22.06.1960

JAPAN / ANTIAMERIKANISMUSDas Versuchskarnickel

Der knatternde Hubschrauber des US -Marinekorps löste sich so sprunghaft schnell vom Boden, daß der letzte Geheimdienstmann im Gefolge des Pressechefs James Hagerty aus der noch offenen Kabinentür stürzte und metertief in die brodelnde Masse der japanischen Krakeeler fiel. Die Demonstranten hatten kaum begriffen, wie ihnen der "fremde Teufel" entgangen war: eben noch mit seinem Cadillac unweit des Tokioter Flugplatzes in einem Meer spukkender, schreiender, singender Japaner gefangen, war James Hagerty seinen Verfolgern durch die Luft entschwunden.
Grimmig lächelnd steckte Eisenhowers Pressechef die japanische Miniaturkamera weg, mit der er die Krawallszenen an der einzigen Zufahrtsstraße des Flugplatzes festgehalten hatte. Wenige Stunden später stand er in Tokio vor japanischen Journalisten. "Gentlemen", sprach König Jim, "ich hoffe nur, daß die japanische Nation Präsident Eisenhower nicht ebenso empfangen wird wie mich."
Ministerpräsident Nobusuke Kischi zeigte sich sofort bereit, dem amerikanischen Besucher, der als Quartiermacher des Fernost-Reisenden Eisenhower nach Japan gekommen war, sein Bedauern über den Tumult am Flughafen auszudrücken. Kischi: "Ich garantiere persönlich für die Sicherheit Präsident Eisenhowers während seines Besuches in Japan."
Die wortreichen Darlegungen Kischis enthielten freilich keine Antwort auf die Frage, warum die japanische Regierung es unterlassen hatte, eine ausreichende Menge Polizisten zum Schutz Hagertys zu entsenden. Argwöhnte ein Diplomat aus dem Stabe des US-Botschafters MacArthur II: "Mr. Hagerty wurde als Versuchskarnickel verwendet."
In der Tat erscheint die Version begründet, Kischi habe den Krakeelern gegen Hagerty absichtlich freien Lauf gelassen, um die Öffentlichkeit durch besonders eklatante Beispiele linksradikalen Rowdytums zu schockieren und mithin gegen jene antiamerikanische Welle zu mobilisieren, die Kischis Stellung ebenso untergräbt wie die Position Amerikas im westlichen Pazifik.
Dabei sahen noch bis vor wenigen Monaten weder Japans konservative Herren noch Washington einen Anlaß, den latenten Antiamerikanismus in Nippon sonderlich tragisch zu nehmen. "Daß es einen Antiamerikanismus gibt, ist schwerlich überraschend; Hiroshima ist eine Wunde, die so schnell nicht heilen wird", urteilte kürzlich der britische "Guardian".
Ein distinguierter Antiamerikanismus gehört in Japan zum guten Ton, seit Feldherr Douglas MacArthur mit dem ganzen Missionseifer amerikanischer Perfektionisten die traditionelle Gesellschaftsordnung Nippons zerstörte und an deren Stelle ein höchst unjapanisches Parlamentssystem rückte, das nur funktioniert, weil die ländliche Bevölkerung fortfährt, Vertreter der alten Oligarchien Japans in die Regierung zu wählen.
Die arglose Betrachtung jener antiamerikanischen Ressentiments im kriegsgeschlagenen Nippon aber wich jäh echter Besorgnis, als in den letzten Monaten eine aggressive Bewegung radikaler Studenten heranpolterte, vor der selbst kommunistische Berufsrevolutionäre erschraken. Die US-Botschaft in Tokio lernte bald einen seltsamen Namen fürchten: Zengakuren.
Hinter diesem Namen - er bedeutet sinngemäß, wenn auch nicht wörtlich übersetzt: "Japanische Föderation autonomer Studentenschaften" - verbirgt sich die Avantgarde des proletarischen Sozialismus trotzkistischer Richtung, die den Zweiten Weltkrieg nur hinter den Stacheldrahtmaschen japanischer Konzentrationslager miterlebt hat. Wenn man ihren Führern glauben will, stehen 300 000 edelkommunistische Studenten und Hochschüler bereit, die Amerikaner aus Japan zu vertreiben und in Nippon einen trotzkistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu errichten.
Im Jahre 1948 aus Protest gegen angeblich reaktionäre Maßnahmen des japanischen Erziehungsministeriums gegründet, nimmt die Zengakuren eine Monopolstellung an den Universitäten und Hochschulen Nippons ein: Jeder japanische Student wird mit seiner Immatrikulation automatisch Mitglied des Verbandes. Gleichwohl gelten nur 150 000 Studenten als zahlende und aktive Anhänger der Zengakuren.
Die eigentliche Führung des Verbandes liegt in der Hand trotzkistischer Fanatiker, die sich zu einer "Allianz" (japanisch: Kyodo) zusammengeschlossen haben und die Mehrheit des Zengakuren-Vorstandes beherrschen. Die Kyodo-Leute nehmen es, wie sie jüngst in einem Manifest formulierten, dem Kreml-Boß Chruschtschow übel, daß er "eine Politik des Friedens und der Koexistenz predigt, dabei aber die Weltrevolution verrät". Bei einer Diskussion mit japanischen KP-Führern am 1. Juni 1958 verprügelten die Trotzkisten ihre kommunistischen Brüder und schlugen das Mobiliar des Tokioter KP-Sekretariats in Stücke. Die Kommunistische Partei schloß daraufhin alle Zengakuren-Mitglieder aus ihren Reihen aus.
Ihre martialischen Gelüste verlockten denn auch die Führer der Zengakuren, der proamerikanischen Bündnispolitik des Ministerpräsidenten Kischi den Kampf anzusagen. Kaum war ruchbar geworden, der Ministerpräsident wolle einen neuen Bündnisvertrag - eben den heute umstrittenen Sicherheitsvertrag (SPIEGEL 23/1960) - mit Washington schließen, da entschloß sich die Zengakuren zum Losschlagen. Seit November vergangenen Jahres erzitterten Tokios Straßen vom Getrampel studentischer Demonstrationszüge, die dem konservativen Premier keine Ruhe mehr ließen.
Die Zengakuren-Strategen ließen ihre Horden den Reichstag stürmen und den Parlamentspräsidenten auf einer Toilette verstecken. Stoßtrupps umstellten den Tokioter Flugplatz, um Kischi am Abflug nach Washington - er unterzeichnete dort im Januar 1960 den Sicherheitsvertrag - zu hindern. Sie riegelten Kischis Privatwohnung ab und bombardierten das Holzhaus des Premiers mit Steinen.
Der von den Studenten zermürbte Regierungschef verlor die Nerven und ließ im Mai dieses Jahres oppositionelle Abgeordnete, die durch Tumulte eine parlamentarische Beratung des Sicherheitsvertrags verhindern wollten, von der Polizei abführen. Dann peitschte er seinen Vertrag durch das Unterhaus des Reichstags - ungeachtet der Tatsache, daß Kischis liberaldemokratische Regierungspartei die Mehrheit im Parlament besitzt und mithin die Annahme des Vertrags überhaupt nicht zweifelhaft war.
Kischis parlamentarischer Streich erwies sich jedoch als verhängnisvoll: Die etwas gemäßigteren Gegner des Sicherheitsvertrags - die linkssozialistische Partei und der linke Gewerkschaftsbund Sohyo - schlossen sich nun bedenkenlos den studentischen Krawallmachern an. Obwohl die neuen Bundesgenossen der Zengakuren stets die Gewaltlosigkeit gepredigt hatten, sahen sich die parlamentarisch sterilen Linkssozialisten immer mehr von den aggressiven Studenten mitgerissen, die auch den letzten Mob gegen Nobusuke Kischi mobilisierten.
Der Aufstand der Straße drohte die Stellung Kischis zu unterwühlen, denn nur noch wenige Tage verblieben dem Premier bis zum Besuch des amerikanischen Präsidenten, den Kischi im Januar dieses Jahres nach Japan eingeladen hatte. Schon kündigten die Zengakuren-Führer an, sie würden den Imperialisten Eisenhower "körperlich bestrafen". Der amerikanische Besuch hätte zum größten Fiasko Nachkriegs-Japans werden können.
Vergebens sann der Regierungschef darauf, wie er die studentischen Krawallmacher isolieren und das Land gegen die antiamerikanische Welle mobil machen könne. Nur durch einen Appell an das patriotische Schamgefühl der Japaner, so kalkulierte Kischi vermutlich, konnte der Eisenhower-Besuch gerettet werden.
Zur Ankunft des Reisemarschalls Hagerty entsandte Kischi listig nur eine kleine Polizeitruppe auf den Tokioter Flugplatz. Prompt tappten die Steinwerfer der Zengakuren in die aufgeklappte Falle des Premiers. Der schwarze Cadillac des amerikanischen Besuchers wurde derart mit Steinen und Spucke traktiert, daß kein gebildeter Japaner solche Behandlung eines Staatsgastes gutheißen konnte.
Die Öffentlichkeit reagierte denn auch, wie der Ministerpräsident gehofft hatte: Die Führer der linkssozialistischen Partei und der Sohyo-Vorstand sagten sich von den studentischen Radikalinskis los und beschlossen, künftig an keiner Demonstration gegen den Besucher Eisenhower teilzunehmen.
Selbst heftige Gegner der Regierung wie das Tokioter Massenblatt "Asahi Schimbun" warnten nun: "Sollen die japanisch-amerikanischen Beziehungen nicht ruiniert werden, so müssen wir um jeden Preis alle Aktionen vermeiden, die dazu führen könnten, die Anti-Kischi -Bewegung in eine antiamerikanische Bewegung zu verwandeln."
So erfolgreich sich aber auch die List Kischis anließ - die Führer der Zengakuren waren nicht bereit, den Kampf aufzugeben. Schon fünf Tage nach dem Krawall gegen Hagerty setzten 10 000 Studenten zu einem Sturm auf den Reichstag an, vor dessen von der Polizei errichteten Barrikaden drei Tote und mehr als 300 Verwundete liegenblieben. Der unverdrossene Elan der radikalisierten Studenten machte die Pläne Kischis zunichte. Am Donnerstag vergangener Woche mußte sich Nobusuke Kischi schließlich zu einem selbstmörderischen Schritt aufraffen. Er zog die Einladung an Eisenhower zurück.
Krawall-Empfang für Amerikas Pressechef Hagerty in Tokio: Der fremde Teufel entkam
Tumult-Photograph Hagerty: Selbst Kommunisten erschraken

DER SPIEGEL 26/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JAPAN / ANTIAMERIKANISMUS:
Das Versuchskarnickel