05.07.1971

VERBRECHENMörder unterwegs

Ein neuer Deliktstyp beschäftigt Polizei und Kriminologen: Morde in Autos mit Liebespaaren. Wie im jüngsten Fall bei Menden erschwert mangelhaftes Wissen über die Tatmotive die Jagd nach dem Täter.
Im Wald und auf der Heide, am Fluß und auf der Wiese, wo immer auch Pärchen ihre Freude suchen -- das Glück kommt ihnen kaum noch allein. Denn nicht nur Spanner durchforsten wie eh und je die örtlich bevorzugten Liebesreviere. Mehr und mehr sind auch Mörder unterwegs.
Sie erschlugen den Bäckermeister Friedhelm Behre und seine Freundin Thea Kurmann in einem Ford-Pkw und versenkten das Auto samt Leichen in einem See bei Düsseldorf. Sie erdrosselten bei Buderich den Kraftfahrer Peter Falkenberg und seine Freundin Hildegard Wassing im parkenden Mercedes.
Der Schleifer Willy Abler und seine Geliebte Doris Finger wurden am Autobahnrastplatz Humboldtsblick zwischen Göttingen und Kassel erschossen, der Vermessungsgehilfe Michael Schreiber und die Verkäuferin Gudrun Sawitzki im Wald zwischen Lorsch und Lampertheim.
Der Maschinenarbeiter Werner Boost richtete auf einer Düsseldorfer Rheinwiese einen Rechtsanwalt, der im Auto zu einem 18jährigen zärtlich war. Und Ende vergangenen Jahres wurden der Obergefreite Bernd Weber und die Schwesternschülerin Gabriele Steimle auf dem Stuttgarter .Waldparkplatz Schattengrund gefunden, erschossen und mit Draht aneinandergebunden.
Uschi Wollenweber, 16, und Wolfgang Drolshagen, 19, kamen vor drei Wochen noch einmal davon, nachdem das Mädchen es unter Waffenandrohung im Wald bei Iserlohn hatte geschehen lassen. Die beiden Liebespaare Gabriele Kembügler, 16, und Clemens Großmann, 18, Rita Schneidersmann, 20, und Heinz-Helmut Meyer, 24, aber wurden am Samstag vorletzter Woche nur einige Kilometer weiter auf einem ehemaligen Nato-Schießplatz bei Menden durch Genickschüsse und einen Kopfschuß ermordet. Bäuchlings nebeneinander aufgereiht, die Frauen nackt, so entdeckte der britische Major May die vier Leichen beim Sonntagsspaziergang mit Frau und Tochter.
Kein Zweifel, die Kriminalwissenschaft muß einen neuen Deliktstyp verzeichnen: den Mord an Liebenden, mit mindestens zwei Opfern. Seit Séparées mobil und Intimitäten sichtbar sind, steigt offenbar auch die Zahl dieser Verkehrs-Toten. Für die Täter sind die Gelegenheiten durchweg günstig, denn die oft entblößten und erregten Paare leisten im Schock der Überraschung und der Peinlichkeit nur selten Gegenwehr. Und Hilferufe vom regelmäßig abgelegenen Tatort würden ohnehin meist ungehört verhallen.
Aufzuklären sind die Taten andererseits schon deswegen besonders schwer, weil sie fast stets im Dunkeln ohne Zeugen begangen werden und bis zur Entdeckung häufig viel Zeit zur flucht verstreicht. Vor allem aber sind die Gewaltverbrecher schwer zu fassen, weil das Tatmotiv kaum je erkennbar ist, bevor sie es nicht selbst erläutert haben. Der Kreis der Verdächtigen kann mithin nur vage und groß gezogen werden.
Gängige Motive wie Lustgewinn, Bereicherung und Rache sind keineswegs mehr die einzig denkbaren Auslöser. Und landläufige kriminologische Kategorien wie Sexualmord und Raub oder Notzucht mit anschließendem Verdeckungsmord reichen nicht hin, die Konstellation Doppelopfer zu umreißen. "Wissenschaftlich ist das alles noch keineswegs aufgearbeitet", sagt der Frankfurter Kriminologe Professor Friedrich Geerds.
In die Betrachtung einzubeziehen wären zumindest drei Fallgestaltungen:
* der Geliebten- oder Gattenmord, bei dem der Täter es nur auf ein Opfer abgesehen hat, das er aus verschmähter Liebe, Eifersucht oder Haß umbringen will; seine Aggressionen richten sich nur ausnahmsweise auch gegen den fremden Sexualpartner;
* der Lustmord, häufig nach Notzucht begangen, bei dem der Täter die Beseitigung der gedemütigten Opfer sexuell genießt; er wird vorwiegend von geistig Kranken, sexuell Deformierten, wegen eigener Unfähigkeit aus neidischem Haß und besonders grausam verübt -- bis hin zum Verzehr der Geschlechtsteile;
* der Gelegenheitsmord des prädisponierten Gewalttäters, der auf Lebensvernichtung aus ist und ohne konkrete Motivationen gegenüber seinen Opfern nur tötet, weil er das Risiko beim Pärchenmord gering einschätzt.
Daß freilich nicht ausschließlich aus Liebe oder allein aus Lust gemordet wird, sondern gelegentlich auch mit Lust und Liebe, kompliziert die Motivationssuche zusätzlich.
Und der Spanner zum Beispiel, auch Voyeur und von den Amerikanern "Peeping Tom" genannt, gibt sich meist mit Zugucken und mit sich selbst zufrieden -- entdeckt aber und womöglich in die Verteidigung getrieben, ist auch er des Doppelmords fähig.
Im Mendener Fall mag Kriminologie-Professor Armand Mergen nicht einmal einen Ritualmord ausschließen. "Die Art der Hinrichtung trägt zweifellos rituale Züge". meint er, "obwohl andererseits Ritualverbrecher ihre Opfer oft in Darbietungsstellungen liegen lassen."
Im amerikanischen Staat Arizona beispielsweise zwang der 18jährige Oberschüler Robert B. Smith in einem Schönheitssalon fünf Damen und zwei Kinder, sich wie die Speichen eines Rades im Kreis auf den Boden zu legen. Dann drückte er -- dreimal nachgeladen -- reihum ab und bedauerte später, daß er nur fünf Menschen getötet hatte.
Mord bleibt Mord nur im Volksbewußtsein, nicht in der Wissenschaft.

DER SPIEGEL 28/1971
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