18.05.1960

MABUSEMit Luftgewehr

Wie eine Geheimakte behütet die Westberliner CCC-Film-Produktion das Drehbuch eines neuen deutschen Films, der gerade in den Spandauer Ateliers inszeniert wird. Pressephotographen und Reporter dürfen die Halle 5 nur mit einer Sondergenehmigung betreten, die üblichen Inhaltsangaben und Besetzungslisten enthält man ihnen vor. Bekannt
ist lediglich, daß die Darsteller Gert Fröbe, Peter van Eyck und Dawn Addams führende Partien des Kinostücks übernommen haben. "Aber wer wen spielt", frohlockt der Regisseur, "wird ebensowenig verraten wie der Inhalt. Die Leute sollen kombinieren."
Derart zweckvoll betriebene Geheimnistuerei, wie sie sonst nur von dem amerikanischen Kino-Quälgeist Alfred Hitchcock bekannt ist, glauben die Hersteller hinreichend in dem Titel des Leinwand-Werks begründet: "Die tausend
Augen des Dr. Mabuse". Unter dieser
Chiffre setzte nämlich Monumentalfilm -Spezialist Fritz Lang, 69, seine Schauerserie fort, die er vor Jahrzehnten um den fiktiven Unhold Dr. Mabuse rankte. 1922 drehte er das zweiteilige Opus "Dr. Mabuse, der Spieler", 1932 "Das Testament des Dr. Mabuse".
Der weltweite Erfolg der Mabuse -Reißer kam dem Berliner CCC-Produzenten Artur Brauner in den Sinn, als im Frühjahr vergangenen Jahres eine neue Welle ausländischer Horror-Filme auf den deutschen Kinomarkt schwappte. Der mit hypnotischen Kräften ausgestattete Film-Verbrecher Mabuse schien Brauner, auch für zeitgemäßen Grusel -Kintopp geeignet" zu sein, und so erkundigte er sich beim kinematographischen Urheber der Mabuse-Filme: "Lang, hast du nicht ne neue Idee?"
Fritz Lang fand sie in Form einer amerikanischen Zeitungsnotiz aus Fort Benning: "Hier wurde soeben eine neue, geräusch- und feuerscheinlose Infanteriewaffe getestet: ein Luftgewehr mit Nadel-Geschossen, die einen Mann ohne Spuren äußerer Verletzung töten können. 'Ich würde lieber durch eine Wasserstoffbombe sterben', sagte ein GI, nachdem er gesehen hatte, wie das Nadel-Gewehr auf eine Menschen -Attrappe abgefeuert worden war."
Diese Lektüre beflügelte die Phantasie des Regisseurs so nachhaltig, daß er sich alsbald mit dem Berliner Schriftsteller Heinz Oskar Wuttig zusammensetzte, um einen neuen Mabuse-Abendfüller zu ersinnen. Freilich ergab sich dabei für die Schauer-Autoren zunächst eine dramaturgische Schwierigkeit: Im - 1932 gedrehten - "Testament des Dr. Mabuse" hatte Fritz Lang seinen Über-Gangster leichtfertig dahinscheiden lassen. Just dieser Umstand aber, so hofften die Autoren, könnte nun geeignet sein, die Neugier der Kinogeher anzustacheln.
Das erste Mabuse -Opus, das die Filmhistoriker als eine Art Edel-Vorläufer dar Gangsterfilme einstuften und reichlich mit Lob bedachten, hatte Fritz Lang nach dem gleichnamigen Roman von Norbert
Jacques verfertigt. Nach den Maßstäben der Stummfilmzeit war das Werk ungewöhnlich lang, "aber jedenfalls" - so fand der Filmdeuter Siegfried Kracauer - "bekam man etwas zu sehen fürs Geld": nämlich den talentierten Tyrannen Dr. Mabuse (verkörpert von dem Schauspieler Rudolf Klein-Rogge), der sich Horden von Verbrechern und Schwachsinnigen gefügig gemacht hatte und mit ihnen die Umwelt terrorisierte.
"Die Welt, wie dieser Film sie darstellt", konstatierte Kracauer, "war der Gesetzlosigkeit und Sittenverderbnis anheimgefallen. Unzweideutige Geschlechtssymbole bildeten den szenischen Rahmen für die Nummer einer Tänzerin im Nachtlokal. Orgien wurden zur stehenden Einrichtung, Homosexuelle und
jugendliche Prostituierte zu alltäglichen Erscheinungen."
Die dem Dr. Mabuse hörigen Geheimagenten, Mörder und Falschmünzer ließ Regisseur Lang vor expressionistischen Kulissen agieren. Einzelne Szenen, etwa die Flucht eines von Mabuse Gehetzten, der in eine schmale Gasse hastet und dort von einem riesigen Lastwagen an die Häuserwand gequetscht wird, erwiesen sich geradezu als Muster-Einstellungen für später gedrehte Kinoreißer.
1932 ließ Lang den Dr. Mabuse, der im zehn Jahre zuvor gedrehten Stummfilm wahnsinnig geworden war, erneut fürs Kinovolk wüten. Im. "Testament des Dr. Mabuse" gelingt es dem Tyrannen, der in "Baums Irrenanstalt" residiert, sich Gewalt über den leitenden Nervenarzt zu verschaffen. Folge: Der hypnotisierte Mediziner führt nach schriftlichen Anweisungen, die Mabuse laufend ausfertigt, getreulich Sprengstoff-Attentate und andere Sabotageakte aus und erhebt sich, gleichfalls im Wahn, nach Mabuses Tod zu dessen Nachfolger, um mit Mord und Totschlag die staatliche Ordnung zu stürzen. Er kann gerade noch rechtzeitig unschädlich gemacht werden.
Allerdings: Deutschlands Kinogänger konnten sich über Mabuses neue Untaten nicht mehr informieren. "Das Testament des Dr. Mabuse", im Vergleich zu seinem Vorgänger ein künstlerisch weniger anspruchsvolles Spannungs-Opus, wurde noch vor seiner Uraufführung von der Film-Prüfstelle am 29. März 1933 verboten. Goebbels, so mutmaßte der Regisseur, habe erkannt, daß der Film auf Nazi-Methoden und Adolf Hitler anspiele. Fritz Lang ging außer Landes.
Der New Yorker Aufführung im Jahre 1943 gab der Regisseur denn auch ein Vorwort bei, in dem es heißt: "Dieser Film sollte - wie in einem Gleichnis - Hitlers Terrormethoden aufzeigen. Die Parolen und Glaubensartikel des Dritten Reiches sind hier Verbrechern in den Mund gelegt. Damit hoffte ich, diesen Lehren die Maske abzureißen."
Doch während Kritiker Kracauer bejahte, "daß der Film die Methoden nationalsozialistischer Gewaltanwendung vorahnte", rügte der französische Filmpublizist Georges Sadoul: "Diese späte Interpretation ist anfechtbar. Das Drehbuch stammte von Thea von Harbou, Langs Gattin, die damals bereits Mitglied der Nazipartei war" und nach der Scheidung von dem Regisseur "eine der einflußreichsten Filmschaffenden des Dritten Reiches" wurde. (Nach dem Kriege verdingte sich Thea von Harbou freiwillig als Trümmerfrau, um - wie der Film-Autor Curt Riess zu berichten weiß - "gutzumachen, daß sie jahrelang an Hitler glaubte". Thea von Harbou starb 1954.)
Mit seinem neuen Mabuse-Film will Fritz Lang indes weder politische noch besondere stilistische Ambitionen verwirklichen. Er möchte die Mabuse-III -Geschichte "rauh und realistisch, fast im Wochenschaustil" erzählen und verspricht dem Kinovolk: "Der erste Tote wird ein Fernsehreporter sein.
Lang
Tyrannen-Film "Dr. Mabuse, der Spieler" (1922)'. Man sah was für sein Geld
* Links: Rudolf Klein-Rogge als Dr. Mabuse.

DER SPIEGEL 21/1960
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