14.11.2005

ERFINDUNGENAuf die Ohren

Vor Somalia versuchten Piraten, ein Kreuzfahrtschiff zu entern. Doch die Besatzung verteidigte sich mit einer neuen Waffe des US-Militärs: einer Krachkanone.
Die Seeräuber grinsten fies und waren sich ihres Sieges gewiss. Die "Seabourn Spirit" schien ihnen eine leichte Beute zu sein. Friedlich schipperte das US-Kreuzfahrtschiff am Samstag vorvergangener Woche in der Morgendämmerung vor dem gesetzlosen Somalia. Die meisten der 151 Passagiere schliefen. Mit zwei Motorbooten näherten sich die Meeresbanditen dem Edelkahn - und eiskalt fingen sie sofort an zu schießen mit AK-47-Sturmgewehren.
Als die Kugeln gegen die Außenhaut prasselten, mahnte der norwegische Kapitän Sven Erik Pedersen seine Gäste über die Sprechanlage: "Bleiben Sie drinnen. Wir werden angegriffen." Kreuzfahrer Charles Supple, 78, zückte seine Kamera - und kaum 40 Meter entfernt zückte einer der Piraten seine Panzerfaust. Er drückte ab, Supple sah einen Blitz, warf sich zu Boden, und wenige Meter über ihm schlug das Geschoss ein: "Es war sehr beängstigend."
Die "Seabourn Spirit" war in hoher Not - und doch ist sie den Räubern und Halsabschneidern ohne größere Schäden entkommen. Denn Kapitän Pedersen war vorbereitet. Mit Hightech gab seine Crew den Bösewichtern ordentlich was auf die Ohren.
Einige der Schiffsverteidiger versuchten, die Piraten mit Löschschläuchen ins Meer zu spülen. Ganz im Heck aber kniete ein furchtloser Gurkha, ein ehemaliger britischer Elitesoldat aus Nepal, zuständig für die Schiffssicherheit. Vor sich hielt er ein "LRAD" - eine neue Superwaffe aus dem Arsenal des Pentagon, von der bisher kaum bekannt war, dass die US-Militärs sie freimütig mit Luxuslinern teilen.
Das LRAD ("Long Range Acoustic Device") ist eine Krachmaschine wie aus der Hölle. Der Apparat ist 20 Kilogramm schwer und so groß wie eine Satellitenschüssel. Harmlos wirkt er, doch er ist in der Lage, schmerzhaften Lärm auszustrahlen, so gerichtet wie das Licht einer Taschenlampe. Zielgenau verschießt diese Waffe akustische Munition: keine grausigen Schlager, kein Babygeschrei, sondern quälende Töne wie vom Feuermelder - nur viel, viel lauter.
Es ist nicht bekannt, wie die grinsenden Piraten genau reagierten, als sie am Horn von Afrika, 160 Kilometer vor der Küste, urplötzlich den Posaunen von Jericho lauschten. Fest steht nur: Sie waren ziemlich nah dran. Und je näher jemand am LRAD ist, desto schlechter ergeht es ihm.
Vielleicht haben sie bleibende Hörschäden erlitten. Auf alle Fälle dürfte ihnen der Schall-Beschuss akuten Kopf- und Ohrenschmerz bereitet haben, so dass ihnen Hören und Sehen verging - und das Entern auch. Bei diesem Pegel - bis zu 150 Dezibel - hätte selbst Captain Blackbeard sofort die Segel gestrichen.
Alles deutet darauf hin, dass die Antipiraten-Hupe wesentlich zur Abwehr der Attacke beigetragen hat. Im Morgenmantel hat Kapitän Pedersen mit wehrhaften Manövern obendrein versucht, mörderische Bugwellen zu erzeugen. Rammen wollte er die Angreifer auch, was ihm aber nicht gelang. Der tapfere Gurkha am LRAD kam selbst unter Feuer, wurde von Splittern leicht verletzt, aber er lärmte weiter. Mit voller Fahrt voraus fuhr die "Seabourn Spirit" den Somaliern davon. Auf den Seychellen feierten die Passagiere ihren Kapitän, als wäre er Lord Nelson höchstpersönlich.
Eine kleine Firma im kalifornischen San Diego stellt die Akustikkanonen her. Seit 2003 hat die American Technology Corporation bereits an die tausend Geräte verkauft. Großkunden sind die US-Streitkräfte. Das Pentagon hat sich nach dem Qaida-Anschlag auf den Zerstörer USS "Cole" im Oktober 2000 (17 Tote) eine Waffe gewünscht, mit der die Navy einen Sicherheitsabstand um ihre Schiffe durchsetzen kann, ohne gleich jeden umbringen zu müssen, der sich nähert.
Rund 300 LRADs sind im Irak im Einsatz. Mit den Krachern räumt die US-Armee bisweilen sogar Häuser auf akustische Weise. Obendrein lässt sich das Gerät als Mega-Megafon benutzen: Soldaten können damit laut und deutlich Autofahrer ansprechen, die noch 300 Meter von einer Straßensperre entfernt sind.
Die Polizeien von New York und Boston haben sich einige der rund 30 000 Dollar teuren Geräte zugelegt - ebenso wie manche amerikanische und britische Reederei. Auch die "Queen Mary 2", das größte und modernste Kreuzfahrtschiff der Welt, kann das Gehör von Angreifern ruinieren.
Die MS "Deutschland", der Stolz der deutschen Fernsehzuschauer, fährt unterdes größere Geschütze auf: Bei ihrem nächsten Abstecher Richtung Somalia lässt sie sich von der Bundesmarine verteidigen. MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 46/2005
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