09.08.1971

MANAGEMENTSieg nach dem Bankrott

Die Firma Rolls-Royce, die Anfang des Jahres wegen schwerer Fehler ihres Managements Konkurs anmelden mußte, gewann jetzt eine hohe Manager-Auszeichnung.
Sieben Monate lang wetteiferten die Vertreter von 780 britischen Firmen um die "Silver Championship Rose Bow" -- einen Silberpokal, der seit 1970 jährlich für die beste Management-Leistung in Britanniens "Nationalem Unternehmens-Spiel vergeben wird. Vorletztes Wochenende ermittelte ein Computer den Sieger: ein Management-Team von Rolls-Royce -- jener Firma, die Anfang Februar wegen erwiesener Unfähigkeit ihrer Manager Konkurs anmelden mußte.
"Mit unserem Sieg", kommentierte Denis Thomas, 38, Spielführer des Rolls-Royce-Teams, das gute Abschneiden seiner Mannschaft, "haben wir bewiesen, daß unsere Firma doch noch nicht ganz down ist."
Als freilich Thomas, der in der Motorenabteilung des Triebwerkskonzerns das Rechnungswesen leitet, Anfang des Jahres die ersten Aufgaben des nationalen Manager-Wettstreits zu lösen begann, steckte Rolls-Royce in der größten Krise seiner Geschichte. Weil die Rolls-Royce-Manager die Entwicklungs- und Produktionskosten eines Düsentriebwerks für den Airbus "L1011" der amerikanischen Flugzeugfirma Lockheed falsch kalkuliert hatten, ging das renommierte Unternehmen in Konkurs und wurde anschließend verstaatlicht.
"Da war es für uns eine angenehme Abwechslung", erinnert sich nun Thomas, "nach Dienstschluß an dem Unternehmensspiel teilzunehmen."
In dem "National Management Game", das vom Verband britischer Wirtschaftsprüfer, dem Computerkonzern ICL und der Londoner Wirtschaftszeitung "Financial Times" veranstaltet wird, ermittelt die Spielleitung den Sieger nach dem K.-o.-System.
Die Teilnehmer werden in Gruppen von drei bis vier Teams zusammengefaßt und konkurrieren gegeneinander -- sowie gegen ein ökonomisches Modell, das in einem Computer gespeichert ist und die einzelnen Schachzüge der Spieler (wie etwa Preiserhöhungen, Investitionen für neue Fabrikgebäude, Ausgaben für Marketing oder Forschungsaufwendungen) bewertet.
Wer über eine Reihe von Perioden den höchsten Nettogewinn erzielt, kommt in die nächste Runde und darf weiterspielen. Die unterlegenen Teilnehmer scheiden aus.
In der nächsten Runde gelten für die Zwischensieger wieder die gleichen Startchancen: Jedes Team erhält einen imaginären Geldbetrag als Startkapital und hat ein imaginäres Verbrauchsgut (Preis: etwa 40 Pfund) zu verkaufen. Die Mannschaften haben dann zu entscheiden, zu welchem Preis genau sie ihr Produkt anbieten wollen und welchen "feil ihres Startkapitals sie für Forschung, Marketing oder den Ausbau ihrer Produktionskapazität ausgeben wollen.
Abgesehen davon, daß die Mannschaften weder die Marktstrategie der übrigen Mitbewerber noch das Bewertungsprogramm des Computers kennen, wird das Spiel, an dem sich führende britische Firmen beteiligen, noch durch eine Vielzahl verschiedener Märkte kompliziert: "Markt l" beispielsweise
* Zweiter von rechts: Rolls-Royce-Spielführer Denis Thomas.
ist der Heimatmarkt des Spieler-Teams A" "Markt 2" der des Teams B" "Markt 3" der des Teams C und "Markt 4" der des Teams D.
Jedes Team darf sein Produkt außer auf seinem Heimatmarkt auch auf den Märkten sämtlicher Konkurrenten anbieten und dabei Verkaufs-Preise und -Mengen beliebig variieren. Bietet er auf dem Heimatmarkt an, hat er den Vorteil niedrigerer Vertriebskosten. Gleiche Marketing- und Verkaufskosten für alle Mannschaften gelten hingegen auf einem "freien" (Export-)Markt, den die Konkurrenten ebenfalls in ihre Verkaufsstrategie einbeziehen können.
Als sich am vorletzten Wochenende die vier bestplacierten Management-Teams der Nation -- außer Rolls-Royce die angesehene Wirtschaftsprüfungsfirma Peat Marwick Mitchell, die Metallfirma Manganese Bronze Holdings und der Teppichproduzent Crossley Carpets -- im Londoner ICL-Hochhaus zur Schlußrunde trafen, gaben die Teilnehmer dem späteren Sieger Rolls-Royce nur wenig Chancen. Als Favorit hingegen galt das Team von Peat Marwick Mitchell.
Niemand in der Runde brauchte daran erinnert zu werden, daß einer der Partner von Peat und Kompagnons, Rupert Nicholson, die bankrotte Firma Rolls-Royce als Konkursverwalter und Manager übernommen hatte. Doch das Manager-Team des einst managerkranken Konzerns überraschte selbst die -r op-Leute des Rolls-Royce-Sanierers.
Denn anders als seine Konkurrenten, die durch extrem hohe oder niedrige Preise möglichst große Gewinne kassieren wollten, blieb Rolls-Royce-Spielführer Denis Thomas bei seiner festgelegten Marktpolitik.
"Wir begannen mit zunächst relativ hohen Preisen", erläuterte später Thomas seine Spieltaktik. "und senkten sie nach jeder Periode in dem Ausmaß, in dem wir durch den Ausbau unserer Fabrikanlagen und vernünftige Investitionen in Forschung und Entwicklung die Stückkosten unseres Produktes senken konnten."
Am Ende des siebenstündigen Manager-Turniers hatte Rolls-Royce einen Gewinn von 2,5 Millionen Pfund erzielt
etwa eine Million mehr als der nächstbeste Konkurrent, Crossley Carpets. Peat Marwick Mitchell aber, die Firma des Rolls-Royce-Verwesers Nicholson, landete mit nur 1,3 Millionen Pfund Gewinn auf dem dritten Platz.
Freute sich der Rolls-Royce-Konkursverwalter Rupert Nicholson über den Erfolg seines Spielteams: "Als ich die Vermögensverwaltung der bankrotten Firma übernahm, dachte ich, nur die Fabrikgebäude hätten noch einen Wert. Mit den offenbar vorhandenen Managerqualitäten hatte ich gar nicht mehr gerechnet."

DER SPIEGEL 33/1971
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