18.05.1960

ANTI-BRANDT-FELDZUGReise in die Vergangenheit

Schon gleich nach der Gipfelkonferenz, so einigte sich die CDU/CSU-Spitze in der vergangenen Woche, will die Bonner Staatspartei gegen den scheinbar unaufhaltsam auf das Palais Schaumburg vorrückenden Berliner -Bürgermeister Willy Brandt die ersten Sperrfeuer-Riegel schießen.
Kanzler Konrad Adenauer hatte schon auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe vor zwei Wochen die Parole ausgegeben: "Meine Damen und Herren: Vorbereiten auf die nächste Wahl zeitig anfangen. Die letzten Monate natürlich in ganz großem Tempo. Aber vorher, meine Damen und Herren, aufklären".
So unerwartet einhellig die Sozialdemokraten aller Schattierungen, von tiefrot bis blaßrosa, die Kanzlerkandidatur des in allen Partei-Farben schillernden Genossen Brandt für die allein mögliche Lösung halten, so wichtig nehmen es die Christdemokraten, die westdeutschen Wählermassen über diesen Liebling des Volkes gehörig aufzuklären
- zumal die Demoskopen für den Berliner Bürgermeister, würde er heute mit Konrad Adenauer um das Kanzleramt konkurrieren müssen, Chancengleichheit errechnet haben.
Mit einem ersten, schwachen Aufklärungsvorstoß fühlte der Bonner CSU -Landesgruppenleiter Hermann Höcherl unmittelbar nach dem Karlsruher CDU -Parteitag gegen Brandt vor.
Der sonst auf Effekte geeichte Wahl -Berliner Brandt hatte sich am Vorabend des 1. Mai in Essen eine Blöße gegeben. Der Essener SPD-Ortsverein hatte die Zugnummer Brandt für eine Maifeier verpflichtet, die nicht gerade perfekt organisiert worden war. Zunächst zankten sich die Genossen mit dem Düsseldorfer CDU-Minister Dufhues, der dem Mai-Redner die - werbewirksame - Polizei-Eskorte verweigern wollte.
Zudem erschien Brandt bereits eine halbe Stunde vor Versammlungsbeginn
am Versammlungsort und wurde trotzdem schon zu diesem Zeitpunkt in die Gruga-Halle geführt, die sich erst langsam füllte.
Der durch volle Säle und lauten Begrüßungsjubel verwöhnte Festredner war perplex. Verstimmt faßte er sich in Geduld, bis der Saal 30 Minuten später endlich voll war. Friedrich Gröndahl von den Essener Städtischen Bühnen rezitierte die Präambel zum SPD -Grundsatzprogramm, Gröndahls Kollegin Hildegard Jacob sagte den Prolog auf: "400 Millionen Menschen auf diesem Kontinent träumen von Europa. Sie träumen von dem einen Wort: Frieden."
Brandts Stimmung wurde durch solche Darbietungen kaum gehoben. Unwirsch merkte er schon nach den ersten Sätzen, daß seine staatsmännischen Gemeinplätze über Berlin, Chruschtschow, Gipfelkonferenz, die Freiheit und den Frieden ohne rechte Resonanz blieben. Träge hockte das Publikum, Genossen und Mitläufer, im Gestühl. Brandt glaubte, er müsse heftigere Töne anschlagen, um die Zuhörer zu packen. Wiederum an Adenauer orientiert, fiel ihm eine rechte Wahlkampf-Pflaume ein: "Gerade in Berlin hat die SPD immer wieder den Buckel hinhalten müssen, was manchmal noch schwieriger ist, als in Rhöndorf Rosen zu züchten." Donnernder Beifall.
Sogar Brandts Berliner Wahlkampfstäbler rügten diesen Lapsus, weil er ihren Plan störte, den 46jährigen Berliner Bürgermeister als gleichsam naturbestimmten
Nachfolger des 84jährigen Bonner Kanzlers zu plakatieren.
Mairedner Brandt gab seinen Paladinen recht, jedoch die Einsicht kam zu spät. Denn: Schon hatte die CDU/CSU -Fraktionsspitze in Bonn den längst ersehnten Ansatzpunkt gefunden, um das alldeutsch-überparteiliche Berlin-Symbol Brandt in die Drecklinie der Wahlkampfpolemik herunterzuziehen.
Die Fraktionsmanager berieten, wer von ihnen den ersten Schuß auf Brandt abfeuern sollte. Fraktionsvorsitzender Krone fiel aus, weil er zu den Berliner Bundestagsabgeordneten zählt. Sein Stellvertreter, der Bayer Höcherl, brauchte derlei Bedenken nicht zu haben. Unter der Zeile "So spricht kein Staatsmann" schrieb Höcherl in der parteiamtlichen CSU-Korrespondenz: "Es ist sicherlich für die deutsche Öffentlichkeit, die bisher Brandt nur als Regierenden Berliner Bürgermeister im Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen zu sehen gewohnt war, interessant, nun auch einen anderen Brandt kennenzulernen."
Und ungeniert schlug Höcherl das Generalthema an, vor dem die Wahlkampfstrategen Brandts eingestandenermaßen Angst haben: "Der Vergleich (zwischen dem Berliner Schicksal und der Rhöndorfer Rosenzucht) ist genauso unfair, als wenn man sagen wollte, daß es im Krieg in jedem Falle angenehmer war, sich in der Emigration im Ausland aufzuhalten, statt an der Front oder im inneren Kampf gegen die Nazi-Machthaber Gesundheit und Leben aufs Spiel zu setzen." Was Hermann Höcherl selbst betrifft, so setzte er Gesundheit und Leben nicht im inneren Kampf gegen die Nazi-Machthaber, sondern als Staatsanwalt des Dritten Reichs und als Leutnant aufs Spiel.
Voller Argwohn verfolgt Brandt denn auch die Bemühungen der CDU, christdemokratisches Licht in seine skandinavischen Emigrationsjahre zu
bringen. So wurde ein regierungsfreundlicher Kundschafter beauftragt, in den nordischen Ländern nach bisher unbekannten Details auszuspähen, die sich gegen Brandt und den patentierten SPD-Bürgerschreck Herbert Wehner - der gleich Brandt in Skandinavien exilierte - propagandistisch ausschlachten lassen.
Vorbeugend ließ Brandt deshalb kürzlich seine in der Manier eines Illustrierten-Tatsachenberichts abgefaßte Biographie auf den Markt bringen, die auch seine Emigrationszeit abhandelt. Für noch schlichtere Wählergemüter bereiteten die Sozialdemokraten überdies eine Willy-Brandt-Fibel vor, die in der altvertrauten Machart des deutschen Haus- und Lesebuchs ein wohlgefälliges Bild des Jung-Kanzlers Brandt präsentiert.
Auch der Umstand, daß Willy Brandt einst Herbert Karl Frahm hieß und sich erst mit 19 Jahren den jetzigen Namen gab - was schlichte Bürger irritieren könnte -, wird in der Fibel den Erfordernissen des politischen Untergrunds und jugendlichem Überschwang zugeschrieben.
Schließlich dürfen sich die Sozialdemokraten damit trösten, daß nach dem Ratschluß der Demoskopen die Emigration aus Hitlers Drittem Reich nach Skandinavien vom westdeutschen Wahlvolk - jedenfalls bei Willy Brandt - nicht als Makel empfunden wird.
Ebensowenig Nutzen werden die christlichen Wahlkämpfer aus dem privaten Nachkriegs-Lebensstil Brandts ziehen können. Ihr Interesse richtet sich zum Beispiel auf eine Paris-Reise des Berliner Bürgermeisters, der dabei in Gesellschaft des ihm befreundeten norwegischen Botschafters das Nachtleben der Lichterstadt observierte.
Auch daß Brandt Alkohol nicht gut vertragen soll, spielt bei den Wahlkampfüberlegungen der Christdemokraten eine Rolle. CDU-Fraktionssekretär Rasner vor einigen Wochen zu einem Berlin-Reisenden: "Alles Gute für Berlin, und sagen Sie Herrn Brandt, er soll beim Trinken maßhalten." Erwiesen ist aber, entgegen Rasners Hoffnungen, daß Willy Brandt Alkohol gut verträgt - er trinkt in letzter Zeit nur keinen mehr und macht seinem früheren Spitznamen "Willy Weinbrandt" alle Unehre.
Als erheblich unbequemer hingegen empfinden die Sozialdemokraten ein Detail des Brandtschen Lebenslaufs, das vorwiegend katholische Christen monieren könnten. Schon wurde in einem Leserbrief an das "Passauer Bistumsblatt" zu bedenken gegeben, daß ein Katholik den Kanzlerkandidaten Brandt schon deswegen nicht wählen dürfe, weil der SPD-Schattenkanzler in zweiter Ehe lebe, nachdem er sich von der ersten Frau habe scheiden lassen. Willy Brandt, evangelischer Christ, sucht solchen Vorwürfen mangelnden Gehorsams gegen Gottes Gebot mit demonstrativem Interesse für kirchliche Belange zu begegnen. Zu dem gleichaltrigen Berliner katholischen Bischof Döpfner hat er guten persönlichen Kontakt, und wann immer er es einrichten kann, läßt sich der Berliner Bürgermeister auf seinen Reisen mit Gattin Rut von Gottesmännern durch die sakralen Bauwerke führen. In der alten Kaiser- und Bischofsstadt Trier gab er letztens einen guten Teil seiner Zeit daran, um den Dom, Ausstellungsort des Heiligen Rocks, zu besichtigen.
Sein Stab grub überdies einen katholischen Kirchenrechtskommentar aus, nach dem die Zweitehe eines Witwers zwar geduldet, aber nicht eben gern gesehen wird - so daß selbst Konrad Adenauer, der zweimal verheiratet war, nicht in absoluter Makellosigkeit dastehen würde.
Auf der Reise in Brandts Vergangenkeit hoffen die Christdemokraten die Wahlkampfmunition gegen den Kanzler -Kandidaten der SPD zu finden, die ihnen in der politischen
Auseinandersetzung fehlt. Denn Brandt hat es bis heute verstanden, in jenen politischen Fragen, die das Vaterland bewegen, keinen Millimeter von Adenauers Kurs abzuweichen. Die Wahlkampfstäbler Brandts sind nach des Bürgermeisters falschem Zungenschlag in Essen - entschlossener denn je zuvor
bemüht, keine wie immer auch gearteten Differenzen zwischen Adenauer und Brandt durchscheinen zu lassen.
Einer der Freunde Brandts, der Berliner Bevollmächtigte in Bonn, Senator Dr. Günter Klein, formulierte diesen Kampfplan: "Willy Brandt muß den alten Herrn behutsam aus dem Palais Schaumburg hinausbegleiten, damit er nicht hinschlittert, und ihm wie ein Sohn dem Vater freundlich nachwinken."
Gruga-Pflaumer Brandt
Der Sohn soll freundlich winken
Frankfurter Allgemeine
Es wird brandtig: "Aufjewacht, Leute!"
Höcherl

DER SPIEGEL 21/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ANTI-BRANDT-FELDZUG:
Reise in die Vergangenheit

  • Künstler-Knirps Mikail: 5000 Euro für ein Bild
  • Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil
  • Toronto: Blitz schlägt in 550-Meter-Fernsehturm ein
  • Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger