09.08.1971

Adolf Muschg über Max Frisch: „Wilhelm Teil für die Schule“Apfelschuß war nicht verlangt

Dem Tell wurde schon von den alten Schweizern manch vaterländischer Zopf gewunden, aber richtig lernte man ihn doch erst von Schiller und in der Schule.
Es ist der brave Mann, der an sich selbst zuletzt denkt und, wenn schon ums Wort, doch nie um die Sentenz verlegen ist, was daher rührt, daß er, ein Held aus vierter Hand, einer nicht historischen, sondern überwiegend literarischen Gegend entstammt. Ein reisender Weimaraner und Mann des Augenscheins überließ deren Reize einem andern, der meist ohne Augenschein auskommen mußte, zur Ausstaffierung mit Figuren, die freilich eher homerisch als dramatisch zu behandeln wären: ein Hirtenvolk für Hexameter.
Die Marktlücke erwies sich als politische Klemme, denn unbedenklich war es 1804 im Schatten Napoleons nicht. die -- obschon idealisch verjährte -- Erhebung eines Satellitenvolks zu feiern. Stärker noch machte Schiller die ästhetische Borstigkeit des Volksstücks zu schaffen: "Die historischen Elemente desselben sind recht zum Fluch der Poesie zusammengeweht worden." So wurde es am Ende nicht so sehr ein Triumph über die Tyrannen, sondern über das poetisch kaum zu einigende Volk von Hirten selbst, den sich dieses an den Hut steckte, als wär"s ein Stück von ihm, und es verlangte auch noch den Gruß der Welt dafür, als Vogt der Freiheit sozusagen.
Max Frischs "Wilhelm Tell für die Schule" weht das Stück ohne viel Wind wieder in jene "historischen Elemente" auseinander, die in der Schweiz reeller fortleben als ihre Schillersche Edelsynthese. Das Rütli wird zur kritischen Spielwiese, aber ohne daß darauf Schwüre geleistet werden, Es genügt, dieses Grundstück einmal vom Landvogt her anzuleuchten, um darauf Gerechtigkeit zu verbreiten -- nicht fahnenschwingende, sondern diejenige der Phantasie,
Der Witz will es, daß diese Perspektive auch noch treuer, sozusagen historischer ist als alle Tradition (Frisch: "Hätten auch wir nur die mündliche Überlieferung, so gäbe es in der Schweiz von 1933 bis 1945 beispielsweise keine hitlerfreundlichen Großbürger und Offiziere"), denn sie stützt sich auf die Unsicherheit der Quellenlage. So nähert sich die Wahrheit, die es über Tell nicht geben kann, zwanglos dem Fiktionscharakter, mit dem Frisch-Figuren seit langem (und im doppelten Sinn) ihre Existenz bestreiten. Frisch erfindet, anhand der Tell-Fabel, Vorkommnisse, die sich ebensowohl. ja noch etwas eher abgespielt haben könnten als die schönfärberisch überlieferten.
Es ist die Geschichte Geßlers, der vielmehr Grisler oder Konrad von Tillendorf hieß, wenn es nicht ein Graf von Seedorf war (ein Gantenbein-Vorfahr jedenfalls); ihre Unverbürgtheit begleitet sie als ein lautloses Grinsen, bei dem einem das Lachen vergeht. Denn dieser unbestimmte Ritter ist der Rechthaberei des Alpentals, in das ihn seine Beamtenmission verschlagen hat, wehrlos ausgeliefert, er holt sich die Gelbsucht an soviel Geröll und Urwüchsigkeit, und seinen Tod hat er der Tatsache zuzuschreiben, daß der Heuer Teil einen Spaß, den sein Vogt sich mühselig genug abringt, nicht versteht. Zwar könnte der Apfel. den Tell abschießt. nach fremder (9, älterer (!?) Überlieferung auch eine Nuß sein, sein Sprung auch ein Skisprung, vielleicht heißt er nach seinem Opfer Tillendorf oder nach jener Sprungplatte, wenn er ihr nicht überhaupt seine Erfindung verdankt: das alles bestärkt ihn nur in seinem (Schiller: "ganz örtlichen") Bedürfnis nach Trutz. Dieser Trotz aus Unverständnis, so lehrt Frischs Version, war für den Ausländer mörderisch, und so lehren die Fußnoten, er ist es heute noch, wo die Verschwörung alt-fryer Grundherren sich zur nicht minder biederen Profitwirtschaft gemausert hat. Es gibt unter Frischs Fußnoten eine, die diesen Zusammenhang alteidgenössisch verbrieft, aber nur, wenn man Lateinisch kann; erst ein paar Seiten später wird die Übersetzung deutsch genug und gleich zweimal nachgehämmert. Auf solche Listen hin sind die Fußnoten angelegt: Es sind Fußangeln, über die man, je nach Humor, in Aha-Erlebnisse hineinstolpern oder wo man hängen bleiben kann, um "Geschichtsklitterung!" zu schreien und natürlich, wie schon die Altvordern 1291, recht zu haben. Frisch läßt den Enkeln Tells ihr heiß verdientes Recht; was er dagegen zu erinnern hat, ist ihm nur noch einen Spaß. keine heilige Wut mehr wert.
Spaß war übrigens das Wort, das auch Goethe, laut Eckermann, zu Geßler hauptsächlich einfiel; nur ist es bei Frisch nicht der seigneurale, sondern der melancholische, durch die unschuldige Arglist seiner Mitbürger etwas angegriffene Spaß; man soll nicht vergessen, daß er in der Schweiz einem einfachen Beamten wie Geßler (Grisler, etc.) heute so schlecht bekäme wie 1291.
Frisch sammelt, anhand einer alten. unsicheren Geschichte, Kuriosa zum Fall Schweiz, der wohl und übel sein Fall bleibt, ohne dafür ein Drama zu verdienen. Die ungesuchte Provokation dieses blauen Büchleins besteht darin. daß ihm zu einem roten, das der Schweizer Bundesrat zwecks Zivilverteidigung verteilen ließ, so wenig einfällt wie dem Grisler zum Geröll. In einem Land, wo Gipfel wie Spitzenleistungen kultiviert werden, trägt da einer seine Prosa grausam unauffällig zu Berge; was ihm in der Höhenluft begegnet, ist das Toggeli. ein Strohmann, dem die Sennen das lassen beigebracht haben, bis er ihnen ohne jede Metapher das Fell über die Ohren zog.
Man spürt Frisch immerhin Respekt vor dieser Sage an, die so viel aktueller ist als diejenige des Tell: Wie lange noch, bis der Fetisch Made in Switzerland die reiche Alp vollends zum Alptraum gemacht hat?

DER SPIEGEL 33/1971
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