16.08.1971

Bild vom Besiegten

In den Endkämpfen drängten sich Deutsche. Bei den Europameisterschaften der Leichtathleten probten DDR-Athleten und Bundessportler den olympischen Ernstfall.
Am Ziel des letzten Zehnkampf-Wettbewerbs -- dem 1500-Meter-Lauf -kollabierte Joachim Kirst aus Potsdam noch auf der Bahn -- als Sieger.
Sein aussichtsreichster Widersacher bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in der vergangenen Woche, Kurt Bendlin aus der Bundesrepublik. war verpflastert und bandagiert gestartet. Nach neun Übungen zwang ihn ein Bandscheibenschaden mit Lendenstrecksteife zur Aufgabe.
Im Zehnkampf bis zur Erschöpfung spitzte sich der vorolympische Prestigekampf der DDR gegen die Bundesrepublik zu: ein Modell für das Muskelmessen 1972 in München.
Vor den allgegenwärtigen TV-Kameras übten die deutschen Rivalen der vordersten Athletenfront scheinbar Sportkameradschaft: Schulterklopfen, Händedruck. Lächeln -- wie es die Verhaltensmuster für Fairplay fordern.
Doch schon vor dem Aufmarsch in Helsinki erbat die DDR-Delegation ein anderes Quartier im olympischen Dorf von Otaniemi. Sie mochte nicht im Haus mit den Bundesdeutschen unter einem Dach schlafen.
Bei der Eröffnungsfeier flatterte die Fahne mit dem Hammer-und-Zirkel-Emblem gen Westen, die schwarz-rotgoldene ohne Aufdruck in Richtung Osten. Bundesdeutsche Protokoll-Amateure schätzten, daß die DDR-Fahne wenigstens zwei Quadratmeter großzügiger geschnitten war -- den Erfolgen auch durchaus angemessen.
"Warum stehen Sie nicht auf". raunzte ein DDR-Journalist, als für einen Landsmann die Becher-Hymne zur Siegerehrung tönte. Der gerügte westdeutsche Journalist hämmerte verbissen auf die Tasten seiner Schreibmaschine und murrte zurück: "Ich steh" doch nicht für jeden Dreck auf." So entlädt sich die in den Sport um- und fehlgeleitete Ideologie.
Da geraten die Grenzgänger zuerst ins Gedränge. Seit er sich vor vier Jahren aus der DDR abgesetzt hat, verfolgen die DDR-Funktionäre den Weltrekordler Jürgen May wie einen Verräter. Seither blieb er Spitzenleistungen bei internationalen Wettkämpfen auch schuldig. Bei den Europameisterschaften 1969 in Athen, weil es den Ost-Berliner Politruks gelang, den Republikflüchtling vom Startblock fernzuhalten. Aus Solidarität verzichtete damals die Bundesmannschaft auf ihren Start. Doch dann unterblieben May-Demonstrationen. 1970 hätte er im Europa-Finale starten dürfen -- doch der May kam nicht. Er unterzog sich statt dessen einer Zahnbehandlung.
Im Training für Helsinki prallte er gegen einen Hindernisbalken. Die Verletzung stellte seinen Start im 3000-Meter-Hindernislauf infrage und weckte wieder den Verdacht. May drücke sich.
Fortsetzung im Psychodrama May: Im ersten offiziellen Statement eines Athleten in der deutschen Leichtathletik-Geschichte ließ er mitteilen: "Ich fühle mich voll zur Mannschaft gehörig." Aber umgekehrt fühlte sich nur noch ein Teil der Bundesequipe mit ihm solidarisch. "May muß starten, wenn er ein bißchen von seiner Reputation retten will", bekräftigte Mannschaftsarzt Dr. Landgraf. Ein DDR-Trainer trutzte: "Gegen May wird kein DDR-Athlet mehr antreten." Wirklich fehlte im DDR-Kollektiv ein Hindernisläufer.
May ging zwar an den Start -- doch 250 Meter vor dem Ziel gab er in seinem Vorlauf auf.
Die DDR-Athleten mieden in Helsinki aber auch bundesdeutsche Späher. Eine neunköpfige Beobachtergruppe des Ausschusses zur Förderung des Leistungssports sollte die Trainingsbräuche der Konkurrenz ausforschen. Sobald die Bundesdeutschen mit ihrem Videorecorder erschienen, brachen die Athleten aus der DDR ihr Training ab.
So blieb den Athletik-Forschern nur übrig, DDR -Sportler beim Aufwärmen und im Wettkampf aufzuzeichnen. "Festzustellen, ob sie sich mit einem Finger der Wurfhand in der Nase bohren", wie der Düsseldorfer Leichtathletik-Experte Gustav Schwenk monierte.
Auch ohne offizielle Beobachter fiel die größere Wirksamkeit des DDR-Systems ins Auge. Die Talente und Spitzenathleten im Arbeiter-und-Bauern-Staat genießen bei ihrer Vorbereitung optimale Bedingungen. Kundige Programmierer dosieren ihre Starts. Um keine übertriebenen Erwartungen zu wecken, verhehlten die Funktionäre Ergebnisse von Testwettkämpfen sogar der Öffentlichkeit. Aber Barprämien bringt der Weihnachtsmann, wie DDR-Kämpfer den Geldboten ihres Verbandes nennen, erst nach Erfolgen. Anders in der Bundesrepublik: An Olympia-Kandidaten überweist die Sporthilfe monatlich im voraus -- wie eine Rentenkasse. Und so starteten, stolperten und scheiterten einige -- wie schon bei Olympia in Mexiko.
Die meisten Experten hatten etwa als Weitsprung-Sieger einen der beiden bundesdeutschen Achtmeter-Springer erwartet. Aber länger als vier Wochen hatte Hans Baumgartner keinen Wettkampf mehr bestritten. Er scheiterte in Helsinki schon an der Qualifikations-Leistung von 7,70 Meter. Europarekordler Josef Schwarz -- länger als drei Wochen ohne ernste Prüfung -- blieb im nachfolgenden Vorkampf stecken: mit 7,50 Meter. Der Favoritensturz begünstigte den DDR-Springer Max Klauss. Er siegte als Außenseiter.
Im 800-Meter-Rennen nützte die Jugoslawin Vera Nikolic den deutschen Wettlauf um Reputation. Die Mitfavoritinnen Gunhild Hoffmeister aus der DDR und die Weltrekordlerin Hildegard Falck aus Wolfsburg verhakelten sich gegenseitig im Positionskampf, stürzten und schieden aus.
In den meisten Wettkämpfen drängten die doppelten Deutschen (je drei aus Ost und West waren startberechtigt) bei ihrem Konkurrenzkampf Teilnehmer aus den übrigen Ländern von den Medaillen-Rängen.
Im 200-Meter-Rennen ließen fünf Sprinterinnen aus der DDR und der BRD sogar nur drei Endkampfplätze übrig. Im 100-Meter-Sprint siegte Renate Stecher aus der DDR vor den drei bundesdeutschen Teilnehmerinnen: Auch die Medaillen für den 400-Meter-Lauf teilten sich deutsche Läuferinnen.
Im Zehnkampf bestätigten die deutschen von hüben und drüben ihre Vormachtstellung. Obwohl Europarekordler Bendlin beim Speerwurf ausgeschieden war, erkämpften die restlichen beiden Bundesdeutschen hinter dem DDR-Sieger Kirst und dem Schweden Hedmark den dritten und vierten Platz.
Bendlin erhielt von seinem Rivalen Kirst unerwarteten Besuch. Der DDR-Star erschien allerdings nicht zum Fachsimpeln, sondern von Berufs wegen: Profi-Photograph Kirst knipste den Unterlegenen für die Ost-Berliner Agentur Zentralbild.

DER SPIEGEL 34/1971
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