13.09.1971

Abdruck vom inneren Menschen

Leute, die er kennt und mag, wickelt der amerikanische Bildhauer George Segal in gipsgetränkte Bandagen ein, um ihre „unbewußte Gestik“ abzuformen. Die Menschen-Faksimiles setzt er dann gern an Theken und vor Fernsehapparate -- eine bedeutende Spielart moderner Plastik. Eine Segal-Ausstellung wird in Zürich gezeigt.
Eine Schar rauher, bleicher Gesellen macht sich auf internationalen Kunst-Schauplätzen breit. Sie hocken in Lehnstühlen, ruhen auf Betten, scheinen im Stehen, Gehen oder Tanzen erstarrt -- verkrustet wie nach einem Moorbad, doch weiß wie Kreide.
Das ist die Figurenwelt des amerikanischen Bildhauers George Segal, 46, der die moderne Kunst um eine merkwürdige Spielart bereichert hat: Seit gut zehn Jahren verewigt er reale Mitmenschen im unbemalten Gips-Abklatsch.
Die lebenswahren und zugleich verfremdeten Werke sind als Haupt-Beispiele zeitgenössischer Plastik anerkannt. Längst bilden die Gips-Geschöpfe auch in deutschen Museen -- etwa in Darmstadt, Hamburg, Köln, Stuttgart, Wuppertal -- eine erwünschte Statisten, und Sammler verlangen so dringlich nach ihnen, daß ältere Stücke nicht einmal mehr beim Künstler selbst zu haben sind. Eine erste große Segal-Ausstellung in Europa -- sie wurde kürzlich vom Kunsthaus Zürich eröffnet und geht noch in fünf weitere, teils deutsche Städte -- beschränkt sich denn auch auf die Produktion seit 1968.
Zwei Nummern dieser Auswahl, Selbstporträts, geben speziellen Aufschluß; sie illustrieren Segals Arbeitsweise. Da wird einmal der "Künstler in seinem Atelier" mit einer Aktstudie am Zeichentisch vorgeführt, daneben ein Paar auf der Matratze; ein zweiter Gips-Segal setzt eben den Kopf auf einen Frauentorso.
Aus Fragmenten montiert sind tatsächlich alle Segal-Skulpturen. Auf seiner Farm in North Brunswick nahe New York, wo er einmal Hühner gezüchtet hat, wendet der Metzgersohn und einstige abstrakte Maler ein schwieriges Produktionsverfahren an, das mehrere Etappen erfordert.
Segal nimmt seine Formen direkt vom nackten oder bekleideten Modell. das -- durch Vaseline oder eine Folie partiell geschützt -- mit gipsgetränkten Bandagen eng umwickelt wird. Um aber das Modell, das nur die Nasenlöcher in allen Stadien freibehält, nicht umzubringen wie unter Goldfingers Hautanstrich und auch nicht unnötig durch stundenlanges starres Posieren zu ermüden, mumifiziert er abschnittsweise. So kann er überdies den rasch trocknenden Panzer besser auftrennen und konservieren.
Diese zumal für das Modell beschwerliche Prozedur (Segal: "Vielleicht bin ich ein Sadist") mutet der freundliche Künstler nur solchen Leuten zu, die er kennt und schätzt. Sie erscheint ihm lohnend, weil er in den Gipshüllen eine "private" oder "unbewußte Gestik" abgedrückt findet, die ihm den "inneren Zustand des Menschen" enthüllt und die er auch auf seinen Zeichnungen festzuhalten sucht. "Die Versuchspersonen", frohlockt er, "befinden sich in einer so unbehaglichen Lage, daß sie sich nicht verstellen können."
Dennoch sind Segal-Skulpturen mehr als mechanisch erzeugte Wirklichkeitsfaksimiles. Der Plastiker hat keineswegs nur den Einfall zur jeweiligen Pose, er nimmt auch oft am noch flexiblen Abdruck Veränderungen vor, und er überarbeitet vor allem "jeden einzelnen Quadratzentimeter" der Oberfläche.
Das ermöglicht ihm diskrete, doch überzeugende Effekte. So modelliert er etwa zwischen Fäden und Falten sichtbar gebliebener Bandagen, neben grob mit Gips bestrichenen und bekleckerten Partien überraschend klar den Mund eines Mädchens heraus, fast wie bei klassischen Skulpturen.
Ohnehin hat Segals Werk, das im Umkreis der New Yorker Pop-Maler entstanden ist und daher meistens fälschlich zur Pop Art gerechnet wird, mit historischer Bildhauerkunst mancherlei gemein: psychologische Aspekte, Probleme der Gewichtsverteilung und auch das abstrahierende (quasi Marmor-) Weiß. Der nun in Zürich gezeigte "Mann im Stuhl", das Abbild des deutschbürtigen Kunsthistorikers Helmut von Erffa, erinnert sogar in Physiognomie und Ausdruck an Porträtbüsten der Renaissance.
Isolierte "Porträts" wie dieses sind allerdings bei Segal selten. Gewöhnlich ordnet er seine Figuren in Gruppen an, gibt ihnen Requisiten bei oder richtet komplette Räume (wie das "Künstler-Atelier") für sie ein, die ihre Gestik erläutern und in Zusammenhänge bringen. Zugleich wird damit der Betrachter aufgefordert, im Gipsfigurenkabinett umherzuwandeln und die Plastiken allseitig zu inspizieren.
Segal schildert Leute in alltäglichen und exklusiven oder selbst literarischen Situationen: einen Gast an der Wirtshaustheke, ein Liebespaar im Treppenhaus, einen Busfahrer am Steuer, eine Rock'n'Roll-Combo, Frauen beim Ringelreihen und bei der Toilette, seinen Kunsthändler Sidney Janis mit einem echten Mondrian-Gemälde und die biblischen Töchter Lots beim Inzest mit ihrem Vater.
Ähnlich wie sein aggressiv satirischer Landsmann Edward Kienholz inszeniert Segal seine Tableaux mit Panoptikums-Akribie und verschmäht auch akustische Effekte nicht. Wenn er, wie jetzt in Zürich, eine "Alice, ihre Gedichte und Musik hörend" präsentiert, so läßt er dazu ein Transistorradio laufen. Auch das Fernsehgerät, vor dem ein Jüngling in der "Bar" sitzt, soll wirklich spielen
-- eine Schwierigkeit für die Kunsthaus-Manager, die mangels eines durchgehenden TV-Programms wie in den USA nun den Publikumsverkehr aus der Eingangshalle des Museums übertragen lassen.
Vom Realismus freilich hat der Künstler nun auch den Schritt zum Illusionismus getan. Mehrere seiner neuesten Figuren stehen vor bunten Leuchttafeln, die perspektivische Tiefe suggerieren: einen "Blick aus der Vogelschau" zum Beispiel oder die Sexfilm-Leuchtreklamen vom "Times Square bei Nacht". Damit bringt Segal höchst dekorative Wirkungen hervor, gibt aber die Konsequenz seiner Körper- und Raumkunst auf.
Solche Stadt- und Nacht-Environments indessen sind nur eine von vielen Möglichkeiten des Segalschen Gipsfigurentheaters, und die hält der Künstler für vorerst unerschöpflich. Außerdem weiß er noch einen praktischen Grund, bei seiner Methode und seinem Material zu bleiben:
Gips, sagt er, ist unschädlich -- ganz anders als jene "Kunststoffe mit ihren giftigen Dämpfen, die meine Freunde verwenden, so daß sie leberkrank werden und ich sie dann ins Spital schaffen muß".

DER SPIEGEL 38/1971
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