02.08.1971

Wo Kiesinger noch „Herr Bundeskanzler“ ist

Nur gemächlich, wie es sich für deutsche Beamte ziemt, haben sich Bonns Repräsentanten in Washington mit der sozialliberalen Regierung arrangiert. "Große Gewissenskonflikte kann es eigentlich nicht geben", sagte Botschaftsrat Erster Klasse Carl Lahusen -- zumal diese Regierung "zustande gekommen ist nach den Vorschriften des Grundgesetzes", wie Lahusens Kollege, Botschaftsrat Erster Klasse Rudolf Wolff. meint: "Damit ist die Loyalitätspflicht des Beamten bereits gegeben."
Wolff, zuvor in der deutschen Botschaft in Moskau beschäftigt, war dort im Januar 1970 von Außenminister Walter Scheel abberufen worden -- aus politischen Gründen. wie die Springer-Presse vorwurfsvoll lamentierte. Von Washington aus beobachtet der Ostexperte nunmehr die ganze Welt, nicht aber die osteuropäischen Staaten.
Kaum ein halbes Dutzend Botschaftsangehörige sind SPD-Mitglieder, die CDU-Sympathisanten sind in der Mehrzahl. So war Wissenschaftsreferent Volker Knoerich Referent des CDU-Wissenschaftsministers Stoltenberg. Legationsrat Erster Klasse Claus-Jürgen Duisberg diente im Ministerbüro Gerhard Schröders. Finanzexperte Georg Dieter Gotschlich arbeitete als Persönlicher Referent für Staatssekretär Walter Grund, im Finanzministerium einst Intimus von Minister Franz Josef Strauß. Kulturchef Jürgen Kalkbrenner arbeitete für Walter Hallstein in Brüssel. Und auch der allen Parteien ergebene Missionschef Rolf Pauls unterhält freundliche Kontakte zur CDU. In unregelmäßigen Abständen gehen CDU-Politikern in der Bundeshauptstadt vertrauliche Informationsberichte des Botschafters zu, der sich selbst als "aufgeklärter Konservativer, versteht. Zu seinen ständigen Hausgästen zählt auch das Hamburger CDU-MdB Erik Blumenfeld.
Einige Botschaftsmitglieder können deshalb von alten Gewohnheiten nicht lassen. Der Abgeordnete Kurt Georg Kiesinger ist immer noch der "Herr Bundeskanzler", der Abgeordnete Schröder "Herr Minister Schröder", Karl Carstens auch nach dem Machtwechsel in Bonn wie je der "Herr Staatssekretär".
Einmal ist es schon Gewohnheit, zum anderen wissen selbst Diplomaten nie, was die Zukunft noch bringen wird. "Wenn die Bismarck in der Botschaft je verstanden haben", so der ARD-Korrespondent und SPD-Genosse Klaus Bölling, "dann nur die Rückversicherung."
Dieser oder jener Beamte "mag wohl Bedenken haben gegenüber der Politik dieser Regierung", wie Pressereferent Paul Kurbjuhn vom deutschen General-Konsulat in Boston weiß, doch "nach außen hin ist man absolut Ehrenmann, bereit, die Interessen der Bundesrepublik zu vertreten". Denn schließlich sei das "ein Gebot der Vernunft, der Loyalität und auch der Selbsterhaltung" (Kurbjuhn).
Der Stellvertreter von Botschafter Pauls, Gesandter Hans Heinrich Noebel, 50, ein loyaler Beamter, mit dem Missionschef seit gemeinsamen Bonner Tagen ("Er bei Hallstein, ich bei Blankenhorn") Duz-Freund, bemüht sich nach eigener Aussage vor allem "um Kontinuität und nützliche Arbeitsverteilung im Haus und achtet darauf, daß diese Maschine läuft".
Maschinist "Heini" Noebel ist einer der wenigen Bonner Vertreter, die sich nicht scheuen, die Ostpolitik der Bundesregierung zu loben: "Es ist erforderlich, daß sie die Schützengräben des Kalten Krieges verlassen."
Carl Lahusen, Chef des für Berlin- und Deutschlandpolitik, Nato-Abrüstung und Rüstungskontrolle zuständigen Referats, repräsentiert am ausgeprägtesten jenen Typ der alten Schule: loyal, verbindlich, allzu behutsam, ein eher konservativer Beamter.
So hatten selbst CDU-Vasallen in der Deutschlandfiliale nur wenig Verständnis für die offene Kritik ihres Kollegen, des Botschaftsrats Rupert Dirnecker, an der Ostpolitik der SPD. Der Bayer beklagte freimütig die Bonner Ostkontakte, über deren Auswirkungen in den USA er bis vor kurzem in seinen Berichten als zuständiger Botschafts-Beamter für Ostpolitik und europäische Einigungspolitik nach Bonn Meldung machen mußte.
Für einen CSU-Wahlkampf, so erinnern sich Kollegen, ließ sich der Ostexperte beurlauben. Dadurch geriet er in den Verdacht seiner Mitarbeiter, CSU-Chef Strauß heimlich über Vorgänge in der Botschaft zu informieren. Dirnecker wurde im Juni nach Bonn zurückversetzt.
Freiwillig hat -- aus Opposition gegen die Politik der SPD-Regierung -- kein Beamter der Washingtoner Botschaft um Rückversetzung in die heimatliche Zentrale gebeten. Sie meiden den Widerspruch, der sie im Bonner Außenamt möglicherweise als Kontrahenten der jeweiligen Regierungspolitik exponieren und so der Karriere schaden könnte.
Reserviert betrachten Kollegen den rührigen Botschaftsrat Claus Sönksen, 38, wegen seines engen Kontakts zum Kanzler Willy Brandt, dessen persönlicher Referent er von 1964 bis 1970 war. Doch Außenseiter wie "dieser Spion der Bonner SPD-Baracke" (so die Kollegen über Sönksen) sind unter Deutschlands traditionsbewußten Diplomaten wenig gelitten, obwohl die Bundesrepublik im diplomatischen Dienst "einen sehr aufgeschlossenen, liberalen Menschenschlag" (Noebel) dringend nötig hätte.
Wenngleich von anderm Schlag, sabotierten Bonner Botschaftsbeamte in Washington die neue Außenpolitik kaum. Nur wenige haben Zugang zu Dokumenten, die, wenn sie der Opposition zugespielt werden, der Regierung schaden. Die meisten sind voll damit ausgelastet, zu lunchen und zu dinieren, bei Cocktails und auf Parties mit dem Washingtoner Diplomatischen Korps Intimkontakt zu pflegen.
Herr Noebel tafelt zuweilen mit dem Direktor der Deutschland-Abteilung im US-Außenministerium, James Sutterlin, der wiederum die Herren Wolff und Lahusen zum Cocktail bittet. Herr Lahusen besucht Sutterlins Kollegen, die erzählen, was auch Herr Noebel schon gehört hat. Und Herr Pauls trifft Herrn Martin Hillenbrand, Assistant Secretary of State for European Affairs im State Department. der gelegentlich mit dem Botschafter Probleme bespricht, die beide Herren bereits ausführlich in der "Washington Post" studieren konnten.
Die Beamten in der Bonner Adenauer-Allee beliefern die Washingtoner Kollegen zwar mit vertraulichen Berichten und Meldungen aus der Zentrale, trotz zusätzlicher Informationen durch die Nachrichtenagenturen aber fühlen sich die Washingtoner häufig verlassen wie Apollo-Astronauten ohne Funkkontakt.
"Nun hat sich Staatssekretär Bahr schon zum achten Mal mit Kohl getroffen", klagte Missionschef Pauls unlängst in einem Telegramm an seine Zentrale. "Ich werde immer wieder gefragt, wie es darum steht. Um dem hier wachsenden Mißtrauen zu begegnen, bitte ich um Verständigung."

DER SPIEGEL 32/1971
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