er von sich selber, seiner Unfehlbarkeit, seinem Leid, seinen Tugenden. Einer leeren, nichtssagenden Floskel wie: "Es gibt keine defensive Politik in einer Welt, in der es sich um die Entscheidung handelt", hängt er den beschwörenden Unfehlbarkeits - Kommentar an: "Das ist genau die These, die völlig unsensationell ist wie alle einfache, wahre, schlichte Geschichte. Ohne jede Sensation. Es ist einfach wahr. Darum handelt sich's eben. Es ist die geschichtliche Wahrheit, die Wahrheit der Geschichte."
Das Publikum nimmt willig die Göttin-der-Geschichte-Pose des Mystagogen Schlamm an, der an einem Abend in Rede und Debatte - gezählt - achtundzwanzigmal die Vokabel "redlich", sechsundzwanzigmal die Vokabel "manierlich" gebraucht und gleichwohl mit weitem Abstand die am wenigsten manierliche Figur der deutschen Öffentlichkeit abgibt.
Schlamm: "Ich azeptiere jeden Opponenten, sofern er manierlicher Diskussion fähig ist." Abel er selber, der noch nicht einmal zuhörien kann, diskutiert keineswegs; er macht den Opponenten zum Popanz; dem gegenüber das Publikum nur noch die Zähne fletschen kann.
Dem Diskussionsredner werden vier, fünf Minuten zugebilligt; Schlamm nimmt sich für jede Einzelreplik zwanzig, dreißig Minuten: Durchaus unredlich, weil er es mit Sicherheit besser weiß, entstellt er die Argumente des Widersachers bis zur Unkenntlichkeit, verfälscht sie zu blanken Torheiten, bis das Publikum vor Vergnügen jauchzt. Alsdann offeriert Schlamm seine Gegenargumente - Argumente gegen Meinungen, die niemand vorgebracht hat
- und drischt den Kontrahenten mühelos
zusanmmen.
Das Vokabular" seines Verdikts umfaßt Abend für Abend die gleichen Rüditäten. Der Gegner ist "unsäglich dumm" oder "unsagbar dümmlich", jedenfalls ein "Tor", linkisch", "kokett"", "zynisch", "verächtlich", "albern", "grotesk", "blöde" "vertrocknet" und zudem ein "Selbstmörder".
Einem
Studenten, der Widerpart gehalten hat, unterstellt Schlamm, er habe für "diesen kleinen Sozialistischen Studentenbund" gesprochen.
Der Student, Parteigänger Adenauers, sucht sich zu legitimieren: "Erlauben Sie, daß ich etwas klarstelle?"
Schlamm. "Nein, nein."
Student: "Ich habe nicht gesprochen..."
Schlamm: "Ich erlaube nichts!"
Student: "Ich habe nicht gesprochen für..."
Schlamm: "Ich erlaube nichts, ich erlaube nichts!"
Eine Dame sagt in unbeholfener Sprache: "Mister Schlamm, Sie haben einen ausgezeichneten Stil, ich meine journalistisch." Um so behutsamer aber, meint die Frau, müsse er deshalb von diesem Talent Gebrauch machen.
Schlamm: "Ich hoffe, gnädige Frau, daß der Vorwurf des guten Stils nicht zu ernst gemeint war. Und wenn es etwas gäbe, was dem guten Stil überlegen wäre, wäre es Ihr Charme. Aber ich fürchte, Sie haben mich nicht überzeugt. Sie müßten wohl besseren Stil entwickeln."
Den vehementesten Effekt bei rauschsüchtigen Jungakademikern erzielt Schlamm, indem er mit Bluffs jäh schockiert. Er sagt: "Sie sind unterwandert, und zwar in einem ganz hohen Maße." Oder: "Die Amerikaner werden Sie verkaufen." Zu Amerikanern sagt er einen Tag später: "Seien Sie vorsichtig, Millionen Deutscher hassen Sie."
Den lautesten Applaus aber entfacht er, wenn er - mit kaltem Kalkül - in der Rolle des sensiblen Nashorns agiert. Von einer Minute zur anderen vertauscht er die Maske des Propheten, den das Gewissen zwingt zu bekennen, mit der des Erniedrigten, dem der Feind nach der Ehre trachtet.
Ein Berliner Diskussionsredner moniert Schlamms "komische Aggressivität". Widerstand gegen den Kommunismus sei "selbstverständlich nach den Erfahrungen in Berlin" und bedürfe nicht "dieses Theaters"; so habe er es jedenfalls auch schon am 17. Juni 1953 auf dem Ostberliner Alexanderplatz gegen Sowjet-Panzer gehalten. "Mister Schlamm, Sie hätte ich gern dabei gehabt:"
Schlamm: "Wozu diese kleinen, dummen, schiefen, persönlichen Angriffe? Wozu? Ich habe nicht Sie beschuldigt, daß Sie ehrlos sind. Ich habe nicht Ihre Ehre in Frage gestellt. Warum halten Sie es für nötig, die Ehre eines Mannes in Frage zu stellen, der Ihr Gast ist? Ich würde es mir dreifach überlegen, mein Herr, dreifach überlegen! Tun Sie das ruhig - Sie werden dem deutschen Namen, der in der Welt fraglos noch seht viel Säuberung braucht, keineswegs Ehre antun, wenn Sie Gäste Ihres Landes so behandeln."
Derselbe Berliner hat: Schlamm vorher ermahnt, deutschen Belangen gegenüber mehr Takt zu wahren, wie es sich für einen Ausländer geziemt - und siehe da, auf einmal ist Schlamm nicht mehr der Gast aus der Fremde:
"Ich bin als erwachsener Mensch nach Amerika gezogen, aber in diesem Teil der Welt (in Mitteleuropa) bin ich geformt und in diesem Teil der Welt bin ich kulturell und spirituell geformt worden. Ich bin Europäer geblieben, weil ich es mir nicht von den Amerikanern einreden ließ, daß ich plötzlich Amerikaner bin. Hier ist das Land, in welchem ich nicht nur meine Muttersprache spreche, sondern in welchem ich auch Dinge fühle, die ich in Amerika - vielleicht nicht so klar fühlen kann."
Es war klar, der Diskussionsredner aus Berlin hatte eine der schwachen Stellen Schlamms getroffen, der gern vorgibt, er sei "zurückgekehrt", obschon er vor seiner Emigration nach Amerika nie in Deutschland zu Hause war. Nach seinem Abgang aus der KPO politisch heimatlos, aber noch links, hatte er von Wien aus für den "Simplicissimus" und die "Jugend" in München geschrieben, sein Zeichen: kat. 1931 fand er Kontakt zur Wiener Nebenausgabe der Berliner "Weltbühne" des Pazifisten Carl von Ossietzky; das Hauptangriffsziel seiner zerfetzenden Polemik blieb der Weimarer Staat.
Bundesverteidigungsminister Strauß, von Schlamm als gefährlicher Opportunist auf die Hörner genommen: "Dieser Asphaltjournalist hat doch schon mitgewirkt, als die Weimarer Demokratie kaputtgemacht wurde."
1933 setzten die NS-Herren in Deutschland ohne Verzug den Chef der "Weltbühne", Carl von Ossietzky, fest und verboten das Heft; in Österreich zog die christlich-autoritäre Regierungspartei gegen die Roten zu Felde. Willi Schlamm exilierte nach Prag, die Wiener "Weltbühne" - nun "Neue Weltbühne" nahm er mit.
In Prag hielt Schlamm noch jahrelang die alte pazifistische Generallinie durch, wiewohl ihm Hitlers Rüstungspolitik keineswegs verborgen blieb. Seine merkwürdigste Produktion in dieser Zeit war das deutsche Verfassungsprojekt "So wollen wir Deutschland" - nach Hitlers Sturz:
Deutschland ist eine sozialistische Republik. Alle Vorrechte der Abkunft, des Standes, des Geschlechts, der Konfession und der Rasse sind aufgehoben.
Deutschland verwirklicht die Selbstherrschaft seines Volks. Das Berufsbeamtentum wird grundsätzlich abgeschafft.
Innerhalb der politischen und Strafjustiz wird das Berufsrichtertum ausnahmslos abgeschafft. An seine Stelle treten gewählte Volksgerichte.
Für öffentliche Tätigkeit wird ein monatliches Höchsteinkommen von 60 Mark festgesetzt.
Berufsheer und Berufspolizei werden abgeschafft. Die deutsche Republik bekennt sich zur absoluten Abrüstung. Für eine Übergangszelt, deren Dauer von der inneren
und äußeren Entwicklung abhängt, wird eine Volksmiliz geschaffen.
Die deutsche Republik verzichtet Tür alle Zeiten auf den Krieg als Instrument der Außenpolitik. Sie ist zur umfassenden und endgültigen Abrüstung bereit.
Die Berufsdiplomatie wird abgeschafft. Die Außenpolitik der deutschen Republik gründet sich auf den Frieden und auf die Solidarität der arbeitenden Menschen aller Länder, Nationen und Rassen.
Dreißig Jahre alt war Schlamm, als er diese Abstrusitäten zu Papier brachte. Daß er auch noch die Artikel Leo Trotzkis in die Spalten der Prager "Neue Weltbühne" einrückte, brachte ihn Anfang 1934 um Stellung und Heft. Die Stalinisten manövrierten ihn hinaus.
Schlamm stieg in die Redaktion der Prager Emigranten-Wochenschrift "Europäische Hefte" um, in der er die Leitartikel ungeachtet der deutschen Aufrüstung konsequent auf pazifistischem Kurs hielt. Alle jene, "die vom nächsten Krieg tatsächlich immer noch den Sturz des Faschismus ... erwarten", verhöhnte er. Heute: "Ich war nie ein Pazifist."
Erst aus dem zweiten Buch Schlamms, seiner Morgengabe an die neue Heimat Amerika: "This Second War of Independence", tönten seine ersten Kriegsrufe gegen Hitler - 1940, anderthalb Jahre vor Hitlers Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten. Schon mit diesem Buch gab sich der Autor - wie heute
- als ein apolitischer Phantast zu erkennen,
der die Grenze des Möglichen souverän mißachtet: Hitler werde - so prophezeite Schlamm damals allen Ernstes - Amerika, nicht die Sowjet-Union überfallen, weil Amerika zivilisatorisch weiter entwickelt und deshalb leichter auszubeuten sei.
1941, unmittelbar bevor die Amerikaner offiziell in den Krieg eintraten, fand Schlamm Anschluß an die "Herren der öffentlichen Meinung Amerikas", die republikanische Zeitschriftengruppe "Life", Time" und "Fortune". Schlamm: "Von 1943 bis 1950 war ich Assistent des Chefredakteurs Luce." Andere Luce -Leute haben ihn damals freilich nur in Redaktionsstuben gesehen, in denen vier, fünf, sechs Kollegen zusammenhockten. 1951 trennte sich Schlamm von den Luce-Blättern. Ein Farmbesitz im Staate Vermont - nahe der Klitsche Carl Zuckmayers -, den Schlamm -Gattin Stefanie beaufsichtigte, machte ihn beweglicher, auch finanziell.
Heutzutage reagiert Schlamm auf die Frage nach seinen Finanzquellen wie auf einen Tarantelstich. Zum Geld hat er offensichtlich schon von früh an ein äußerst aktives, wennschon etwas ekliges Verhältnis unterhalten. In seinen Publikationen älteren Datums gibt es kaum eine Seite, auf der Schlamm seinen Angriffsobjekten - gleichviel ob rechts oder links - nicht Lenin-getreu ankreidet, daß sie "korrupt", "käuflich", "schmierigste Geschäftemacher" seien, "den Wegpfennig zusammengebettelt", sich "verkauft" hätten, "gegen ein kleines Entgelt" zu jedem Betrug bereit.
1934, nach dem blutig, zusammenkartätschten
Aufstand der Wiener Sozialisten, verfertigte er - in Prag fernab vom Schuß - den Aufruf "Unsere Pflicht". Darin stand: "Der Verfasser dieses Aufrufs wird bis an sein Lebensende oder bis zum Sieg des österreichischen Sozialismus monatlich auf jenen Teil seines Einkommens verzichten, der zwei Arbeitstagen entspricht."
Seine "Offensive" heute gegen den Kommunismus muß solch eines herzigen Opfers allerdings entbehren. Der Kreuzzügler Schlamm fordert pro Vortragsabend Honorare bis zu 1500 Mark, läßt sich jedoch im Interesse der Sache bis auf 400 Mark Honorar zuzüglich 200 Mark Spesen herunterhandeln.
Nicht belauscht, prahlt er: "Ich verdiene dieses Geld, ich verdiene viel Geld, ich kann gut leben, ich kann mir vieles leisten: Ich verdiene mit einem Artikel in Amerika so viel wie Herr Erler (stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender) im ganzen Monat."
Öffentlich hingegen nach dem Zusammenhang zwischen Geld und seiner Opfer heischenden "Erlösungs"-Kampagne gefragt, entrüstet er sich: "Wenn ich so etwas höre, bin ich erschüttert über den Tiefstand solcher Angriffe und über den kalten Zynismus, mit dem sie geritten werden."
1937 schrieb Schlamm: "Kommt euch einer mit Dialektik, dann habt keine Angst, sondern fragt ihn geradeheraus: Was zahlt man Ihnen dafür?" 33 Jahre war er alt, als er diesen klebrigen Satz niederschrieb.
Mit eben jener Frage aber - wörtlich: "Was kriegen Sie eigentlich dafür?"
- unterbrach Anfang dieses Jahres ein
Zwischenrufer die Suada Schlamms in der großen Hörsaal-Baracke der Kölner Universität. Die Jungakademiker brüllten "Pfui"; der Saal erbebte in ohrenbetäubendem Lärm, der Versammlungsleiter
- Kulturreferent des Asta - war ohnmächtig
Schlamm,
wie immer sofort im Bilde, mit einem Satz an der Rampe, geiferte: "Sie kommen jetzt sofort hier herauf." Der Zwischenrufer parierte unter dem Druck drohender Gesten rechts und links. Wie hypnotisiert, einer Marionette gleich stand er auf, stelzte auf den Podest, stotterte unverständliche Wortfetzen. Der kleine Schlamm packte den bauimlang Aufgeschossenen an der Krawatte, zerrte ihn hin und her: "Schamloser Verleumder!" Frenetischer Beifall. "Feiger Lausejunge!" Frenetischer Beifall.
Die Gefahr war evident. Mit halber Kraft hätte der Lange den Kleinen bequem auf die Bretter wischen können. Doch das Publikum stand sprungbereit. (CDU-Bundestagsabgeordneter Nellen, Zeuge in der Mitte der ersten Stuhlreihe: "Ich hatte richtige Angst. Nur eine Bewegung des Studenten und es wäre zum ersten politischen Totschlag seit 1945 gekommen.")
Der Lange rühmte sich nicht, aber Schlamm, der das Zeug hat, Attentäter zu produzieren, zog ihn an der Krawatte nach vorn: "Immer, wo dieser junge Mann auftritt, soll man ihm zurufen: Schamloser Lausejunge!" Tosende "Pfui" -Chöre.
Nach dem Schlußwort Schlamms strahlten ihn die Studenten, bis ans Katheder vorgerückt, gläubig an, klatschten minutenlang Beifall, unter ihnen, nicht minder verzückt, der 57jährige CSU-Bundestagsabgeordnete, Volljurist und Gutsherr Dr. Georg Graf Henckel von Donnersmarck - dicht daneben der Korrespondent des sowjetischen Tass -Nachrichtendienstes der die eindringliche Manifestation deutsch-nationalen Irrsinns auf seinen Notizblock bannte.
Die Einzelgänger, die Schlamms "Zirkusnummer des Kalten Krieges" (SPD -Pressedienst) kalt läßt, hatten sich inzwischen hinausgestohlen, von den Schlamm-Fans mit Grobheiten, wie "Schweine", "Verräter", "Kommunisten", verabschiedet. Die Ekstatischen waren unter sich, sie konnten ihren Rausch ungestört genießen, der Verstandeskräfte beraubt - ein Vorgang, den Schlamm so begreift: "Denkprozesse beginnen heute mit einem Krampf des Willens, mit emotionalen Schwingungen; und dann erst wird das intellektuelle Vakuum mit flüchtigen, irrelevanten oder auch gar keinen Beweisen gestopft."
In der Tat, dem Betrachter der wüsten Szene drängte sich die Frage auf, die wiederum Schlamm - zieht man seine Selbstgefälligkeit ab - trefflich formuliert: "Ich bin ein kleiner Privatmann, doch woher kommt die Unruhe um einen kleinen Mann wie mich?"
Der Wirbel, den er - unter politisch immerhin interessierten Akademikern - anzublasen vermag, erstaunt nicht zuletzt deshalb, weil Schlamm in keiner seiner Pulverfaß-Reden irgend etwas Neues sagt. Er zitiert und variiert lediglich Konfektionsware, die alten Thesen aus seinem im Vorjahr auf den Markt gekommenen dritten Buch, dem Erfolgsthriller "Die Grenzen des Wunders"* (SPIEGEL 25, 32, 35/1959), dessen theoretische und praktische Unzulänglichkeiten offen zutage liegen: eine Maische aus
- inkompetenten, zu beweiskräftigen
Tatsachenbehauptungen zurechtfrisierten Meinungen,
- erweislich unrichtigen Tatsachenbehauptungen,
- falschen
Daten,
- verbogenen Geschichtsparallelen,
- exzentrisch verpackten, im Kern
sinnlosen Über-Pointen,
- magisierten Schlagwörtern,
- ideologischem Schwulst und
- blutdürstendem Kommunistenhaß.
Die Nationalökonomie, wie Schlamm sie versteht, ist dabei sein Steckenpferd, speziell der Handelsaustausch zwischen West und Ost. Das magische Stichwort, repräsentativ für Schlamms Zwangsvorstellung, daß der Westen sich durch seinen Handel mit den Sowjets schwäche und die Sowjets konsequenterweise stärke, heißt Krupp, den "am Ende die Sowjets erwischen". Den Stahl-Chef Alfried Krupp, den Unterchef Berthold Beitz, die Direktoren, Werk-, Abteilungs- und Verkaufsleiter hat Schlamm nie gesprochen, die Geschäftsbücher des Unternehmens nie gesehen. Statt dessen hat er sich ans "Unterbewußte" gehalten, und das sieht - auf fünf Buchseiten - so aus:
Die Amerikaner, von den Sowjets schlau verführt, haben Krupp junior gleich nach dem Krieg stellvertretend für Krupp senior zu Unrecht eingesperrt. Seither leidet der unschuldig Verfolgte an "nervösem Pazifismus", entlehnt seine Sprache dem "modischen Links-Wörterbuch", spürt Widerwillen gegen die Amerikaner und treibt infolgedessen "eine Geschäftspolitik, die dem Westen nicht nützen konnte" - sondern den Sowjets.
In "Diktatur der Lüge" 1937 schrieb Schlamm, der sich heute öffentlich und sogar von guten Freunden ohne Widerspruch mit dem Doktor-Grad, den er nicht hat, titulieren läßt: "Der Libertiner, der vom Mangel an Beweisen lebt, hat sie immer zur Hand."
In den "Grenzen des Wunders" 1959 hält Freigeist Schlamm für seinen tiefenpsychologischen Krupp-Befund folgenden "Beweis" parat: Krupp -Generalbevollmächtigter Beitz habe "mit kaum verhaltenem Triumph" berichtet, "daß Krupp (mit den Sowjets) zunächst Lieferungen für 55 Millionen Mark abgeschlossen habe. ... Krupp war in Wirklichkeit auserwählt worden, den wesentlichen Teil der Kapitalgüter zu liefern, die Chruschtschow zur Vollendung seines ehrgeizigen Sieben -Jahres-Planes der sowjetischen Industrie braucht. Es dürfte der entscheidende Teil aller Chruschtschowschen Planung sein ..."
Die Wahrheit: Die Bundesrepublik lieferte im Jahre 1958, dem Stichjahr der Schlammschen Analyse, an den Ostblock insgesamt für 1,847 Milliarden Mark; Krupps Anteil betrug 0,52 Prozent. Die Sowjet-Union allein bezog westdeutsche Güter im Werte von 303 Millionen Mark; Krupp war daran mit 0,45 Prozent beteiligt. Das Unternehmen Krupp lieferte an das gesamte Ausland für 495 Millionen Mark, 0,3 Prozent davon an die Sowjet-Union.
Offenbart Schlamm in den "Grenzen des Wunders" - mit seinem volkswirtschaftlichen Feuilleton lediglich Schaumschlägerei, so setzt er sich mit seinen kulturpolitischen Reflexionen dem Verdacht aus, ein Faschist geworden zu sein, dem die ganze Richtung nicht paßt, weil sie nicht konzentriert und schnurgerade gegen die Kommunisten führt: "Ich lehne den Begriff der Toleranz im Geistigen ab."
Absurd schließlich muten Schlamms Vorstellungen von der Beschaffenheit und Virulenz der intellektuellen Bazillen an, die den Nationalcharakter der Deutschen infizieren, den deutschen Wehr - und Widerstandswillen lähmen und mithin den Bolschewisten im "strategischen Entscheidungsfeld" ein sieches Volk überantworten.
Die giftigste Sorte dieses Ungeziefers, das sich mit Vorliebe auf westdeutschen Kasernenhöfen und Truppenübungsplätzen tummelt, hat Schlamm bei dem
- Spanier Pablo Picasso ("nicht der
Maler, sondern der Denker") und dem
- Anglo-Amerikaner Kenneth Tynan, Redakteur der Zeitschrift "The New Yorker",
entdeckt, zwei Bazillenträgern, die vermutlich deshalb so gefährlich sind, weil kaum jemand in Deutschland den einen (den "Denker" Picasso) oder den anderen kennt. Um so gründlicher haßt Schlamm die beiden, den hierzulande völlig unbekannten Theaterkritiker Tynan noch besser als den Maler-Töpfer Picasso.
Im Grunde genommen aber zählen schlechthin alle liberalen Geister - Schriftsteller, Journalisten, Künstler - zu den "lauwarmen" Verderbten, die auf Deutschland, den Mittelpunkt der Welt, immerzu "Asche regnen" lassen: "Der Westen kann nicht ohne Deutschland überleben. Und Deutschland kann nicht den zynischen Aschenregen überleben, der aus dem Westen niedergeht. Es ist dies eine Art von 'fallout', die zweifellos tödlich ist - viel tödlicher als alle atomare Strahlung."
Schwer zu sagen, was "tödlicher" als "tödlich" ist, aber eindeutig ist Schlamms Begehren, daß künftig nur noch derjenige die Leier schlagen darf, der Kommunistenhaß anstimmt und dem deutschen Volk den hochmoralischen Nationalauftrag einhämmert: Wiedergeburt im Atomfeuer.
Schlamm: "Was es in der Welt normalerweise an Bereitschaft zum Extremismus gibt, wird immer wieder in zwei Hauptkanäle gesogen - was man mit erheblicher Vergröberung Faschismus und was man Kommunismus nennt."
Es hat den Anschein, als ob der Ex -Kommunist Schlamm jene Extremisten -Bereitschaft, die er bei den Kommunisten immer noch schätzt, nun seinen neuen Spießgesellen auf der Rechten nach unduldsamer Faschistenart einzubleuen wünscht. Schon die Prämisse Nummer 1 für seinen deutschen Fahrplan in die Apokalypse gibt zu erkennen, wieviel Schlamm in seiner neuen Rechtsaußen-Position von dem vermißt, was ihn in seiner alten Linksaußen -Position faszinierte.
Der Kommunismus - so lautet der erste der willkürlichen, ungeprüften Vordersätze, denen Schlamm logisch anmutende Schlüsse anhängt - ist eine "Idee der Erlösung, eine wilde, elementare, überschäumende Kraft, aus der Geschichte geboren, scharf und dynamisch, unabdingbar, zukunftsgläubig, zutiefst optimistisch, wissenschaftsgläubig, von einer heiligen Mission durchdrungen".
Mit dieser Naturgewalt ist es allerdings nicht mehr weit her: "Der Kommunismus hat noch in keinem Land der Welt die Macht erobert auf dem Wege der ideologischen Überzeugung eines Volkes. Der Kommunismus siegt nicht dadurch, daß er Sie überzeugt; der Kommunismus siegt dadurch, daß er Ihnen Angst macht, der Kommunismus bekommt Sie in den Doppelnelson-Griff der Angst. Ideologisch ist er ohnmächtig. Er ist widerlegter, ohnmächtiger denn je."
Aber der wissenschaftlich fundierte Erlösungsglaube, der Endsieg-Mechanismus der Kommunisten funktioniert dennoch. Eben deshalb lieben die Kommunisten den Frieden, in dem sie gläubig gedeihen, und fürchten den Krieg, der alles durcheinander bringen könnte: "Die kommunistischen Bosse wissen ganz genau, daß sich im Krieg nicht alles durchorganisieren läßt. Selbst die verrückteste Wissenschaftsgläubigkeit und der verwegenste Aberglaube, alles voraussetzen, voraussehen und vorausplanen zu können, der kommt hier an eine Grenze."
Prämisse Nummer 2: "Die Kommunisten ziehen sich vor jeder ernsthaften Konfrontation zurück." Der Schluß: "Ich schlage eine Politik vor, die der Sowjet -Union glaubhaft nur diese Alternative läßt: Ihr zieht euch auf die Grenzen von 1938 zurück oder ihr steht vor dem Dilemma der Konfrontation."
Denn: "Da der Bolschewismus an einem Krieg nicht interessiert ist, ihn sogar unter möglichst allen Umständen vermeiden möchte, müssen wir darauf antworten, indem wir den Bolschewismus ultimativ pressen und ihn zwingen, unseren ultimativen Forderungen nachzugeben."
Das Ziel - die Freiheit, der ewige Friede, das "brüderliche Zusammenleben in göttlichem Auftrag" - ist zum Greifen nahe: "Deutschland und die mit ihm verbündeten Vereinigten Staaten haben einen unabdingbaren Anspruch an die Sowjet-Union. Hier ist nicht mehr ein hilfloses Streben nach einem unmöglichen Kompromiß. Hier ist der Entschluß zu einer Lösung... Deutschland ist die einzige Nation, außer den USA, vor der die Sowjet-Union militärisch Respekt hat."
Vorerst freilich zeigt der amerikanische Schaft der deutschen Stahlspitze noch "isolationistische" Tendenzen. Dem ist indes leicht abzuhelfen. Die Deutschen brauchen bloß, bevor sie gemeinsam mit den Amerikanern die Sowjets erpressen, die Amerikaner ihrerseits unter Druck zu setzen. Die zur Welt -Vorhut auserwählten Germanen dürfen eben den Rest der Welt und den Tod nicht fürchten. Sie haben "es in der Hand, den Amerikanern klarzumachen, daß ohne die deutsche Nation eine Politik des Nachgebens nicht möglich ist. Sie müssen klarstellen, daß sie moralische Ansprüche haben."
Jene "moralischen Ansprüche" aber sind "unteilbar"; sie erstrecken sich nicht nur auf die "Rückgabe" der deutschen Sowjetzone und Oder-Neiße-Gebiete, sondern auch auf die "Befreiung" der von den Westmächten durch Friedensvertrag und diplomatische Beziehungen völkerrechtlich bestätigten kommunistischen Länder Polen, CSR, Ungarn, Rumänien und Bulgarien - weil nämlich der Amerikaner "zumindest Warschau so sehr braucht, wie er Berlin braucht, was Ihnen jeder Stratege erklären wird! Und da braucht er Prag so sehr, wie er Berlin braucht! Wenn der Amerikaner am Leben bleiben will, braucht er das ganze Europa! Oder er ist verloren! Der Amerikaner ist nämlich verloren, wenn er den Anspruch auf Osteuropa aufgeben sollte."
Die Sowjets sind nach Schlamms Programm nicht gar so schnell verloren. Die Sowjet-Union bleibt nämlich in den Vorkriegsgrenzen (August 1939) von den "unteilbaren moralischen" Befreiungsansprüchen verschont. Schlamm bietet den Sowjets - mit denen es laut Schlamm "zu keiner Zeit keinerlei Koexistenz gibt" - sogar eine "feierliche, deutliche, unmißverständliche Verpflichtung des Westens" an, "die (Vorkriegs-) Grenzen der Sowjet-Union niemals zu überschreiten".
Augenzwinkernd fügt der sich "feierlich" verpflichtende Schlauberger Schlamm hinzu, daß "die Sowjetvölker, wie ich hoffe, wenn der Westen seine Stärke und seine Entschlossenheit bewiesen hat, Mut und Kraft genug aufbringen werden, um der eigenen gräßlichen und unmenschlichen Revolution Herr zu werden".
Diese Wagner-Oper - auch nur ein Anflug Schlammschen Geistes in der amtlichen Politik Bonns würde Ost und West zur Super-Entente gegen die Bundesrepublik zusammenfügen - wäre kaum der Rede wert, wenn nicht
- Studenten und ausgewachsene Parlamentarier in Westdeutschland sich daran berauschten und
- die Sowjets daraus Kapital schlügen.
Um seiner verwegensten Prämisse - "Seit Lenin haben die Sowjets sich immer zurückgezogen, wenn ein ernsthafter Krieg drohte" - wenigstens den Schein eines Beweises zu leihen, verfälscht er die einschlägigen Daten der Geschichte und Zeitgeschichte, die genau das Gegenteil beweisen. Auf die Frage, warum die Sowjets 1941 der "Konfrontation" mit Hitlers Wehrmacht nicht auswichen, grinst er hurtig: "Gott ja, die Sowjets haben eben schon seit 1939 eine dumme Politik gemacht."
Schlamm: Ich selbst halte den Präventivkrieg weder für eine moralische, noch für irgendeine Art von Lösung. Ich lehne den Präventivkrieg ab."
Aber derselbe Schlamm: "Wenn ich genau wüßte, daß die Sowjet-Union einen Angriff mit Raketen für den 7. Februar vorbereitet, dann würde ich dafür eintreten, daß man ihr am 2. Februar zuvorkommt. Aber ich weiß es nicht." Praevenire heißt "zuvorkommen".
Den Sowjets mag Schlamm soviel Entschlußkraft nicht zutrauen "Im übrigen kann ich mich natürlich irren." Für den Fall, daß er mit seiner Prämisse Sowjets weichen! - wirklich irren sollte, hat Schlamm eine "moralische" Kostenrechnung aufgemacht, die - Wort für Wort von ihm für den öffentlichen« Gebrauch formuliert - so heißt:
"Wenn es moralisch richtig war, Hitler um den Preis von 100 Millionen vernichteter Menschenleben zu bekriegen und zu besiegen - und ich glaube, daß es moralisch richtig war -, dann ist es moralisch richtig, dem Kommunismus die Welt auch dann zu verweigern, wenn die Verteidigung des Westens (und des westlichen Anspruchs auf Osteuropa) sogar 700 Millionen Menschenopfer kosten sollte." Die "Befreiung" Osteuropas darf also 700 Millionen Tote kosten.
Mit dieser phantastischen Verlustziffer, die Schlamm auf Konto "Freiheit" vorbucht, hat er den entferntesten Gegenpol zu jenem Standpunkt erreicht, den er 1935 einnahm, als der Krieg noch vorstellbar und gegen Hitlers Expansionsgelüste ein taugliches Mittel war:
Damals hetzte Schlamm gegen kriegsbereite Demokraten, die "mit Menschenmillionen rechnen, wie unsereins mit Hellern".
Katholische Theologen - die sich übrigens im Gegensatz zu Protestanten den Kriegsapostel Schlamm weit vom Leibe halten - suchen
hinter Schlamms Begehren, die deutsche Nation auf dem Schein-Altar der Ideologie zu verschmoren, metapolitische Motive: Die Deutschen sollen durch millionenfachen Opfertod im Atomfeuer den deutschen Völkermord an Millionen Juden nutzbringend sühnen.
Dagegen spricht der ideologische Haß, den Schlamm in Amerika nach seiner Arbeit im noblen Luce-Konzern glaubhaft kultivierte. Mit Hingabe widmete er sich der antikommunistischen Hetze, zu welchem Zweck er die "National Review" gründete, die dem bornierten Kommunisten-Jäger Senator McCarthy Schutz und Schützenhilfe lieh.
Schlamm heute: "Ich bin innenpolitisch nie zu McCarthy gestoßen, den ich wohl gut kannte und dem ich gegen eine wüste kommunistische Verleumdungskampagne in Amerika und Europa gern beistand."
Im Mai 1957 - nach dem Tode McCarthys - schrieb Schlamm unter der Balkenzeile "Über McCarthys Grab vorwärts!" diesen Fanfaren-Nachruf: "Wir haben in dieses Grab nach Gottes Ratschluß einen noch jugendlichen Mann gelegt, der in fünf grausamen Jahren von vornehmen Herren bis zur Verzweiflung gemartert worden ist. Wir sehnen uns nicht nach seinem Schicksal, wir fürchten es. Aber wir sind entschlossen, es auf uns zu nehmen. Auch wir haben schon die feuerspeienden Blicke und den Spott erfahren. Aber auch wir heben den Arm, um sie zu zermalmen! Wir meinen es ernst! Wir sind McCarthyisten!"
Und in "The Week" würdigte Schlamm Frau Jean McCarthy, die Witwe des toten Heros: "Es ist die Rede davon, ihr den Weg in den Senat zu ebnen, damit sie das Werk ihres Mannes fortsetze. Sie hat die Fähigkeiten, und sie würde das Ansehen des Hauses mehren. Aber wir zweifeln daran, daß sie jene Arena (den Senat) zu betreten wünscht, in der - so glaubt sie es und wir mit ihr - ihr Mann zu Tode gehetzt wurde."
Schlamms "National Review" ließ sich schlecht verkaufen. Das Blatt suchte reputierliche Mitarbeiter, aber der deutsch amerikanische Professor Henry Kissinger, Theoretiker des "Begrenzten Krieges", blieb reserviert: Er pflege keinen Verkehr mit Leuten, die aus dem kommunistischen Apparat stammen.
Kissinger in Bonn: "Ich verstehe nicht, wieso Schlamm in Deutschland überhaupt eine Rolle spielen kann. In Amerika nimmt ihn niemand zur Kenntnis." So auch - fast gleichlautend - Kolumnist Sulzberger von der "New York Times".
Schlamms Grusel-Pamphlet "Die Grenzen des Wunders" hat in Amerika denn auch nur eine verkaufte Auflage von knapp 5000 Exemplaren erreicht; die großen New Yorker Blätter brachten keine Zeile Buchrezension. Die deutsche Ausgabe schnellte dagegen innerhalb eines halben Jahres auf eine Auflagenhöhe von 102 000 Exemplaren hoch, die 55 000 Bertelsmannschen Volksausgaben eingerechnet.
Die wesentliche Ursache dieser unterschiedlichen Resonanz zweier Gesellschaften auf das Getöse eines Demagogen, der die Potenzen beider zu einem monströsen, die Welt beherrschenden Machtphantom zusammenzukitten verspricht liegt in der politischen Stimmungslage des westdeutschen Staatsvolkes: Diese halbe Nation hat länger als ein Jahrzehnt vergeblich die Hoffnung genährt, sie könnte mit Hilfe amerikanischer Dollars und Kanonen den Krieg Hitlers gegen die Sowjet -Union am Ende doch noch hintenherum gewinnen.
Um so bereitwilliger betäuben die deutschnationalen Studenten und Spießbürger ihren Katzenjammer mit den Rauschmitteln Schlamms, der ihnen weismachen will, daß es nur ihrer zu oft schon strapazierten Energie bedürfe, um eine glorreiche Zukunft zu haben
- daß Deutschland mit bloßer Willensanstrengung,
einem Quentchen Courage und den Mitteln des 19. Jahrhunderts die Summe der politischen, ökonomischen, militärischen und psychologischen Realitäten des Jahres 1960 betrügen könne. "Ausgerechnet die Studenten und nicht zuletzt die Leutnants der Bundeswehr in ihrer politischen Halbbildung stehen solchen Tönen offen.
Abgesehen aber von dieser Disposition jüngerer Bundesrepublikaner für Schlamms Rattenfänger-Melodie, ist der sensationelle Verkaufserfolg seiner "Grenzen des Wunders" in Westdeutschland auch auf kommerzielle Umstände zurückzuführen.
Henri Nannen, Chefredakteur der Illustrierten "Stern" im Verlag des CDU -Bundestagsabgeordneten Bucerius, las Schlamms Manuskript "in einer Nacht" und fand: Noch ehe die Buchausgabe auf dem Markt sei, müsse im "Stern" mit einer Schlamm-Serie "die Deutsche Frage zur Diskussion gestellt werden". Offenbar, um stilgetreu in Schlamms Publizisten-Manier zu verfahren, machte der "Stern" das erste Kapitel des Schlamm-Abdrucks, in dem die Legende vom Sowjet-Freund Krupp aufgetischt wurde, mit einem Photo-Türken auf: Ein Leichen-Luxuswagen - vom "Stern" für diese Photoaufnahme gechartert - beim Camping-Ausflug garniert mit sommerlich leichtgekleideten Picknick-Gästen.
Der Publikumserfolg rechtfertigte dein Aufwand doppelt: Schlamms Buch verkaufte sich dank der "Stern"-Propaganda rasch, die Auflage der Illustrierten stieg. Autoren-Makler Ferenczy in München, der die Produktion von rund fünfzig Roman- und Kolportage-Schreibern an Illustrierte vermittelt, kassierte für die Schlamm-Serie das für "Stern"-Maßstäbe lächerliche Honorar von 8000 Mark, von denen Schlamm 6000 Mark bekam.
Makler Ferenczy war es auch, der Schlamm mit "Stern"-Chef Nannen zusammenbrachte und dem Chefredakteur nahelegte, wöchentlich eine Kolumne aus der Feder Schlamms zu drucken. Nannen, von Schlamm hingerissen, unterschrieb den Kolumnen - Vertrag - Laufzeit: ein Jahr, Honorar: 26 000 Mark, je Woche und Kolumne 500 Mark, 25 Prozent dieser Summe erhält Makler Ferenczy, fünfzehn Prozent vom "Stern", zehn Prozent von Schlamm.
Mittlerweile hat Nannens Begeisterung für den "unvergleichlichen Monomanen" Schlamm allerdings merklich nachgelassen. In Schlamms "Stern" -Kolumnen steht, alles in allem, Woche für Woche das gleiche: Schlagt die Kommunisten, wo ihr sie trefft. Geht nicht in Stücke von Bert Brecht! Habt keine Angst vor atomarer Verseuchung! Keine Zeile der Manuskripte darf umgeschrieben werden, Schlamm zu Nannen: "Sie haben als Chefredakteur lediglich abzudrucken, was ich als Kolumnist geschrieben habe."
Also hütet sich der Leiter des "Stern" -Ressorts für "Aktuelles", Redakteur Krüger, der für den Umbruch der Schlamm-Kolumne verantwortlich zeichnet, auch nur ein Tüttelchen zu ändern. Seine Devise: "Der Mann soll sich selber erledigen."
Krügers Kollegen neigen zu einer aktiveren Spielart der Resistenz. "Stern" -Chefreporter Heldt, der sich mit Rußland- und China - Reiseberichten einen Namen gemacht hat, schrieb seinem Blatt einen Leserbrief gegen den "Raketenputzer" Schlamm. Zeichner von Bülow (Loriot alias Pirol), der den "Stern" mit der Serie "Reinhold, das Nashorn" bedient, münzte einen Beitrag auf Schlamm; der Begleittext lautete:
Hoppla, Reinhold fliegt ganz stramm in den zähen, schwarzen Schlamm.
Scham erfüllt das stolze Tier: Höret da, man reinigt hier.
Sechs Mark fünfzig, au, verdammt, aber Reinhold ist entschlammt!
Hier zeigt die Moral sich pur: Dreck gehört zur Konjunktur.
Die Zeichnung erschien zwar, aber mit einem anderen Text. Auf gerechten Ausgleich bedacht, hat Nannen freilich auch Schlamm den Druck bislang eines der Kolumnen-Texte ausreden können; ein zweites Manuskript Schlamms konnte nicht veröffentlicht werden, weil es in der Redaktion verlorengegangen war.
Auch Nannen hofft, die Schlamm-Kolumne werde sich totlaufen, da der "unerhört schwierige Autor" Schlamm nur über Themen schreiben könne, bei denen er persönlich engagiert sei.
Beinahe jedoch hätte Nannen seinem Kolumnisten im Haus des "Stern"- und "Zeit"-Verlegers Bucerius zu einer dauerhafteren Tätigkeit verholfen: in der Redaktion des Nachrichten-Magazins MOMENT, das als Projekt heute noch in den Schubladen des Bucerius-Verlags west.
Gelegentlich einer der schier endlosen Debatten über Thema und Inhalt der "Stern"-Kolumne gab Schlamm von seinen Erfahrungen im amerikanischen Magazin-Konzern Luce zum besten. Nannen glaubte zu erkennen, Schlamm sei der rechte Mann für das Nachrichten-Magazin, das Verleger Bucerius gemeinsam mit dem Pariser Verlagskaufmann Revay in zwei Ausgaben, einer deutschen und einer französischen, vorbereitete.
Schlamm zeigte sich gleichermaßen interessiert und bescheiden: "Der Chefredakteur eines neuen Nachrichten-Magazins darf nicht William S. Schlamm heißen."
Bucerius beauftragte Schlamm, zunächst ein Bild des geplanten Blatts zu entwerfen eine Aufgabe, die Schlamm, was das technische Detail anlangt, mit dem Raffinement der amerikanischen Schule brillant löste.
Zum Beispiel: "Der gute MOMENT -Satz ist kurz, plastisch und überraschend. Sein Witz kommt nicht so sehr aus dem Wortspiel wie aus der kühnen Metapher und dem geistvollen Kurzschluß: Zwei Gedanken kreuzen sich - und es gibt einen Funken. Das Adjektiv ist nie Zierat, sondern immer Träger einer bildhaften Mitteilung. Das Zeitwort beherrscht den Satz: Es handelt sich ja in MOMENT um eine Erzählung des Geschehens. Das Hauptwort ist der Anker der Information. Die geschilderte Sache muß eindeutig sein. Das Adverb wird wie Gewürz verwendet: um den Geschmack deutlicher zu machen, nie um die Aussage abzuschwächen" - goldene Worte für die Verleger von Nachrichten-Magazinen in aller Welt.
"Und wohin gehen wir?", fragte Schlamm. Die Universal-Antwort muß bestechen: "Wir sind (auf der elementarischen Stufe politischer Meinungsbildung) antitotalitär, antikommunistisch und antifaschistisch. Wir sind (auf der nächsthöheren Stufe) Verfechter eines abendländischen, geeinigten Europas, das den Nationalstaat nicht einfach (und unorganisch) vereint, sondern in eine höhere föderalistische Organisationsform des Westens einfügt. Wir sind endlich (auf der höchsten Stufe politischer Verpflichtung) gläubige Anhänger der hellenisch-judäisch-christlichen Konzeption von der menschlichen Person, ihrer Bestimmung und ihrer Beziehung zu Gott."
Aber kaum ein Blatt der von Schlamm geschmähten deutschen Lizenzpresse möchte diese Bestätigung der verflossenen Jahrtausende nicht als Leitspruch für sich reklamieren. Schlamm selber hingegen nebst seinen bereitwillig konzedierten 700 Millionen Atomkriegs -Toten nimmt sich in jenem abendländischen Panorama fremd aus.
Schlamms Mitarbeit in der vorbereiteten MOMENT - Redaktion kam nicht über den Streit hinaus, wie die MOMENT-Themen zu rubrizieren seien. Alle Redakteure - außer Schlamm - wünschten Rubrikzeilen wie "Amerika", "Europa" und "Deutschland", deren letzte auch über Artikeln aus der DDR stehen sollte. Schlamm dagegen bestand darauf, die Rubrik "Sowjet-Imperium" einzuführen, unter der Geschichten ebenso aus Belgrad oder Warschau wie aus Magdeburg eingeordnet werden müßten.
Sechs Tage währte der komische Zank
- bis Schlamm endlich aus dem MOMENTTeam
verschwand: "Gleich zu Beginn meiner Zusammenarbeit mit der Redaktion stellte sich ein Mißverhältnis heraus. Es war, als sollte die Callas mit dem Winterhuder Kirchenchor musizieren."
Der MOMENT - Arbeit ledig, fand Schlamm nun Muße für seine ausgedehnte Versammlungstour, um den Verkauf seines Buches und den Angriffskrieg gegen die Sowjets öffentlich zu propagieren. Seine unverhüllte Kriegspropaganda brachte alsbald Liberale sowie Sozialisten einerseits und Christdemokraten andererseits gegeneinander auf.
Der pfälzische SPD-Vorsitzende Bögler verlangte, "Kriegshetzer" Schlamm müsse des Landes verwiesen werden. Freidemokratische und sozialdemokratische Parlamentarier in den Landtagen zu Düsseldorf, München und im Bonner Bundestag wünschten zu wissen, wie die Regierungen Schlamms verfassungswidriges Kriegstreiben unterbinden wollten. Die CDU-Innenminister des Bundes und der Bundesländer, von Amts wegen Hüter der Verfassung, wichen aus.
Die von CDU-Funktionären verwaltete Frankfurter Studiengesellschaft für staatspolitische Öffentlichkeitsarbeit e.V.
- die nach Schlamms Zeugnis "den größten
Teil der Vorträge (acht) für mich (in Bayern und Hessen) organisiert" - warf dafür 25 000 Mark aus. Der - inzwischen vermodernde - CDU-Kader "Rettet die Freiheit" bot Schlamm Hilfe an.
Am 10. Februar - in der letzten außenpolitischen Debatte des Bundestags - warnte der SPD-Bundestagsabgeordnete Erler die Bundesregierung vor dem außenpolitischen Schaden, den die öffentlichen Schlamm-Orgien stiften: "Mich beschleicht beim Auftreten dieses Mannes die beklemmende Erinnerung an einen anderen Österreicher."
Am Abend desselben Tages warf sich der CSU-Bundestagsabgeordnete Baron, von und zu Guttenberg, der als kriegsgefangener Kavallerie-Oberleutnant beim britischen "Soldatensender Calais" gedient hatte, in einer öffentlich dargebotenen Burleske zum Schein-Richter Schlamms auf. (Guttenberg ist übrigens der einzige deutsche Parlamentarier, der
rechtskräftig wegen des Schimpfworts "Saujude" zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt worden ist.)
Wie in einer Justizkomödie fragte Guttenberg den Schlamm in einem Bonner Versammlungs-Saal, ob er den Angriffskrieg wolle oder nicht, ja oder nein; falls er ihn nicht wollte, sei er ein genauso guter Demokrat wie der "sehr verehrte Kollege" Erler. Er wolle nicht, so beteuerte Schlamm, zupfte an seiner obligaten Fliege und war schon rehabilitiert. Marie-Elisabeth Lüders, Alterspräsidentin des Bundestags, stöhnte: "Es ist furchtbar."
Auf Frau Brigitte Gerstenmaier hingegen, die Gattin des Bundestagspräsidenten, die im Parkett saß, verfehlte dieses Satyrspiel nicht die beabsichtigte Wirkung. Frau Gerstenmaier bat Erler und Schlamm zum Tee. Schlamm, seit langem mit Eifer auf Anschluß an die CDU-Prominenz erpicht, nahm freudiggeschmeichelt an; Erler lehnte dankend ab. Brigitte Gerstenmaier war verschnupft: Herr Erler möge dann aber auch künftig nicht mehr "wider besseres Wissen" behaupten, daß Herr Schlamm zum Krieg auffordere.
In einem Telephongespräch mit der Bonner Redaktion der, "Stuttgarter Zeitung", die über die Bonner Schlamm -Versammlung angemessen berichtet hatte, gebrauchte die Zweite Dame des Staates noch sehr viel härtere Worte der, Mißbilligung.
Knapp eine Woche nach diesem gesellschaftlichen Erfolg widerfuhr dem beinahe arrivierten Schlamm - wiederum in Bonn - eine Schlappe. SPD-Abgeordneter Lohmar fragte die Bundesregierung im Plenum des Bundestags, ob es "beleidigend sei zu unterstellen", daß sie "eine solche Auffassung haben könnte, wie sie von, dem Publizisten Schlamm vertreten wird". Außenamts - Staatssekretär van Scherpenberg antwortete, es sei "beleidigend, der Bundesregierung zu unterstellen", sie wolle ihre Ziele nicht "ausschließlich auf dem Wege einer friedlichen Verständigung verwirklichen".
Lohmar: "Herr Staatssekretär, darf ich das als eine klare Absage an die von mir zitierte These des Herrn Schlamm betrachten?"
Scherpenberg: "Das können Sie, Herr Abgeordneter."
Schon am nächsten Tag reiste Schlamm in Bonn an, entschlossen, in einer Pressekonferenz den Gang mit Scherpenberg zu wagen. Seine CDU/ CSU-Freunde hielten ihn davon ab. 31 Abgeordnete der Bonner Staatspartei unterzeichneten, ohne Erler
zu fragen, eine "dringende Bitte" an den Westdeutschen Rundfunk, Erler mit Schlamm zu einem Fernseh-Disput zu paaren. Schließlich durfte sich Schlamm in aller Öffentlichkeit intimster Verbindungen zu einflußreichen Freunden brüsten, die mehr Macht hätten als der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes: "Ach, der gute Herr van Scherpenberg hat ja keine Ahnung. Er vertrat nicht die Ansicht der Bundesregierung; eine Äußerung wie die seine wird sich in der deutschen Politik nicht wiederholen."
Fraglich bleibt dennoch, worauf sich der Bundesinnenminister und dessen Länder-Fachkollegen bei Schlamm-Anfragen künftig hinausreden wollen, nachdem Erich Kuby, des "Wirtschaftswunders liebstes Kind", seinem Disputpartner Schlamm am 6. April im Wuppertaler Zoo das unmißverständliche Bekenntnis zum Angriffskrieg abluchsen Konnte.
Sorgfältige Leser der Schlammschen "Grenzen des Wunders" hatten nie daran gezweifelt, daß Schlamm - sollten seine Worte einen Sinn haben - die Sowjets aus Osteuropa hinausschießen will, falls sie sich nicht hinausdrohen ließen.
Im Dezember vorigen Jahres dozierte Schlamm: "Der Bundeskanzler ist überhaupt der einzige, der glaubhaft von Verteidigung in dem allein möglichen ultimativen Sinne einer scharfen Forderung an die Sowjet-Union sprechen kann. Wenn es ihm jetzt nicht gelingt, den Weg zur Abrüstungskonferenz, den Weg zum Gipfel, ich sage bewußt: zu blockieren, es den Herren Eisenhower und Herter unmöglich zu machen, überhaupt zum Gipfel zu kommen, wenn es ihm nicht gelingt, wenn die Herren sich auf dem Gipfel treffen, die Gipfelkonferenz erfolglos zu machen, wenn es ihm nicht gelingt, diese blödsinnigen Abrüstungsvorstellungen, denen auch er leider Gottes anhängt, aus der Welt zu schaffen, dann wird er 1961 vor einer restlosen Katastrophe seiner Politik stehen."
Anfang April dieses Jahres in Wuppertal wollte Kuby noch einmal präzise wissen, was der Westen tun sollte, falls er hochgerüstet "glaubhaft kriegsbereit" an der Demarkationslinie stünde und die Sowjets sich dennoch nicht rührten, weder zum Rückzug noch zum Präventivschlag.
Schlamm: "Darauf will ich Ihnen offen antworten, soweit ich darauf antworten kann: Wenn wir nach einigen Jahren von Vorbereitung, von politischer, psychologischer Vorbereitung in diese Situation kommen, dann, Herr Kuby - und da haben Sie mich ganz recht verstanden -, kann die Politik nur gemacht werden, wenn wir bereit sind, im anderen Fall zu marschieren."
Die Unterscheidung zwischen Angriffs - und Verteidigungskrieg - fügte Schlamm noch hinzu - sei eine "legalistisch-bürokratische Eselei". Denn: "Wer das Recht und die Freiheit auf seiner Seite hat, muß dafür einfach Krieg führen."
Mit diesem freimütigen Kriegsruf hat Schlamm auf den i-Punkt genau das im Grundgesetz-Artikel 26 verankerte Verfassungsgebot verletzt: "Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen."
Zwar fehlen dieser Verfassungsvorschrift noch die strafrechtlichen Sanktionen, weil der Bundestag, der die Gebote des Grundgesetzes offenbar weniger ernst nimmt, als er es von seinen Wählern verlangt, den verbindlichen Verfassungsbefehl bislang mißachtet und keine entsprechende Strafvorschrift erlassen hat. Gleichwohl ist der Grundgesetz-Artikel 26 unmittelbar wirksames Recht, Bestandteil der Verfassungsordnung, deren Wahrung den Vorzug vor allen Einzel-Grundrechten hat, und zudem eines jener "allgemeinen Gesetze" die nach Grundgesetz-Artikel 5 das Recht auf freie Meinungsäußerung einschränken.
Es ist denn auch nicht einzusehen warum die Polizei, der es obliegt, die Verfassungsordnung zu schützen, Schlamms Versammlungen nicht ohne strafrichterlichen Spruch verbietet - zumal sich derjenige, der Verfassungsordnung und "allgemeine Gesetze" verletzt, schlechterdings nicht auf das Grundrecht der Redefreiheit berufen kann.
Dem Massenhysteriker Schlamm kann dieses Grundrecht um so weniger zugebilligt werden, als er seine Kriegsreden ohne Skrupel mit diffamierenden Ausfällen gegen den "albernen" Bundestag, "alberne" Bundestagsabgeordnete, die parlamentarische Immunität und die Parteien anreichert. Den Effekt, den Schlamm damit bei Jungakademikern und Alten Herren erzielt, hat der Münsteraner Manfred Kriele in den "Frankfurter Heften" so analysiert:
- Totales Freund-Feind-Denken.
- Mythos vom ewigen Kampf.
- Lust am Risiko.
- Verständnislosigkeit für moralische
und rechtliche Kategorien.
- Leichte Verblüffbarkeit.
- Verachtung der Progressisten (Liberalen und Sozialisten).
An der Universität Göttingen firmiert bereits ein Schlamm-Club als "Akademische Aktionsgruppe für Wehrfragen". Ihr Programm: Wehrpflicht für jeden Abiturienten, der studieren will, ideologischer Drill "in unseren christlich-freiheitlichen Grundvorstellungen", Schlamms Philosophie als Maxime der Militärpolitik und - mit faschistischer Forsche - "Verbot aller destruktiven Organisationen".
Angesichts solcher von Schlamm bewerkstelligter Restaurationserscheinungen in Westdeutschlands Jugend haben amerikanische Zeitungsleute die Beamten der Deutschen Botschaft in Washington und des Deutschen Generalkonsulats in New York nach Zusammenhängen zwischen Schlamms nationaler Erweckungs-Bewegung und den Hakenkreuz-Pinseleien an Gotteshäusern und Friedhöfen gefragt.
William Siegmund Schlamm selber räumt ein, daß ihn vierzig bis fünfzig der rund 300 Briefe, die er monatlich erhält, ob der Denkweise ihrer Schreiber ängstigen. Er findet sie "entsetzlich blöde".
* Sinngemäße übersetzung dieses hebräischen Wortes: raffinierte Frechheit.
* William S. Schlamm: "Die Grenzen des Wunders". Europa Verlag, Zürich; 256 Seiten; 12,80 Mark.
Schlamm auf Erweckungs-Tournee. "Auch wir... ... heben den Arm, um sie zu zermalmen!"
Kamenjew
Sinowjew
Ruth Fischer
Autor Kuby
"Rechnet mit Menschen-Millionen...
Makler Ferenczy
... wie unsereiner mit Hellern"
Schlamm-Gattin Stefanie
Farm in Vermont
Schlamm-Adept Baron Guttenberg
Komödie-in Bonn
Schlamm-Adept Graf Henckel Ekstase in Köln
Simplicissimus
"Sofern das Ganze kein Mißverständnis meinerseits ist, Herr Schlamm, glaube ich als Pg. Nr. 3712 richtig zu handeln, wenn ich mein Ehrenzeichen an Sie weiterreiche."
Schlamm-Verteidigerin Gerstenmaier,Gatte
Tee-Gespräch geplatzt
Nannen
Bild-Türke im "Stern": Gegen den Raketenputzer Schlamm
Schlamm-Krawall in Köln: Dankbar...
... für Ideale: Heilskünder Schlamm
Simplicissimus
... die Deutschen folgten ihm, und er führte sie gen Osten. Sie kamen nie wieder.

DER SPIEGEL 20/1960
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HEILSKÜNDER / SCHLAMM:
Chuzpe