13.09.1971

„Warum tut Bonn so wenig für uns?“

Die Behörden in Santiago schätzen ihre Zahl auf rund 30 000, in der Statistik stellen sie knapp fünf Prozent der Berufstätigen -- aber seit der Marxist Allende Präsident von Chile ist, wurde eine bisher unauffällige Minderheit zum Politikum: die Deutsch-Chilenen.
Im Büro des Präsidenten geht seit Monaten aus ganz Chile, mehr noch aus der Bundesrepublik, eine Flut von Petitionen, Bittschriften oder Drohbriefen ein, die deutschstämmigen Landbesitzer doch ja von der chilenischen Landreform auszulassen. Hamburgs Bürgerzeitung "Die Welt" empfahl aus der Ferne handelspolitische Sanktionen.
Als selbst die Bundesregierung vorsichtig gegen die widerrechtliche Indianer-Besetzung einer Deutschen-Hazienda intervenierte, explodierte der Präsident: "Was sich die Deutschen wohl denken. Die Betroffenen der Landreform sind Chilenen wie alle anderen und unterliegen dem gleichen Gesetz."
Deutsch-stämmige Großgrundbesitzer im chilenischen Süden führen zur Zeit einen verspäteten Indianerkrieg gegen landlose Mapuches, die auf die fetten Weiden der Patrones stürmen -- Revanche für alemannische Tüchtigkeit in hundert Jahren Siedlungsgeschichte.
Die spanischen Eroberer Chiles hatten Mitte des 19. Jahrhunderts die deutschen Siedler vor allem deshalb ins Land geholt, weil der Süden gegen die kampfstarken Indianerstämme der Mapuches schwer zu verteidigen war.
Bis heute hält sich in deutsch-chilenischen Zirkeln hartnäckig die Legende, daß die ersten 30 deutschen Familien, die in Hamburg an Bord eines Chile-
* Sommerfest der deutschen Oberschule in Temuco.
Seglers gingen, die "nach Freiheit dürstenden" Demokraten der mißglückten Revolution von 1848 gewesen seien.
Glaubhafter ist, daß sie Reichtum und billiges Land suchten. Doch sehr behaglich war es für die Pioniere, die vor allem im Stammland der Mapuches, zwischen Temuco und dem heutigen Hafen Puerto Montt siedelten, sicher nicht. Die um ihre Weideflächen gebrachten Indios wehrten sich gegen die weißen Männer.
Der Abenteurer Bernhard E. Philippi aus Berlin, der die deutschen Siedler angeworben hatte, wurde Statthalter in Magallanes. Eines Tages wollte er den Streit von zwei Häuptlingen schlichten und wurde -- so die Legende -- die Hauptmahlzeit des Versöhnungs-Festes. Nur zwei Uniformknöpfe und eine Epaulette fanden sich wieder.
Mit Fleiß und Sparsamkeit -- von den eher geschäftstüchtigen Ibero-Einwanderern gelegentlich milde belächelt -- vergrößerten die Chile-Deutschen ihren Besitz. Heute gibt es 1500 deutschstämmige Großgrundbesitzer, ein Drittel gehört zu den Millionären.
Sie haben wenig gemeinsam mit den cleveren Nachkriegs-Millionären aus der Bundesrepublik, die sich vom Landkauf in Chile eine günstige Geldanlage und ein sicheres Refugium bei europäischen Katastrophen erhofften. Die meisten der Fabrikanten, Bankiers und Groß-Aktionäre vom Rhein haben ihren billig erworbenen Boden in Chile nie gesehen und ließen die Guts-Provinzen im Kolonialstil verwalten. Ihre Enteignung ist beschlossene Sache.
Nur zu bescheidenem Wohlstand hat es Lothar Sommer auf dem Fundo "Nassa" gebracht. Weil ihm der Weizenpreis zu niedrig war, hatte Sommer seinen Betrieb auf extensive Milchwirtschaft umgestellt: 800 Milchkühe auf 800 Hektar Weideland; gemolken wurde nur im Sommer. Als der Landrat -- bemüht, die Arbeitslosenquote zu drücken -- ihn aufforderte, zu seinen neun Arbeitern drei mehr einzustellen, weigerte sich der Landmann.
Wenige Tage Tage später besetzten seine eigenen Campesinos den Betrieb. Sommer verstand die Welt nicht mehr: "Wir Deutschen haben dieses Land doch erst hochgebracht, die Faulenzer werden es verrotten lassen."
Anderer Ansicht ist der vom Staat auf dem Gut eingesetzte Treuhänder Erich Oettinger -- auch er stammt aus deutscher Familie: "Die Leute haben sich einen Vorstand gewählt, sechs Arbeiter mehr eingestellt und bauen jetzt Zuckerrüben, Hafer, Kartoffeln, Weizen und Raps an. Gemolken wird jetzt auch im Winter."
Bauer Sommer, der nach dem Agrargesetz sein Land bis auf 108 Hektar ohnehin verloren hätte, wird gegen die wilde Landnahme klagen -- über vier Instanzen. Das kann lange dauern. Vorwürfe macht er vor allem der Bundesrepublik: "Warum tut Bonn so wenig für uns Deutsche?"
Die meisten Chiledeutschen, seit vier, fünf Generationen im Land, haben spanische Vornamen und einen chilenischen Paß und waren in der Mehrzahl nie in dem Land, auf das sie sich berufen. Aber sie nennen sich Deutsche.
Mehr noch als andere Auslandsdeutsche webt die chilenische Kolonie an einem Fahnentuch, das in Wirklichkeit nie existierte: die stolze deutsche Flagge über einem starken Reich, bestehend aus Mutterland und Kolonien, der heilen Welt ihrer Träume.
Die meisten waren stramme Deutschnationale bis lange nach dem Ersten Weltkrieg. Ab 1933 waren sie ebenso stramme Nazis, obgleich sie die vom Führer hergeschickten Parteifunktionäre als Zugereiste nicht mochten. Noch im Mai 1945 -- in Deutschland war der Spuk vorbei -- marschierte die Auslands-SA unter der Hakenkreuzfahne zum Parteitag nach Valdivia.
Vor vier Jahren hielt der Vorsitzende der deutsch-chilenischen Burschenschaft "Araucania" eine Festrede: "Das eigentlich Typische, gleichsam das Urphänomen unserer Welt als Chilenen deutscher Zunge, ist doch wohl das Bewahrende -- das Bewahrende eines So-Seins."
Am Bergsee mit dem indianischen Namen Llanquihue sieht es noch heute wie früher im Schwarzwald aus -- altdeutsche Häuser und Kirchen. Da gibt es noch die sonntäglichen Treffen mit Volkstanz und Kaffee und Kuchen. Die Dörfler haben ihre Klubs der Jünglinge und barmherzige Vereine, die gelegentlich für die Armen sammeln -- aber Verständnis für die chilenische Revolution ist bei ihnen kaum zu erwarten.
Eine "sehr konservative Grundstimmung" bescheinigt ihr Direktor auch der deutschen Oberschule in Valdivia, in Glasbeton nach dem Erdbeben 1960 von der Bundesrepublik gebaut und finanziert. Aber die 600 Schüler wählten die fortschrittliche Tochter eines jugoslawischen Professors zur Präsidentin der Mitverwaltung. Oberschüler pinselten im Wahlkampf auf das Denkmal des Simón Bolivar den Namen Allende.
Der deutschstämmige Großgrundbesitzer Germán Becker ist seit acht Jahren Alcalde (Bürgermeister) von Temuco. Er ist selbst bei den Ärmsten populär, weil er in der langweiligen Provinz ein großzügiges Fußballstadion bauen ließ. Als Mitglied der rechten Nationalpartei organisierte er den Wahlkampf für den Allende-Gegner Allessandri -- jetzt wartet er auf seine Enteignung.
Auf der anderen Seite, auf der auch viele integrierte deutschstämmige Chilenen zu finden sind, steht Alfredo Fuchslocher, 35, in den Augen der Kolonie das schwarze Schaf einer ihrer ältesten Familien. Fuchslocher, der am liebsten in Guerrillero-Montur auftritt, ist Tierarzt von Beruf und seit vielen Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei. Drei Jahre hat er bei Castro auf Kuba gearbeitet, ein Jahr in Mecklenburg die DDR-Landwirtschaft studiert.
Präsident Allende hat den jungen Roten zum Landrat der Agrar-Provinz Llanquihue gemacht. Wie Chiles Landwirtschaft nach der Agrarreform einmal aussehen soll, davon hat der Genosse sehr genaue Vorstellungen. Fuchslocher zum SPIEGEL: "Das beste Modell ist die LPG der DDR."

DER SPIEGEL 38/1971
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