09.08.1971

Dieser sogenannte Menschheitstraum

Wir sind in der Lage, Apollo sei Dank, ein neues Gesetz der Weltraumfahrt aufzustellen, eines, von dem Newton nichts geahnt hat. Es lautet: Das Interesse an der bemannten Weltraumfahrt ist dem Erfolg derselben umgekehrt proportional. Oder laienhaft ausgedrückt: Je größer die Pannen, desto stärker das Interesse: je größer der Erfolg, desto schwächer das Interesse,
Ob die Mondmänner nun mit der fettlosen Bratpfanne winken, diesem begehrten Beiprodukt der Raumfahrttechnik. oder ob sie, wie Dave Scott von Apollo 15, unmittelbar nach Betreten des Mondes die Lektion aufsagen. die wir hier unten gefälligst lernen sollen: "Der Mensch muß forschen. Und dies hier ist Forschen in höchster Vollendung" -es hilft alles nichts: Daß Mondfahrt tut not. glaubt allenfalls noch die Nasa.
Fünfzehn von hundert Amerikanern glauben noch nicht einmal, daß ihre Landsleute überhaupt auf dem Mond gewesen sind, obwohl sie dies in der Television gesehen haben. Die restlichen 85 Prozent, und das ist schlimmer, haben sich unterdessen sattsam davon überzeugen lassen. daß der Mond wüst und leer ist, kein Platz für Menschen. Und wenn man schon (frei nach Wernher von Braun) die Erde mit Nürnberg und den Mond mit Fürth und das Apollo-Programm mit der ersten Eisenbahn vergleichen will, dann muß man auch den Zweifel zulassen, ob die erste Eisenbahn überhaupt losgefahren wäre, wenn Fürth so ausgesehen hätte wie der Mond.
Es erweist sich aufs neue, daß die Mondfahrt, dieser sogenannte Menschheitstraum, überhaupt nur als Wettlauf zu realisieren war, als politischer Prestigekampf, als nationaler Kraftakt der Weltmacht USA, veranstaltet unter dem Motto: "Let"s beat the Russians". Das hat Amerikas Steuerzahlern eingeleuchtet, Ende der fünfziger Jahre, als der Sputnik über ihren Köpfen kreiste: daß sie dann wohl ein paar Briketts nachlegen und noch vor den Russen auf dem Mond sein mußten. Nun haben sie es geschafft -- und nun ist der Fall für sie erledigt.
Wenn der Sputnik nicht gewesen wäre, wenn John F. Kennedy der Nation angesonnen hätte, 24 Milliarden Dollar mondwärts zu verballern, bloß um herauszufinden, wie alt genau der Trabant denn sei, dann müßten Amerikas Astronauten wohl heute noch auf die Chance warten, dies auszuforschen. Nun haben sie es offenbar ausgeforscht -- und nun will es eigentlich niemand so genau wissen.
Die Mondfahrt als Forschung -das ist (so sehr es zutreffen mag) schon deshalb nur schwer zu verkaufen, weil Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis mehr zueinander stehen. Denn daß die Mondsteine reden können, daß sie vielleicht sogar erzählen können, wie das Universum zustande gekommen ist, das verstehen doch nur ein paar Astronomen und ein paar Geologen. Und die wiederum verstehen wir gewöhnliche Sterbliche nicht.
Der Mond als Müllkippe --- das ließe sich verkaufen: "Macht kaputt. was euch kaputt macht! Schießt es auf den Mond!" Aber der Mond als Ausgrabungsort das wäre nur was, wenn da oben wirklich Diamanten gefunden worden wären.
Es ist an der Zeit, die Hoffnung zu begraben: Der Weltraum ist nicht unsere New Frontier, ist nicht der Raum, in dem die Menschheit über sich selbst hinauswächst. Da mögen neue Ufer sein, doch dahin lockt kein neuer Tag. Zwar wissen wir. daß die Erde im Grunde gar nichts anderes ist als ein Raumschiff im Universum und die Menschheit seine Besatzung -- aber eine kosmische Bewußtseinsbildung findet dennoch nicht statt. Jede irdische Utopie hat da bessere Chancen.
Deshalb ist uns die bemannte Raumfahrt auch so schnell langweilig geworden. Sie zeigt, daß Menschen imstande sind, selbst Träume Wahrheit werden zu lassen. Aber sie zeigt auch, was daraus folgt: nämlich gar nichts.
Die gewaltige Konzentration materieller und geistiger Kräfte, die den Mondschuß zuwege gebracht hat, ist offensichtlich nicht anwendbar auf die Probleme der Umweltverschmutzung, ist nicht wiederholbar zur Rettung der Flüchtlinge, die in Pakistan verhungern oder gemetzelt werden. Und in den Slums von New York sähe es kein Haar anders aus, wenn die Amerikaner die 24 Milliarden Dollar nicht für das Apollo-Programm ausgegeben hätten.
Alles ist möglich geworden, aber nichts ist geändert.
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 33/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Dieser sogenannte Menschheitstraum

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS