24.08.1960

Die Entlassung

Bereitwillig geben seit Anfang vergangener Woche die Direktionsgehilfen des Ufa-Konzerns eine Telephonnummer preis, die noch jüngst wie ein Betriebsgeheimnis gehütet wurde. Wer Generaldirektor Arno Hauke zu sprechen begehrt, wird beschieden, die Nummer 62 61 41 zu wählen. Sie steht im Düsseldorfer Fernsprechbuch nicht verzeichnet - Arno Hauke ist nunmehr dort jederzeit privat zu erreichen. Den Angestellten der Düsseldorfer Ufa-Zentrale erscheint nicht mehr ratsam, die Verbindung zu Haukes Villa in der Hompeschstraße über den Hausanschluß herzustellen.
Noch am Montag letzter Woche hatten Haukes Vorzimmerdamen keinerlei Argwohn gehegt, als ein Abgesandter der Deutschen Bank, der Hauptaktionärin des Ufa-Konzerns, in der Direktions -Etage des marmorverkleideten Verwaltungspalasts erschien. Er erbat, obwohl Hauke abwesend war, Einblick in einige Geschäftsunterlagen. Erst anderntags konnten die Ufa-Angestellten den Morgenzeitungen entnehmen,was über Nacht geschehen war. "Krach bei der Ufa - Film-Boß Hauke tritt ab", schmetterte "Bild" in roter Type.
Die Nachricht, daß der mächtigste Mann der deutschen Filmwirtschaft rüde von seinem Posten gejagt worden war, hatte die Zeitungsredaktionen auf ungewöhnliche Weise erreicht. Obgleich es zu den Usancen jedes renommierten Unternehmens gehört, die Abberufung eines leitenden Mannes samt Begründung offiziell bekanntzugeben, hatte sich die Ufa -Hauptaktionärin Deutsche Bank ausbedungen, die Meldung von Arno Haukes Abgang selbst publik zu machen. Die Presseabteilung der Deutschen Bank: "Wir haben kein Kommuniqué herausgegeben, sondern einige Journalisten verständigt, daß Herr Hauke beurlaubt ist und seine Vorstandstätigkeit bei der Ufa nicht wiederaufnehmen wird. Dabei wurde vereinbart, daß die Nachricht in die Form, gekleidet wird: 'Wie wir hören'."
Daß die Deutsche Bank selbst bei dieser ungewöhnlichen Hörensagen-Bekanntmachung darauf verzichtete, die Entlassung Haukes zu begründen, mag auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein. Noch Ende Juli, als in Berlin die Hauptversammlung der Universum-Film AG und der Ufa-Theater AG abgehalten wurde, hatte die Deutsche Bank dafür gestimmt, dem Vorstandsvorsitzer Hauke für seine Geschäftsführung die Entlastung zu erteilen, wiewohl der Konzern unter seiner Leitung im vergangenen Jahr einen Reinverlust von 5,4 Millionen Mark erwirtschaftet hatte und Bank- sowie Wechselschulden von 22 Millionen Mark zu Buche standen (SPIEGEL 32/1960).
Kommentarlos hatte der zur Ufa-Aktionärsversammlung erschienene Deutsche-Bank-Vertreter Dr. Janberg auch hingenommen, daß der selbstbewußte Ufa-Boß ("Bin ein Mann, der vom Wirtschaften was versteht") den Anteilseignern in seinem militärisch knappen Lagebericht kein Rezept zu bieten vermochte, wie die finanzielle Misere des größten privaten Filmkonzerns des Kontinents behoben werden könnte.
Daß der Ufa-General freilich das Schweigen, mit dem die Aktionärsvertreter seinen Darlegungen lauschten, nicht als Zustimmung auffassen durfte, erwies sich schon vierzehn Tage später. Am Nachmittag des 10. August trafen sich die bevollmächtigten Vertreter der Ufa-Aktionäre unter Vorsitz des Dr. Janberg im Chefzimmer der Düsseldorfer Filiale der Deutschen Bank, um Haukes Ufa-Laufbahn jählings zu beenden. Anschließend trat der Aufsichtsrat des Ufa-Konzerns zu einer kurzen Sitzung zusammen, dann wurde Hauke dem Beratungsergebnis konfrontiert.
Zwar war man übereingekommen, die Entlassung als "sofort anzutretenden Dauerurlaub" zu deklarieren, was möglicherweise auch auf dem Umstand basiert, daß des Ufa-Direktors Anstellungsvertrag, der ihm ein Monatseinkommen von rund 10 000 Mark garantiert, noch
bis Mai nächsten Jahres läuft. Dennoch war frappant, mit welcher Abruptheit die Aktionärsvertreter den Mann, der mit Geschick und Zähigkeit den durch alliierte Order zur Zerstückelung verurteilten Konzern überhaupt erst wieder zusammengebaut hatte, von seinem Direktorensessel beförderten.
Die Behandlung, die Aufsichtsräte und Aktionärsvertreter dem Konzernverweser angedeihen ließen, wäre nur dann nicht verwunderlich gewesen, wenn die Deutsche Bank gleichzeitig mit der Nachricht von der Amtsenthebung auch schwerwiegende Verfehlungen Haukes bekanntgegeben hätte.
Mit Mängeln in der Produktionsplanung des Ufa-Programms allein ließ sich die Behandlung, der sich Hauke ausgesetzt sah, nicht einleuchtend erklären, um so weniger, als seine verlustreiche Geschäftspolitik seit vielen Monaten offenkundig war und die Aktionäre dem Ufa-Direktor die Entlastung für seine Geschäftsführung auf der Hauptversammlung im vergangenen Monat nicht verweigert hatten.
So blieb unbegründet, warum die Aktionärsvertreter dem zum Befehlsempfang bestellten Ufa-General am 10. August den Ratschlag auferlegten, seinen Direktionssaal im Düsseldorfer Ufa-Verwaltungspalast an der Berliner Allee fortan nicht mehr zu betreten und sich jeglicher Amtstätigkeit, selbst der Publizierung der ihm widerfahrenen Behandlung, zu enthalten. Arno Hauke verstand, retirierte in seine Villa und bestellte seinen Rechtsanwalt.
Dr. Janberg, der Bevollmächtigte der Deutschen Bank, -reiste am Freitag als Urlauber in die Schweiz, so daß sich dem Ufa-Aufsichtsratsvorsitzenden, dem Düsseldorfer Filialleiter der Deutschen Bank, Eberhard Clemens Freiherr von Ostman, die Möglichkeit bot, Fragen nach den Gründen für Haukes Sturz auszuweichen.
Der Baron, der jahrelang innigen Kontakt zu Arno Hauke pflegte (Hauke: "Ein Kumpel, mit dem sich prima arbeiten läßt"), ließ verkünden, daß er "nicht geneigt" sei, "einen Kommentar abzugeben".
Ein untergeordneter Angestellter der Ufa-Hauptaktionärin Deutsche Bank, ein Mann namens Krämer, ist nunmehr mit der neuerlichen Nachprüfung von Arno Haukes Direktionstaten befaßt.
Eine Entdeckung, die der mit weitreichenden Vollmachten versehene Bankangestellte in Arno Haukes Schreibtischfächern machte, wurde im Düsseldorfer Ufa-Haus mit besonderem Mißfallen aufgenommen. Krämer stieß auf eine Karikatur, die Hauke sich an die Innenseite seiner Schreibtischtür geheftet hatte: Sie zeigt Hauke, wie er als Untermann den gesamten Ufa-Konzern mühelos auf seinen muskelstrotzenden Armen trägt. Die Herren des Aufsichtsrats stehen zwergengroß am Rande der Manege. Sie sind offensichtlich zum Befehlsempfang angetreten.
Geschaßter Ufa-Boß Hauke, Gattin: Hausanschluß gesperrt
Von UFA

DER SPIEGEL 35/1960
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