30.11.1960

UFAFetter Hecht

Kurz nach 15 Uhr betrat am vergangenen Mittwoch ein Bote der Deutschen Bank den marmorverkleideten Verwaltungspalast des Ufa-Filmkonzerns in Düsseldorf. In der Public-Relations-Abteilung des Unternehmens lieferte er eine 25-Zeilen-Meldung ab, die Minuten später über Fernschreiber an Dutzende von Ufa-Filialen und Tochterfirmen in der Bundesrepublik und im Ausland weitergereicht wurde.
Die Botschaft faßte kommentarlos das Ergebnis einer mehrstündigen Besprechung zusammen, zu der sich Ufa-Aktionäre und Filmkaufleute am Mittwochvormittag in den Konferenzräumen des Düsseldorferindustrie-Clubs versammelt hatten: Der seit dreieinhalb Monaten führerlos dahinwerkelnde größte Filmkonzern Westeuropas hat wieder eine aktionsfähige Geschäftsleitung.
Den Posten an der Konzernspitze, den Arno Hauke, 39, Mitte August ruhmlos räumen mußte, übernahm ein Mann, der nach einer Formulierung der Korrespondenz "Film-Telegramm" als "personifizierte Werbefibel für die ordentliche Gesinnung und die geschäftliche Geradlinigkeit" in der Filmwirtschaft gilt: Theo Osterwind, 62. (Arno Hauke: "Der alte Papa Osterwind!")
Obgleich Osterwind seit 1920 fast ununterbrochen in der Filmbranche tätig ist, wirkte er in dem Glamourgeschäft mit so viel hanseatischer Zurückhaltung, daß das einzige von ihm existierende Porträt und sein Name einer breiteren Öffentlichkeit erst vor einem Dreivierteljahr bekannt wurden, als er, von den "Hollywood-Manieren" deutscher Filmschauspieler vergrämt, 20 Produzenten und Verleiher zu einem Gagenstopp überredete.
Dennoch hatte der einstige Verleih-Leiter der Berliner "Terra" während der letzten zehn Jahre von seinem dürr möblierten Hamburger Zentralbüro aus eine Verleih-Firma, die "Deutsche Film Hansa" (DFH), zu einem florierenden Spitzenunternehmen der deutschen Filmbranche emporgewirtschaftet.
Unter dem Motto "Erfolg durch Qualität" offerierte DEH-Chef Osterwind den Kinobesitzern Verleih-Programme, die der Ufa wohl angestanden hätten. Neben geschäftlich durchschlagenden Konfektionsfilmen wie "Und ewig singen die Wälder" oder "Die Barrings" schleuste er auch höchst achtbare und gleichermaßen erfolgreiche Filme in die Kinohäuser: Carol Reeds "Der dritte Mann", Laurence Oliviers "Richard III.", die Marcel-Camus-Ballade "Orfeu Negro" und den alten Jean-Renoir-Film "La grande Illusion".
Osterwind übernahm gegen mancherlei Widerstand den Vertrieb preisgekrönter sowjetischer Filme ("Der stille Don", "Wenn die Kraniche ziehen" und "Don Quichotte"); der DFH war auch zu danken, daß der Eisenstein-Film "Iwan der Schreckliche" auf deutschen Leinwänden auftauchte. Mit dem Frank-Wisbar-Kriegsfilm "Haie und kleine Fische" löste Osterwind schließlich eine Erfolgswelle aus, die er mit dem Stalingradfilm "Hunde, wollt ihr ewig leben" und Wickis "Brücke" konsequent verlängerte.
So war nicht verwunderlich, daß Osterwind in der Branche als "ein Mann galt, der vorzugsweise dem Geld auf die Finger sieht, der nicht leichtfertig spekuliert, bei dem ... auch der Handel mit Filmen allemal ein ehrbares kaufmännisches Unterfangen sein muß" ("Film-Telegramm").
Obgleich dieser buchstäblich in der Branche ergraute Verleih-Experte mithin einer der schärfsten Konkurrenten der Ufa war, bat ihn die Deutsche Bank, die Konsortialführerin der Ufa-Aktionäre, um ein Gutachten über die dringliche Sanierung des Konzerns, nachdem die Ufa unter Hauke im letzten Jahr einen (in der Bilanz ausgewiesenen) Reinverlust von 5,4 Millionen Mark erlitten hatte.
Osterwind und der seit langem pensionierte ehemalige Ufa-Direktor Heinz Zimmermann durchforschten die bereitwillig geöffneten Geschäftsbücher des Konzerns. Sie hatten nicht allzuviel Mühe herauszufinden, was jedem Mitglied des Ufa-Aufsichtsrats seit Monaten schmerzlich bewußt war, daß sich nämlich die von Hauke hektisch ausgeweitete Kapazität bei abflauendem Filmgeschäft als Belastung erweisen mußte. Der aufwendige Ufa-Verleih verschlang jährlich schätzungsweise fünf Millionen Mark. Das phantasielos zusammengestückelte Produktionsprogramm kostete den Konzern weitere Millionen (Durchschnittsverlust je Film: 350 000 bis 450 000 Mark).
So erschien es, nach dem Fiasko der siebenjährigen Hauke-Ära, einigen Ufa-Aktionären als beste Lösung, das brüchig gewordene Unternehmen gänzlich aufzugeben. Doch die Mehrheit der Aktionäre klammerte sich, nachdem die Rücklagen und ein bedeutender Teil des Grundkapitals der Ufa aufgezehrt waren, an die von Gutachter Osterwind und Zimmermann empfohlene Rezeptur: "Sparmaßnahmen" und "Konzentration".
Mitte der vergangenen Woche wurde offenbar, daß die Ufa-Aktionäre sogar bereit waren, ihre eigene Verleih-Organisation - den vor Jahren für drei Millionen Mark erworbenen Herzog-Verleih - aufzulösen und sich an die Rockschöße von Theo Osterwinds florierendem Konkurrenz-Unternehmen "Deutsche Film Hansa" zu hängen. Für einen Betrag von rund zwei Millionen Mark kauften sich die Ufa-Anteilseigner in den Hamburger Verleih ein, der künftig als "Ufa-Filmhansa GmbH & Co." firmieren wird und in der kommenden Verleih-Saison voraussichtlich 30 Filme (davon etwa 20 deutsche) anbieten soll.
Nicht minder ruhmlos versickert die vor zwei Jahren großsprecherisch angekündigte Ufa-Spielfilmproduktion. Nach dem Sanierungsplan der Gutachter, dem die Aktionäre willig folgten, wird "die Ufa-eigene Produktion vorerst eingeschränkt". Die Hallen der Berliner Ufa-Ateliers sollen in stärkerem Maße durch Fernsehproduktionen gefüllt werden.
Auch der von Hauke zügig aufgebaute Ufa-Verwaltungsapparat hat keine Überlebens-Chance. Obwohl detaillierte Pläne noch nicht ausgearbeitet worden sind, gilt schon jetzt als sicher, daß Osterwind die Firmengeschäfte nicht an dem mit Kommandoknöpfen bestückten Super-Schreibtisch im Düsseldorfer Verwaltungspalast führen will, von dem aus Hauke regierte. Osterwind, Wochenend-Angler auf dem holsteinischen Stock-See, gedenkt den schrumpfenden Konzern vielmehr von seinem spartanischen Hamburger Direktionsbüro aus zu leiten.
Dem der Pensionierungsgrenze nahegerückten Filmkaufmann war in der vergangenen Woche geglückt, was das Fachblatt "Der neue Film" ihm zu seinem 60. Geburtstag gewünscht hatte: "Möge er - nicht nur... auf seinem geliebten Stock-See... - noch manchen fetten Hecht in sein Boot ziehen."
Neuer Ufa-Direktor Osterwind
Millionen-Schulden suchten einer Erben

DER SPIEGEL 49/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UFA:
Fetter Hecht

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben