26.10.1960

SHAKESPEARERothes Irrungen

Am Ende wird fast alles gut. Die herrschaftlichen Zwillingsbrüder Antipholus finden jeder ihr Glück bei einer Dame. Für die Diener-Zwillingsbrüder Dromio allerdings ist nur ein Mädchen zur Verfügung. So fassen sie den Entschluß, mit der Köchin Emmelina eine Ehe zu dritt zu begründen. Emmelina willigt ein: "Ich sehe nichts Böses dabei. Es hat vielen Frauen schon allzuviel Unglück gebracht, daß ihr Mann nur eine Person ist."
Als Urheber dieser Szene, die gegenwärtig dem Publikum der Münchner Kammerspiele vorgeführt wird, nennt das Programm William Shakespeare. Tatsächlich aber ist dieser Abschluß der "Komödie der Irrungen" weder in englischen Shakespeare-Ausgaben noch in der um sinngetreue Wiedergabe bemühten Übersetzung des Romantikers Wolf Graf von Baudissin (1789 bis 1878) enthalten.
Autor dieser Schlußszene ist vielmehr der heute 66jährige Hans Rothe, ehemaliger Dramaturg des Berliner Theatergenies Max Reinhardt und späterer Chefdramaturg der Ufa, der 1934 aus Deutschrand emigrierte. Rothe hat unter dem gemeinsamen Titel "Der Elisabethanische Shakespeare" dreißig Bühnenstücke des englischen Dramatikers, die bis dahin von deutschen Theatern hauptsächlich in den Übertragungen der Romantiker Schlegel, Tieck und Baudissin gespielt wurden, neu übersetzt.
Seit dem Jahr 1918 hat sich Rothe darum bemüht, wie er es nennt, "den Text (der Shakespeare-Dramen) so zu bieten, daß er die großen Möglichkeiten, die im elisabethanischen Theatergedanken- für unser eigenes zeitgenössisches Theater liegen, neu erschließt". Rothe glaubte, die großen Möglichkeiten im elisabethanischen Theatergedanken nur dann voll ausschöpfen zu können, wenn er zum Teil "Neufassungen" der Stücke Shakespeares herstellte, deren Text oft beträchtlich von dem bisher bekannter Editionen abweicht.
In der gegenwärtigen Münchner Inszenierung von Shakespeare-Rothes "Komödie der Irrungen" figurieren denn auch statt 16 Personen nur noch zwölf, deren Charakterzüge obendrein zuweilen nur entfernte Ähnlichkeit mit Shakespeares Originalen haben. Auch die Handlung wurde von Rothe wesentlich geändert. Bei Shakespeare findet sich - zum Beispiel am Ende einer der beiden Diener, die bei Rothe mit der Köchin eine Ehe zu dritt beginnen, damit ab, daß er der Köchin nun nicht Geliebter, sondern nur Bruder sein könne.
"Was Rothe als Versetzer Shakespeares tut", so verurteilte der Universitätsprofessor und Theaterkritiker Hanns Braun in der "Süddeutschen Zeitung" das Verfahren des Shakespeare -Verdeutschers, "hat durchaus parasitären Charakter." Braun bemängelte "die absolute Unkraft seiner Sprache, die beim Äffen des Urbilds so kläglich daneben geht, seine fast manische Sucht, allen Figuren irgendein Manko anzuhängen, das sie vorher nicht hatten, sowie sein spürbares Produktiv werden im Zweideutigen".
Ähnlich kritisch äußerten sich auch andere Rezensenten nach der von Leonard Steckel inszenierten Premiere. Zwar wurden der Inszenierung von der Zeitschrift "Theater heute" "Einfälle, Witz und ein jagendes Tempo" zugebilligt; in der Ablehnung der Rotheschen Bearbeitung jedoch waren sich viele Kritiker einig.
Braun, der Rothe als "Shakespeares Ghostwriter" bezeichnet, resignierte sogar: Die Aufführung dieser Neufassung auf einer renommierten Bühne beweise "die erstaunliche Ohnmacht kritischer Werturteile in diesem Land heute".
Weitaus drastischer noch als die Formulierungen der Theaterkritiker klang die Verlautbarung, mit der die Bayrische Akademie der Schönen Künste anläßlich der Münchner Aufführung der "Komödie der Irrungen" gegen Rothe Stellung bezog. Die Akademiker - Mitglieder der Akademie sind unter anderen der Kritiker Braun und der Dichter und Shakespeare-Übersetzer Rudolf Alexander Schröder, der sich schon früher gegen Rothes Shakespeare ausgesprochen hatte - verurteilten die Neufassungen Rothes als "Verunstaltungen und Verfälschungen" und ließen wissen:
"In Übereinstimmung mit ihrem Auftrag im Bereich der Kunstpflege rügt die Bayrische Akademie es als einen ernstlichen Verstoß gegen die guten Sitten sowie als, eine Irreführung des Publikums, wenn hier ein nur mehr von Shakespeares Stoff-Behandlung profitierendes, in Gehalt, Sprache, Figurierung ihm absichtsvoll entfremdetes Unterhaltungsstück gleichwohl unter seinem Namen, läuft und so in allen Nichtbescheidwissenden die Meinung erweckt, in dieser banalisierten Farce Spreche der - in Wahrheit nur geplünderte und depravierte* - große Dichter selbst."
Es handle sich hier, polterten die Münchner Kunsthüter, um "einen Akt der Piraterie, bei dem der Freibeuter nur seinen eigenen Vorteil im Sinne" habe. Und: "Würde sich ein Fabrikant einfallen lassen, seine eigenen minderwertigen Produkte unterm Firmennamen und der angesehenen Schutzmarke eines anderen zu vertreiben, die Gesetze würden ihm augenblicklich-das Handwerk legen. Wenn das Gesetz geistiges Eigentum nicht ebenso prompt und bündig schützt, so kann das keinesfalls bedeuten, daß jedes Dichters Name und jedes Dichters Werk ohne Unterschied jedem, der es ausschlachten will, als Tummelplatz seiner Unbedeutendheit zur Verfügung steht."
Gegen diesen massiven Angriff verteidigte der Intendant der Münchner Kammerspiele, Hans Schweikart, die "anmutige und hübsche Bearbeitung" Rothes, wenngleich mit einiger Vorsicht: "Einen ,Hamlet', 'Lear', aber auch ,Was ihr wollt' würde ich nie in der Neufassung von Rothe spielen." Dagegen gebe es einige Lustspiele wie die "Komödie der Irrungen", die zwar Shakespeares Namen trügen, bei denen er, Schweikart, die Zuschreibung aber "doch nicht für ganz legitim" halte. Schweikart: "Deshalb erscheint es mir vertretbar, eine, wenn auch weitgehende, Neufassung der ,Komödie der Irrungen' zu spielen."
Wirklich geht die Fabel Von Shakespeares "Komödie der Irrungen" auf ein verlorenes Original von Poseidippus und einen danach entstandenen Schwank des antiken Lustspiel-Autors Plautus "Die Zwillinge" zurück, der vor Shakespeare bereits in einer Übersetzung und in ein, zwei oder mehr zeitgenössischen Neubearbeitungen in England aufgeführt worden ist. Für sicher gilt, daß Shakespeare die Bearbeitungen seinerseits neu für das Theater eingerichtet und dabei Passagen aus den früheren Bearbeitungen
übernommen hat.
Shakespeares Fassung, wie sie etwa von Baudissin ins Deutsche übertragen wurde, ist aber nur aus einem Druck überliefert, der 1623 - also sieben Jahre nach dem Tode des Dramatikers - erschien und bei dem zumindest umstritten ist, ob er Shakespeares Version getreu, wiedergibt. Hans Rothe - wie er begründet, "von der Tatsache ausgehend, daß das Werk zu seinem geringsten Teil von Shakespeare sein kann" - fühlte sich daher befugt, für seine Neufassung der Verwechslungskomödie "alle erreichbaren Elemente" heranzuziehen, vornehmlich die erreichbare Übersetzung der Plautus "Zwillinge". Den Schluß mit der Dreiecksehe zwischen der Köchin und den Diener-Zwillingen kann er allerdings kaum von Plautus entlehnt haben. Bei Plautus gibt es nur einen Diener.
Trotz aller Freiheit, die er sich bei der Bearbeitung, der sogenannten Shakespeare-Fassung von 1623 genommen hat, möchte Rothe das Resultat aber nicht als eine Komödie von Rothe deklarieren.
Rothe: "Ich kann mich dazu nicht entschließen. Einmal ist das Wort 'Neufassung', das ich in solchen Fällen wähle, genauso eindeutig wie es das Wort Übersetzung ist. Dann aber ist alles, was auch nur kurze Zeit auf
Shakespeares Tisch gelegen hat, so sehr von seinem Geist durchdrungen, daß ich die Schuld an seine Inspiration nicht zu verleugnen die Absicht habe. Neufassung: die Fassung ist neu; das Juwel ist das gleiche, wenn auch das Schmuckstück als Ganzes anders und neu aussehen mag."
Dazu Kritiker Braun: "Was würden Sie sagen, wenn Sie ein Geschmeide vom Juwelier zurückbekämen und jemand stellte fest, der Diamant, den Sie zur Neufassonierung hingaben, sei nunmehr Glas und die Umrahmung, vorher aus Gold, habe sich in Blech verwandelt?"
Der in Florenz wohnende Rothe nahm die heftige Art der Kritik mit einiger Bestürzung zur Kenntnis. Vor allem die Verlautbarung der Bayrischen Akademie, so fand er, gehe "weit über das Maß des Erlaubten hinaus". Er gab bekannt, er habe sich entschlossen, gegen den oder die Verfasser des Textes Strafantrag zu stellen: "Die erforderlichen Schritte sind in die Wege geleitet."
Rothes Überraschung ist insofern erklärlich, als seine "Neufassung" der "Komödie der Irrungen" bereits 1932 in Breslau uraufgeführt und seitdem oft gespielt worden ist, noch flach dem Krieg von etwa dreißig Bühnen in der Bundesrepublik.
*depravieren (lateinisch) = verderben, entarten.
Münchner Szenenbild "Komödie der Irrungen". Ehe zu dritt?
Übersetzer Rothe
Strafantrag gegen Kritiker

DER SPIEGEL 44/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SHAKESPEARE:
Rothes Irrungen

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "Webvideos der Woche: Einfach umgedreht" Video 03:14
    Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • Video "ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher" Video 02:00
    ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher
  • Video "Genug ist genug: Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video" Video 03:03
    "Genug ist genug": Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle