14.12.1960

JOYCEJimmys Haßgesang

Einen "Höllen-Schlüssel" zum "Geheimnis von Finnegans Wake" offerierte Radio Stuttgart kürzlich seinen Nachthörern: einen 87 Minuten langen literarischen Diskurs von Arno Schmidt. Der 50jährige Hamburger Polizistensohn, Sprachexperimentator und Bibliomane Schmidt (SPIEGEL 20/1959) hat philologische Detektivarbeit geleistet, um die bisherigen literarhistorischen Urteile über das Buch "Finnegans Wake" von James Joyce zu widerlegen.
"Finnegans Wake", das letzte Werk des irischen Dichters James Joyce, das er 1922 nach der Veröffentlichung seines "Ulysses" begonnen und 1939, zwei Jahre vor seinem Tod, beendet hatte, ist bis heute als ein mythisches Nachtepos von kosmischen Ausmaßen betrachtet worden. Nach vorherrschender Ansicht hatte Joyce versucht, die Geschichte der Menschheit seit ihren Anfängen und dazu alles menschliche Wissen in einer symbolreichen und irrationalen Traumsprache wiederzugeben.
Hatte bereits der "Ulysses" mit seinem aus Gedankensplittern zusammengesetzten inneren Monolog beträchtliche Anforderungen an die Aufnahmefähigkeit seiner Leser gestellt, so zeigte sich "Finnegans Wake" als noch weitaus schwerer verständlich. Schon der Titel - Joyce entlieh ihn einem volkstümlichen irischen Trinklied, in dem von einem Maurer erzählt wird, der vom Gerüst zu Tode stürzt, aber während der turbulenten Leichenwache seiner zechenden Gefährten wieder zum Leben erweckt wird - weist auf die Art hin, in der Joyce seine Sprache handhabte: "Finnegans Wake" bedeutet "Die Wacht des Finnegan", schließt aber sowohl den beschwörenden Anruf "Finn again wake", auf deutsch "Finn, erwache wieder", als auch die Feststellung "Finn again is awake" ("Finn ist wieder wach") in sich.
Mit solchen - und noch ungleich komplexeren - Vieldeutigkeiten ist das 628 Seiten umfassende Buch nahezu bis zur
Unlesbarkeit durchsetzt. Es enthält keine Romanhandlung, sondern bildet mit seinen- Lautmalereien, Assoziationen, Wortabwandlungen und -deformationen eine wild wuchernde Wortmusik, die weniger um Sinnfälligkeit als um Klang und Rhythmus bemüht ist. Das unzugängliche Buch gilt bis heute als nicht übertragbar. Schmidts Interesse an "Finnegans Wake" wurde offensichtlich durch den Auftrag geweckt, die Memoiren von Stanislaus Joyce, dem Bruder des "Ulysses"-Autors, zu verdeutschen. Sie sind unter dem bezeichnenden Kain-Abel - Titel "Meines Bruders Hüter" inzwischen im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen.*
Der Sprachprofessor Stanislaus Joyce hatte die Erinnerungen, in deren Mittelpunkt der um drei Jahre ältere Bruder James steht, als Fragment hinterlassen. Als Stanislaus 1955, 70jährig, in Triest starb, war erst die Hälfte des geplanten Buchs fertig. Es umfaßt die Kindheit und Jugend der beiden Brüder, bricht aber vor den Jahren, die James und Stanislaus gemeinsam in Triest verbrachten, ab.
Trotz solcher Bruchstückhaftigkeit glaubt jedoch Literaturforscher Schmidt in der Niederschrift des Stanislaus Joyce Hinweise entdeckt zu haben, die ihn die wahre Absicht ihres Autors erahnen ließen. "Immerhin", so formulierte er apodiktisch, "sieht der Eingeweihte auf den ersten Blick, daß es sich ... hier um die bedeutende Gegenschrift zum Großen Haßgesang des weltberühmten Bruders handeln sollte." Der "Große Haßgesang" des Bruders James auf den jüngeren Bruder Stanislaus aber heißt laut Schmidt: "Finnegans Wake".
Nun haben freilich schon vor Schmidt Joyce-Biographen erkannt, welche Rolle Stanislaus in "Finnegans Wake" zugedacht war. Sie waren jedoch der Auffassung, daß James Joyce viel mehr als nur die Fixierung des unerquicklichen Verhältnisses der beiden Brüder im Sinne hatte.
Arno Schmidt ist ganz anderer Ansicht. Er polemisiert gegen die amerikanischen Joyce-Interpreten Joseph Campbell und Henry Morton Robinson, die in ihrem Buch "A Skeleton Key to Finnegans Wake" (Ein Schlüssel zu Finnegans Wake) nach Schmidts Berechnungen etwa vierzig Prozent des Joyceschen Spätwerks ins "Einfach-Englische" transponierten und von 1,4 Millionen Buchstaben rund 600 000 erklärten. Schmidt zu der "unverächtlichen" Arbeit der "Skeleton Key"-Verfasser: "Ich werde versuchen, die ganze Campbell -Robinsonsche Hermeneutik** als sekundär nachzuweisen; als spätere, beziehungsweise unbeabsichtigte, 'Veredelung' eines ursprünglich recht vulgären 'Wildlings'."
In seinem Radio-Essay hat Schmidt das, was er den "Himmels-Schlüssel" von "C und R" nennt, durch einen selbstgefertigten "Höllen-Schlüssel" ersetzt, mit dem er die phantasmagorische Traumwelt von "Finnegans Wake" besser zu erschließen glaubt. So lobend sich Schmidt nämlich über den "Ulysses" von Joyce äußert - Schmidt: "Der 'Odysseus' ist Joyces eigentlicher Paß in die Unsterblichkeit ... Er ist das erste umfassende 'Handbuch für Städtebewohner'; die erste komplette Darstellung des Vollblut-Pflastertreters" -, dem Buch "Firmegans Wake" ist er durchaus nicht gewogen. Er verurteilt es als in seiner Form mißglückt, als literarische Sackgasse, als "gezwungensten Stelzengang" und "Wortgeknorple" und gibt kund: "Wohl möchten die Joyce-Fans uns gerne glauben machen, daß während der Arbeit an 'Finnegans Wake' seine Meisterschaft ins Unbegreifliche wuchs: In Wirklichkeit ist ziemlich viel Dada drin."
Schmidt möchte "Finnegans Wake" vielmehr in jene "Klasse von sehr merkwürdigen Büchern" aufgenommen wissen, die ihren Verfassern vornehmlich zur Befriedigung ihres Größenwahns dienten. In diesen Werken schilderten die Autoren - Schmidt zählt zu ihnen Dante, Swift, Klopstock, Nietzsche und Karl May - ihre eigene Person in "putziger" oder auch "schamloser" Selbstverherrlichung: "Um sie herum krümmen und winden sich in den respektiven Höllentöpfen die 'Gegner' - nicht selten übrigens recht ehrenwerte Männer ... Und dann geht er eben los, der Große Haßgesang."
Und: "An manchen Stellen blitzt die unnachahmliche Kunst des alten Könners durch - und dann wieder viele wüsteste Seiten lang das subjektiv-schändlichste Gekeife. Denn von 'visionärer Hast' ist gar nicht die Rede: die, meist umfangreichen, Werke sind mit der sorgfältigsten Gemeinheit gearbeitet; und die Urteile - richtiger 'Behauptungen' über die 'Gegner' werden mit jener entzückenden 'Offenheit' abgegeben, die der Flegelei so ähnlich sieht, wie ein Wassertropfen dem anderen."
Ein ähnlich geartetes Buch ist nach Schmidt auch "Finnegans Wake". Der neue Joyce-Forscher glaubt überzeugend beweisen zu können, das' Buch sei "eines der infamsten Pasquille der Weltliteratur; so 17jährig-krankhaft, daß es nur noch medizinisch erklärbar ist: von der zweiten Seite an bis zur vorletzten Schleim und Galle!"
Schmidt datiert die Handlung des größten Teils von "Finnegans Wake" in die ersten Januartage des Jahres 1909, in denen James, nach Arno Schmidt der Mann mit dem "Hahnrei-Komplex" - Schmidt: "Die meisten -besten seiner Stücke kreisen einwandfrei um dieses Problem" -, aus Irland zu seiner Ehefrau Nora und seinem Bruder Stanislaus nach Triest zurückkehrte.
Joyce vermeinte entdeckt zu haben, daß Nora ihn mit dem Bruder betrog. Sein Argwohn, seine phantasiereichen Vorstellungen der Liebesszenen zwischen seiner Frau und seinem Bruder sowie des "genialen Bummlers und Säufers" Haß gegen den andersgearteten, ordnungsliebenden Professor, der ihn und seine Familie mit Geld unterstützte und ihn zuweilen mit Gewalt zu regelmäßiger Schreibarbeit zu zwingen versuchte, bilden, "karussellhaft immer-wiederkehrend", zum großen Teil den Inhalt des Buches.
Mit dem Spürsinn des besessenen Philologen entschlüsselt Schmidt auf durchaus plausible Weise ein gutes Quantum des dunklen Wortdickichts; er identifiziert in- ihm die Gestalten der Joyce-Familie und setzt ganze Passagen zur Realität der Triestiner Jahre in Beziehung. So enträtselt er etwa das oftmals wiederholte Wort "Türke" als eine der vielen Bezeichnungen für Stanislaus, denn "Stanislaus war, obgleich der 'jüngere Bruder', so doch der körperlich weit kräftigere; und wenn Sie anstatt 'Türke' das, uns ja auch geläufige, 'Muselmann' setzen; dies dann englisch aussprechen: 'Mussulman' - und sich endlich erinnern, daß wiederum dieses, schluderig prononciert, auch als 'muscle-man', als 'Muskelmann' weggeht: dann wissen Sie, wieso Stanislaus ein 'Türke' sein muß".
Andere Bezeichnungen für Stanislaus sind laut Schmidt unter anderem: 'Promptboxer", "geborener Barbar", "blonder Lügner", "Sterngaffer", "taubstummer Briefträger", "Ersatz-Lothringer", "Verräter-Sklave", "Bullen-Baby", "fackeltragender Super-Affe", "Monster -Mann" und "Teufelsdreck".
Schmidt übersetzt eine Passage aus "Finnegans Wake", in der sich der Mann mit dem Hahnrei-Komplex offenbar ein Tete-à-tete zwischen Stanislaus und Nora, der "Vulpius-Gefährtin" des Dichters, vorstellt. Nora monologisiert: "Ich weiß ja, Benjamin-Brüderchen; aber hör mal, ich will meine Wünsche nur wispern ... Natürlich ist mir bekannt, wie hochgebildet Du bist; und so bedachtsam in Deiner ganzen. Art ... Wie lieb von Dir, daß Du Dir meine Strumpfgröße gemerkt hattest! ... Du liebster Bursch-meiner-Träume; und wo ein gewisser Old Somebody sich gerade nicht in der Nähe herumtreibt ..., ach ja, Pet, wir waren zu glücklich, 40 Tage und 40 Nächte lang. Paß Dir nur immer auf, daß Du Dich niemals erkältest; hoffentlich hör ich bald wieder von Dir. Und selbstverständlich, liebstes Professorchen, ich begreife durchaus Alles: natürlich werd' ich andere Namen verwenden: ach, mein süßes Schweinchen, wird Er wütend sein!"
Hier tritt jedoch unverhofft ein "Dave the Dancekerl" - vermutlich Joyce selbst - auf, und das "liebste Professorchen" wird verabschiedet: "Mit diesen Worten verschwand unser Großer Unverstandener aus dem Gesichtskreis; und mit einem einhelligen ungekünstelten Schrei des Bedauerns verabschiedeten sich die Mägdlein von ihm, dem Gerechten, ihrem Liebling ... O wärest Du uns doch erspart geblieben, Hauneen-Junge: Pfennigweiser, Lampenputzer, Postfritze! Du unser Musterheiliger, wie ich ihn selten unter alleinstehenden Männern antraf. Zugegeben: unser Leben wird ärmer sein, ohne Dich - weil uns ein Vakuum mangeln wird!"
Eine weitere Stelle von "Finnegans Wake" deutet Schmidt auf diese Weise: James Joyce kommt, "stockbesoffen wie-üblich", nach Hause und gerät mit Stanislaus in Streit. James flüchtet vor seinem Bruder, als der sich anschickt, ihn zu verprügeln, und schließt sich in ein anderes Zimmer ein; und während Stanislaus zweieinhalb Stunden lang vor der verschlossenen Tür steht und durchs Schlüsselloch flucht, notiert James gemächlich sämtliche Flüche, so zum Beispiel: "Irlands achtes Weltwunder; Blau schon vorm Frühstück; Krachmacher; Arschmann; Der mir das Gehalt abnimmt; Der die kleinen Kaufleute ruiniert; Scharlatan; Miststück; Der Polizei übergeben; Dich werd ich dressieren, Du; Wasch Dich lieber jeden Morgen anständig in der Toilette."
"Finnegans Wake", gibt Arno Schmidt in seinem Essay zu verstehen, sei nichts anderes als literarischer Unrat, jedoch sei Joyce raffiniert genug gewesen, ihn so zu tarnen, daß er juristisch nicht angreifbar war: "Aus dem Gewölle von Vokalen plus Konsonanten, dem schwarzgalligen Ge-Hin-und -Here vermochte 1939 ja kaum Jemand schlau zu werden."
Der Joyce-Forscher läßt im übrigen keinen Zweifel daran, daß seine Sympathien dem weniger berühmten der beiden Brüder gelten, dessen Memoiren er eben übersetzt hat. James, so meint er, habe seinen Bruder Stanislaus sein Leben lang unterschätzt und dessen hohen Intelligenzgrad nicht erkannt, obgleich er unentwegt von seinem Zuspruch, seinen Anregungen und seinen Tagebuchnotizen profitiert habe.
Über Stanislaus vermerkt er: "Zwar ertrug Stanislaus das kuriose Schicksal, sich bei lebendigem Leibe, und zwar aufs Gehässigste, öffentlich glossiert und kommentiert zu sehen, mit ganz erstaunlicher Würde. 'Mit der eigenen Leiche zu gehen' lehnte er allerdings ab: als James, in wüstem Hohn, er selbst weit pueriler denn der geschmähte Bruder, ihm ein Exemplar des fertigen Werkes ('Finnegans Wake') offerierte, da lehnte Stanislaus die verruchte Gabe mit einer Handbewegung ab: dazu war er nun doch nicht Trottel genug."
Ein Resümee indes wagt Schmidt bei aller Parteinahme für Stanislaus und gegen James Joyces "Finnegans Wake" nicht zu geben. Er läßt seinen Hauptsprecher auf die Frage seiner Gesprächspartner nach einem abschließenden Urteil antworten: "Sie über-fragen mich. Gibt es doch, bei einmal vorgefaßten Meinungen, eine Art 'Stillstandsgesetz', das nur schwer zu durchbrechen ist. Antworten; Erkenntnisse; Übersichten; ja: letzter Genuß - werden erst möglich sein, wenn Wir, die wir heut, zur Nacht, miteinander plauderten, lange tot sind."
* Stanilaus Joyce: "Meines Bruders Hüter". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 352 Selten; 18,80 Mark.
** Hermeneutik (griechisch) - Auslegekunst, Deutung.
Dichter James Joyce: Im Höllentopf schmort ...
... des Bruders Hüter: Professor Stanislaus Joyce
Philologe Schmidt
Wortgeknorple

DER SPIEGEL 51/1960
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