23.08.1971

Rückzug in die Entziehung

Nennen wir ihn doch Joe, er ist kein Einzelfall, keine Einzelperson, es gibt ihn viele tausend Mal: GI Joe, amerikanischer Staatsbürger in Uniform, Menschenmaterial der Strategen, der kleine Mann in Krieg und Frieden, schließlich der Veteran. Joe ist Anfang zwanzig und ist in Vietnam gewesen und ist rauschgiftsüchtig.
"Ich hab mich auf "skag" (Heroin) eingelassen", sagt Joe, "vier Stunden nachdem ich in Nam angekommen war. Wir haben alle "Gras" geraucht, und einer von den Kumpels hat mir "skag" vorn in meinen Joint reingetan. Mann, ich wollte bloß raus aus Nam, und "skag" hat mich rausgebracht, wenigstens eine Weile."
"Eines Tages, als wir zu Fuß auf Patrouille mußten", sagt Joe, "wollte ich das Zeug mal nicht nehmen. Aber ich hab's nicht geschafft. Ich fing unterwegs an zu schwitzen und kriegte Schüttelfrost -- mit anderen Worten "the Joneses" (Entziehungssymptome). Und dann drehst du dich einfach um und machst es, egal wo, egal was du gerade zu tun hast. Du läßt einfach alles stehen und liegen und schnupfst das Zeug."
Solange er in Vietnam war, sagt Joe, hat er nicht groß darüber nachgedacht, was das heißt, ein Rauschgiftsüchtiger zu sein. "Es hat mich nicht beunruhigt -- erst auf dem langen Heimflug in die Vereinigten Staaten."
Dort erst, dann erst fängt das Elend an: "When Johnny comes marching home ..." Kein Hurra, keine Girlanden, keine Ehrenjungfrauen. Sondern "the Joneses". Und "dealer", die das Zehnfache verlangen für Stoff, der bloß ein Zwanzigstel der Wirkung von "skag" in Vietnam hat.
Er kam zu seinen Eltern und, sagte Joe, "ich war so weggetreten, ich konnte nicht mal mit ihnen reden. Ich entdeckte, daß mehrere meiner Freunde aus der Nachbarschaft wegen Einbruchdiebstahls im Gefängnis saßen. Und ich begriff, daß es mir genauso gehen würde, denn hier kostete mich das Rauschgift wenigstens 30 bis 50 Dollar pro Tag."
Wenn man es recht bedenke, schrieb der "Newsweek"-Kolumnist Stewart Alsop um die Jahresmitte, als ihn die Kunde erreichte, es gebe schätzungsweise 30 000 bis 40 000 heroinsüchtige US-Soldaten in Vietnam, "wenn man es recht bedenkt, dann ist dies der schlimmste Schrecken, den der Krieg hervorgebracht hat -- schlimmer noch als My Lai". Das mag sein. Denn diesem Schrecken macht auch der Rückzug kein Ende -- im Gegenteil.
So weit sind sie nämlich gar nicht auseinander, die Kampfzonen des vietnamesischen Urwalds und der Asphaltdschungel der städtischen Unterwelt in den USA -- nicht für Joe. Für ihn haben sie jetzt einen gemeinsamen Nenner: Heroin. In Vietnam hat ihn der Umgang mit der Gewalt zum Heroin getrieben, daheim treibt ihn das Heroin zum Umgang mit der Gewalt. Das ist der ganze Unterschied. Der Krieg geht zu Ende? Unsinn. Der Krieg dreht sich im Kreise.
Es sei denn, Amerikas Armee trete einen Rückzug an, den zweiten -- und zwar womöglich noch vor dem ersten: den Rückzug in die Entziehung. Der Befehl dazu ist ergangen.
Es ist dies wahrscheinlich der ungewöhnlichste und zugleich der dringlichste Marschbefehl, den je eine Armee auszuführen gehabt hat. Und so führt sie ihn auch aus: fassungslos und treu.
Tatsächlich hat diese Armee noch gar nicht richtig begriffen, was ihr da widerfährt. Kein Wunder: Rauschgift, gerade Opiate, hat es in Fernost immer reichlich gegeben, auch fremde Heere; noch nie aber sind Soldaten dort zu Tausenden Hamlets Überlegung anheimgefallen, daß "man sich selbst in Ruhestand setzen könnte mit einer Nadel bloß".
Die Militärs in Washington schieben das auf die zivile Gesellschaft und deren Drogen-Problem, von dem die Armee, als Teil der Gesellschaft, nicht zu isolieren sei. Die Militärs in Vietnam wiederum schieben es auf die Frustration einer Kampftruppe, die nur noch den Krieg überleben will, nebst der Langeweile.
Aber das alles kann kaum die Heroin-Epidemie erklären, die im Sommer 1970. bald nach der Laos-Invasion, unter Amerikas Vietnam-Kämpfern ausgebrochen ist. Auf einmal war das Zeug an jeder Straßenecke zu haben, 95 Prozent reines Heroin in Klarsichtpackungen, 150 Milligramm für 1,50 Dollar, so rein, daß man es rauchen und schnupfen kann, statt es zu "schießen" -- und nicht wenige GIs haben wahrhaftig geglaubt, nur vom "Schießen" werde man süchtig. Noch nicht einmal den bösen Vietcong-Feind kann man für die jähe Heroin-Schwemme verantwortlich machen, denn alle verfügbaren Anzeichen sprechen dafür, daß die Großhändler in diesem Geschäft eher bei den südvietnamesischen Waffenbrüdern zu suchen sind.
Zum zweiten hat auch die in demokratischen Traditionen wurzelnde amerikanische Armee eine ganze Weile zu der (im Grunde eben doch artfremden) Einsicht gebraucht, daß dem Drogen-Problem mit Maßnahmen militärischer Disziplinierung mitnichten beizukommen sei. Seit Anfang Juli dieses Jahres erst muß rauschgiftsüchtigen Soldaten, die sich als solche zu erkennen und den Sanitätern anheim geben, par ordre du Mufti Straffreiheit gewährt werden. Solange dieses Amnestie-Verfahren noch ins Belieben der Truppenteile gestellt war, haben mindestens die Mannes, die legendären "Ledernacken", ihre (vergleichsweise spärlichen) Süchtigen weiterhin eingebuchtet oder unehrenhaft entlassen.
Dabei ist Amnestie noch die mit Abstand am leichtesten zu realisierende Voraussetzung für eine sachgerechte und systematische Entziehung. Denn die Armee als Entziehungsanstalt der Nation -- das funktioniert sowieso nicht. kann gar nicht funktionieren, das ist so gut (oder so schlecht) wie Schnaps für Cholera. Aber es gibt nichts anderes. es muß funktionieren. Es ist die einzige. jedenfalls die letzte Möglichkeit.
Sonst nämlich steht zu befürchten, daß "durch die wellenförmige Ausbreitung, die in der Natur der Sache liegt, 75 000 Rauschgiftsüchtige aus Vietnam binnen eines Jahres weitere 250 000 bis 750 000 Rauschgiftsüchtige in den USA "produzieren2 werden" -- so Dr. Judianne Densen-Gerber, Direktorin des New Yorker "Odyssey House", einer zivilen Entziehungsanstalt mit langjähriger Erfahrung. Vater Staat, verlangt Dr. Densen-Gerber, "muß diese Männer festhalten -- sogar über das Ende ihres Wehrdienstes hinaus -, bis sie vollständig geheilt sind. Alles andere ist kriminelle Vernachlässigung."
Aber ist es nicht auch "kriminell", Soldaten, deren Dienstzeit abgelaufen ist, einfach nicht zu entlassen; ist es nicht auch "kriminell", die Namen solcher Soldaten. die bei Zwangsuntersuchungen als Süchtige ermittelt worden sind, zu protokollieren und womöglich weiterzugeben, beispielsweise an die Veterans Administration -- und die Kranken dann doch nicht heilen zu können?
Was die Armee tun kann -- und seit ein paar Wochen auch tut -, ist von Heilung allzu weit weg. Es ist dies: Jeder potentielle Vietnam-Heimkehrer wird vor dem Rücktransport zwangsweise einem neu entwickelten Urin-Test unterzogen, der (theoretisch) erweist, ob der Mann in den letzten drei Tagen Heroin genommen hat. Hat er, dann darf er noch nicht heim, sondern muß sich erst eine Woche lang "entgiften" lassen -- das heißt, er wird umgestellt auf Methadon, eine synthetische Droge, die zwar ebenso süchtig macht wie Heroin, aber immerhin die Entziehungsschmerzen beseitigt und eine gewisse Arbeitsfähigkeit (wenn schon nicht die Euphorie) wiederherstellt. So kehrt der Vietnam-Held heim. Und dann kommt erst die eigentliche Entziehung: 30 Tage unter der Observanz einschlägiger Abteilungen in den Hospitälern der Veterans Administration -- sofern vorhanden. Ende der Durchsage.
Die Fragwürdigkeiten beginnen spätestens bei der Urin-Analyse. "Ich habe einen Kumpel gesehen", erzählt Joe, "der hat drei Portionen Heroin geraucht während des Tests und ist glatt durchgekommen. Einen anderen, der seit drei Wochen runter war vom Heroin, haben sie dabehalten." Den Test-Maschinen zufolge sind nur 5,4 Prozent der 226 000 GIs in Vietnam süchtig; menschliche Beobachter halten die Zahl für doppelt so hoch.
Aber selbst wenn nur 10 000 Methadon-Abhängige heimkämen in den nächsten zwei Jahren -- die Veterans Administration kann maximal 6000 solcher Patienten jährlich behandeln, und auch das erst ab Mitte nächsten Jahres. Derzeit gibt es allenfalls 20 VA-Hospitäler in den USA, die auf Entziehung eingestellt sind. Stationär versorgt werden nur ganz schwere Fälle. unterernährte Fixer zum Beispiel oder solche mit einer "Nadel"-Hepatitis.
Im übrigen findet die Entziehung ambulant statt. Das heißt, die Methadon-Männer müssen sich die allmählich abnehmenden Dosierungen ihrer Drogen (und vielleicht ein bißchen psychiatrischen Zuspruch) 30 Tage lang an den Schuhsohlen ablaufen -- wenn sie nicht vorher ein Heroin-Händler wieder an den Haken nimmt, ein alter Kamerad vielleicht. Und das passiert nicht nur auf der Straße, das ist sogar auf den Stationen der Hospitäler schon passiert.
Manche freilich schaffen es, kommen durch, enden nicht am Haken. Zum Beispiel Joe aus Rowell, einer kleinen Stadt in New Mexico. der "sauber" heimkam -- und seine Frau rauschgiftsüchtig fand.
Oder Joe aus Dorchester, Massachusetts. Er ist arbeitslos, und meistens steht er, mit anderen Veteranen, an denselben Ecken herum, von denen ihn schon vor vier Jahren die Polizei verscheucht hat.
Neulich kam wieder so ein Polizist und sagte: "Weitergehen!" Joe blieb stehen. "Wohin?" fragte er. "Irgendwohin", sagte der Polizist, "warum tut ihr Brüder nicht mal was Nützliches -- zum Beispiel Soldat werden?" Joe lachte laut und wandte sich weg.

DER SPIEGEL 35/1971
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