06.09.1971

BIERFreier Lauf

Quelle-Chef Schickedanz, Europas größter Versandhändler, wird fränkischer Bierkönig. Am 1. Oktober verbindet er seine Brauhäuser mit drei Bierfabriken der Münchner Bayernhypo-Bank.
Mit Bier". verriet der Fürther Versandhaus-Krösus ("Quelle") Gustav Schickedanz, 76, "kann man nie untergehen."
Künftig will der Handelspatriarch im heimischen Mitteifranken mit Bier sogar ganz oben schwimmen: Am 1. Oktober vereinigt seine Schickedanz-Unternehmensgruppe (Jahresumsatz 1971: rund 4,5 Milliarden Mark) ihre Nürnberg-Fürther Brauhäuser mit den fränkischen Sudstätten der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank ("Bayernhypo") des Münchner Bierbankiers Anton Ernstberger (SPIEGEL 5/1971) zum größten Braukonzern Bayerns neben Löwenbräu.
Dem Quelle-Chef gehören 90 Prozent des Kapitals der Nürnberger Lederer-Bräu AG (Jahresleistung: 270 000 Hektoliter Bier). Die Lederer-Brauerei ist zu 75 Prozent an der Fürther Humbser-Geismann AG beteiligt, deren restliches Kapital Schickedanz hält.
Die Bierfabrik Humbser-Geismann wiederum beherrscht zu 77 Prozent die Sternbräu AG im fränkischen Dettelbach, mit der zusammen sie 430 000 Hektoliter Gerstensaft fertigt. insgesamt sprudeln aus den Schickedanz-Getränkequellen 750 000 Hektoliter Bier und alkoholfreie Flüssigkeiten. Daneben ist Altfranke Schickedanz zu 27 Prozent an der Fürther Grüner-Bräu AG beteiligt, die mit ihrer Erlanger Tochtergesellschaft Henninger-Reifbräu AG 300 000 Hektoliter Getränke fabriziert.
Die Herrschaft bei Grüner-Bräu mußte sich der Handelsmann von der Regnitz allerdings mit Ernstbergers Bayernhypo teilen: Dem Münchner Geldhaus gehören 31 Prozent der Grüner-Aktien, die der Bayernhypo-Chef geschickt mit dem 34-Prozent-Anteil der Familie Grüner zu einer knappen Zweidrittelmehrheit gepoolt hat.
Außer bei Grüner braut Ernstbergers Bank im Fränkischen auch noch bei der Bamberger Hofbräu AG, bei der Exportbierbrauerei Franz Erich GmbH in Erlangen und der Würzburger Bürgerbräu AG; Ausstoß seiner fränkischen Sudstätten: 500 000 Hektoliter.
Über die gemeinsamen Interessen an Grüner-Bräu kamen Versandhändler Schickedanz und Bankier Ernstberger ins Gespräch. Beide Herren erkannten, daß die wirtschaftliche Basis ihrer fränkischen Brauhäuser allmählich zu schmal werden könnte und daß es zudem artfremde Einflüsse auf das Frankenland zu wehren gelte.
In Frankens Hauptstadt Nürnberg hatte sich nämlich der Hamburger Zigarettenkonzern Reemtsma, dessen Bier-Imperium inzwischen zwölf Millionen Hektoliter Jahresausstoß schafft, bei der renommierten Brau-AG eingekauft. Und neben Reemtsma gewann bald auch noch ein anderer Großaktionär Einfluß auf das Nürnberger Brauhaus: die Bayerische Vereinsbank aus München.
Auf die Brau-AG waren auch Gustav Schickedanz und Anton Ernstberger schon scharf gewesen. Deshalb vereinbarten die beiden, den Brau-AG-Großaktionären einen eigenen fränkischen Biertrust entgegenzusetzen: Im April und im Mai nächsten Jahres wollen Schickedanz und Ernstberger die Hauptversammlungen ihrer Brau-Töchter rückwirkend auf den 1. Oktober dieses Jahres beschließen lassen, die fränkischen Brauereien in eine neue Gesellschaft einzubringen. Die bisher selbständigen Unternehmen sollen dann nur noch als Betriebsführungsgesellschaften des künftigen Brau-Konzerns arbeiten.
Dabei wird dem Versandfürsten Gustav Schickedanz das Kommando überlassen: Die Schickedanz-Gruppe erhält mehr als fünfzig Prozent am Kapital der fränkischen Brau-Gesellschaft, Ernstbergers Bayernhypo begnügt sich mit rund 35 Prozent.
Das fränkische Bierreich des Gustav Schickedanz wird dann mit 1,4 Millionen Hektoliter Jahresausstoß ebenso mächtig sein wie die Münchner Traditionsfirma Löwenbräu. Freute sich Schickedanz-Bierstatthalter Wilhelm Menzler. der den Brauereien Lederer und Humbser-Geismann vorsteht: "Jetzt sind wir Hektoliter-Millionäre."
D-Mark-Milliardär Schickedanz, dessen "Quelle" Europas größtes Versandhaus ist, dessen Foto-Quelle der alten Welt größter Photo-Einzelhändler wurde und dessen Vereinigte Papierwerke Gustav Schickedanz & Co. ("Camelia", "Moltex", "Lavex". "Tempo-Taschentücher") die Hälfte der deutschen Hygiene-Artikel verkauft, ist mit dem Brau-Bund in die Beletage der Bierfabrikanten aufgestiegen.
Vor Schickedanzens Bier liegen nur noch wenige Brau-Gruppen wie etwa die des Hamburger Zigarettenkonzerns Reemtsma (Dortmunder Union. Henninger, Bavaria und St. Pauli Brau AG). das Bierimperium des Bielefelder Universal-Kaufmanns Oetker (Berliner Kindl' Binding, Dortmunder Actien-Brauerei), die außerfränkischen Bierfabriken der Bayernhypo (Schultheiss, Wicküler-Küpper) und die Brauereien der Hamburger Holstengruppe.
Den großen Braukonzernen hat der Quelle-Chef kostensparende Vertriebswege voraus. So verkauft er Bier aus eigenen Sudstätten in seinen 24 Quelle-Kaufhäusern und in Dutzenden von Quelle-Läden. Und im Quelle-Katalog, der zweimal jährlich in 6,5 Millionen deutsche Haushalte geschickt wird, findet sich hausgemachtes Dosen-Bier Marke "Lederer Urprimator".
Den aufwendigen Einzelverkauf begrenzt der kostenbewußte Handelsherr auf die fränkische Heimat. wo den Schickedanz-Brauereien mehr als 200 Gastwirtschaften gehören.
In Franken will der von Reemtsma bedrängte Schickedanz denn auch Alleinherrscher sein. Sein Bier-Manager Menzler zu Reemtsmas Zug nach Süden: "Wir können diesen Dingen nicht freien Lauf lassen."

DER SPIEGEL 37/1971
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