21.12.1960

ÖSTERREICH / SÜDTIROLFreikorps Fleischmarkt

Die Bewohner der Bozener Palermo -Straße fuhren erschreckt aus dem Schlaf. Eine heftige Detonation ließ die Fensterscheiben zersplittern.
Der primitive, aus drei Handgranaten gefertigte Sprengkörper - der niemanden verletzte - hatte einem Neubau gegolten, in den vor kurzem von Amts wegen 13 italienische Familien eingewiesen wurden. Tags darauf registrierte die "Neue Zürcher Zeitung":
"Aufs neue hat die Untergrundbewegung, die man gemeinhin als die 'BAS' (Befreiungs-Aktion Südtirol) bezeichnet, von sich reden gemacht."
Die Zeitbombe, die in Bozen in der Nacht zum 10. Dezember Fensterscheiben zertrümmerte, provozierte in Wien Dementis. Denn während die schweizerischen NZZ-Redakteure über die "BAS"
schreiben, reden Wiens Journalisten seit geraumer Zeit vom "Freikorps Fleischmarkt" - so benannt nach dem Hauptquartier des österreichischen Zeitungskönigs Fritz P. Molden, Wien 1, Fleischmarkt Nr. 3-5.
Seit dem Winter 1958 hatte sich der 36jährige Herausgeber der "Presse" -Familie ("Die Presse", "Die Wochen -Presse", "Abend-Presse" und "Expreß")
insgeheim bemüht, für den künftigen Partisanenkrieg südlich des Brenners nach dem Vorbild der erfolgreichen zyprischen Untergrundbewegung Eoka des griechischen Obersten Grivas - eine kleine schlagkräftige Truppe zu rekrutieren. Sie sollte für den "Tag X" bereitstehen und die Rückkehr Südtirols zu Österreich beschleunigen, falls einmal alle Möglichkeiten einer friedlichen Einigung mit Italien erschöpft wären. Jetzt dementierte Fritz Molden, Ex-Schwiegersohn des amerikanischen Geheimdienstchefs Allen Dulles, gelassen:
"Niemals, würde ich so dilettantisch Krieg spielen."
Und: "Wenn ich seit Jahren publizistisch um das Selbstbestimmungsrecht der 230 000 deutschsprachigen Bürger
Italiens kämpfe, läßt sich daraus nicht unbedingt schließen, daß ich ihnen auch Waffen liefere." Es sei absolut unwahr, ergänzte der Wiener "Presse"-Chef, daß er an der Spitze der Südtiroler Widerstandsbewegung stehe.
Der Südtiroler Partisanenführer -
Molden: "Sofern es überhaupt einen geben sollte" - habe zwar früher sein Domizil in Wien gehabt, sitze jedoch heute in Innsbruck.
Das Molden-Dementi kam der Wahrheit recht nahe. Die Telephonate nach Agenten-Methode ("Hallo aS" -. "Hier ist al" - "Seit drei Tagen keine Nachricht von a7") hatten im Pressehaus
längst aufgehört. Molden und dessen Intimus, "Expreß"-Chefredakteur Gerd Bacher, waren in der Nacht zum 9. Dezember per Schlafwagen nach Innsbruck gereist, um ihre martialischen Funktionen niederzulegen.
Seither obliegt die Fernsteuerung der künftigen Südtiroler Partisanen einem Mann, der früher zeitweise wirklich in Wien war: dem einstigen Parlamentarier und heutigen Tiroler ÖVP-Landesparteiobmann sowie Südtirol-Referenten der Innsbrucker Landesregierung Dr. Aloys Oberhammer.
Diesem allzu sichtbar im öffentlichen Blickfeld operierenden Politiker steht noch ein früher ebenfalls in Wien ansässiger Mitarbeiter Moldens zur, Seite. Die Doppelbesetzung war deshalb nötig, weil der asketische Sechziger Oberhammer (Scherzwort für Südtirol:
"Oberhammergau") schon seit Jahren von den italienischen Behörden mit einem Einreiseverbot belegt ist und daher einen frei beweglichen Verbindungsmann zu seinen Vertrauensleuten in Bozen braucht.
Fritz Molden, von einem großdeutschen Kriegsgericht wegen seiner Mitarbeit in der österreichischen Widerstandsbewegung zum Tode verurteilt und von den Amerikanern für die gleiche Tätigkeit mit der "Medal of Freedom" dekoriert, schien seinen politischen Freunden der richtige - obendrein finanzkräftige - Mann, um eine Südtiroler Partisanen-Organisation zu formieren; denn er kennt den Konflikt um Südtirol seit 1945 in all seinen Entwicklungsphasen.
Nach Kriegsende fungierte Molden als
"Leiter der Auslandspropagandastelle für Südtirol" in Innsbruck, inszenierte die Generalstreiks in der Provinz Bozen und arbeitete als Sekretär des damaligen Außenministers Dr. Karl Gruber, der 1946 das unglückliche Pariser Abkommen mit seinem bedeutend schlaueren italienischen Kollegen De Gasperi abschloß - genau jenes Südtirol-Abkommen also, über dessen korrekte Auslegung die Vertragspartner Österreich und Italien noch heute streiten.
Als der 29jährige Molden 1953 den "Presse"-Verlag seines Vaters übernahm, behielt er sich vor, sein eigener Südtirol-Kommentator zu sein. Fast alle "Presse"-Leitartikel zu diesem Thema stammen aus seiner Feder. Auch war Molden einer der ersten mit klarer politischer Marschroute. Seine hartnäkkig wiederholte Formel: "Man muß für Südtirol das Selbstbestimmungsrecht verlangen, damit man wenigstens die Regionalautonomie bekommt."
In seinen journalistischen Südtirol -Produkten spielte der "Presse"-Herausgeber wiederholt auf das Beispiel Zyperns an: "Die Südtiroler Bevölkerung... könnte die Nerven verlieren und zurückschlagen .. . Wir erinnern uns, daß vor wenigen Jahren ein verantwortlicher britischer Staatsmann erklärt hat:
'Zypern wird niemals frei und unabhängig sein.' Eben jedoch ist Zypern dabei, eine freie Republik zu werden."
Die Südtiroler Partisanengruppe baute denn auch auf den Lehren der zyprischen Eoka auf. Zypern lieferte das Beispiel, daß ein wirkungsvoller Partisanenkrieg auch mit bescheidenen Kräften geführt werden kann. Die Eoka setzte in ihrem vierjährigen Kampf insgesamt 763 Männer ein, niemals jedoch gleichzeitig mehr als 200. Das Südtiroler Freikorps mit seinen vorerst 320 Leuten fühlt sich daher recht stark.
Nach dem Modell Zypern rekrutiert sich die Partisanengruppe vorwiegend aus Arbeitslosen, deren sporadisches Untertauchen kaum auffällt. Die sozialen Verhältnisse der Ober-Etsch bieten für dieses Modell geeignete Voraussetzungen. Die dritten und vierten Söhne der kinderreichen Bergbauern zwischen Brenner und Salurn sind in der väterlichen Wirtschaft jederzeit entbehrlich; sie arbeiten höchstens zwei bis drei Sommermonate für den italienischen Straßenbau.
Auch in Südtirol kann es nicht Partisanenehrgeiz sein, die dort stationierten Italiener - derzeit 8000 Mann Polizei und 25 000 Mann Militär - in offenem Aufstand niederzukämpfen. Den Südtiroler Amateur-Strategen, die errechnet haben, "daß zumindest drei Täler unter widrigsten Umständen acht bis neun Wochen gegen die Italiener zu verteidigen wären", halten die besonneneren Elemente ein viel bescheideneres Rezept entgegen. Ihrer Meinung nach genügt es, "wenn dann und wann eine Brücke oder ein Nachschubtransport in die Luft fliegt, da die Eoka solcherart 60 000 Engländer zu binden wußte und obendrein noch die Weltmeinung mobilisierte, bis man Zypern die Freiheit geben mußte".
In mancher Hinsicht fühlen sich die Südtiroler Partisanen sogar in besserer Position als die Eoka. Denn die Italiener leisten sich den Luxus, ihre eigenen potentiellen Gegner zu 18monatigem Wehrdienst einzuberufen. Prahlte ein Partisanenausbilder: "Wir kommen deshalb mit drei Monaten Zusatztraining aus."
Beim Aufbau des "Freikorps Fleischmarkt" gab es lediglich zwei unbedeutende Pannen. In der Nähe von Eppan entdeckte die italienische Polizei ein Waffenlager mit 93 Gewehren und 5000 Schuß Munition. Freikorps-Kommentar: "Ohnehin altes Zeug." Außerdem verhaftete die österreichische Gendarmerie zwei junge Südtiroler, die Sprengstoff bei sich trugen. Beide wurden wieder entlassen, als sich ein telephonischer Anrufer aus Wien mit "Staatssekretär Grubhofer" vorstellte und die sofortige Freilassung der beiden verlangte.
Um den Rückhalt beurteilen zu können, den die Partisanen im Ernstfall bei der nichtkämpfenden Bevölkerung fänden, bestellte Molden eine kostspielige Untersuchung des Allensbacher "Instituts für Demoskopie", die dann auch tatsächlich im April ausgeführt wurde. Nach den Ermittlungen der westdeutschen Meinungsforscher hatten sich nur 12 Prozent der Südtiroler für "baldiges Losschlagen" erklärt und weitere 14 offen zugegeben, sie würden die Kämpfe im Ernstfall unterstützen. 35 Prozent aber sprachen sich gegen jeden Kampf aus und 39 Prozent wollten sich zumindest
"heraushalten".
Obgleich Molden die Prozentzahlen der Demoskopen noch heute als "überwältigend günstige Ergebnisse" lobt, entschloß er sich doch, als Partisanen-Chef zu demissionieren, nachdem er für das Freikorps-Projekt annähernd sechs Millionen Schilling (960 000 Mark) herbeigeschafft hatte. Den Wiener "Presse" -Chef hatte die Konzeptlosigkeit der österreichischen Regierung in Sachen Südtirol gründlich desillusioniert. Wenn die Italiener in den bevorstehenden Verhandlungen über Südtirol - so argumentiert heute Moldens Gehirntrust am Wiener Fleischmarkt - nur ein Mindestmaß an Nachgiebigkeit zeigen, so braucht der Tag X für die Südtiroler Partisanen nie zu kommen, was den - an ihrer eigenen Courage zweifelnden - Freikorps-Gründern, denen es schwerfällt, die parat stehenden rauflustigen Bauernburschen zurückzuhalten, offensichtlich nicht unangenehm wäre.
Räsonierte der von Aloys Oberhammer abgelöste Fritz Molden kürzlich im Freundeskreis: "Die vernünftigen Leute hüben und drüben haben in den bevorstehenden Verhandlungen ihre allerletzte Chance. Denn bei einem neuerlichen negativen Ergebnis würde es todsicher krachen."
Freikorps-Stratege Oberhammer
"Es wird todsicher krachen"
Demissionierter Partisan Molden
Streik in Bozen, Dementi in Wien

DER SPIEGEL 52/1960
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ÖSTERREICH / SÜDTIROL:
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