20.07.1960

BEETHOVENI like Ludwig

Trug Abraham Lincoln 1833 den Schnurrbart gezwirbelt?" fragte Micky-Maus-Erfinder und Filmproduzent Walt Disney den Darsteller Karlheinz Böhm. Irritiert gestand Böhm seine Unkenntnis. "Na, sehen Sie", dozierte Disney, "genausowenig wie Sie vom Bart des großen Lincoln wissen, weiß der Amerikaner vom Leben Ludwig van Beethovens."
Mit dieser Exkursion in die Geschichte suchte Disney das Drehbuch seines Beethoven-Films zu rechtfertigen, das der Beethoven-Darsteller und Dirigentensohn Karlheinz Böhm als gar zu phantasievoll empfand. Ende vergangenen Monats wurden die Dreharbeiten in den Ateliers am Wiener Rosenhügel beendet. Titel des Films: "The Magnificent Rebel"; Spottname in Wien: "I like Ludwig".
Die deutschen Kinogänger werden allerdings kaum Gelegenheit haben, ihr überliefertes Beethoven-Bild mit Disneys farbiger Reproduktion zu vergleichen: "The Magnificent Rebel" bleibt voraussichtlich den Abonnenten des amerikanischen Farbfernsehens vorbehalten.
Die zweiteilige Biographie verdeutlicht den jüngsten Trend im Filmschaffen des Kleintier-Humoristen aus Kalifornien. Disney wechselt zur Gattung der Biographie-Filme über, nachdem er andere Bezirke - etwa den Trickfilm, dies Fauna-Reportage ("Entdeckungsreisen im Reich der Natur") und den Wildwestfilm - gründlich abgeerntet hat: "27 Wildweststreifen habe ich während der letzten beiden Jahre für Film und Fernsehen gedreht. Jetzt bin ich das Prärie-Milieu leid."
Zunächst wollte Disney einen Film über den französischen Maler Maurice Utrillo drehen, doch das Projekt scheiterte an Besetzungsschwierigkeiten. Schließlich kam ihm Ludwig van Beethoven in den Sinn.
Der Trickfilmer war von der Idee, ein Komponistenleben zu verfilmen, so angetan, daß er ein Kollektiv von zehn Hollywood-Schreibern mit der Ausarbeitung des Drehbuchs beauftragte, einen Trupp von Motivsuchern nach Europa entsandte und Marlon Brando die Hauptrolle antrug. Napoleon-Interpret Brando fand die Rolle jedoch wenig reizvoll, und so reiste Disney nach Wien, um ein deutsch-österreichisches Ensemble zusammenzustellen. Die Inszenierung übertrug er dem "Halbstarken"-Regisseur Georg Tressler; als
Kino-Beethoven erkor er den Darsteller Karlheinz Böhm, der bereits den Tonsetzer Franz Schubert verkörpert hatte ("Dreimäderlhaus").
Als Böhm das Drehbuch las, kamen ihm Bedenken, die er freilich rasch der Disney-These unterordnete, daß es wichtig sei, den "Durchschnittsamerikaner überhaupt erst einmal Beethoven zu konfrontieren". Außerdem fand Böhm: "Ein Stoff wie dieser kann nur von Außenseitern verfilmt werden. Selbst als skrupellos bekannte deutsche Produzenten würden bei jeder Szene dutzendfach über ihre eigenen Hemmungen stolpern."
Disney wußte sich von solchen Hemmungen frei. Sein Schreiber-Kollektiv präsentierte den Symphoniker als liebenswerten Trotzkopf, der dem historischen Original noch weniger gleicht als Donald Duck der Hausente: Der Musiker Beethoven war von bulliger Häßlichkeit - klein und stämmig unter einem pockennarbigen Gesicht, das bei Gemütswallungen rot anlief. Darsteller Böhm hingegen verleiht dem Komponisten den appetitlichen Wuchs eines "prince charming".
Nach Hollywood-Routine verfuhren Disneys Filmleute auch bei der Wiedergabe der historischen Begebenheiten. So lebte Beethoven von 1794 bis 1796 bei einem Gönner, dem Fürsten Lichnowsky, der dem Musiker später auch ein stattliches Gehalt anweisen ließ. Im Film dagegen lehnt Beethoven die Finanzhilfe entschieden ab.
Der Film schildert zudem ein kriegerisches Ereignis, das offenbar sämtliche europäischen Historiker als weniger katastrophal empfunden haben: das Bombardement Wiens durch napoleonische Truppen. Im Film bersten Geschosse und Häuser - ein Kulissenarbeiter: "Der erste Trümmerfilm in Kostüm" -, und Beethoven bleibt nur am Leben, weil er ein verschüttetes Hündchen sucht und mithin keine Zeit hat, sich von einer zusammenbrechenden Mauer erschlagen zu lassen.
Beethovens erste und - nach Meinung der Drehbuchautoren - einzige Liebe wird auf der Leinwand als eine vornehme Grafentochter namens Giulietta vorgeführt. Schon am Tage nach der ersten Begegnung dringt die Komteß in die Dachkammer des Musikers ein. "Als Giulietta ins Zimmer kommt", befiehlt das Drehbuch, "springt Beethoven völlig verwirrt aus dem Bett.
Sein Nachthemd reicht bis an die Knie."
Wie die berühmte Mondschein-Sonate entstand, werden die amerikanischen Fernseher einer nächtlichen Bootszene entnehmen können. Nahaufnahme: "Glitzerndes Wasser mit Reflexen von Beethoven und Giulietta, als er ihre Wange zärtlich küßt. Ein welliger Mond reflektiert auf dem Wasser."
Die Schlußphasen des Films:
- Schwere Gehörstörung des Musikers bei der "Fidelio"-Premiere vor dem Einzug der französischen Truppen im Jahre 1809. (Die "Fidelio"-Premiere fand im Jahre 1814 statt.)
- Zusammenbruch des tauben Meisters in der Pfarrei seines ihm über Jahrzehnte verbundenen Freundes Amenda (eines kurländischen Theologen, der sich nach Angaben der Beethoven-Biographen nur ein Jahr lang in Österreich aufhielt).
- Glückliches Orgelspiel des Katholiken Beethoven in einer protestantischen Kirche. (Österreich duldete nichtkatholische Gotteshäuser erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach Abschluß des Protestanten-Patents.)
"Für den Wiener", schrieb die Fachzeitschrift "Filmwoche" bereits während der Dreharbeiten, "ist die amerikanische Auffassung von Beethoven, seinem Leben und Wirken - na, sagen wir, etwas sehr ungewohnt." Deutlicher drückten sich österreichische Filmleute aus, die für Disney gearbeitet hatten: "An dem Drehbuch kann nur eins unwidersprochen bleiben: die Schreibweise des Namens Beethoven."
Beethoven
Wiener Geschichten ...
Beethoven-Darsteller Böhm
... für Amerika

DER SPIEGEL 30/1960
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BEETHOVEN:
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