27.09.1971

AFFÄRENMehr als üblich

Weil er in Verdacht steht, Politiker und Beamte korrumpiert zu haben, soll gegen den rheinischen Unternehmer und Sozialdemokraten Kun ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß eingesetzt werden.
Vier Jahre ging er in die Volksschule, dann auf den Bau. Als Geselle setzte er für andere Ziegel, als Polier sein eigenes Fundament. Er sparte 12 000 Mark und wurde Unternehmer.
Josef Kun, 40, Bergarbeitersohn aus Homberg am Niederrhein, begriff, "wie es die anderen machten, und machte es besser" -- mit System. "Politiker, Finanziers und Bauherren müssen zusammenspielen" " konstatierte Kun und gewann mit dieser Maxime Macht und Millionen. In seinem Reitstall stehen über 40 Rasse-Pferde, auf denen Deutsch-Meister Gerd Wiltfang nach Lorbeer springt. Seinen Mercedes 600 lenkt ein Chauffeur, und in Düsseldorf s exklusivem "Caravelle-Club" ist Kun mit 200 000 Mark dabei.
Aus seiner Klitsche mauerte er in 19 Jahren den Konzern -- eines der zehn größten Bauunternehmen in der Bundesrepublik. Mit 16 Eigen-Firmen bedient Kun sich selbst, mit zwei Maklerfirmen auch andere. Er beschäftigt 4500 Arbeitnehmer mit Aufträgen in Höhe von derzeit 2,8 Milliarden Mark.
Dem steilen Aufstieg könnte nun jäher Fall folgen. Denn seit Kun öffentlich im Ruch steht, durch Korruption oder Kungelei sich oder Politiker und Beamte illegal bereichert zu haben, gehen Partner auf Distanz. Gemeinden verzögern Aufträge, Banken bremsen Kredite. Ein Kun-Intimus zum SPIEGEL: "Wenn die Banken die Hähne zudrehen, ist er hin."
Bauherr Kun, der für sein Imperium die Bilanzen selbst erstellt, fand früh den rechten Umgang mit Bankern. 1964 bewahrte er durch Übernahme einer Ziegelei die Düsseldorfer "Baukreditbank" vor Verlust. Und danach, so ein Bank-Vorstand, "haben wir ihm auch geholfen" -- mehr als üblich.
So gewährte das Geldinstitut den Einzelfirmen insgesamt höhere Kredite, als dem Konzern zugestanden hätten. "Zur Umgehung des Kreditwesen-Gesetzes" hatte der clevere Kaufmann seine Unternehmen "mit Strohmännern besetzt" und unter verschiedenen Namen laufen lassen. Erst das Berliner Aufsichtsamt für das Kreditwesen beendete diese Bank-Usancen.
In Rathäusern sorgten Kun-Kontakter dafür, daß der Konzern über "Planungsangeiegenheiten immer bestens informiert" war, denn, so Kun über Kun: "Ohne Kontakte und Beziehungen ist der Kun . . . nicht lebensfähig."
An Verbindungen fehlte es nicht. Von der KPD konvertierte Kun 1952 zur SPD. Bruder Franz, mit 40 Prozent am Betrieb beteiligt, ist Mitglied in der CDU, und der FDP spendet Josef Wahlkampfgelder.
Diese Kreise zerstörte er sich nun selbst. Mit unbedachten Sprüchen in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" löste Kun die Affäre Kun aus. Die Gemeinden "können soviel Beschlüsse fassen, wie sie wollen", protzte er, "es kommt so, wie ich es sage". Für ihn gelte nicht, "wenn ein Waufen Idioten einen Beschluß macht". Und: "Von den 200 Abgeordneten im Landtag sind die meisten im Beruf Gescheiterte."
Die Partei leitete gegen Kun ein Ordnungsverfahren und gegen den gesamten SPD-Unterbezirksvorstand Moers ein Feststellungsverfahren ein. Auf Antrag der CDU soll ein parlamentarische, Untersuchungsausschuß beipielsweise prüfen, ob
* Kun-Geschäftsführer Klaus David, Vorstandsmitglied im SPD-Unterbezirk Moers, Vorsitzender der Neugliederungskommission für den Kreis und Ratsherr im benachbarten Rheinhausen,
* Kun-Makler Hubert Korfges, SPD-Unterbezirksvorsitzender Mönchengladbach/Rheydt, Ratsherr in Rheydt und Mitglied im Bauausschuß. sowie
* Kun-Sonderbeauftragter Wolfgang
Kruse, SPD-Ratsherr in Duisburg, ihre Doppelfunktion zwischen Politik und Profit zu eigenem oder anderem Nutzen "rechtswidrig oder zumindest unangemessen" mißbraucht haben. Anders gesagt: ob die Sozialdemokraten dem wohlhabenden Genossen zu Aufträgen verholfen haben, die er sonst möglicherweise nicht bekommen hätte.
Vertraut mit Kun ist auch Rolf Bremicker, SPD-Kreistagsmitglied von Düsseldorf-Mettmann, der Kuns Immobilien-Büro in der Landeshauptstadt leitet. SPD-Ratsherr Franz Schenke, Kirchhellen, kam für "10 000 Mark im Monat und einen Mercedes 280" (Kun) zum Konzern. Rüdiger Klinger, für die SPD im Moerser Rat, war Mitbegründer einer Kun-Maklerfirma und schied wieder aus.
Mit Kun gekungelt hat der wegen einer Grundstücksaffäre gestürzte Gladbecker Oberbürgermeister Günter Kalinowski (SPD-MdL), und der Ex-FDP-Bauminister Hermann Kohlhase "berät mich heute noch" (Kun).
Gegen den Polizei-Hauptmeister beim Duisburger 14. Kommissariat, Günter Fifer, Kommanditist bei einem Kun-Makler, hat Innenminister Willi Weyer eine Vorermittlung eingeleitet. In den Büchern der Wohnungsbauförderungs-Anstalt des Landes läßt Weyer an Kun vergebene Mittel kontrollieren.
Noch konnte SPD-Fraktionschef Fritz Kassmann am Donnerstag letzter Woche die Einsetzung des Untersuchungsausschusses im Landtag mit formalen Mitteln verhindern. Doch der Ausschuß wird kommen, wenn ein Fünftel der Parlamentarier ihn beantragt. Die CDU verfügt über knapp die Hälfte aller Sitze.

DER SPIEGEL 40/1971
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