21.06.1971

KUNSTDeutsche Werte

Der Berliner Graphiker KP Brehmer, der mit seiner Kunst eine „Visualisierung politischer Prozesse“ anstrebt, wird erstmals in einer großen Einzelausstellung vorgestellt.
Klaus-Peter ("KP") Brehmer, 32, hat "eine heimliche Sehnsucht". Er möchte gern "Funktionar sein".
Vor 15 Jahren war der Berliner Graphiker, Objekte- und Filmemacher aus dem Arbeiter-Bezirk Kreuzberg bei Besuchen in Ost-Berlin mit der marxistischen Theorie und Praxis in Berührung gekommen. in DDR-Museen hatte er die satirischen Lithographien von George Grosz und die klassenkämpferischen Photomontagen von John Heartfield kennengelernt. Und seither träumt KP Brehmer ("Das KP ist eine Art Widmung, aber ich bin kein Parteimitglied") davon, "im Auftrag einer breiten Masse mit ästhetischen Mitteln für eine sozialistische Veränderung der Gesellschaft zu wirken" --
Nun bietet der Hamburger Kunstverein dem bislang nur kleinen Sammler-Zirkeln vertrauten Künstler die Gelegenheit, vor einem größeren Publikum für den Sozialismus zu werben.
Eine repräsentative Einzel-Ausstellung mit 141 Objekten erlaubt erstmals Einblicke in Brehmers Kunst-Programm einer "Visualisierung realer, gesellschaftspolitischer Prozesse" --
Sichtbarmachen -- das bedeutet für Brehmer vor allem "Sichtagitation". Zwei Jahre lang agitierte der gelernte Repro-Techniker und Kunstakademie-Absolvent am liebsten mit Paraphrasen auf Postwertzeichen.
Um den Kunst-Sammlern zu beweisen. "daß ihr auch nicht besser seid als die Philatelisten", vervielfältigte er Briefmarken aus dem Nazi-Reich und aus der Bundesrepublik, aus China, Vietnam, den USA und aus der Sowjet-Union und stellte sie, stark vergrößert, in den progressiven Galerien aus: Simple 20-Pfennig-Marken der Deutschen Bundespost rückte er neben "Reichsarbeitsdienst" -Werte mit dem Tagesstempel "2 X täglich Zähneputzen", Bomber-Motive der NS-Post neben "blutrote" USA-Marken.
Einen aufgeblasenen Plastik-Sack (Katalog-Titel: "Deutsche Werte") bedruckte Brehmer mit Freimarken-Ansichten vom Kölner Dom, vom Brandenburger Tor und vom Hakenkreuz. Gegen die "Deutsche Kultur" polemisierte er mit einer Graphik-Montage aus Goethe-, Dürer- und Hitlermarken. Die amerikanische Ausbeutungspolitik schließlich attackierte der Repro-Künstler mit einer mannsgroßen Drucksache, auf der das US-Emblem, der Bundesadler, einen von Brehmer hinzugefügten Globus umkrallt.
Mit solchen ironischen und aggressiven "Trivialgraphiken wollte sich der Kunstproduzent aber nicht begnügen. Angeregt von amerikanischen Pop-Artisten, von Konsum-Werbung und besonders von der formstrengen geometrischen Malerei des sowjetischen Konstruktivisten El Lissitzky (1890 bis 1941), entwickelte Brehmer auch originellere Agitationsmittel.
Er drehte avantgardistische Kurzfilme ("Ma Ma", "Fernseh-Oper"). bastelte aus Illustrierten-Photos und Kaufhaus-Plunder Schaukästen und "Aktionsgraphiken". Mit nackten Pin-ups und fleischfarbenen Damen-Dessous stellte er die "zum sexuell ausgebeuteten Werbe-Objekt degradierte Frau" aus.
Die Motive für seine wirksamsten Kunst-Stücke jedoch fand Brehmer in Geschichtsbüchern, Sozialstatistiken und Landkarten. Um reaktionäre Gesinnung und kapitalistisches Unrecht kenntlich zu machen, ersann er eine mathematisch-akkurate, bisweilen skurrile "politische Farbensymbolik".
Als der Künstler beispielsweise im ARD- Fernsehtestbild die Konturen eines Hakenkreuzes entdeckte, druckte er vier dieser "Testkreuze" in verschiedenen Braun-Tönen auf eine Tafel und appellierte an den Betrachter. TV-Sendungen je nach "faschistischer Tendenz" auf einer "Braunwert"-Skala zu vermerken. Galerie-Besucher notierten daraufhin ein SFB-Programm zum 17. Juni neben das tiefbraune Feld, Kommentare von Matthias Walden neben den mittelbraunen Sektor.
Politischen Unterricht erteilt der Colorist überdies mit seinen "Farbmustertafeln". Auf vier mosaikartigen Graphiken veranschaulicht er, welche Machtgruppen von 1925 bis 1969 in Deutschland vorherrschten. Christdemokraten und Faschisten. Sozialisten, Liberal- und Sozialdemokraten ordnete er dabei jeweils Symbolfarben zu, die er dann -- nach einem wahlstatistisch berechneten Mengenverhältnis -- für die Drucker-Presse mischte.
Zur Illustration der amerikanischen Kapital-Expansion schließlich entnahm Brehmer dem SPIEGEL eine US-Karte über das "Investitionsklima" in Südamerika und färbte die "gefährlichen", nämlich yankeefeindlichen Länder Chile, Peru und Bolivien grellrot ein.
Diese Polemik gegen Kolonialismus, Konsum und Kapital gefiel sogar "Capital". Als das Wirtschafts-Magazin für die Rubrik "Kunst" eine Lithographie bei Brehmer bestellte, lieferte der Künstler sein frappantestes Protest-Werk. Er demonstrierte, am Beispiel der westdeutschen Bundesfarben, wie ungerecht das Volksvermögen in der Bundesrepublik verteilt ist: Die Graphik zeigt, neben einer riesigen Goldfläche (Großkapital), einen schmalen Schwarz-Streifen (Mittelstand) und einen haarfeinen roten Strich ("restliche Haushalte"). Beeindruckt von dieser "Korrektur der Nationalfarben", errechnete "Capital" für Brehmer-Werke einen "Wertzuwachs von 300 Prozent".
Markt-Spekulationen dieser Art freilich sind dem Graphiker, dessen Objekte inzwischen bis zu 5000 Mark kosten. eher unsympathisch. Er möchte seine Kunst lieber in Massen-Auflagen verbreiten, damit "meine Botschaft nicht durch Sammler unterdrückt wird".
Wie illusionär dieser Wunsch ist, hat KP Brehmer ("Es gibt keine Kommunikation zwischen Masse und Individuum") erst kürzlich wieder einsehen müssen: Nach der Sendung einer experimentalen Brehmer-TV-Show über "kritische Farbaktionen" beschmierten Mitbürger sein Auto mit "Scheiße".

DER SPIEGEL 26/1971
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