21.06.1971

HAUPTVERSAMMLUNGWild gebrüllt

Auf westdeutschen Hauptversammlungen formiert sich eine neue Opposition: Studenten und Jung-Akademiker protestierten bei der AEG gegen das Cabora-Bassa-Geschäft des Konzerns.
Der Kleinaktionär erheischte von den Herren am Vorstandstisch Auskunft zum Geschäftsbericht: "Bei dem wievielten erschossenen Techniker hört für Sie das Geschäft auf?" Tumult war die Antwort, Zwischenrufe ertönten: "Saubande", "Dreckspack". "Wo der wohl sein Geld für die AEG-Aktien her hat!"
Die Zurufe kennzeichneten einen neuen Typus Industrie-Hauptversammlungen, der am Mittwoch letzter Woche bei dem Jahrestreffen der AEG-Aktionäre in der Berliner Kongreßhalle zutage trat -- politische Anklagen zur Geschäftspolitik in der Dritten Welt, Transparent-Aktionen über den Häuptern von Bossen und Bankern, Verteilung von Steckbriefen an Aktionäre: "Gesucht wegen Beihilfe zum Mord. Beschreibung des Täters: AEG-Telefunken."
Inszeniert hatte das Tribunal eine Gruppe von Studenten und jungen Akademikern. die erstmals in der Geschichte deutscher Hauptversammlungen politische Rechenschaft vom Management forderte. Anlaß der Demonstration: die Beteiligung des AEG-Konzerns am Bau des Staudamms Cabora Bassa in der portugiesischen Kolonie Mocambique.
Der von Portugal in Auftrag gegebene Staudamm-Bau am Sambesi dient als kolonialistisches Großprojekt für die portugiesischen Siedler in Mocambique. Am Auftragsvolumen von insgesamt 1,7 Milliarden Mark sind die westdeutschen Firmen AEG-Telefunken. Siemens, BBC, Hochtief und Voith mit 680 Millionen Mark beteiligt.
Gegen den Bau dieses größten afrikanischen Staudamm-Projektes hatte sich bereits nach der ersten öffentlichen Ausschreibung 1968 weltweiter Protest formiert: Die Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) geißelte den Cabora-Damm als industrielles Machtmittel der portugiesischen Kolonialherren zur weiteren Unterdrückung der Neger. Ein Ausschuß der Uno-Vollversammlung verurteilte das Stauprojekt" da aus ihm auch das benachbarte Südafrika Strom beziehen will. Der Weltkirchenrat stellte für die Guerilla-Bewegung in Mocambique 55 000 Mark zur Verfügung. In Schweden, Holland, England und in der Schweiz demonstrierten Gewerkschaftler und Wissenschaftler.
Die Debatte auf der AEG -Hauptversammlung in Berlin begann, als der Göttinger Student Dieter Rottmann ("Aktionär der AEG seit Geburt") sich zu Wort meldete und kritisierte, daß im Geschäftsbericht des Konzerns "zwar Angaben über die elektrische Ausrüstung der Schleuse in Uelzen zu finden sind, aber kein einziges Wort über Cabora Bassa".
Als der nächste Redner. der Arzt Wolff Geisler, der die Göttinger Hochschulvereinigung "Gruppe für internationale Zusammenarbeit" leitet, Auskunft über die politischen Vorstellungen des AEG-Vorstandes zu diesem Projekt verlangte, artikulierte sich lautstark deutsche Aktionärs-Mentalität: Zwischenrufe wie "Moskauer Spion", "Arschloch", "Raus" schnitten dem Mediziner das Wort ab. Zuvor hatte er mit Freunden ein Plakat verfaßt, auf dem er die AEG zusammen mit anderen deutschen Konzernen der "Begünstigung von völkerrechtswidriger Kolonialherrschaft" anklagte.
Kurt Fiebich, bislang wortführender Opponent auf fast allen westdeutschen Hauptversammlungen, sah sich unversehens aus seiner angestammten Rolle gedrängt. Angesichts dieser neuartigen, politisch motivierten Opposition übermannte ihn Solidarität mit dem Management: "Die Leute sollten mal ein bißchen in den Büros arbeiten", so Fiebich, "und nicht nur Karl Marx lesen." Starker Applaus belohnte ihn.
Auch der Gewohnheits-Opponent Erich Nold aus Darmstadt durfte diesmal eine Stunde reden, ohne daß ihm -- wie sonst oft üblich -- die Vortragszeit beschnitten wurde. Laute Unruhe kam erst wieder auf, als ein weiterer Vertreter der Protestaktionäre, der Assistenz-Professor an der Freien Universität Berlin und Afrika-Experte Rainer Tetzlaff, ans Mikrophon trat und Rechenschaft forderte: "Glauben Sie, daß Sie die Mehrheit Ihrer Aktionäre hinter sich hätten, wenn Sie Ihnen die Frage vorlegen würden, ob AEG-Telefunken in einem Land bauen soll, in welchem seit sieben Jahren ein grausamer Kolonialkrieg geführt wird?"
Tetzlaff wollte seine Fragen gerade begründen ("Von einer siebenmonatigen Studienreise ins südliche Afrika gerade zurückkommend ..."), da unterbrach ihn -- angefeuert von wild dazwischenbrüllenden Aktionären -- Aufsichtsratschef Hans Bühler und forderte ihn auf, sich an die Tagesordnung zu halten: "Sie sind hier auf der Hauptversammlung eines Unternehmens und nicht in einem politischen Gremium" Als Tetzlaff mit der Frage fortfuhr: "Warum werden heute in Mocambique und Angola Hunderttausende von Afrikanern in bewachte Umerziehungs- und Konzentrationslager zwangsumgesiedelt?", schnitt ihm Bühler das Wort ab: "Sie verlassen bitte sofort den Saal." Dem Professor wurde das Mikrophon abgeschaltet.
Da Tetzlaff aber das Podium nicht räumte, rief AR-Chef Bühler die Polizei. Vom Rang rief ein gepflegter älterer Herr mit weißem Haar. "Den könnte ich glatt umbringen." Studenten entrollten Transparente: "Raus aus Mosambique". "AEG investiert im Kriegsgebiet".
Am Vorstandstisch kam es zu Rangeleien zwischen Protestanten und AEG-Angestellten, als der Arzt Rainer Müller versuchte, Flugblätter zu verteilen: "Nachtrag zum Geschäftsbericht" -- Bilder. auf denen portugiesische Soldaten einen afrikanischen Guerilla enthaupten. Tetzlaff wurde derweil abgeführt.
Die Demonstranten auf der Jahresversammlung des Elektrokonzerns gehörten überwiegend dem "Deutschen Komitee für Angola. Guinea-Bissao und Mocambique" an -- einer politischen Gruppierung gegen den portugiesischen Kolonialismus in Afrika, die vor zwei Wochen unter anderem von Bundestagsabgeordneten, Bonner Ministerialbeamten, Wissenschaftlern und Theologen gegründet wurde. Für das Aktionärstreffen der AEG hatten sich etwa 20 ihrer Mitglieder und Sympathisanten "Friedens-Aktien" (Verbandsslogan) gekauft, um das Unternehmen zum Disengagement in den Lissaboner Kolonien zu zwingen. Der Berliner Arzt Müller nannte den Zweck seines Aktienkaufes (Kurswert einer AEG-Aktie: 169 Mark): "die Freiräume der Demokratie ausnutzen".
Bereits am 25. März hatte der Göttinger Geisler auf der Siemens-Hauptversammlung in München Aktien zum Protest gegen das Cabora-Bassa-Geschäft eingesetzt: In aktionärsgerechten Formulierungen hatte er noch an eine "vorausschauende Geschäftsleitung" appelliert, die "politische Brisanz" des Staudamm-Projektes nicht zu übersehen: "Eine Aufbürdung des Risikos für ein Projekt, das zur erklärten Zielscheibe der OAU wird, ist dem Aktionär nicht zuzumuten." Konzern-Chef Gert Tacke antwortete: "Siemens-Ingenieure leisten für die Entwicklung dieser Länder mehr als die Ideologen, die hier dummes Zeug reden." Da klatschten sogar Journalisten -- freilich bayrische.
Auf den kommenden Hauptversammlungen der Baufirma Hochtief in Essen und des Elektrounternehmens BBC in Mannheim wollen die Kolonialismus-Gegner ihre Protestaktionen wiederholen. Heinz Dürrbeck, Vorstandsmitglied der IG Metall und AEG-Aufsichtsrat, wünschte den HV-Opponenten nach Beendigung der Berliner Debatte "viel Erfolg".
Ein AEG-Aktionär beim Verlassen der Kongreßhalle: "Da sehnt man sich direkt zurück nach den Zeiten mit Fiebich und Nold."

DER SPIEGEL 26/1971
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