19.10.1960

FERNSEHEN / TelemannAUGENTROST

Woran liegt es, daß die bundesdeutsche Sprit-Verbraucherschaft den "Platz an der Theke" nur noch für den zweitschönsten erachtet? Zeigt ihre neue Vorliebe, im eigenen Heim zu zechen, eine sittengeschichtliche Kaprice an, vergleichbar jener, die den Menschen des späten Rokoko dazu bewog, sein Triebleben in die freie Natur zu verlagern? Oder haben sich unsere Trinker des Historikers Heinrich von Treitschke entsonnen, der einmal geklagt hatte, daß den Deutschen die "Anmut der Sünde" fehle, und sind übereingekommen, diesen Mangel nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit fortbestehen zu lassen? - Nichts von all dem.
Es liegt am Fernsehen.
Telemanns Wissen vom "Fernsehsuff" stützt sich vertrauensvoll auf ein Zwiegespräch mit dem in Darmstadt praktizierenden Nervenarzt und vormaligen Leiter einer Trinkerheilstätte Dr. Michael Soeder sowie auf selber gewonnene Eindrücke.
Beim Fernsehtrinker, auch Haustrinker genannt, handelt es sich klinisch betrachtet - um denselben fröhlichen Zecher, der in weniger technisierten Zeiten den Stammtisch, die Stehkneipe oder die Bar zu bereichern pflegte, in der Erwartung, daß sich ihm an diesen Stätten die Mitwelt erschließe. Heute macht die Mitwelt Hausbesuche. So brauchen der Fernsehtrinker und seine Fernsehtrinkerin nur ihr Flaschenbier kühl oder ihren Sherry trocken zu halten und können selbander und selig dem Sendeschluß entgegendämmern.
Das hat zwei Vorteile: Einmal entzieht sich der Alkoholiker auf diese trauliche Weise der "sozialen Auffälligkeit" (Dr. Soeder), zum anderen bleibt es ihm erspart, sich mit Schuldgefühlen herumzuplagen. Denn wie sollte er, wenn ihn schon am frühen Abend die TV-Werbung umgirrt ("Fernsehen mit Dujardin - nochmal so schön"), an Suchtgefahren denken? Wie könnte er, wenn zu Silvester, im Karneval oder beim Dürkheimer Wurstmarkt der Saufbruder dem Saufbruder elektronisch begegnet, auf die Idee kommen, daß Mäßigkeit eine Tugend sei? Und wenn der FDP-Bundesvorsitzende Dr. Erich Mende, laut "Times", behauptet, daß an unserem Jahr für Jahr sich verdoppelnden Whisky-Konsum nur die trinkfesten Helden amerikanischer TV-Film-Importen schuld hätten, so mag auch darin etwas Wahres und Verzeihliches liegen.
Freilich, das Zechen am heimlichen Schirm birgt auch einen Nachteil: Der Mund, der beim Außerhaustrinker zum Zwecke des Meinungsaustausches und frohsinniger Mitteilung jederzeit in Aktion treten darf, hat hier zu schweigen. Weil aber dieses wichtige Werkzeug menschlicher Lustgewinnung nicht müßig bleiben will, muß man es aushilfsweise beschäftigen - ein Phänomen, dem die Kinobesitzer ihren Süßwarenumsatz verdanken. Für den Fernsehfreund, dem ja jegliches Nebenlaster erlaubt ist, bedeutet dies: Er kann auch während jener Zeitspannen Alkoholisches zu sich nehmen, die er, als er noch Stammkneipen und Bars besuchte, zum Witze-Erzählen benötigte.
Und manch einer tut es.
Beobachtungen haben gezeigt, daß der TV-Trunksucht-Gefährdete besonders in zwei Fällen der Anfechtung erliegt. Erstens, wenn das Fernsehprogramm langweilig ist. In diesem Falle dient ihm das geistige Getränk als Anregungsmittel und versetzt ihn, indem es sein Urteilsvermögen herabmindert, in die Lage, sein Heimgerät unverzagt für eine lohnende Anschaffung zu halten.
Oder aber - das Programm ist spannend. Tritt dieser Sonderfall ein, verlangt das Nervensystem des Haustrinkers nach Dämpfung. Und weil der Alkohol, wie die meisten Stimulantia, paradox wirkt, erfüllt er seinen Zweck da wie dort.
Doch das Fernsehen leistet dem Wohlstandsalkoholismus nicht nur Vorschub, erfuhr Telemann von Dr. Soeder, es kann auch unmittelbare Ursache der Trunksucht sein. Wer also arglos vor der Röhre sitzt und glaubt, seine Charakterstärke sei zu ausgeprägt, als daß er schädlicher Gewohnheit Knecht werden könne, der irrt sich tragisch.
Beweis: Versuchspersonen, auf die man unterbrochene Lichtreize, wie sie etwa denen des TV-Bildes entsprechen, einwirken ließ, zeigten in ihrem Elektro-Enzephalogramm (Gehirnstrombild) Frequenzveränderungen. Das bedeutet: nervöse Unruhe. Und die will gezügelt sein.
Kurzum der deutsche Gewohnheitstrinker, der sich vorzeiten mit so ehrenrührigen Entschuldigungsgründen wie ",zerrüttete Verhältnisse" oder "Eheschwierigkeiten" behelfen mußte, darf seinen Kopf endlich höher tragen. Hat er doch in Gestalt des millionenumschlingenden Fernsehens eine Säufer-Ausrede, die ihn, selbst im fortgeschrittenen Stadium, der Leidigkeit enthebt, als asoziales Element zu gelten.
Merke: "Trinkt, o Augen, was die Wimper hält ..." (Gottfried Keller, "Abendlied").
Die Welt
"Wenn schon Promille,
dann standesgemäß ...!"
Von Telemann

DER SPIEGEL 43/1960
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