14.11.2005

ÖSTERREICHStreit ums Original

Der neue FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache kämpft mit seinem Lehrmeister Jörg Haider erbittert um die Vorherrschaft am rechten Rand der Alpenrepublik.
Besucher lässt er schon mal gern warten, schließlich ist man nicht irgendwer im politischen Wien. Doch dann packt Heinz-Christian Strache, Chef der österreichischen Freiheitlichen, seinen gan- zen Charme aus - vor vorweihnachtlichen Gipsputten, die sich neckisch auf kleinen Kugeln räkeln. Leger in Jeans und Jackett, mit einem treuherzigen Blick aus stahlblauen Augen - Strache ist der personifizierte Schwiegermuttertraum.
Aber so harmlos, wie er sich gern verkauft, ist der 36-Jährige nicht. Der jugendlich-fesche Auftritt ist nur die Fassade, hinter der sich ein Mann mit extrem rechtspopulistischem Gedankengut verbirgt. Wiens Grünen-Chef Alexander Van der Bellen sieht in Strache bereits den "größten Hassprediger" Österreichs.
Im Wiener Landtagswahlkampf war dem FPÖ-Chef kein Spruch zu platt, wenn er nur, bitte schön, hinreichend ausländerfeindlich war. "Wien darf nicht Istanbul werden", polemisierte Strache, Motto: "Deutsch statt nix verstehn".
Auch wenn die Mehrheit der Wiener den xenophoben Parolen des gelernten Zahntechnikers eine Absage erteilte - die Freiheitlichen avancierten trotzdem zum eigentlichen Star der Wahl: Sie bekamen überraschende 14,9 Prozent. Vor allem bei Modernisierungsverlierern - vom Arbeitslosen bis zum Angestellten, der um seinen Job bangen muss - fällt die Strache-Propaganda auf fruchtbaren Boden.
"Ein neuer Volkstribun ist geboren", kommentierten die "Salzburger Nachrichten" den Erfolg. Strache selbst spricht von "Wiedergeburt", von einer "Rückkehr der Freiheitlichen" als politischer Kraft.
Das zielt vor allem auf seinen Amtsvorgänger Jörg Haider, 55, Straches ehemaligen Weggefährten und Lehrmeister. Der Kärntner Landeshauptmann kämpft seit der Abspaltung seines BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich) gegen die politische Bedeutungslosigkeit an. Das schlechte Abschneiden bei den Wien-Wahlen - die Haider-Leute scheiterten mit nur 1,2 Prozent - nutzt Strache nun, um mit dem Aussteiger abzurechnen. Haider gleiche einer "politischen Leiche", ätzt der FPÖ-Chef. Das sei die Quittung dafür, dass der Kärntner die Wähler "verraten, verkauft und getäuscht" habe.
Haider kartet zurück und droht wieder einmal, aus der Bundespolitik auszusteigen. Strache sei nichts anderes als billiger Abklatsch, also sozusagen sein "Klon" - "das Original" sei schließlich er.
Die Parallelen zwischen beiden Politikern sind nicht zu übersehen. Strache trimmt sich, ebenso wie sein langjähriger Parteifreund, gern trendy und gibt sich bürgernah. Seine Parolen erinnern an den frühen Haider. Doch die Entstehung des BZÖ hat eine tiefe Kluft gerissen zwischen Haiderianern und Strache-Jüngern; Letztere, unter ihnen etliche Rechtsextreme, haben die "versuchte Zerstörung der FPÖ" noch nicht vergessen. Denn Haider hatte im April gegen sein eigenes Lebenswerk geputscht, nur um den Konkurrenten Strache zu verhindern - die Mehrheit der FPÖ-Parlamentarier folgte Haider in die BZÖ.
Jetzt geht es ums politische Überleben am rechten Rand der Republik. "In der politischen Arena ist nur Platz für einen", sagt der Innsbrucker Politologe Fritz Plasser. Haider habe sich verrechnet, seine Neuschöpfung führe seit ihrer Gründung ein "Schattendasein". Bei der FPÖ wiederum ist fraglich, ob sie den Wiener Coup auf Bundesebene wiederholen kann.
Strache indes stört das wenig, unverdrossen gibt er den verbalen Rammbock. Er wettert gegen das "Frankensteingebilde Europäische Union", den durch Brüssel organisierten "Globalisierungswahnsinn", gegen "Gastarbeitslose", die dauerhaft die heimischen Sozialsysteme belasteten, und gegen deutsche Studenten an österreichischen Universitäten.
Haider und dessen BZÖ dagegen geben sich plötzlich ausgesprochen zahm. Seine Partei stehe für "politische Lösungen", betont er und bemüht sich zugleich um Distanz zur FPÖ - weil die rassistische Ausgrenzung betreibe.
Bis zu den Nationalratswahlen im kommenden Jahr müssen sich auch die anderen Parteien überlegen, wie sie mit dem Freiheitlichen umgehen wollen. Wiens sozialdemokratischer Bürgermeister Michael Häupl lud Parteichef Strache bereits zu einem Gespräch ins Wiener Rathaus ein. Fotografen, die das Tête-à-Tête mit dem Rechtsaußen hätten dokumentieren können, waren ausgesperrt.
Die konservative Volkspartei ÖVP von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hält sich noch auffallend zurück. Aus gutem Grund: Sollte die Schwäche des BZÖ anhalten, könnte der Volkspartei bei den nächsten Wahlen der Koalitionspartner abhanden kommen. Man wolle keine Partei ausgrenzen, auch die Freiheitlichen nicht, so Generalsekretär Reinhold Lopatka.
Noch halten Beobachter in Wien eine Liaison der ÖVP mit dem Rechtspopulis-ten Strache für undenkbar. Doch Schüssel hat schon einmal durch politische Geschmeidigkeit verblüfft: als er vor fünf Jahren die Regierung bildete - mit Haiders FPÖ. MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 46/2005
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