09.11.1960

OBERHEUSERScherben in der Wunde

Kontrahenten in dem Verfahren, das am 22. November vor dem Landesverwaltungsgericht in Schleswig zur Verhandlung ansteht, sind der schleswig-holsteinische Innenminister Helmut Lemke genannt von Soltenitz und die ehemalige KZ-Experimentatorin Dr. Hertha Oberheuser, jetzt praktische Ärztin in Stocksee bei Kiel.
Freilich: Der Schleswiger Prozeß wendet sich nicht gegen- die schwerbelastete Medizinerin, sondern gegen den unbescholtenen Lemke.
Heraufbeschworen wurde diese Verkehrung der Fronten dadurch, daß sich Lemke unterfing, der Oberheuser, die erwiesenermaßen deutschen wie ausländischen Konzentrationären das Leben gewaltsam verkürzte, kraft Dienstherren -Amt die Approbation zu entziehen.
Diese Maßnahme mußte in dem von NS-Ärzte-Skandalen besonders heimgesuchten Bundesland Schleswig-Holstein um so ungewöhnlicher wirken, als beispielsweise der christdemokratische Minister-Kollege Edo Osterloh erst kürzlich gegenüber einem mit ähnlichen Makeln wie die Oberheuser behafteten Heildiener eine völlig andersgeartete Haltung einnahm: Kultus-Wahrer Osterloh stellte sich bedenkenlos vor den Kieler Euthanasie-Professor Catel und sprach sich für dessen Verbleib in Amt und Würden aus (SPIEGEL 35/1960).
Während Osterloh wegen seiner Parteinahme für einen Verächter - im nationalsozialistischen Sinne - unwerten Lebens unbehelligt blieb, sieht sich Lemke wegen seines ministeriellen Bannstrahls gegen eine frühere KZ -Praktikantin nicht geringen Mißlichkeiten ausgesetzt.
Lemke mußte es hinnehmen, daß der
bereits im August 1958 von ihm angeordnete Approbations-Entzug zunächst einmal postwendend durch eine Verwaltungsklage der Oberheuser gegen das von Lemke vertretene Ministerium ausgesetzt wurde. Zwar hat das zuständige Landesverwaltungsgericht Schleswig seinerzeit das Lemke-Ministerium forsch aufgefordert, "sich innerhalb von 14 Tagen in einer Gegenerklärung zu äußern", aber dieses ungewöhnlich schnelle Agieren eines Gerichts hatte offenbar nicht zum Ziel, die Angelegenheit auch prompt zu entscheiden.
Während nämlich dasselbe Gericht nur Wochen brauchte, um zu dem Vorentscheid zu kommen, daß dem als Reichsjustizminister im Dritten Reich amtierenden Staatssekretär Dr. Schlegelberger und Hitlers Oberreichsanwalt Dr. Lautz Rechtens Ruhebezüge zustünden, brauchte es zwei Jahre, um in Sachen Oberheuser lediglich einen Entscheidungstermin anzuberaumen.
Dabei ist gerade dieser Fall juristisch denkbar unproblematisch: Minister Lemke kann sich auf die nach wie vor in Kraft befindliche Reichsärzteordnung vom Jahre 1935 berufen, deren Paragraph 5 unter anderem besagt: "Die Bestallung ist zurückzunehmen... wenn durch eine schwere strafrechtliche oder sittliche Verfehlung des Arztes erwiesen ist, daß ihm die für die Ausübung des ärztlichen Berufs erforderliche Eignung oder Zuverlässigkeit fehlt."
Daß diese gesetzeskräftige Voraussetzung für den Approbations-Entzug gegeben ist, hätte Minister Lemke auch dann annehmen dürfen, wenn er nicht - rein zufällig - Verwaltungsrechtler wäre: Dr. Oberheusers ärztliches Vorleben spricht für sich.
Diese Ärztin ließ sich l940 - sie war damals 29 - auf eine Zeitungsannonce hin für eine medizinische Tätigkeit ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück engagieren, wo unter der Leitung des SS-Obergruppenführers und Professors Dr. Karl Gebhardt äh Häftlingen sogenannte Sulfonamid-, Knochentransplantations- und Phlegmone-Versuche vorgenommen wurden.
Sulfonamide werden heute zur Bekämpfung bakterieller Infektionen angewandt: Um die Wirksamkeit dieser Heilmittel auszuprobieren, wurden in Ravensbrück weiblichen Häftlingen die Schenkel aufgeschlitzt und außer entsprechenden Bakterienkulturen auch Holzteilchen und Glasscherben in die Wunden gelegt.
Für jede Versuchsreihe wurden sechs bis zehn meist polnische junge Mädchen - wie Professor Dr. Eugen Kogon in seiner SS-Staat-Studie feststellt: "in der Regel die schönsten" - ausgesucht: "Die rein zur Beobachtung des Krankheitsfortschrittes nicht weiterbehandelten Opfer starben unter gräßlichen Schmerzen."
Ähnlich war der Vorgang bei den Phlegmone-Versuchen: Die Phlegmone - Zellgewebsentzündungen - wurden bei Häftlingen ebenfalls künstlich hervorgerufen, "um die Folgeerscheinungen von schweren, nicht behandelten Schußwunden zu studieren". Außerdem wurden Gasbrandkulturen erzeugt, bei denen - um Wundverschmutzungen im Schützengraben "nachzuvollziehen" - Erde in die Wunde gestreut wurde.
Bei allen Versuchen hat die Ärztin Oberheuser, wie 1947 vor dem Alliierten Militärgerichtshof I in Nürnberg festgestellt wurde, aktiv mitgewirkt. Eine überlebende Zeugin, die Polin Wladislawa Karolewska, sagte nach dem Kriege aus: "Während ich im Krankenhaus (des Konzentrationslagers Ravensbrück) lag, behandelte mich Dr. Oberheuser auf grausamste Weise."
Und eine deutsche Zeugin, Frau Anna Heil aus Frankfurt, die vom gewaltsamen Tod ihrer Schwester in Ravensbrück erfahren hatte, berichtete: "Ich ging zu Dr. Oberheuser und fragte sie in der vorgeschriebenen Habtachtstellung, ob sie, die ja die letzte war, die meine Schwester gesehen hatte, mir nicht irgendetwas auszurichten hätte. Die Oberheuser bekam einen Wutanfall. Sie trat mir ins Gesicht und dann in den Magen und schrie: 'Weg ist sie! Weil sie ein unnötiger Fresser war, den wir nicht gebrauchen können!'"
Nicht weniger unmenschlich war Dr. Oberheusers Rolle bei den Knochenregenerations- und -transplantations -Versuchen, die in den Nürnberger Protokollen unter anderem wie folgt beschrieben wurden: "Auf dem Operationstisch wurden die (gesunden) Beine (eines Häftlings) mit dem Hammer in mehrere Stücke zerschlagen und nachher mit Klammern oder ohne Klammern reponiert."
Häftlinge, die solche Torturen lebend überstanden, bekam die Ärztin Oberheuser zu einer speziellen Nachbehandlung. Einer der früheren Ravensbrücker Lagerärzte, ein Dr. Rosenthal, sagte in Nürnberg aus: "Ich habe einige Male gesehen, daß Dr. Oberheuser Häftlingen Benzin-Injektionen gab ... Die Wirkung war das Bild eines akuten Herztodes, die Patienten bäumten sich auf, dann brachen sie plötzlich zusammen. Es dauerte zwischen drei und fünf Minuten von der Einführung der Spritze bis zum Tode. Bis zum letzten Augenblick waren die Patienten bei vollem Bewußtsein."
Der Militärgerichtshof verurteilte die Ärztin Oberheuser, die bei den einzelnen Versuchen jeweils "Haupttäterin oder Mittäterin" war, zu zwanzig Jahren Haft, die sie freilich nicht abzusitzen brauchte: Sie wurde bereits 1952 aus der Festung Landsberg, dem zeitweiligen Asyl Hitlers, entlassen.
Der Weg in ein neues Leben war für Dr. Hertha Oberheuser leichter, als dies gemeinhin bei Vorbestraften der Fall zu sein pflegt. Sie wurde durch ein Schreiben des Bundesarbeitsministeriums als Spätheimkehrerin anerkannt und zu bevorzugter beruflicher Förderung eigens empfohlen. Mit einem solchen Papier fand die Oberheuser als Ärztin in der evangelischen Johanniter -Heilstätte Plön freundliche Aufnahme und hätte hier wahrscheinlich auch heute noch ein Wirkungsfeld, wenn nicht 1956 der Kieler Oberstaatsanwalt Rosga wegen des Verdachts strafbarer Handlungen, die in Nürnberg nicht abgeurteilt wurden, ein neues Ermittlungsverfahren gegen die Ärztin eröffnet hätte.
Das Verfahren endete allerdings damit, daß das Oberlandesgericht in Schleswig befand, die Strafklage gegen Dr. Oberheuser sei durch das "rechtskräftig abgeschlossene Verfahren" in Nürnberg "verbraucht".
Damit war einerseits für Dr. Oberheuser der Weg frei, in dem idyllischen Stocksee eine ärztliche Privatpraxis zu eröffnen, und andererseits dem schleswig holsteinischen Innenministerium die Möglichkeit gegeben, eben
diese Praxis sofort wieder zu schließen.
Das Innenministerium glaubte früher nämlich, dazu nicht befugt zu ein, weil eigentlich zumindest formal kein Urteil gegen die Oberheuser vorlag: Aus unerfindlichen Gründen waren die Nürnberger Oberheuser-Akten seinerzeit nicht an eine deutsche Justizstelle überstellt worden - eine Eintragung der verhängten Strafe in ein deutsches Strafregister unterblieb demgemäß. Jetzt aber hatte das Oberlandesgericht Schleswig von einem vorhergehenden "rechtskräftigen Verfahren" gesprochen - die Vergangenheit der Oberheuser ließ sich nun auch in Kiel kaum noch ignorieren,
Als dann 1958 die Britische Medizinische Gesellschaft (Sitz London) bei zuständigen deutschen Stellen Auskünfte über den Fall Oberheuser erbat und Zeitungen wie "Daily Express", "Manchester Guardian", "The Times" und "New York Herald Tribune" sich dem öffentlichen Protest der englischen Mediziner gegen das weitere
ärztliche Wirken der Oberheuser anschlossen, hielt es auch Helmut Lemke genannt von Soltenitz nunmehr für unbedenklich, gegen die Ärztin ein Berufsverbot
auszusprechen. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb der Ärztin als Karriere -Hemmung lediglich die Zulassung zu den Krankenkassen versagt - ihre Praxis florierte trotzdem.
Auch der ministerielle Kraftakt hatte für die Doktorin bis heute keine nachteiligen Folgen. Von zwei Rechtsanwälten gut beraten, weiß die Ärztin, daß jede Anfechtungsklage gegen den Approbations-Entzug aufschiebende Wirkung hat.
Da die Behandlung durch die erste Instanz (in Schleswig) bisher allein schon zwei Jahre gedauert hat, braucht sie selbst bei vorläufiger Abweisung ihrer Klage gegen Lemke zumindest für die nächste Zukunft nicht besorgt zu sein, weil sie ihre Sache noch vor das - für Niedersachsen und Schleswig -Holstein zuständige - Oberverwaltungsgericht Lüneburg und vor das Berliner Bundesverwaltungsgericht bringen kann.
Im übrigen hat die unerschrockene Prozessiererin das Landesverwaltungsgericht Schleswig wissen lassen, daß sie den sogenannten Überleitungsvertrag, den "Vertrag zur Regelung aus Krieg und Besatzung entstandener Fragen" vom 26. Mai 1952, "weder inhaltlich noch dem Tenor nach" anerkenne. Lediglich durch diesen Übergangsvertrag sind deutsche Gerichte gehalten, alliierte Urteile anzuerkennen*.
Da die Klärung der kniffligen-Frage, ob dieser Vertrag zwischen der Bundesrepublik und den früheren westlichen Besatzungsmächten geltendes Recht ist, möglicherweise wiederum ganze Richterkollegien für Jahre beschäftigen wird, darf Fräulein Oberheuser guter Hoffnung sein, auch fürderhin für ein so unbeschriebenes Blatt gelten zu dürfen wie ihr deutscher Strafregisterauszug.
Artikel 7 des ersten Vertragsteiles lautet: "Alle Urteile und Entscheidungen in Strafsachen, die von einem Gericht oder einer gerichtlichen Behörde der drei (Besatzungs-) Mächte oder einer derselben bisher in Deutschland Gefällt worden sind oder später gefällt Werden, bleiben in jeder Hinsicht nach deutschem Recht rechtskräftig und rechtswirksam Und sind von den deutschen Gerichten Und Behörden demgemäß zu behandeln."
KZ-Ärztin Oberheuser (1947): Nachbehandlung mit Benzin
Lemke

DER SPIEGEL 46/1960
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