17.08.1960

ROTE HANDGelbe Gefahr

Abwehragent Jonny reißt die ranke
Soubrette Violetta zum Versöhnungskuß an sich, dann macht er kehrt und verläßt das Theater durch die Hintertür. Im gleichen Augenblick rollt eine schwarze Limousine an die Bordsteinkante, die Mündung einer Maschinenpistole wird durch das Wagenfenster gestupst: Eine Feuergarbe fetzt dem Abwehrmann durch den Leib.
"Jonny", schreit Violetta.
Doch ein Passant sagt: "Da ist nichts mehr zu machen ..." Und Violetta schleppt sich auf die Bühne, um programmgemäß Cancan zu tanzen.
Mit dieser Kuß-und-Schuß-Szene endet das Drehbuch eines neuen deutschen Films, der seit Mitte des vergangenen Monats in Berlin gedreht wird: "Die Rote Hand".
Der 60jährige Ernst Neubach, Filmproduzent und Schlagertexter ("Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren", "Kannst du pfeifen, Johanna?"), wählte den kräftigen Titel für eine selbstverfaßte "dramatische Liebesgeschichte zwischen Waffengeschäft und Geheimdiensten", die sich freilich nicht an die SPIEGEL-Serie über die Machenschaften der französischen Geheimorganisation (SPIEGEL 10/1960 bis 13/1960) anlehnt. "Unser Film wird vielmehr", verkündete Neubach, "den Behauptungen des SPIEGEL widersprechen, wonach eine französische Organisation 'Rote Hand' im Ausland Gewalttaten begeht."
Der Münchner Filmproduzent vertritt nämlich die Auffassung, daß unter dem Markenzeichen "Rote Hand" alles andere als französische Übeltäter wirken. Er läßt diese Ansicht im Film durch einen französischen Beamten präzisieren, der einen deutschen Abwehrmann kollegialerweise wie folgt auf klärt: "'Die Rote Hand' - das war einmal eine französische Abwehrorganisation. Jetzt ist sie ein internationaler Sammelbegriff geworden, den alle möglichen Leute benutzen. Und dagegen wehren wir Franzosen uns ..."
Drehbuchautor Neubach textete patriotisch. Der gebürtige Wiener, der 1938 nach Paris emigrierte, hat im Zweiten Weltkrieg die französische Staatsbürgerschaft erworben. Er wurde sogar als Legions-Unteroffizier in Nordafrika beschäftigt. "Ich habe Frankreich viel zu verdanken", bekennt er, "vielleicht sogar mein Leben." Einmal gerettet, konnte sich Neubach nach dem Krieg - er kehrte 1952 zurück - wieder dem Filmschaffen in Deutschland zuwenden, das er schon in den zwanziger und dreißiger Jahren mit beispiellosem Fleiß befruchtet hatte.
Er verfertigte damals Lichtspiele dutzendweise ("Ich weiß schon selber nicht mehr, wie viele Filme ich produzierte, schrieb und inszenierte") und nahm nebenbei noch Gelegenheit, rund 1000 gemütsfrohe Schlagertexte zu ersinnen.
Nach dem Krieg konzentrierte sich der vielseitige Wahlfranzose auf die Herstellung deutscher Frischluft-Lichtspiele: "Die Fischerin vom Bodensee", "Die Prinzessin von St. Wolfgang", "Die Wirtin an der Lahn", "Wetterleuchten um Maria". Auch "Tante Wanda aus Uganda" verdankt ihm ihre Existenz.
Als die Affären um die "Rote Hand" internationaler Gesprächsstoff wurden, beschloß Neubach indes, das Genre zu wechseln. "Schon vor der Veröffentlichung der SPIEGEL-Serie", beteuert er, "verhandelten wir mit dem Münchner Constantin Filmverleih über die Produktion eines Films 'Die Rote Hand' und war unser Plakatentwurf ebenfalls der eines Handabdrucks" (wie die SPIEGEL-Titelseite 10/1960).
Tatsächlich hatte Neubach schon im Februar dieses Jahres den Titel "Die Rote Hand" bei der "Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK) in Wiesbaden registrieren lassen. Er löste damit einen Sturmlauf des Hamburger Jungschauspielers Gerhard Borris aus, der seit langem - und bis jetzt vergebens - darum bemüht ist, einen Filmstoff über die "Rote Hand" im FSK -Titelregister unterzubringen (SPIEGEL 27/1959).
Die Wiesbadener FSK-Leute weigerten sich, die von Borris entworfene Filmgeschichte unter dem Titel "Bombengeschäfte" in das Titelregister aufzunehmen. Begründung: Ein Film dieser Art könne die deutsch-französischen Beziehungen "empfindlich stören". Denn aus der von Borris klar umrissenen Inhaltsangabe hatten die FSK-Männer eine Attacke auf die Tätigkeit der französischen Geheimorganisation "Rote Hand" herausgelesen.
Als Borris nun dagegen protestierte, daß dem Filmproduzenten Neubach Titelschutz für seinen Film "Die Rote Hand" gewährt wurde, erfuhr er von der FSK: "Diese Eintragung konnte erfolgen, da mit diesem Titel ein, nach den FSK-Prüfgesichtspunkten, nicht zu beanstandender Inhaltsumriß verbunden war." In der Tat hatte der Münchner Filmhersteller seine Filmidee so nichtssagend wie nur möglich definiert: "Eine internationale Spionageaffäre im Rahmen der Rivalität zwischen den verschiedenen Geheimdiensten."
Neubach rechtfertigte schließlich auch das Vertrauen der Titelregistrierer: Das Drehbuch seines Lichtspiels spart nicht nur alle Vorkommnisse aus, deren kinematographische Darstellung den Nato -Partner der Bundesrepublik verstimmen könnte - es bemüht sich gar, die Verantwortung für die Attentate der "Roten Hand" auf Spione und Agenten "eines asiatischen Landes" umzuladen. Neubach läßt die filmischen Terrorakte und Schmuggeleien vornehmlich von Menschen fernöstlicher Herkunft sowie von Griechen, Kubanern und Männern undefinierbarer Nationalität verüben.
Die Franzosen erweisen sich in der Kino-Kolportage, im Gegensatz zu den Erfahrungen deutscher Staatsanwaltschaften, als ausgesprochen auskunftsfreudig: Sie geben dem "deutschen Amt für Bundesschutz" - Neubach meint offenbar das Bundesamt für Verfassungsschutz - vielmehr wertvolle Tips für die Aufklärung der Verbrechen.
Die Verfilmung der verworrenen Reißergeschichte, in der solch merkwürdige Begebenheiten geschildert werden, vertraute Neubach dem Regisseur Kurt Meisel an. Der Filmproduzent ließ sich bei dem Engagement auch dadurch nicht entmutigen, daß Meisels letzte Werke, etwa das Desertions-Stück "Kriegsgericht" und der Callgirl-Film "Madeleine 13 62 11", fast einmütig von der Kritik verrissen worden waren. Für die Rolle eines Abwehragenten verpflichtete er den schweizerischen Liebhabertyp Paul Hubschmid, als Bösewicht sichtlich asiatischen Geblüts Hannes Messemer (Filmname: Manora Khan). Die weibliche Hauptrolle spielt die Italienerin Eleonora Rossi-Drago.
Da Filmproduzent Neubach fest davon überzeugt ist, sein Film werde "das Dunkel um die Herren Waffenschieber" gründlich ausleuchten, hat er auf dem Berliner Ateliergelände besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen lassen. Ein handgemaltes Schild an der Ateliertür versperrt jedem Besucher den Weg, der sich beim Pförtner nicht mit Personalpapieren ausgewiesen hat. Auch seine Spaziergänge mag Neubach nicht mehr allein unternehmen - "was seine Gründe hat: die Waffenhändler!"
Weit weniger gefährlich stufte die Berliner "Morgenpost" das Filmunternehmen ein. "Wenn man den Worten des 60jährigen Filmproduzenten Ernst Neubach glauben sollte", schrieb der Kritiker des Blattes im vergangenen Monat, "haben die Waffenhändler in der letzten Zeit vor nichts so sehr gezittert wie vor den 'Enthüllungen', die sein Film über den weltweiten Waffenschmuggel preisgeben würde. Seit ich mich aber auf einer Pressekonferenz mit dem Film vertraut gemacht habe, kann ich sagen: Waffenschieber aller Länder, freut euch!"
Geheimdienst-Film "Die Rote Hand"*: Die Spur führt nach Fernost
* Paul Hubschmid (l.), Hannes Messener.
Neubach

DER SPIEGEL 34/1960
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