22.06.1960

SOWJET-UNION / PRESSEBessere Treibriemen

Der Chefredakteur der sowjetischen Regierungszeitung "Iswestija", Alexej Adschubej, hob an: "Die sowjetische Pressefreiheit, Herr Connor, ja die Freiheit in der UdSSR überhaupt steht außer Zweifel." Da unterbrach ihn William Connor, als "Cassandra" verrufener Kolumnist des britischen "Daily Mirror": "Nix Freiheit! Seit Jahren versuche ich als Sozialist, ein Visum zu bekommen, um Moskau besuchen zu können. Jedesmal wenn ich die Einreiseerlaubnis beantrage, verweigert man mir das Visum."
Adschubej: "Ach, das ist ein Mißverständnis. Sicher dürfen Sie nach Rußland kommen."
Brummte Cassandra: "Dann, mein Herr, laden Sie mich doch ein. Sofort! Hier vor der Öffentlichkeit." Als der Sowjetmensch zögerte, drängte der Brite: Also, laden Sie mich nun ein oder was ist? Sie sind doch der Schwiegersohn des Herrn Chruschtschow."
Schmunzelte Adschubej: "Ich brauche meinen Schwiegervater nicht zu fragen. Als Chefredakteur meiner Zeitung kann ich selber Sie einladen, und das ist nun hiermit geschehen."
Die Diskussion zwischen Adschubej und Cassandra - sie fand am Silvestertag 1959 in einem Studio des Pariser Rundfunks statt - machte zum erstenmal einem breiteren westlichen Publikum deutlich, daß an der Spitze der sowjetischen Presse ein Mann steht, der sich mit den besten Köpfen der westlichen Zeitungswelt messen kann.
Der 36jährige Tatarensprößling Alexej Iwanowitsch Adschubej kann sich nicht nur rühmen, als Chefredakteur der "Iswestija" und des journalistischen Fachorgans "Sowjetskaja Petschat", als Abgeordneter des Obersten Sowjet und Schwiegersohn Chruschtschows - er ist mit dessen zweitältester Tochter Rada, 31, verheiratet - zum engsten Ratgeberkreis des Kremlherrn zu zählen, sondern er hat auch die sowjetische Presse von der grauen Monotonie parteichinesischer Ergüsse befreit und damit demonstriert, wie weit sich die Sowjet -Union bereits von dem Zwangsdenken der Stalin-Ära fortentwickelt hat.
Seit Anfang Juni können westliche Beobachter in Moskau erkennen, daß der Schwiegersohn Chruschtschows die Presse der sozialistischen Sowjet-Union nach beinahe kapitalistischen Wettbewerbsprinzipien reformieren will: Seit dem 1. Juni erscheint nämlich das bisherige Morgenblatt "Iswestija" als Abendzeitung und führt einen lebhaften Konkurrenzkampf gegen die größte Moskauer Zeitung, die "Prawda".
Die heimliche Rivalität zwischen "Iswestija" (gegenwärtige Auflage 1,5 Millionen Exemplare) und "Prawda" (sechs Millionen) ist so alt wie die Sowjet-Union selber. Beide Zeitungen wurden im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts von der bolschewistischen Partei gegründet und erschienen nach dem Sieg der roten Oktoberrevolution als offizielle Organe der neuen Machthaber: die "Prawda" ("Wahrheit") als Sprachrohr der Parteiführung, die "Iswestija" ("Nachrichten") als Sprachrohr der Regierung.
Die Parteiführung - seit Lenin gewohnt, in der Presse lediglich "einen kollektiven Propagandisten" zur Verbreitung der kommunistischen Ideologie zu sehen - wachte mittels strenger Papierzuteilung darüber, daß die Rivalität zwischen "Prawda" und "Iswestija" niemals offen ausgetragen werden konnte. Die grauen Wiesen endloser ideologischer Abhandlungen hätten sich für einen journalistischen Konkurrenzkampf ohnehin nicht geeignet. Erst nach dem Tode Stalins nahm die Rivalität zwischen den beiden Moskauer Morgenblättern deutlichere Formen an. Im Dezember 1955 beschuldigte die "Prawda" das Regierungsorgan, eine falsche Technik des Maisanbaus propagiert zu haben, worauf die "Iswestija" ihre Rivalin der Falschmünzerei bezichtigte. Die Parteiführung
mußte schließlich eingreifen und zwang die "Iswestija", ihre Sünden öffentlich einzugestehen.
Der Mais-Streit verschärfte die Rivalität zwischen den beiden Zeitungen. Fortan standen "Prawda" und "Iswestija" journalistisch in verschiedenen Lagern: Während der "Iswestija"-Redakteur Alexander Baulin 1959 die sowjetische Presse, nicht zuletzt die "Prawda", "blutarm, langweilig und ledern" nannte, waren das Parteiorgan und sein Chefredakteur Pawel Satjukow stets zur Stelle, wenn es galt, kleine Konzessionen in Richtung auf die westliche Massenpresse mit der Nagaika ideologischer Linientreue zu geißeln.
Die "Prawda"-Kampagne gegen die Versuche der "Iswestija", ihre Spalten für den Leser attraktiver zu machen, stieß jedoch bald auf den Widerstand der Parteiführung. Parteisekretär Nikita Chruschtschow hatte mittlerweile erkannt, daß der langweilige Stil der sowjetischen Presse nur dazu beitrug, die politische Interesselosigkeit der Sowjetbürger zu vertiefen. Eine schleichende Absatzkrise dokumentierte, daß die russische Presse immer geringeren Anklang fand; so sank die Auflage der Zeitschrift "Kommunist" in sieben Jahren von 650 000 auf 490 000, die der Zeitschrift "Parteileben" von 450 000 auf 384 000 Exemplare.
Chruschtschow dekretierte daraufhin die sowjetische Presse müsse lebendiger und attraktiver werden. Die Journalisten, so interpretierte der Kremlboß später, seien "treue Helfer und Handlanger der Parteiführung" und müßten als "Treibriemen" die Partei mit den Massen verbinden. Zum Hauptmaschinisten bestellte sich der Parteichef seinen eigenen Schwiegersohn, dem er im Mai 1959 die Leitung der "Iswestija" übertrug.
Jazz-Liebhaber und Whisky-Trinker Alexej Adschubej, der in Paris an katholischen Kirchenmessen teilnimmt, in Buenos Aires Cueca tanzt und sogar "russische Emigranten besucht, deren Meinungen er beschreibt, als handle es sich um archäologische Spezialitäten eines vergangenen Zeitalters" (Londoner "Times"), hatte schon als Chefredakteur des Zentralorgans der sowjetischen Jugendorganisation, der "Komsomolskaja Prawda", illustriert, was er sich unter einer modernen Sowjetpresse vorstellt.
Offensichtlich von westlichen Zeitungen inspiriert, hatte Adschubej das äußere Bild und den Ton der "Komsomolskaja Prawda" revolutioniert: "Human interest" trat an die Stelle ideologischer Abhandlungen, busenbetonte Mädchen verdrängten die Bilder sowjetischer Arbeiterhelden, und satirische Feuilletons, Kritik an Behördenkorruption, herausfordernde Schlagzeilen vertrieben die Langeweile.
Der Erfolg gab dem Schwiegersohn Chruschtschows recht: In drei Jahren kletterte die Auflage. der "Komsomolskaja Prawda" von 1,5 Millionen auf 3,5 Millionen - während fast sämtliche Tageszeitungen in Moskau Auflagenverluste melden mußten.
Mit ähnlichem Elan ging nun Adschubej daran, die trostlose "Iswestija" zu reformieren. Umbruch und Schlagzeilen wurden dem westlichen Zeitungsmuster angepaßt und die seitenlangen Leitartikel von lebhaften Leserdiskussionen abgelöst, in denen sich zum erstenmal die Alltagsnöte des Sowjetmenschen widerspiegeln - von den stets versagenden Fahrstühlen bis zur Seelenlosigkeit der Bürokratie.
Chefredakteur Adschubej war unermüdlich in dem Eifer, seine Zeitung im Gespräch der Straße zu behalten. Er schuf Kontrollbrigaden, die recherchieren und berichten müssen, ob die Betriebe reibungslos arbeiten und die Bedienung in den Staatsläden höflich ist. Wer aber den Reportern Alexej Adschubejs unangenehm auffällt, sieht sich bald in der "Iswestija" als Volksschädling demaskiert und aus der Stellung vertrieben.
Lobte Schwiegervater Chruschtschow: "Genossen, ihr habt gute Arbeit geleistet. Aber laßt euch dieses Lob nicht zu Kopf steigen!" Dem verdienten Schwiegersohn galt eine Auszeichnung besonderer Art: Chefredakteur Adschubej erhielt Ende April den "sowjetischen Pulitzerpreis" - den Leninpreis für Journalistik und Publizistik.
Solche Erfolge verlockten denn auch Alexej Adschubej, dem rivalisierenden "Prawda"-Chefredakteur Satjukow den Kampf anzusagen: Die "Isivestija" will sich in der Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung von der "Prawda" nicht mehr schlagen lassen.
Reformer Adschubej, Chruschtschow-Tochter Rada: Beinahe kapitalistisch
Satjukow

DER SPIEGEL 26/1960
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