27.09.1971

CDUBißchen Marlon Brando

Der Endkampf um den CDU-Vorsitz hat begonnen. Für den Saarbrücker Parteitag in der nächsten Woche empfehlen sich: Kandidat Rainer Barzel als Frontkämpfer, Kandidat Helmut Kohl als ehrliche Haut.
Hinter verschlossener Tür des Séparées Nr. 1 im Bonner Restaurant Tulpenfeld blickte der Generalsekretär der CDU in die Zukunft. Wahrsager Bruno Heck vor einem vertraulichen Journalistenzirkel: "Die CDU wird die Bundestagswahl 1973 wahrscheinlich verlieren. Wenn aber Barzel unser Kanzlerkandidat wird, haben wir die Garantie dafür."
Rainer Barzel, Bewerber für Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur. konterte. Ebenfalls vor Journalisten mokierte sich der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende über den Freund seines Rivalen Helmut Kohl, gegen den Barzel am kommenden Montag auf dem CDU-Parteitag in Saarbrücken bei der Wahl zum Parteivorsitz antritt. Heck, von Kohl bereits als Generalsekretär wieder nominiert. habe wohl einst gerade das Zeug zum Familienminister gehabt. Als Generalsekretär sei er ein "Versager auf der ganzen Linie", auf dessen Konto der desolate Zustand der Partei gehe.
Der Endkampf um die Führung der Union hat begonnen. Im Untergrund -- bei diskreten Gesprächen mit Vorstandsherren und Parteitagsdelegierten der Landesverbände, mit einflußreichen Wirtschaftsbossen und auflagestarken Presseleuten -- ist Madigmachen bevorzugtes Mittel der Auseinandersetzung.
Kernpunkt der Anti-Barzel-Kampagne: Der Fraktionsvorsitzende, einmal zum Parteichef und Kanzlerkandidaten gekürt, schrecke 1973 die Wähler ab. könne sich wegen Ämterüberlastung nicht genügend um die Partei kümmern und werde als Strauß-Marionette die CDU in die völlige Abhängigkeit des CSU-Vorsitzenden führen. Zudem ertrage er neben sich kein Team profilierter Politiker, wie seine Fraktionsführungscrew -- von Heinrich Windelen bis Olaf von Wrangel, "diese Kreaturen (ein Kohl-Vertrauter) -- beweise.
Der gewiefte Taktiker Barzel und sein Anhang beschränken sich beim Agitieren nicht darauf. Kohl als unbedarften Provinzler abzuqualifizieren, der zwar zum rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten tauge, als Parteivorsitzender aber politisch überfordert sei.
Kohls Favorit für die Kanzlerkandidatur, der Schweiger Gerhard Schröder, sei gesundheitlich den Anforderungen der Wahlschlacht 1973 nicht gewachsen. Schröder lebe gar mit einem "eingepflanzten Herzschrittmacher", meldete der Pressedienst "Intern-Informationen, der eng mit der katholischen "Neuen Bildpost" zusammenarbeitet.
Ein Gespräch des Fraktionschefs mit der Chefredaktion der ursprünglich auf Kohl-Kurs liegenden Katholiken-Postille machte nachhaltigen Eindruck. Die "Bildpost"-Leser erfuhren inzwischen. daß Barzel "wie frisch gebadet, tipptopp, ein bißchen wie Marlon Brando in seiner besten Zeit" wirkt.
Barzels bayrische CSU-Gefolgschaft setzte das Gerücht in Umlauf, Kohl sei national unzuverlässig und wolle die Ostverträge unterschreiben. Barzel selber setzte die Parteitagsdelegierten mit der von ihm lancierten Pressemeldung unter Druck. er wolle den Fraktionsvorsitz abgeben, wenn er nicht Parteichef und Kanzlerkandidat werde. Vor der Öffentlichkeit befehden sich die beiden Lager etwas nobler. Der ausgediente Parteichef Kurt Georg Kiesinger, Mitglied der Kohl-Riege, streitet mit gewohntem Wortgeklingel gegen Barzels Konzept der Personalunion: "Der Kanzlerkandidat hat so viel im eigentlich Politischen, also in der inhaltlichen Bestimmung der politischen Zielsetzung der Politik zu tun, daß er sich um die wichtigen Fragen der Partei einfach nicht kümmern kann. Hier muß jemand her, der den Mut und die Kraft hat, diese gewaltige Aufgabe anzupacken."
Kohl selber, darauf bedacht, sich gegen den alerten, glatten Rivalen abzuheben, mimt die ehrliche Haut von Mainz. Er präsentiert sich als guter Mensch, der auch dann noch zu alten Parteifreunden wie Kiesinger und Eugen Gerstenmaier steht, wenn "gerad" die Gnadensonne mal nicht auf sie scheint" (Kohl).
Es sei auch nicht sein Stil, so der Mainzer über sich, "etwa die Qualitäten Rainer Barzels herabzusetzen" -- was er freilich dennoch nach besten Kräften versucht. Dem Parteivolk empfiehlt sich Kohl als ein Vorsitzender, der die CDU verstehe "als eine offene, zur Diskussion bereite politische Gemeinschaft" (siehe Interview Seite 41).
Barzel hingegen stilisiert sich zum Frontkämpfer der Opposition hoch, der nicht mehr "bloß auf die Demoskopie schielt" und endlich "eine bessere Bundesregierung" installieren will. Die Parteitagsdelegierten von Saarbrücken sollen in ihm den lange entbehrten Anführer finden, der der Union "eine Spitze und eine Stimme" (Barzel) gibt.
Welche Töne er anschlagen will, wissen die Delegierten seit dem Bremer Mittelstandskongreß der CDU/CSU, bei dem Barzel nach altem Adenauer-Rezept die Furcht vor den Roten schürte: Die Ostpolitik mit der Annäherung an Moskau und die Innenpolitik der sozialliberalen Koalition paßten zusammen, "Sozialisten sind am Werk". CSU-MdB Erich Riedl staunte: "Der Barzel wird immer Strauß-ähnlicher."
Der Fraktionschef, der die Mehrzahl der Landesverbände auf seiner Seite wähnt, glaubt an den Erfolg seiner Kampagne. Ein Barzel-Adjutant: "Wir gewinnen, wenn auch nicht üppig."
Und auch Kohl glaubt inzwischen an einen Barzel-Erfolg, denn, so ein Vertrauter: "Die Partei würde am liebsten beide, Kohl und Barzel, an ihrer Spitze haben. Da Barzel aber allein herrschen will, wird Kohl wohl mit 60 bis 70 Stimmen Rückstand unterliegen."
Eine Hoffnung hat Kohl freilich noch. Die Delegierten werden auf seinen Wunsch hin am nächsten Montag in der Saarlandhalle ihre Stimmen in Wahlkabinen abgeben. Kohl: "Da kann kein Nebenmann gucken, wo einer sein Kreuz macht. Da kann jeder für den stimmen, für den sein Herz schlägt."

DER SPIEGEL 40/1971
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