22.11.1971

KOPTENUmbrandeter Fels

Durch Anpassung und Geschäftsgeist behaupteten sich die koptisch-orthodoxen Christen mitten in der islamischen Welt. Sie wählten jetzt ihren 117. Papst.
Patriarchatsverweser Antonius deutete auf den fünfjährigen Ayman. Priester verbanden dem Kleinen die Augen. Die dicht gedrängte Menge in Kairos Sankt-Markus-Kathedrale kniete nieder. Würdenträger und gemeines Volk beteten: "Gesegnet sei der neue Anba, der im Namen Gottes kommt!"
Klein Ayman griff sodann -- nach Tradition und Glauben vom Allmächtigen geführt -- in eine Silberkassette und übergab dem Patriarchen ein Los. Der öffnete es und verkündete mit feierlicher Singstimme: "Gott hat den Mönch Schenuda ausgewählte Die Gläubigen stimmten Lobgesänge an.
Mit Schenuda III. wurde am 31. Oktober der 117. Oberhirte für den Stuhl des heiligen Markus ausgelost, der nach koptischer Überlieferung Ägypten im ersten Jahrhundert christianisiert hatte. Vier Millionen koptisch-orthodoxe Ägypter, eine Million Kopten aus anderen Ländern und 15 Millionen Mitglieder der halbautonomen äthiopischen Kirche, die Ägyptens Kopten-Kirche als höchste geistliche Autorität anerkennen, feierten ihren neuen Papst.
Der Auserwählte Schenuda III., 48, mit bürgerlichem Namen Nasir Guid, war Lehrer, Mönch und schließlich Bischof. Er bekannte sogleich: "Ich bete für den Sieg Ägyptens", und lobte die "positiven Schritte, die von Präsident Sadat im Interesse der Nation unternommen wurden".
Diese Haltung ist charakteristisch für eine religiöse Minderheit. die sich selbst als "umbrandeter christlicher Fels im Meer des Islam" sieht. Durch Arrangement und Anpassung, durch Geschäftsgeist und Geheimniskrämerei ermöglichte sie ihr "Wunder des Überlebens".
Die Kopten waren im fünften Jahrhundert von der byzantinischen Reichskirche abgefallen. Der Patriarch von Alexandrien nahm damals die monophysitische Glaubenslehre an, nach der Christus nur eine Natur hat, die göttliche. Das Konzil von Chalkedon 451 verdammte die Monophysiten, die Kopten -- das Wort entstand aus der griechischen Bezeichnung für Ägypter -- wurden fortan verfolgt.
So zwangen die byzantinischen Herrscher die koptischen Ketzer zu erhöhten Abgaben. Die arabischen Eroberer -- 640 als Befreier begrüßt -- forderten bald auch Sondersteuern von den Kopten. Später brandschatzten sie Klöster und Kirchen.
Zeitweise mußten die Christen ein fünf Pfund schweres Holzkreuz am Hals oder den Turban des Ungläubigen tragen. Mehr und mehr Kopten traten zum Islam über, andere flüchteten ins äthiopische Hochland. Im neunten Jahrhundert hatte das einst christliche Ägypten eine moslemische Mehrheit. Heute bekennen sich neun Zehntel der Ägypter zu Allah.
Politisch diskriminiert, gewannen die Kopten im Nahen Osten als Kaufleute und Bankiers, als Regierungsberater und Steuereintreiber dennoch Einfluß. Zuweilen beherrschten sie hinter den Kulissen den Staat.
In Ägypten versuchten sie sich mit den Herrschenden zu arrangieren, auch mit Okkupanten. Sie stellten sich gut mit den Ottomanen, unter Napoleon mit den Franzosen, ab 1883 mit den englischen Kolonialherren.
Früh erkannten sie auch danach den Zug der Zeit. Schon vor der Unabhängigkeit schlossen sie sich der antibritischen Nationalpartei Ägyptens an. Dem 1952 an die Macht gekommenen Nasser erklärten die Kopten-Führer: "Wir sind zu allererst Ägypter ... und distanzieren uns vom westlichen Imperialismus. Wir unterstützen die Revolution."
Der stete Druck verhinderte allerdings nicht, daß sich Ägyptens Kopten ständig untereinander befehdeten und die Geschichte ihrer Kirche eine Geschichte von Intrigen und Korruption wurde. Rivalisierende Clans und Gruppen fingerten an der Wahl von Kirchenfürsten, denn die geistlichen Ämter brachten Einfluß und Geld.
1955 kidnappten Mitglieder der militanten "Umma AI Coptya" den korrupten Patriarchen Jussab von Kairo und zwangen ihn unter Morddrohungen zur Abdankung. Dann läuteten sie im Triumph die Glocken der Markus-Kathedrale. Im Kloster Murharraq wurden die Mönche Abdel Kaddus und Farag Michail unter mysteriösen Umständen ermordet. An den Heiligen Stätten in Jerusalem prügelten sich koptische Mönche aus Äthiopien und Ägypten. Bischof Anba Johannis von Kairo wurde mit einem Insektenbekämpfungsmittel bekämpft und starb.
Als Nassers revolutionäre Propagandisten die Kopten zu "minderwertigen Subjekten" erklärten, konterten die Kopten-Blätter "Misr" und "El Watani" mit amtlichen Statistiken: 1960 wurden in Ägypten 1612 Moslems als Mörder angeklagt, aber nur 73 Christen; bei den Dieben war das Verhältnis 11 000 zu 354. Von 1957 in Kairo verhafteten 10 000 Prostituierten waren 98,1 Prozent Moslems; der Kopten-Anteil: 1,1 Prozent.
In der Regel aber widersprechen Ägyptens Christen den regierenden Moslems und Sozialisten nicht. Auch sie predigen Feindschaft gegen Israel und die Juden.
1963 kritisierte Ägyptens Kopten-Kirche das Zweite Vatikanische Konzil in Rom, das durch eine Neufassung des Judenschemas die Juden von der Verantwortung am Tode Christi freisprechen wollte. Kopten-Papst Kyrillos bedauerte 1964, daß sich die Christus-Stadt Nazareth heute in den Händen von Zionisten befindet, "die den Herrn gelästert, gefoltert und gekreuzigt haben".
Dr. Kamal Ramses Stino, Minister für Versorgung und einziger Christ in Ägyptens Regierung, bringt "biblische Beweise für den arabischen Charakter Palästinas". Die Koptische Kirche gehört dem ägyptischen Zivilschutzkomitee an und spendet Geld für die Palästina-Partisanen.
Der neue Kopten-Chef Schenuda III. heißt wie seine Vorgänger mit vollem Titel Seligster, Göttlichster und Allerheiligster Oberhirte, Papst und Patriarch der großen Stadt Alexandrien, von Libyen, Pentapolis, Äthiopien und ganz Ägypten, Vater der Väter, Hirt der Hirten, Bischof der Bischöfe, dreizehnter Apostel und Richter der Ökumene. Aber er ist "mit jedem Sandkorn seines ägyptischen Vaterlandes befreundet".
Und im Palästina-Feldzug von 1948 kämpfte der Papst als Leutnant der Infanterie gegen die Juden.

DER SPIEGEL 48/1971
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