27.09.1971

VERHALTENSanfter Zwang

Freiheit und Menschenwürde, behauptet der US-Psychologe Skinner, sind eine Illusion. Die Erdbevölkerung müsse, wolle sie überleben, gezielt manipuliert werden.
Das schier Unmögliche reizte ihn schon immer. Als Schüler versuchte er einmal, ein Perpetuum mobile zu bauen.
Jetzt will er die ganze Welt in reibungslose Bewegung setzen. Er glaubt den Weg zu kennen, der die Menschheit aus einem von Zufall und individuellem Tun bestimmten, ungewissen Schicksal führen könnte -- in ein exakt vorgeplantes, gleichwohl glückseliges Kollektivdaseion.
Burrhus Frederic Skinner, Professor und "eine Institution" ("urne") an der amerikanischen Harvard University, hat letzte Woche die Summe seines Forschens vorgelegt: Unter dem programmatischen Titel "Jenseits von Freiheit und Würde" veröffentlichte er den Entwurf einer neuen, sich selbst bewußt steuern den globalen Kultur*.
Der Schlüssel zu einem solchen künstlichen Paradies. so Psychologe Skinner, sei die Einsicht, daß jeder Mensch nichts als ein Bündel von Verhaltensmustern ist -- gleichsam ein Automat mit erwartbaren und manipulierbaren Reaktionen auf die Umwelt. Die einzige Alternative zu einer anarchischen Zukunft wäre mithin, die Erde insgesamt in ein verhaltenspsychologisches Labor zu verwandeln, so durchkalkuliert, daß "sanfte, aber eindringliche ethische Sanktionen" die einmal gesetzte Ordnung für immer erhalten.
"Was wir brauchen", erklärt der international angesehene Autor und Anführer der sogenannten behavioristischen Psychologie. "ist eine Technologie des Verhaltens; wir könnten unsere großen Probleme, schnell genug lösen. wenn wir etwa die Zunahme der Weltbevölkerung ebenso präzise steuern wie den Kurs eines Raumschiffs". Und Skinner befindet: "Dies ist möglich."
Seine wissenschaftliche Utopie und die Anweisung, sie zu verwirklichen, erregten schon vor Erscheinen Unruhe, zumindest in den Medien der westlichen Welt. "Ist Freiheit obsolet?" fragte die
* B. F. Skinner: Beyond Freedom and Dignity. Alfred A. Knopf. New York: 228 Seiten: 6,95 Dollar.
"New York Times" und verwies auf das "Risiko" daß Machtlüsterne Skinners Regeltechniken des menschlichen Verhaltens in ihr Arsenal von Kontrolle und Unterdrückung einbauen".
"Allheilmittel oder Weg zur Hölle?" rätselte das US-Nachrichtenmagazin "Time" in einer Titelgeschichte über den Mann, der die Selbstbestimmung des Menschen eine "Illusion" und einen "Fetisch" nennt. Und die Hamburger "Welt" kommentierte schnell entschlossen, Widerspruch gegen den "Rattenfänger von Harvard", den "Wegbereiter totalitären Denkens". sei für die abendländische Gesellschaft "eine Überlebensf rage".
An Ratten und anderem Getier hat Skinner tatsächlich die Regeln studiert. nach denen Lebewesen sich mit Umweltreizen auseinandersetzen. Gewöhnlich. so erläutert er. sind Verhaltensweisen chaotisch und schwer durchschaubar, weil sie von zu vielfältigen. häufig widersprüchlichen und verwirrenden Erfahrungen geprägt wurden. Im sorgsam kontrollierten Labor aber lasse sich das typische Verhalten einer Art erkennen -- und nahezu beliebig modifizieren --
Gewalt richtet dabei wenig aus. "Strafen". fand Skinner heraus. "lehren allenfalls, wie man Bestrafung vermeidet" Wirksamster Anreiz für erwünschtes Verhalten sei vielmehr Belohnung, erfolgreichste Methode das Lernen einer sinnreich aufgebauten Folge einzelner Lektionen.
Zur subtilen Dressur entwickelte der Psychologe eine Versuchsanordnung, die mittlerweile ein wichtiges Arbeitsmittel der Verhaltensforscher wurde. Grundmodell der sogenannten Skinner-Box ist ein hermetischer Kasten mit einer Mechanik, die den Tieren jedesmal, wenn sie die verlangte Leistung oder Leistungssteigerung vollbringen. ein Quentchen Futter auswirft. Auf diese Weise brachte Skinner beispielsweise Tauben dazu, Achterfiguren zu trippeln und Pingpong zu spielen.
"Menschen sind keine Tauben", räumt der Verhaltensforscher ein. Gleichwohl suchte er frühzeitig nach Nutzanwendungen seiner Erkenntnisse. So steckte er 1945 seine damals elfmonatige Tochter für zweieinhalb Jahre in eine Art Skinner-Box, die das Kind den sonst üblichen Zwängen der Erwachsenen entzog.
"Deborah hat praktisch nur geschrien, wenn sie geimpft wurde"" berichtet der Forscher-Vater. Und Deborah selber, die als etwas scheue, doch erfolgreiche Künstlerin in London lebt, urteilte jüngst: "Ich war wohl ein sehr glückliches Baby."
Amerikas Mütter reagierten auf das Experiment zumeist mit Entsetzen (etwa 1000 immerhin benutzen mittlerweile die Baby-Box). Doch auch Nicht-Box-Kinder sehen sich nun einer anderen Erfindung des Psychologen konfrontiert: Er trug maßgeblich zur Entwicklung von Lernmaschinen und programmiertem Unterricht bei, der einer pädagogischen Revolution gleichkam und sich weithin schon bewährt hat; Skinner schreibt das den bei dieser Methode häufigen kleinen Erfolgserlebnissen zu.
Weit weniger Anklang fand zunächst seine erste Anregung, nicht nur einzelne
Lernprozesse, sondern die gesamte Lebensführung von Gruppen nach verhaltenspsychologischen Maßregeln zu steuern. 1948 veröffentlichte er die Beschreibung einer fiktiven Kommune, die jedem Mitglied Frieden, Wohlstand und schöpferische Freizeit durch strikte, selbstauferlegte Disziplin sichert. Der didaktische Roman "Walden Two" blieb damals ein Ladenhüter.
In den letzten Jahren jedoch entdeckten Jugendliche der Anti-Establishment- Bewegung das psychologische Werk neu. Einige Gruppen versuchen, wie etwa auf der Farm Twin Oaks bei Piedmont (US-Staat Virginia), nach den Gesetzen von "Walden Two" zu leben. Unvermittelt stiegen die Verkaufszahlen des Buches; letztes Jahr erschien eine deutsche Übersetzung*, und die amerikanische Auflage erreicht demnächst die Million.
* R. F. Skinner: "Futurum Zwei-, Christian Wegner Verlag, Hamburg: 284 Seiten: 19,80 Mark.
Utopische Aussichten vermittelt auch Skinners neues Buch: von der Gleichberechtigung der Geschlechter über Gemeineigentum an Grund und Bauten bis hin zum Abbau von Aggression, Neid und Eifersucht.
Zu erreichen, meint Skinner. sei dieses Elysium nur, wenn der Mensch mit einer Epoche seiner historischen Entwicklung Schluß mache: Das Konzept der menschlichen Willensfreiheit habe seinen Sinn gehabt, solange Menschen gegen die Tyrannei von Despoten kämpfen mußten; nun aber habe es seine Schuldigkeit getan. Denn in der modernen Industriegesellschaft bringe gerade diese Freiheit, in Gestalt des ungehemmten Individualismus, Widersprüche und Mißstände hervor: die selbstmörderische Übervölkerung ebenso wie die Verwüstung der Umwelt oder die Ausbeutung von Abhängigen.
Durch freien Willen ihr eigenes Verhalten zu steuern, seien die Lebenden, meint Skinner, unfähig. "Kontrolliert werden wir ohnehin -- von Eltern, Lehrern, von der Werbung und der Regierung, aber wir werden auf dilettantische Weise kontrolliert."
Deswegen sei es in Wahrheit gar kein Risiko, wenn Menschen sich künftig einer Diktatur umfassender sozialer Steuerung und Kontrolle unterwerfen. Skinner: "Nur wenn wir die Vorstellung vom autonomen Menschen abschaffen -- wenden wir uns den wahren Ursachen seines Verhaltens zu -- vom nachträglich Vermuteten zum Beobachtbaren, vom Wundersamen zum Natürlichen, vom Ungreifbaren zum Manipulierbaren."
Die bange Frage, wie etwa "Time" sie formulierte -- "Wo kommen die Normen für Gut und Böse in seiner Idealgesellschaft her?" -, glaubt Skinner beantworten zu können: "Die Richtlinien der Kontrolle müssen von Wissenschaftlern entworfen werden."

DER SPIEGEL 40/1971
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