02.11.1960

DOKUMENTAR-SERIEZwölf Jahre in zwölf Stunden

Noch ehe das Bild aufblendet, dröhnen Marschrhythmen aus dem Lautsprecher. Dann erscheint das von Scheinwerfern angestrahlte Brandenburger Tor auf dem Fernsehschirm. Zu Viererreihen formiert, stampfen SA-Kolonnen auf den Zuschauer zu. Es ist der Abend des 30. Januar l933. Die Sturmabteilungen der NSDAP huldigen dem neuernannten Reichskanzler Adolf Hitler mit einem Fackelzug. Einige Augenblicke lang erscheint sein von Fackelgeflacker verzerrtes Gesicht im Bild, als er, am Fenster der alten Reichskanzlei stehend, die Parade seiner braunen Truppe abnimmt.
Mit dieser (Wochenschau-) Szene begann am vorletzten Freitagabend das bisher wohl größte und ehrgeizigste Unternehmen" ("Stuttgarter Zeitung") des Deutschen Fernsehens: die erste Folge eines auf vierzehn Sendungen zugeschnittenen Dokumentarberichts über die Geschichte des Dritten Reiches. Bis zum 15. Mai nächsten Jahres sollen historische Photos, Film- und Tonaufnahmen in dieser, wie der Ansager verhieß, "historischen Sendereihe" den 16 Millionen Zuschauern im Abstand von jeweils zwei Wochen die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945 vor Augen führen.
Zu diesem ambitiösesten Geschichtsunterricht, den das Deutsche Fernsehen jemals seinem Publikum erteilte, haben sich die Sendeleitungen des Süddeutschen und des Westdeutschen Rundfunks vereint. Beide Funkhäuser tragen gemeinsam die redaktionelle Verantwortung und die Herstellungskosten, die sich - nach der Kalkulation - für Materialbeschaffung und Mitarbeiterhonorare auf 702 000 Mark belaufen.
Unerreicht wie die Sendelänge von 700 Minuten ist der Arbeitsaufwand, den beide Sender in die Fernsehdokumentation der Nazizeit ("Frankfurter Neue Presse": "Einer der bedeutsamsten Beiträge zur Zeitgeschichte") investierten. Ihre Arbeitsstäbe sichteten 500 000 Meter Normalfilm und ließen 35 000 Meter auf Schmalfilm umkopieren. 2040 historische Photographien, 2000 Dokumente, 112 Plakate und 132 Karikaturen wurden ausgewählt. Ein siebenköpfiges Mitarbeiterteam verbrachte an dieser Mammutaufgabe ein volles Jahr.
Wiewohl die Initiatoren des Unternehmens, der Stuttgarter Intendant Hans Bausch und sein Kölner Kollege Hanns Hartmann, ihr historisches Bilderbuch (Ansager: "Zwölf Jahre in zwölf Stunden") lediglich als "Versuch" gewertet wissen wollen, sind sie schon jetzt überzeugt, wenigstens eine quantitative Rekordleistung vollbracht zu haben: die "wohl umfassendste bildhafte Darstellung" vom Dritten Reich.
Erklärtes Ziel der Intendanten Bausch und Hartmann ist, dem deutschen Volk "Hilfe ... für die geistige Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit" zu geben.
Die Idee zu diesem "bitter notwendigen" geschichtlichen Nachhilfe-Unterricht ("besonders der jungen Generation gewidmet") war allerdings mehr durch Zufall geboren worden. Als die Leiter der Dokumentar-Abteilungen der Fernsehsender vor zwei Jahren zu einer ihrer Routinesitzungen zusammenkamen, auf denen sie alle zwei Monate einander mitzuteilen pflegen, was sie in der nächsten Zeit zu produzieren gedenken, stellte der Stuttgarter Vertreter Heinz Huber überrascht fest, daß sein Kölner Kollege eine Sendereihe plante, die mit einem Projekt von ihm hätte kollidieren können.
Fernsehredakteur Huber, der sich bereits durch das preisgekrönte Hörspiel "Früher Schnee am Fluß" hervorgetan hat und der durch einen Dokumentarbericht über die deutsche Bundeswehr den lauthals geäußerten Zorn des Bundesverteidigungsministeriums erregte, war auf den Gedanken verfallen, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs eine Fernseh-Dokumentation zu widmen. Dabei wollte er auch auf die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse eingehen, die den 1. September 1939 heraufbeschworen hatten.
Just diesem historischen Abschnitt, so stellte sich auf der Routinetagung heraus, gedachte hingegen die Kölner Dokumentar-Abteilung fernsehgerecht nachzuspüren. Um Doppelarbeit und das Risiko zu vermeiden, das Fernsehpublikum mit einander ähnelnden Historien-Schauen zu vergrämen, einigten sich beide, ihre Dienstherren um ein Machtwort anzugehen. Die Intendanten berieten sich und kamen überein, beider Mühen zu vereinen und gemeinsam eine umfassende Bilddokumentation zu erstellen, durch die "Zusammenhänge faßbar gemacht werden, die unser Vaterland in die Katastrophe geführt haben".
Der Kölner Sender kommandierte seinen politischen Star-Korrespondenten Gerd Ruge und den jungen Fernsehregisseur Hannes Hoff ab, das Stuttgarter Funkhaus delegierte Heinz Huber, dessen ständigen Mitarbeiter Artur Müller ("Prozeßakte Louis Capet", "Von Petersburg bis Kronstadt") sowie den Fernsehjournalisten Eberhard Leube in die neuinstallierte Dritte-Reich-Redaktion. Als Materialbeschaffer wurde der Münchner Publizist Dr. Kurt Zentner angeheuert, der sich schon als Arrangeur dokumentarischer Bildbände ("Die ersten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts", "Aufstieg aus dem Nichts") betätigt hatte.
Keiner dieser Mitarbeiter gedachte freilich die Verantwortung für das Kernproblem des ehrgeizigen Unterfangens zu übernehmen, nämlich für die Frage der wissenschaftlichen Exaktheit und der historisch gerechten Auswertung der Faktenfülle.
Im Einvernehmen mit dem Kölner Funkhausherrn überwand Intendant Bausch dieses Handikap. Er entsann sich, daß fast vor der Haustür seines Senders ein Wissenschaftler wirkt, der regelmäßig Vorlesungen über die Geschichte des Dritten Reiches hält und just dabei ist, eine detaillierte historische Untersuchung über den "Aufstieg des Nationalsozialismus" zu erstellen: der junge (31) Tübinger Dozent Dr. Waldemar Besson. Ihn gewann Bausch als wissenschaftlichen Berater.
Nachdem die Dokumentar-Mannschaft durch des Gelehrten Mitarbeit sich auch in wissenschaftlicher Hinsicht abgesichert glaubte, verzogen sich die Beteiligten unter Führung des Stuttgarter Hausherrn Bausch für zwei Tage in den Gasthof eines abgelegenen Odenwalddorfes. Als sie die Klausur verließen, hatten sie das Gerüst ihres Fernseh-Monuments gezimmert. Heinz Huber: "Die Zahl der Folgen wurde damals festgelegt. Wir haben Exposés erarbeitet für jede einzelne Sendung."
Wichtigstes Rüstzeug für Rechercheure und Bearbeiter war allerdings nicht das Kompendium der 14 Stichwortverzeichnisse für die geplanten 14 Folgen. Richtschnur für die Arbeit waren die "Beratungsmanuskrite", die der Tübinger Historiker Besson alsbald verfertigte. Besson stattete die Redakteure mit einer Gebrauchsanweisung aus, der sie entnehmen konnten, in welchem Umfang die zusammengetragenen Fakten jeweils historisch korrekt darzustellen seien, was von der Geschichtsforschung allgemein anerkannt werde, was umstritten bleibe.
Anhand dieser Rezeptur starteten die Materialbeschaffer Zentner und Hoff ihre Erkundungen durch deutsche, britische, französische, amerikanische und polnische Archive.
In der Odenwälder Klausur war jedoch nicht nur die Länge der historischen Marschroute, sondern auch jedes einzelne Kapitel des vor den Bildschirmen aufzublätternden Geschichtsbuches festgelegt worden. Obwohl die Historien-Schau sachliche Dokumentation und kein Kommentar sein sollte (Huber: "Den Kommentar sollen sich die Zuschauer machen"), verzichteten die Erzähler bewußt auf chronologische Unterteilung. Sie entschieden sich dafür, die Geschehnisse der Jahre 1933 bis 1945 thematisch aufzuteilen und pro Sendung jeweils ein Sachgebiet geschlossen darzubieten. Huber: "Eine strenge Chronologie hätte dazu geführt, daß man ein Thema, etwa die Gleichschaltung oder die Judenverfolgungen, immer nur bruchstückhaft behandelt und auseinanderreißt."
Nach dieser Regel bot der Auftakt an, vorletzten Freitag (Huber: "Die erste Folge war nicht als Schlüsselsendung gedacht, sondern als Beginn") eine gedrängte Rückblende auf die politische Situation am Vorabend der "Machtergreifung". Die Köpfe der gescheiterten Reichskanzler Hermann Müller, Heinrich Brüning, Franz von Papen und Kurt von Schleicher huschten vorbei, umständlich hingegen wurde der Lebenslauf des greisen Staatsoberhauptes Paul von Hindenburg ("... hält mit vierzig Jahren Totenwache am Sarge Kaiser Wilhelms I.") ausgebreitet, der sich durch Franz von Papen schließlich bewegen ließ, Hitler die Kanzlerschaft anzufragen. Minutenlang rollte die Show des Fackelzugs vom 30. Januar 1933 ab. Der Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche und Hitlers Rede zum Ermächtigungsgesetz waren die optischen Kernstücke der ersten Folge.
Die nächsten beiden Fortsetzungen sollen die Methoden der nationalsozialistischen Propaganda und die "systematische Vernichtung freiheitlichen Geistes im kulturellen Leben Deutschlands" schildern. Ihnen soll sich eine Analyse der Außenpolitik Hitlers anschließen. In der fünften Sendung wollen die Dokumentar-Redakteure das Thema "Aufrüstung" behandeln.
Zu Beginn des kommenden Jahres sollen dann auf den Fernsehschirmen der Anschluß Österreichs, die Sudetenkrise und die Münchner Konferenz des Jahres 1938 sowie die Blitzfeldzüge gegen Polen, Norwegen und Frankreich dokumentiert werden.
Erst die achte Fortsetzung blendet zu den Judenverfolgungen über ("Der SS-Staat"); die drei darauffolgenden Sendungen zeichnen die Vorbereitungen zur Invasion Englands ("Unternehmen Seelöwe") nach, den Rußlandfeldzug und die Ereignisse an den "anderen Fronten". In der 12. Folge soll das Fernsehpublikum dem innerdeutschen Widerstand konfrontiert werden.
Ende April nächsten Jahres soll es sodann mit der Dokumentation der alliierten Landung in Nordafrika und Frankreich auf den "Anfang vom Ende" vorbereitet werden. In der letzten Folge ("Das Ende") schließlich sollen die Fernseher den Kampf am Rhein, die Begegnung der Russen und Amerikaner in Torgau an der Elbe und den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki nacherleben.
Mag diese thematische Zerstückelung der Jahre 1933 bis 1945 als dramaturgischer Kniff vertretbar sein, so läßt doch bereits das erste Kapitel Zweifel zu, ob dem deutschen Fernseher die Geschehnisse bei derartiger Aufbereitung tatsächlich verständlich werden.
Kein kommentierendes Wort, kein Bild entschlüsselte den Kernpunkt dieser mit Daten, Dokumenten und Bildern vollgepfropften 50minütigen Lehrschau über die "Machtergreifung". Kein Hinweis enträtselte die sich angesichts eines hysterisch schreienden Hitler aufdrängende Frage, wie er überhaupt Wählermassen für sich zu gewinnen vermochte.
Schemenhaft glitten die Köpfe der Industriellen vorüber, die Hitlers Wahlfeldzüge finanzierten. Ihre Namen wurden nicht genannt (und die "Stuttgarter Zeitung" fragte: "Warum diese peinliche Rücksicht?").
Die historische Rückblende auf die Reichstagsdebatte um das Ermächtigungsgesetz vermied zu erwähnen, daß beispielsweise Zentrum und Bayerische Volkspartei Hitlers Marschbefehl in die Diktatur guthießen. Ebensowenig gingen die Dokumentar-Redakteure auf die Folgen des Versailler Vertrags und die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise ein.
"Die Vorgeschichte und die Anfänge des 'Dritten Reiches' bestanden nicht nur aus den Intrigen um Hindenburg, aus den Kundgebungen mit Hitler ..." monierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Es wäre der Jugend ... zum Verständnis der Heraufkunft des Nationalsozialismus ganz dienlich gewesen, wenn ihr gezeigt und gesagt worden wäre, wieviel Not und Verzweiflung es am Ende der 'Goldenen Zwanziger' und erst recht in den ersten dreißiger Jahren gegeben hat."
Gegen den Einwand, durch dergleichen Versäumnisse ihre historische Lehrschau nicht recht ausgelotet zu haben, setzen die Dokumentar-Redakteure freilich ein Argument, dessen Gültigkeit sich erst nach dem 15. Mai nächsten Jahres erweisen kann. Erklärte Heinz Huber in der vergangenen Woche: "Da kann ich nur sagen: Gemach, gemach, man muß alle Sendungen gesehen haben."
Bislang allerdings kennt auch er nur das, was den deutschen Fernsehern in allernächster Zeit geboten werden soll. Denn bis jetzt sind erst die beiden nächsten Folgen der Mammutreihe - "Die Gleichschaltung" und "Geist und Ungeist" - sendefertig.
Huber
Dokumentar-Serie "Das Dritte Reich"*: Köpfe ohne Namen
Besson
* Von Papen (2. v. l.), von Blomberg (3. v. l.), Hitler (r.) im Frühjahr 1933.

DER SPIEGEL 45/1960
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