18.05.1960

STOPH-BIOGRAPHIEStube 65

Entgegen liebgewonnener Praxis sah sich "Neues Deutschland", das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei (SED), am Donnerstag vorletzter Woche veranlaßt, eine bislang in absichtsvolles Dunkel gehüllte Zeitspanne im Lebenslauf eines prominenten Genossen zu entschleiern. Das Pflichtblatt aller Ulbricht-Anhänger teilte inmitten obligatorischen Gezänks über den "Revanchismus und Militarismus" der Bundesrepublik seinen Lesern mit, daß wahr ist, was tags zuvor schon in der Westberliner Ullstein-Zeitung "BZ" stand und sich inzwischen auch durch weitere Quellen belegen läßt: Der vormalige Berliner Maurer und jetzige DDR-Verteidigungsminister, Armeegeneral Willi Stoph, 45, begann seine militärische Karriere unter den Fahnen der Hitler-Wehrmacht.
Für die Konsumenten, des "Neuen Deutschland" entbehrt dieses Eingeständnis aus zweierlei Gründen nicht einer gewissen Pikanterie:
- Unter den parteiamtlich nach Gesichtspunkten ideologischer Zweckmäßigkeit edierten Lebensläufen der DDR-Prominenz ist der des Genossen Armeegeneral einer der lückenhaftesten;
- die parteioffizielle Ergänzung der
Stoph-Biographie bedeutet eine - wenn auch gewundene - Bestätigung westlicher Enthüllungen.
Freilich bemühte sich die Partei -Gazette mittels wortreicher Erläuterungen, die angekratzte proletarische Reputation des obersten Soldaten der "ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern -Macht" wiederherzustellen. Das Blatt legte seinen Lesern den Schluß nahe, daß man einen Soldaten vom damaligen Range Stophs - "Er brachte es zum Stabsgefreiten" - kaum nazistischer Tendenzen beschuldigen könne.
Andererseits aber vermied es Ulbrichts Haus-Zeitung gewissenhaft, die zwar peinliche, darum aber nicht minder interessante Frage zu beantworten, warum im ohnehin schon sehr locker gehaltenen parteiamtlichen Lebenslauf Willi Stophs der Hinweis auf seine Soldatenjahre fehlt. Tatsächlich verzeichnet das offizielle "Handbuch der Volkskammer" unter "Stoph, Willi" für die in Frage stehenden Jahre von 1933 bis 1945 nur sehr pauschal "illegale antifaschistische Tätigkeit".
Indes, bei genauerer Betrachtung der Lebensläufte des Partei-Generals wird alsbald deutlich, welcher Art die Gründe für diese Ostberliner Diskretion sind: Willi Stoph war zwar zur Zeit reichsdeutscher Gloria nichts weiter als ein schlichter Soldat, er bemühte sich aber, dieses Manko durch außerdienstliche Betätigung zur Feier des Dritten Reichs und seines Führers auszugleichen.
Ein Zeugnis solchen Einsatzwillens findet sich im längst vergilbten Jahrgang 1937 eines Fachblatts der Reichsbetriebsgruppe Bau in der Deutschen Arbeitsfront. In diesem Druck-Erzeugnis hatte nämlich der damalige Maurer Stoph - wobei er die neumodische DDR-Kultur-Losung "Greif zur Feder, Kumpel" vorfristig beachtete - einen treuherzigen Erlebnisbericht über seinen Weg "Vom Bauplatz zum Kasernenhof" veröffentlicht. Er schöpfte dabei ganz aus der Fülle des unmittelbar Erlebten.
Im Oktober 1935 war der 21jährige als Wehrpflichtiger in der 4. Batterie des Artillerieregiments 59 zu Brandenburg an der Havel Soldat geworden. Wenn man dem "Handbuch der Volkskammer" glauben will, so hatte sich der junge Bauarbeiter bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur beruflich qualifiziert, sondern auch schon um die Sache der bolschewistischen Weltrevolution verdient gemacht. Das Handbuch verzeichnet: 1928 Mitgliedschaft im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD), 1931 Mitglied der KPD.
In die folgende Zeit, die nach dem Volkskammer-Handbuch mit "illegaler antifaschistischer Tätigkeit" ausgefüllt war, fällt der zweijährige Wehrdienst, den Stoph als Oberkanonier beendete* und für den er sich wahrscheinlich selbst vom illegalen Parteidienst dispensiert hatte. In der Freizeit, die ihm der Dienst als Kraftfahrer und Stubenältester ließ, werkte er als verfrühter Volkskorrespondent. Stubenkameraden wissen sich heute noch zu erinnern, daß er die Früchte seiner literarischen Feierabendgestaltung - darunter auch Liebesgeschichten - in großer Anzahl an alle möglichen Redaktionen schickte.
Die volkseigenen Stoph-Biographen wollen es heute als verfeinerte Form der konspirativen Tätigkeit verstanden wissen, daß sich ihr Held aus Gründen der Tarnung nicht scheute, seine gelegentliche freie Mitarbeit für Hitlers
"Völkischen Beobachter" vor den Stubenkameraden zu erwähnen und einen Bericht über einen Regimentstag anzufertigen, der ihm ein Lob des Kommandeurs vor der Front eintrug. Jedoch: Die Genossen werden Mühe haben, an dem Erlebnisbericht ("Vom Bauplatz zum Kasernenhof") Zeichen "illegaler Widerstandsarbeit" zu entdecken.
Ohne die geringste ideologische Not (Stoph: "Wer einmal beim Kommiß war und ein Manöver mitgemacht hat, der weiß, was wahre Volksgemeinschaft ist") schildert der unterdes zu höchsten DDR-Ehren gelangte Autor mit ansprechender Präzision seine Rekruteneindrücke: "Der Stubenälteste brüllt 'Achtung!', so daß wir vor Schreck die Hosen fallen lassen, und er meldet: 'Stube 65 alles gesund!'" Doch Kanonier Stoph ist weit entfernt, solchen Schock ernst zu nehmen, denn "jeder Soldat weiß, daß der Vorgesetzte es ehrlich und gut mit seinen Untergebenen meint".
Dieses schöne Bewußtsein förderte natürlich auch die Dienstfreudigkeit des Soldaten. Dazu Stoph: "Ein Erlebnis von
bleibendem Wert war die Geburtstagsparade vor dem Führer. Da wurde tagelang geputzt und gearbeitet, denn jede Gruppe hat den Ehrgeiz, angenehm aufzufallen."
Der schreibgewandte Kanonier kam schließlich sogar zu grundsätzlichen Überlegungen: "Auch der schwerste und anstrengendste Dienst ist leicht zu überstehen, wenn gute Kameradschaft und guter Geist herrscht. Das war bei uns der Fall." Ins Rekrutenstammbuch schrieb Kasernenhof-Berichterstatter Willi Stoph: "Soldat sein, heißt hart sein! - Soldat sein, heißt lustig sein! - Wir haben versucht, beides zu sein."
Kanonier Stoph wurde in seinem zweiten Dienstjahr zur 5. Batterie innerhalb der gleichen Abteilung versetzt und rückte zum Stubenältesten auf. Doch auch auf diesem Posten enthielt
er sich der subversiven Tätigkeit, die ihm die Einheitspartei heute nachrühmt. Etwaige Neigungen dieser Art sind bei ihm jedenfalls nie vermutet worden: Selbst die Stubenkameraden, die zwei Jahre mit ihm in der Brandenburger Kaserne zubrachten, können sich nicht erinnern, von ihm je politische Äußerungen gehört zu haben.
Das "Neue Deutschland" jedoch ist bemüht, den Mythos vom Widerstands -Kanonier Willi Stoph zu erhalten und aufzupolieren, und zwar um der Pflege des proletarischen Elements bei den Streitkräften der Arbeiter-und-Bauern -Macht willen: "Die Propagandisten des Revanchismus und Militarismus wollen Willi Stoph illegale antifaschistische Tätigkeit absprechen. Das ist verständlich, denn davon verstehen die Hitler -Generale ja nichts."
Das SED-Zentralorgan ist zwar nicht in der Lage, die 1937 publizistisch ausgedrückte Wehrfreude des Kanoniers Willi Stoph zu dementieren oder seine illegale Tätigkeit auf Stube 65 der Brandenburger Kaserne auch nur einigermaßen glaubwürdig zu belegen. Dafür hat das Blatt aber einen originellen Rat für die deutschen Brüder am Rhein: "Wie wäre es, wenn die Bonner Regierung statt der unverbesserlichen Militaristen und unbelehrbaren Hitler-Generale auch einen klassenbewußten Bauarbeiter an die Spitze ihrer Armee stellen würde?"
* Nach Ableistung seiner beiden Wehrpflicht-Jahre (1935 bis 1937) hat Stoph in Berlin wieder als Maurer gearbeitet. Im Krieg - seit Februar 1940 - wurde er als Angehöriger der Nachrichten-Ersatzabteilung 3 Potsdam, später als Angehöriger verschiedener Artillerie-Regimenter geführt. Nach einem Lazarettaufenthalt im Jahr 1942 ist die Spur des damaligen Stabsgefreiten Stoph in den heute noch in der Bundesrepublik vorhandenen Unterlagen nicht mehr zu verfolgen. 1945 begann in Ostberlin seine steile Karriere zum Mitglied des Politbüros der SED und Verteidigungsminister.
Kanonier Stoph in Brandenburg: "Die Führerparade war unvergeßlich"
General Stoph

DER SPIEGEL 21/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STOPH-BIOGRAPHIE:
Stube 65

Video 03:25

UFO-Berichterstattung "Natürlich sind das UFOs!"

  • Video "Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer" Video 01:02
    Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer
  • Video "Golanhöhen: Siedlung Beruchim heißt jetzt Trump Heights" Video 00:53
    Golanhöhen: Siedlung "Beruchim" heißt jetzt "Trump Heights"
  • Video "Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe" Video 01:02
    Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe
  • Video "Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom" Video 00:57
    Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom
  • Video "Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping" Video 00:59
    Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Videoanalyse zum Iran-Konflikt: Die Gefahr wächst" Video 01:19
    Videoanalyse zum Iran-Konflikt: "Die Gefahr wächst"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "UFO-Berichterstattung: Natürlich sind das UFOs!" Video 03:25
    UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"