03.08.1960

UFARote Zahlen

In letzter Minute wurden zwei Rosen -Arrangements hereingebracht und auf
dem Konferenztisch aufgebahrt, an dem sich ein Dutzend Herren gruppierte. Dann begann am Vormittag des Donnerstag letzter Woche, in spürbar betretener Stimmung, die Hauptversammlung der Ufa im fahlgelb tapezierten Sitzungssaal der Berliner Disconto -Bank.
Mit monotoner Stimme verkündete der Aufsichtsratsvorsitzende, der Düsseldorfer Bankier Eberhard Clemens Freiherr von Ostman, das Ergebnis des letzten Geschäftsjahres: Der Ufa-Konzern, die größte private Filmgesellschaft des Kontinents, hat im knappen Zeitraum von zwölf Monaten einen Reinverlust von 5,4 Millionen Mark erwirtschaftet.
Wie der Brauch es erheischt, stellte der Freiherr die üblichen Fragen zur Entlastung des Vorstands. Die versammelten Aktionärsvertreter schwiegen zustimmend. Nach genau 34 Minuten war die Pein beendet und die Versammlung wieder geschlossen.
In einem knappen Fünf-Minuten-Referat hatte Ufa-Generaldirektor Arno ("Sir Arno") Hauke, 38, zu begründen versucht, warum die Entwicklung des Gesamtunternehmens "einen ungünstigen Verlauf genommen hat". Noch zu Anfang des vergangenen Jahres hatte Hauke den Konzern als "das zur Zeit florierendste Unternehmen der deutschen Filmwirtschaft" bezeichnet. "Die Ufa ist wie ich", sagte er vor Jahresfrist, "die hat stabile Beine, die wirft nichts um."
In der vergangenen Woche jedoch strahlte der Ufa-Boß erstmals seit der Neugründung des Konzerns nicht das urige Selbstbewußtsein aus, das seinen Ruf anekdotenreich begründete. Sichtlich ergriffen von der Größe des Aderlasses, den der Konzern unter seiner straffen Leitung ("Die Longe muß straff sein, damit die Pferdchen traben") in der vergangenen Kinosaison erlitten hat, gestand Hauke nach der Hauptversammlung: "Hat gar keinen Zweck, daß ich mir was vormache. Wo nichts ist, kann ich nicht schönfärben."
Mit der Kunde von dem Fünf-Millionen-Verlust war vorerst die Frage beantwortet, die in der deutschen Filmbranche seit zwei Jahren mit gehässiger Erwartungsfreude diskutiert wurde: Ob es dem gelernten Betriebswirt Hauke, der den laut Militärregierungs-Gesetz zum Tode verurteilten Konzern in einem eindrucksvollen Bubenstück neu aufbaute (SPIEGEL 4/1959), gelingen würde, auch die Ufa-Filmproduktion wieder neu zu beleben.
Den Aktionärsvertretern nannte Hauke als Hauptursachen für das geschäftliche Abrutschen der Firma:
- den "Strukturwandel in der Freizeitgestaltung ... infolge der immer schnelleren Ausbreitung des Fernsehens",
- "die zunehmende Motorisierung und die monatelange Schönwetterperiode", doch auch
- "das unbefriedigende geschäftliche Ergebnis der Ufa-Filmstaffel ..., das seinen Grund auch in der geringen Publikumswirksamkeit einer Reihe von Filmen hatte ...
Rund 25 Millionen Mark hatte Hauke in die Produktion von 16 Filmen gesteckt, die nach der Ankündigung seines hauseigenen Verleihs "zu ausgesprochen optimistischen Erwartungen bezüglich der geschäftlichen Erfolge" berechtigen sollten. Weder Zeit noch Aufwand hatte er gescheut, die Sujets auszuwählen, die Drehbücher zu zensieren, Stars und Sternchen auszusuchen, Herstellung und Schnitt zu überwachen und zugkräftige Titel zu ersinnen. Sein erklärtes Ziel: "Niveauvolle Unterhaltung".
Diese Aktivität litt freilich darunter, daß Arno Hauke den 53jährigen Kurt Hahne als Produktionschef bestallt hatte, von dem er selbst sagte: "Der Typ eines großen Producers ist er nicht."
Als Hauke Mitte des vergangenen Jahres den Posten des Produktionschefs endlich umbesetzte - mit dem Show -Regisseur und Ufa-Verwaltungsdirektor Kurt Rupli -, war nichts mehr zu retten. Die Ufa verlor im Schnitt an jedem ihrer Filme 350 000 bis 450 000 Mark.
Die dürftigen Einspielergebnisse einiger Ufa-Filme hatten schon im vergangenen Herbst die Kinobesitzer zu einem Spottvers angeregt, der schadenfroh in der Branche herumgereicht wurde: "Auf die falsche Pauke haut, wer auf Arno Hauke baut."
Im "Film-Sonderdienst", einem Erfahrungsaustausch der deutschen Kinobesitzer, wurde die Mehrheit der Ufa-Filme ironisch abgekanzelt. "Mit solchen Filmchen ist kein Geschäft mehr zu machen", kommentierten die Kinobesitzer das Ufa -Lustspiel "Liebe verboten, heiraten erlaubt". Den Farbfilm "Paradies der Matrosen", laut Ufa-Ankündigung ein spannungsgeladener Film "um verwegene Männer, schöne Frauen und den Traum vom großen Glück", bedachten die Theaterbesitzer mit dem Urteil: "Aus der Ufa-Klamaukkiste. Bikinimädchen und Unterwasseraufnahmen von Nackedeis ergeben noch lange keinen Südseefilm."
Ein ähnliches Fiasko erlitt Hauke mit der ehrgeizigen Verfilmung des Traven-Romans "Das Totenschiff" (SPIEGEL 30/ 1959), das vor leeren Parkettreihen ruhmlos unterging. Die Verwandlung der "Sissi"-Kaiserin Romy Schneider in eine mondäne "Halbzarte" schlug sich ebenfalls mit roten Zahlen in der Ufa-Bilanz nieder.
Auch Arno Haukes Unterfangen, seine eigene Unerfahrenheit in der Filmproduktion und die Schwächen des nicht großen Produktionschefs Hahne durch Testumfragen und Testvorführungen bei Kinobesitzern zu kompensieren, blieb erfolglos. "Da sagen die", monologisierte Hauke in der vergangenen Woche, "das ist eine nette, saubere Sache, so wie wir sie von der Ufa wollen. Dann bringt man den Film heraus, dann kriegt er auch noch ein Prädikat, dann geht er am Freitag und am Samstag. Und am Montag ist Feierabend."
Mehrmals erwies sich, daß nicht nur
Hauke, sondern auch die Kinobesitzer die Zugkraft eines Sujets falsch eingeschätzt hatten. Hauke: "So war's bei 'Jacqueline'. Bin richtig befreit aus dem Kino gekommen. Dachte, da haste was. Von wegen! Oder 'Die Gans von Sedan'. Davon habe ich mir auch was versprochen, so ein guter Stoff, der Käutner, in Farbe, dann der (Hardy) Krüger, und es war auch nichts."
Auch die Einspielergebnisse der zu Beginn des Jahres 1960 gestarteten Ufa -Filme ("Der liebe Augustin", "Und noch frech dazu", "Kein Engel ist so rein") lassen schon erkennen, daß sie keine Gewinne erbringen werden. Hauke glaubt sich deshalb der Tatsache konfrontiert, daß "heute kein Film mehr die Ertragskraft hat wie früher".
Er hat sich entschlossen, für die kommende Saison weniger Filme als bisher
zu produzieren - insgesamt nur vierzehn - und diese verringerte Staffel mit vermindertem Budget (20 Millionen Mark) herzustellen. Sinnierte er am Donnerstag der vergangenen Woche: "Da baut man jahrelang einen Konzern auf, schuftet herum und dann hauen die Filme nicht hin."
Ufa-Chef Hauke: Falsche Pauke?

DER SPIEGEL 32/1960
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