02.08.1971

FERNSEHENDreckige Füße

Das ARD-Magazin „Jour fix“ unterstützt die Wünsche Jugendlicher nach Freizeit-Häusern ohne behördliche Kontrolle. Die dritte Folge wird am Freitag, dem 6. August, um 16.30 Uhr gesendet.
Als der Südfunk-Mitarbeiter Werner Schretzmeier, 27, letztes Jahr "Clubs in Deutschland" filmte, wurde ihm zum erstenmal klar: "Die Jugendlichen wollen heraus aus der Isolation,"
Schretzmeier zog die Konsequenzen: Statt der gewohnten Jugendstunde für Minderjährige, die "allein zu Hause vor dem Bildschirm sitzen und vor allem Rock hören wollen", plante er ein neues Programm, das jugendlichen Kommunikationsbedürfnissen dienen sollte.
Der gelernte Industriekaufmann. Möbelverkäufer und TV-Autodidakt engagierte ein Kamerateam und reiste in die Provinz -- für sein neues 85-Minuten-Magazin "Jour fix" interviewte er junge "Initiativ- und Aktionsgruppen", die für ihre Freizeit Räume und Häuser suchen.
In Neumünster beispielsweise traf Schretzmeier auf eine "Aktion Jugendzentrum". die mit 1000 Demonstranten kurz zuvor den Ortsverkehr gelähmt und 1200 Unterschriften für einen Treffpunkt gesammelt hatte, an dem sie ohne behördlich verordnete Heimleitung über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, Lehrlingsprobleme, Kriegsdienstverweigerung. Hausbesetzung und das Elend in der Dritten Welt diskutieren will.
Mit ähnlichen Forderungen meldeten sich Schüler- und Jugendgruppen aus Esslingen. Wuppertal, Baden-Baden, Stuttgart und Unna schon in der ersten von acht geplanten Sendungen am "Jour fix"-Mikrophon. Das Sindelfinger "Aktionskomitee Jugendhaus" beispielsweise beschwerte sich: "Die Situation ist beschissen, wir wollen das ändern. damit es besser wird."
Von den Reform-Wünschen seiner Gäste war Schretzmeier anfangs selbst überrascht: Schließlich existieren an fast allen Orten. die sein Team besuchte, kommunale Jugendhäuser, in denen mitunter den Jugendlichen sogar der Tabakgenuß erlaubt wird.
Doch die jungen Leute, die ihre eigenen Zentren einrichten wollen, haben die Schwächen der öffentlichen Jugendpflege längst durchschaut. In deren "Jugendausbildungs-Stätten", so eine Gruppe aus Stuttgart-Rot beim "Jour fix". "kann man schön brav basteln und Tischtennis spielen, um später mal ein braver Bürger zu werden".
Brave Bürger aus Weinheim (Bergstraße> zeigen für solche Argumente kein Verständnis. Sie fürchteten, daß aus den geforderten Teen-Centers binnen kurzer Zeit Rauschgifthöhlen, Liebesnester und Brutstätten für Anarchisten werden könnten. Selbst der Weinheimer Oberbürgermeister Theo Gießelmann, entsetzt vom Anblick unbehauster Jungbürger in seinen öffentlichen Anlagen, findet, daß "Leute, die mit dreckigen. nackten Füßen auf dem Kriegerdenkmal rumtrampeln", keinesfalls eine "schützenswerte Minderheit" sind. Ein von Jugendlichen geleitetes Haus der offenen Tür lehnt er ab. Angesichts solcher Reaktionen erscheint vielen Jugendlichen das Südfunk-Magazin als willkommene Notinstanz zur Vertretung ihrer vom Establishment bisher ignorierten Interessen.
Schretzmeier, der kürzlich mit drei Mitarbeitern im Stuttgarter Funkhaus ein eigenes "Jour fix-Büro bezogen hat, bekam es zu spüren. Als er am Ende der beiden ersten Magazin-Folgen um Zuschauer-Post bat, meldeten sich 220 Gruppen, die den gleichen Haus-Krach haben wie ihre Altersgenossen in Weinheim, Neumünster oder Unna.
Beim Süddeutschen Rundfunk finden sie offene Ohren: Schretzmeier, der trotz vehementer Polemik gegen rückständige Beamte und patriarchalische Lehrherren bislang von seiner Programmdirektion unbehelligt blieb, betrachtet sein Jugend-Programm als "wichtige Sozialarbeit" und als Chance, den "makabren Kreislauf zwischen der Straße und dem Jugendgefängnis zu durchbrechen.

DER SPIEGEL 32/1971
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