09.11.1960

PARTEIENDrei hohe C

Deutschlands Sozialdemokraten haben reelle Chancen, an der Saar, dem Bundesland mit dem höchsten katholischen Bevölkerungsanteil, ihre bei den Kommunalwahlen in Rheinland -Pfalz und Hessen erlittene Schlappe wieder wettzumachen und zur stärksten
Partei aufzurücken. Ihre Konkurrenz hat sich nämlich hoffnungslos zersplittert: Zu den saarländischen Landtagswahlen am 4. Dezember werden statt einer gleich drei christliche Parteien antreten.
Selbst Konrad Adenauer, sonst als Stifter christlicher Einheit nie verlegen, wußte keinen Ausweg, als ihm sein Filialleiter im Saarland, der Saarbrükker Ministerpräsident Franz Josef Röder, am 14. Oktober im Palais Schaumburg zu Bonn ein düsteres Zukunftsbild malte: Außer ihm selbst, so gestand Röder, würden sich am 4. Dezember noch weitere Politiker mit eigenen Parteien um die Christen-Stimmen im Lande bewerben, nämlich
- der erste Saar-Verwaltungschef Erwin Müller mit, seiner 1959 gegründeten "Saarländischen Volkspartei" (SVP) und
- der erste nach der Saarabstimmung von 1955 gewählte saarländische Ministerpräsident Dr. Hubert Ney, der Anfang Oktober eine neugegründete Partei auf den Namen "Christlich -Nationale Gemeinschaft" (CNG) taufte.
Der Bundeskanzler bestellte zu dem Dialog mit seinem Saar-Statthalter Röder demonstrativ Photographen, obschon derartige Schützenhilfe für die Saarbrücker CDU im jüngsten Bundesland kaum noch zieht, seit man dort weiß, daß der Kanzler an dem christlichen Saar-Zerfall keineswegs unschuldig ist.
Konrad Adenauers erster Fehlgriff war, den Saarländern 1955 öffentlich zu empfehlen, sie sollten das Saarstatut, und damit die Loslösung der Saar von Deutschland billigen. Während des Kanzlers Saar-CDU, seinerzeit noch von Hubert Ney angeführt, ihrem obersten Herrn den Gehorsam verweigerte und ein Nein zum Statut propagierte, avancierte der Kanzler zum prominenten Helden der autonomistischen "Christlichen Volkspartei" (CVP) und ihres Chefs Johannes ("Joho") Hoffmann.
"Wir sagen Ja mit dem Bundeskanzler" las man auf allen Anschlagtafeln der CVP. Und: "Anständige Deutsche lassen den Bundeskanzler nicht im Stich - deshalb sagen sie Ja zum Saarstatut."
Die Saarländer indes lehnten das Statut trotz des Kanzlers Empfehlung mit 67 Prozent aller Stimmen ab, und unter dem Eindruck dieses demokratischen Votums erklärte sich Frankreich bereit, die Saar freizugeben.
Johannes Hoffmanns franzosen freundliche "Christliche Volkspartei" war aber, seit sie des Kanzlers Konterfei auf
ihren Plakaten präsentiert hatte, nicht mehr totzukriegen, wenn sie auch erst 1957, als die Bundestagswahlen herannahten,am Hof zu Bonn endgültig akzeptiert wurde. In der Absicht, jede Stimme gegen die SPD zu mobilisieren, wollte die CDU-Parteizentrale auf die 130 000 CVP-Stimmen an der Saar nicht verzichten.
So bot der Kanzler die eloquentesten Redner und zusätzlich die katholische Geistlichkeit auf, um an der Saar noch rechtzeitig die christliche Einheit zu schmieden. "Die Zeit ist gekommen, die Trompeten von Jericho zu blasen, damit ein für allemal die Mauer zwischen der CVP und der CDU zusammenfällt", beschwor der Senior des saarländischen Klerus, Monsignore Michael Held, die Parteien.
Als Preis für eine Fusion mit der CDU verlangte Hoffmanns CVP die Garantie, daß "dabei nicht ein einziges CVP-Mitglied auch nur unter dem Verdacht stehen könnte, einer unehrenhaften Handlung" - gemeint war die Kollaboration mit Frankreich - "bezichtigt zu werden". Die Saar-CDU Hubert Neys jedoch hatte sich auf ein anderes Rezept versteift: Sie wollte die CVP ihrem Schicksal überlassen. Ney gab sich der Hoffnung hin, daß die Partei in der frischen Luft der Politik "von selbst verdorren" werde.
Die CVP-Stimmen an der Saar wurden dennoch für den Bundeskanzler gerettet, und zwar dank einem Bündnis, das in der Geschichte der CDU kein Beispiel hat: Statt zu verdorren, etablierte sich die CVP in letzter Minute als Landesverband der bayrischen CSU, wobei ihr Ehrenvorsitzender Johannes Hoffmann unversehens zum Parteigenossen des Franz-Josef Strauß aufstieg. Erfolg: Die CDU machte bei den Wahlen 188 000, die von ihr getrennt marschierende CSU/CVP 117 000 Saar-Stimmen für die Bonner Kanzler-Mehrheit mobil.
Ein Jahr lang agierten die beiden Parteien nebeneinander her, bis die CSU-CVP-Akteure unter dem Eindruck lockender Stellen seitens der CDU weich wurden und die Partei schließlich unter Verzicht auf den früher verlangten Persilschein in den Schoß der CDU zogen.
Als aber im Mai dieses Jahres zum erstenmal seit der Christen-Fusion an der Saar gewählt wurde, bahnte sich bereits das Unheil an das im kommenden Dezember endgültig über die drei sogenannten C-Parteien an der Saar hereinzubrechen droht.
Eine Schar von Funktionären der alten Volkspartei hatte zwar die Fusion auf dem Papier vollzogen, jedoch vergessen, ihrem Wähler-Fußvolk den Übertritt verständlich zu machen: Bei den Kommunalwahlen im Mai votierten unverhofft viele Wähler für die Saarländische Volkspartei" (SVP), die hartnäckige Einheits-Gegner aus der alten "Christlichen Volkspartei" gegründet hatten: Die neue SVP erhielt in den 90 der über 300 saarländischen Gemeinden, in denen sie Kandidaten aufgestellt hatte, 23 Prozent der abgegebenen Stimmen.
Von so viel Wählertreue selbst überrascht, beschlossen die Fusions-Gegner bald nach den Wahlen wieder groß ins Politikgeschäft einzusteigen. Unter dem früheren Kultur-, Finanz- und Justizminister Erwin Müller sammelten sich frühere CVP-Anhänger, solche, die inzwischen schon Mitglied der CDU geworden, aber dort wieder ausgetreten waren, und andere, die sich schon in den Schmollwinkel verzogen hatten.
Am 4. Dezember will die SVP mit altem CVP-Elan in die Schlacht gehen. Parteichef Erwin Müller: "Wir brauchen um unseren Platz im Landtag keine Angst zu haben."
Die Hoffnung, neue Wähler zu gewinnen, rief aber auch den einstigen CDU -Ministerpräsidenten Hubert Ney auf den Plan. Längst nicht mehr Mitglied der CDU, hob er am ersten Oktober -Sonntag zusammen mit zwei weiteren, für die CDU gewählten Abgeordneten die dritte christliche Saar-Partei aus der Taufe, um mit ihr in den Landtagswahlkampf einzugreifen: die "Christlich-Nationale Gemeinschaft".
Ney und Genossen bauen auf die Anhänglichkeit jener Saarländer, die sich von jeher gegen alle Kompromisse mit der CVP ausgesprochen und der von Bonn propagierten christlichen Einheit von vornherein Schiffbruch prophezeit hatten.
Die SPD, die ihren Stimmenanteil bei den Wahlen an der Saar von 18,6 Prozent im Jahre 1956 auf 31,6 Prozent im Jahr 1960 steigern konnte, sieht dem Chaos im Christenlager derweil gelassen zu. Meint der SPD-Landtags -Fraktionschef Friedrich Regitz: "Wir rühren uns so wenig wie möglich."
Parteichef Ney: Saar-Christen erfolgreich gespalten
CDU-Christ Röder
Der Zwist der Katholiken ...
SVP-Christ Müller
... erquickt die SPD

DER SPIEGEL 46/1960
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