02.11.1960

SCHLAGERMAN WACHT AUF MIT WUMBA-TUMBA

Der Schlager als Lebenshilfe" war das Thema, das der Film- und Schlager-Komponist Michael Jary ("Das machen nur die Beine von Dolores"), der Schlager-Texter Kurt Schwabach ("Aladin, gieß einen auf die Lampe") und der Geistliche Günter ("Schlagerpfarrer") Hegele von der Evangelischen Akademie Tutzing in der vorletzten Woche auf einer Veranstaltung diskutierten, die das Amt für Öffentlichkeitsdienst der Hamburgischen Landeskirche durchführte. Das Thema dünkte die Initiatoren des Gesprächs derart problemträchtig, daß sie beschlossen, im nächsten Jahr eine Serie von Schlager-Diskussionen zu veranstalten.
HEGELE: Der Schlager, habe ich beobachtet, der wird in letzter Zeit immer kürzer. Und der Schlager ist ein Musikstück, das - rein von der Akustik her - einer außerordentlich kurzen Spannungsbogen hat. So bei diesem Schlager: "Auf Kuba sind die Mädchen braun ..." Jetzt kommt die einzige Variation: "Auf Kuba sind die Mädchen süß."
Es gibt sehr viele Menschen, die über diese Art von Spannungsbogen nicht mehr hinauskommen, und sehr viele andere Menschen, die an sich die Fähigkeit hätten, hier etwas differenzierter zu empfinden, die sich diese Fähigkeit des Aufnehmens aber durch reichen Genuß der ständig leichter eingehenden Dinge verderben.
Ich sehe es bei mir selber bis zu einem gewissen Grade, daß man allzusehr sich an die leichte Eingängigkeit gewöhnt. Ich habe acht Semester Theologie studiert und hier auch von Berufs wegen einige Bildung zuzusetzen. Wenn ich also manchmal beobachte, daß ich in der Frühe nicht etwa mit einem Gesangbuchlied im Geiste aufwache, nein, da wacht man dann auf mit einem Lied "Das ist der Wumba-Tumba ..." Das ist ein ganz einfaches physikalisches Gesetz, daß dort, wo ein Ding ist, nicht gleichzeitig ein anderes ist. Hier wird oft die Phantasie blockiert ...
Ein hoher Prozentsatz der Schlager handelt von der Einsamkeit. Das werden mir die Herren aus der Schlagerbranche wahrscheinlich zugeben (Über den Freddy-Quinn-Schlager "Heimatlos":) Da geht's dann weiter "Keine Freunde, keine Liebe". Sehen Sie, die Einsamkeit wird hier mit der Heimatlosigkeit gekoppelt, hier wird der Mensch durch diesen Schlager so unterderhand falsch eingestellt. Wenn ihm nämlich in seiner Einsamkeit recht gegeben wird in dem Sinne, daß er sich selbst bemitleidet ... dann ist das nicht nur falsch ausgedrückt, das hat genau das entgegengesetzte Ergebnis, weil man nämlich aus der Einsamkeit nicht dadurch herauskommt, daß man sich selbst bemitleidet, sondern daß man Interesse und Anteilnahme für andere Menschen entwickelt.
SCHWABACH: Der Herr Pfarrer war so freundlich, über Texte zu sprechen, die über die Einsamkeit handeln, und sagte, daß diese Texte vielleicht einen schlechten Einfluß auf die Menschen, die in einem engen Lebensraum leben, haben könnten. Ich glaube, es gibt auch Menschen, die gern einsam sind, namentlich die, die ihre Mitmenschen gut kennengelernt haben. Warum sollen solche Leute nicht über so ein Lied eine gewisse Freude empfinden, ohne vergiftet zu werden? Es ist doch gar nicht unsere Angelegenheit, Leute, die gern einsam sind, daran zu hindern, einsam zu sein. Es sind einsame Leute schon sehr gute Staatsbürger und auch philosophisch schon sehr gute Leute gewesen.
Es kommt, glaube ich, beim Liedertext - ich sage absichtlich nicht Schlager - in erster Linie auf die Diktion an. Wenn natürlich in der heutigen Zeit hindernd ist, daß einer aus Versehen mal sein Abitur gemacht hat, der Texte schreibt, und dann der Herr Pfarrer uns erklärt - ich habe leider kein so gutes Gedächtnis und selbst so viele Lieder geschrieben, ich müßte mich selbst zitieren, und das möchte ich nicht. Trotzdem: Ich gebe mir immer Mühe, in einer guten, hübschen, textdichterischen Art und Weise diese Texte zu machen.
JARY: Der Unterschied zwischen U-Musik und E-Musik* wird weder von den E noch von den U-Komponisten hervorgerufen, sondern durch das Halbgebildetsein einer bestimmten Klasse von Menschen. Dieser Begriff ist schon falsch. Eine ernste Musik kann genausogut unterhaltend sein, wie eine U-Musik ernst sein kann. Der Pilgerchor von Wagner kann eine sehr amüsante Musik sein, die mich unterhält. Ich kann sagen: Die ganzen Haydn-Symphonien sind zu dem Zweck geschrieben worden, um Menschen während des Essens zu unterhalten, und heute bezeichnet man das als E-Musik.
Ich weiß nicht, wo der Unterschied besteht. Wo ist der Unterschied? Ich könnte Ihnen das erklären. Es gibt in der Schnulze vom Musikalischen her eben die wertvolle Schnulze und die andere Schnulze. Der Begriff Schnulze wird ja heute auf alles gebraucht, was Schlager wird ... Es gibt auf diesem Sektor genauso gute und schlechte Musik, wie es in der ernsten Musik gute und schlechte Musik gibt. Bloß über die schlechte in der ernsten Musik spricht man im Laufe von 50 Jahren nicht mehr, und über die gute sagt man: Das ist die ernste - weil sie übriggeblieben ist. Ich könnte behaupten, deswegen ist sie nach heutigen Begriffen der Unterhaltungsmusik auch eine Schnulze, weil sie übriggeblieben ist ...
Ich möchte nur sagen: Ich bin Katholik und kenne die katholische Kirchenmusik sehr gut. Der Erfolg des katholischen Kirchenliedes und auch des protestantischen oder evangelischen Kirchenliedes liegt bekanntlich in dem kurzen Spannungsbogen. Es ist eine gewisse Ähnlichkeit in der Diktion zwischen dem heutigen Schlager und der eigentlichen Kirchenmusik, denn es gibt ja noch keine neuen Kirchenlieder.
Warum wollen wir nicht neue Schlager haben in der Kirche, sondern immer nur die alten? Die modernen Menschen, die Jugend, singt auch nicht mehr "Am Brunnen vor dem Tore" oder "Sah ein Knab' ein Röslein stehn", sie singen, was heutige Diktion, was Musik der heutigen Zeit ist, während die Kirche den Fehler macht, sich immer noch an dem alten Schuh festzuhalten ...
Wenn sich etwas wie "White Christmas" zu einem zweiten Weihnachtslied entwickelt hat, kann man daran nicht vorübergehen. Es hat eine Aussage, ist also etwas wert. Warum soll ich es nicht auch in der Kirche singen, wie ich "Stille Nacht, heilige Nacht" singe?
Der Schlager gehört dahin, wo er hingehört: in die Gesellschaft. Und unser Bestreben, der Gesellschaft oder auch meins, ist, die Menschen immer zum Glauben an Gott zu erziehen oder sie davon zu überzeugen. Und wie schwer das in unserer Branche ist, das wird Ihnen ja wohl bekannt sein. Gerade weil der Schlager eine Angelegenheit der Gesellschaft ist und die Kirche mehr noch eine Angelegenheit der Gesellschaft ist, hat die Kirche die Verpflichtung, sich dieses Mittels zu bedienen, das heute die Gesellschaft angeblich so verdirbt.
* U-Musik - Unterhaltungsmusik, E-Musik - Ernste Musik.
Hegele
Jary
Schwabach

DER SPIEGEL 45/1960
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